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Interview: IGNIS FATUU
Titel: Stimmungsvolle Kontraste

Unterhält man sich mit den beständigen Nürnberger Mittelalter Rockern über ihre durchgemachten, teils sehr anstrengenden Erlebnisse der letzten zwölf Monate, dann erscheint einem der Titel des neuen Albums nur logisch: „Unendlich viele Wege“.

So repräsentieren die elf Stücke dieses dritten Langspielers den festen Kern der Band letztlich durchgehend in vollauf menschlich angelegter Manier. Auf ihrem bisherigen musikalischen Werdegang überzeugten Ignis Fatuu neben qualitativem Material vor allem auch mit einer gehörigen Portion an aufrichtiger Genre-Verbundenheit.

Letzteres ist bekanntlich unbedingt nötig, um in diesem anhaltend überlaufenen Populär-Metier dauerhaft und erfolgreich bestehen zu können. Die Fans belohnten die willkommene Attitüde der sechsköpfigen Idealisten-Band mit entsprechend viel Beifall, wie auch das erfreulich gute Media-Feedback zum letzten Album „Neue Ufer“ im Jahr 2011 beeindruckend aufzeigen konnte.

Auch für das neueste Langspielwerk „Unendlich viele Wege“ beschritt die 2004 gegründete Dynamiker-Vereinigung aufrecht ihren Weg, der sie einmal mehr von Selbstwertgefühl durchzogen zeigt.

Elf neue Kompositionen wurden mit hörbar verschwenderischer Liebe erarbeitet und eingespielt, wie der noch immer enorm spielfreudige Sechser mit seinem typisch flüssigen Stil offenbart.

Wie Bassist Volker erläutert, kamen die Mitglieder von Ignis Fatuu 2013 einfach keine Sekunde zur Ruhe.

„Das ganze Jahr war extrem turbulent. Die ersten Konzerte mit den beiden neuen Musikern, Sänger P.G. und Gitarrist Peter Pathos, das Programm wurde eingeübt, wir veröffentlichten im Mai unsere Maxi mit ,Wenn alle Worte schweigen‘ und ,Der Rabe und der Wolf‘. Peter war dann im Sommer lange krank, wir mussten einen Ersatzgitarristen einüben und die Studioarbeit kam zum erliegen. Zusätzlich gibt es im Umfeld von Ignis Fatuu mittlerweile auch Kinder, so dass die zur Verfügung stehenden 24 Stunden pro Tag nun sehr genau geplant werden müssen. Das funktioniert nicht von heute auf morgen reibungslos. Wir haben dann im Herbst einsehen müssen, dass die Konzerttermine mit der Veröffentlichung nicht zu halten sind, und haben uns dann entschlossen alles in den Frühling 2014 zu verschieben. Die Einsicht kam zugegebenermaßen etwas spät, nochmals entschuldigen wir uns bei allen Fans.“

Und wie haben die Nürnberger ihre diversen Schwierigkeiten und die daraus entstandenen Unpässlichkeiten gelöst beziehungsweise gemeistert?

„Wir sind sehr gerne ziemlich offen mit unseren Fans. Teilweise war die Situation für uns selbst so unklar, sodass wir oftmals gar nichts Konkretes sagen konnten. Wir haben versucht, uns in der jeweiligen Situation auf das Wesentliche zu konzentrieren und nur den nächsten Schritt, das nächste Konzert, den nächsten Song im Studio im Auge zu behalten.“

Ignis Fatuu hoffen, so Volker, dass die größten Probleme durch die ganzen Umstellungen und Besetzungswechsel nun vorbei sind.

„Das neue Album ist als ,Erstlingwerk‘ richtig gut geworden, und wir haben unsere Arbeitsweise in der neuen Konstellation gefunden.“

Wie haben Fans, Veranstalter etc. eigentlich darauf reagiert, Volker?

„Glücklicherweise steht die Plattenfirma Trollzorn voll hinter uns, und auch das Konzertmanagement WOD hat unsere Eskapaden mitgemacht und alles umorganisiert. Wir haben vielen Leuten, bevor diese Platte erscheint, und wir auf Tour gehen können, schon sehr viel zu verdanken. Der Glaube von außen an Ignis Fatuu hat uns auch immer wieder geholfen weiter zu machen.“

Der Weggang von Sänger und Gitarrist Alexander Trappe hatte eine völlig neue Situation geschaffen. „Wir mussten erst einmal neue Wege finden, Songs zu schreiben, uns zusammenfinden, abstimmen, auch viel ausprobieren. Viele von den Ideen haben es nicht aufs Album geschafft, weil wir anfangs ganz frei arbeiten wollten. Erst später haben wir dann selektiert und uns die ,Perlen herausgepickt‘. Mittlerweile haben wir uns eingespielt und wollen gleich nach der Veröffentlichung schon wieder mit der Arbeit an neuen Songs beginnen.“


„Unendlich viele Wege“, was genau steckt hinter dem Titel?

„Häufig wussten wir wirklich nicht, welche Wege wir nehmen sollen, und was die nächsten Wochen bringen. Obschon das Lied dazu als eines der ersten entstand und eher den Abschied und das Gehen ins Ungewisse behandelt, ist uns im letzten Jahr klar geworden, dass niemand wirklich weiß, wie es weitergeht. Es gibt unendlich viele Wege, wir können einen Teil mitbestimmen, und uns davon überraschen lassen, was uns begegnen wird. Wir hoffen natürlich, dass auch unsere Fans diese neuen Wege mit uns gehen, und sich mit uns überraschen lassen, wie viele Möglichkeiten uns offen stehen.“

Die lyrischen Inhalte der neuen Lieder sind laut Aussage des Tieftöners viel weiter gefächert als bisher. „Es gibt Fabelartiges, Mystisches, Hoffnungsvolles, Gefühlvolles. Die Themen sind auch häufig von einer emotionalen Stimmung beeinflusst. Besonders spannend sind die Titel, in denen sich gegensätzliche Gefühle ablösen, wie beispielsweise Verzweiflung und Hoffnung oder Angst und Mut, wie im Stück ,Glaube‘.“

Volker, was genau erwartet die geneigten Hörer deiner eigenen Einschätzung nach auf musikalischer Ebene auf eurer „Neuen“? „Musikalisch ist das Album sehr konkret und direkt, fast schon reduziert auf der einen Seite, auf der anderen Seite aber auch komplexer und harmonisch vielfältiger. Wir wollten überflüssiges weglassen um den Kern der neuen Ignis Fatuu zu präsentieren. Peter Pathos hat natürlich einen sehr erkennbaren Stil Gitarre zu spielen, und so ist viel von dem neuen Sound von ihm geprägt. Die Stimmen von Irene und P.G. wirken nicht durch ihre Gegensätzlichkeit, sondern harmonieren schön miteinander, was neue Möglichkeiten eröffnet. Ab und zu wollten wir aber auch Passagen spielen, die einfach nur abrocken, voll auf die Mütze.“

Den neuen - sehr frisch und beseelt klingenden - Stücken hört man zum Glück nichts an von den erwähnten Schwierigkeiten, die im Hintergrund zu bewältigen waren. Der Bassist offenbart hierzu:

„Wir haben einfach immer weitergemacht. Peter Pathos und P.G. sind nicht so mit der aktuellen Mittelalterszene vertraut, und haben daher ganz unbeeinflusst neue Ideen einbringen können. Das Album hat dadurch interessante Aspekte dazugewinnen können. Für die kreative Arbeit ist es auch von Vorteil, wenn die Produktion etwas länger dauert, da so nur wirklich ausgereifte Ideen verwirklicht werden.“

Die stilistische Mixtur der neuen Ignis Fatuu-Platte - worin sieht mein Gesprächspartner deren allergrößte Stärke(n)?

„Es ist ja wirklich eine große Bandbreite vertreten, von Folk-rockigen Stücken, wie dem Titellied ,Unendlich viele Wege‘, bis zu eher martialischen Tendenzen wie im Song ,Blut geleckt‘ oder richtig schnellen Heavy-Songs wie ,Letztes Wort‘. Daraus lässt sich ein schönes neues Konzertprogramm gestalten, wir wollen sowieso am allerliebsten alle neuen Songs auch live spielen. Das letzte Stück ,Die Pforte‘ ist etwas ganz Neues für Ignis Fatuu: Ein getragener, mystischer, verträumter Ausklang, der die Melodie vom ersten Song der CD aufgreift und somit ein musikalischer Bogen über alle Kompositionen hinweg gespannt wird.“

Aufgenommen wurden die Songs im Nürnberger Sonic Slave Studio unter der Ägide des Ignis Fatuu-Gitarristen und -Vokalisten Peter Pathos.

Dabei wurde der Veröffentlichung ein ebenso organischer wie markanter Sound auf den breiten klanglichen Leib geschneidert. Und das gleich zum doppelten Glück der Hörerschaft: Denn gleichfalls Tanz- wie Headbang-taugliche Abgeh-Hymnen wie „Blut geleckt“ zeigen Ignis Fatuu auf dem bisherigen Zenith ihres löblich linientreuen Schaffens.

Hauptsächlich haben sich Alex, Peter und P.G. beim Songwriting eingebracht.

Die Texte stammen ebenfalls in etwa zu gleichen Anteilen von diesen dreien, wie in Erfahrung zu bringen ist.

„Peter hat die Gitarren und die Songstrukturen beigesteuert, ein großer Teil der Gesangsmelodien kommt von P.G. und die mittelalterlichen Melodien von Alex. Im Studio hat sich dann vieles noch getauscht oder verändert, so dass sich trotz der unterschiedlichen Ansätze ein organisches Ganzes ergeben konnte. Der Text vom Opener ,Glaube‘ ist ein gutes Beispiel. Es ist nicht mehr genau nachvollziehbar wer genau welchen Satz beigesteuert hat. Vom Refrain gab es mindestens zehn verschiedene Versionen und Vorschläge. Wir haben uns am Ende für diese Lösung entschieden, weil sich dieses positive Element durch die ganze CD zieht.“

Anfänglich mussten sich die beteiligten Musiker ohnehin erst einmal beschnuppern und sozusagen aufeinander abstimmen. Immerhin wird nun die Position Sänger/Gitarrist von zwei Musikern ausgefüllt, so Volker. So ist natürlich auch ein größerer Anteil an Kreativität verfügbar, wie der Tieftöner dazu berichtet.

„Ignis Fatuu ist eine Band, die sich abspricht und Entscheidungen gemeinsam fällt. Peter hat als Bandmitglied, Produzent und Mischer natürlich eine zentrale Position im Arbeitsprozess inne, er war sozusagen die ,Zentrale‘. Manche Songs kamen von der Idee her schon ziemlich fertig im Studio an, ,Hyazinthen‘ beispielsweise wurde von Alex eingebracht. Andere entstanden durch Gesangsimprovisation in der Aufnahmekabine wie beispielsweise ,Pforte‘. Insgesamt arbeiteten wir mit Unterbrechungen von Februar bis Dezember 2013 am Album.“

Das Sextett verkündet mit diesem eindeutigen künstlerischen Statement ohnehin die absolut ungebremste Hingabe an die eigene Kunst.

Und dabei ziehen die Musikanten allesamt an einem stilistischen Strang, was „Unendlich viele Wege“ eine wirklich erstaunliche Homogenität verleiht.

Auf dieser Basis lässt es sich doch optimal austoben - und Ignis Fatuu rocken dementsprechend kompromisslos hart, saftig und unumwunden nach vorne.

Doch auf dieser rundum gehaltvollen, vollauf emotional wirkenden Lebenslust-Platte lassen es die Urheber daneben auch regelrecht wimmeln vor unverfälscht offenherzigen Gefühlsausbrüchen!

Die ganze Band ist sehr gespannt, lässt der Mann noch verlauten, wie das neue „Baby“ nun von den Fans aufgenommen werden wird.

„Die Veränderung ist insgesamt wirklich sehr groß. Wir würden es gerne mit der Verwandlung einer Raupe in einen Schmetterling beschreiben und hoffen, dass die meisten Zuhörer diesbezüglich nicht gegensätzlicher Meinung sind. Wir freuen wir uns jetzt natürlich irre auf die kommenden Konzerte und auf die Begegnung mit den Fans, denn dafür haben wir das ganze letzte Jahr gearbeitet.“

Überzeugen kann man sich von der entsprechend frenetisch umgesetzten Ambitioniertheit der Beteiligten in ansteckend bewegungsstarken Songs wie „Alchemie“. Ende Februar geht es für unsere anspruchsvoll schuftenden Nürnberger Mittelalter Rock-Helden auf deutschlandweite Album-Tour, wobei Ignis Fatuu mit ihrem neuen Songmaterial dem Auditorium garantiert amtlich einheizen werden.

© Markus Eck, 15.02.2014

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