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Interview: INGRIMM
Titel: Positive Wut

Die raue und urwüchsige Kraft des traditionell-bärenstarken Schwermetalls verbinden diese spielfreudigen Enthusiasten auf ihrem aktuellen Debütalbum „Ihr sollt brennen“ mit mittelalterlich anmutenden Melodien und noch dergleichen mehr.

Ihre dadurch bemerkenswert druckvollen, aber auch betont emotionalen Kompositionen werden von aufbrausenden rhythmischen Rasanzen mit barscher Erscheinung recht rigide angeführt. Im Schlepptau dieses aufgebrachten Spielmannszuges befinden sich zudem mordsprall geblasene Sackpfeifen und allerlei anderes antikes Instrumentarium. Die so entstandene ansteckend quirlige Mischung ist erfüllt von pulsierendem Eigenleben und kann daher wirklich enorm erfrischen.

Mittendrin mischt das quicklebendige klangliche Geschehen ein verdammt zungenfertiger Barde auf, welcher hier mit ebenso schlitzohriger wie aufrichtig menschlicher Attitüde agiert. Auf gesanglichen Sektoren gebärdet der Mann sich also nicht selten gezielt grobschlächtig, was das impulsive Liedgut von Ingrimm auch für Menschen mit Hang zu Härte attraktiv macht. Die Rede ist von Stephan, und wie mir der Singmann auskunftsfreudig berichtet, stieß er zunächst 2001 erstmal zu einer Mittelalter-Marktband namens Furunkulus, welche einen „brachialen Trommler“ suchten.

Der Kehlenschinder geht dazu gerne in die Tiefe und resümiert:

„Da ich Mittelalter-Musik von Gruppen wie Corvus Corax oder Hedningarna kannte, war das ein verlockendes Angebot für mich. Schon zu diesem Zeitpunkt hatte ich die Idee, Dudelsackmusik mit Metal zu kreuzen, aber die Jungs zogen damals nicht mit. Leider bekam ich im Herbst 2002 einige gesundheitliche Probleme, die mich zwangen, den Job bei den Furunkeln aufzugeben. Nach meiner Genesung stieß ich zu den Münchner Gothic Metallern Darkseed, mit denen ich die Auftritte zur neu erschienenen CD hinter dem Schlagzeug absolvierte. Nur wollte ich nun endlich mein eigenes Ding durchziehen. Ich hatte Massen an Liedtexten zu Hause, die vertont werden wollten. So fing ich Im Winter 2004 an, die passenden Leute für dieses Vorhaben zu suchen. Alex kannte ich aus einer Rockband, in der wir beide kurze Zeit vorher spielten. Ich erzählte ihm von meiner Idee und fragte ihn also, ob er auf eine solche Band Lust hätte. Er war sofort dabei. Kurz darauf meldete sich Hardy über eine Internet-Anzeige. So fingen wir mit Alex an Gitarre und Bass, Hardy an Dudelsack und Drehleier und mir an Schlagzeug und Gesang im Frühjahr 2005 an, die ersten Songs zu komponieren. Wir verstanden uns auf Anhieb. Die Arbeit trug sehr bald schon reiche Früchte. Aus diesen Anfangstagen stammen Lieder wie „Rattenstadt“, „Vagantenlied“ oder „Wolf“. Natürlich war klar, dass wir in dieser Besetzung zwar arbeiten, aber nicht auftreten konnten. Der vierte Mann im Bunde war unser erster Bassist Baba. Leider musste er uns im Frühjahr dieses Jahres aufgrund gesundheitlicher und privater Probleme verlassen, was uns allen sehr leid tat. Zuletzt kam unser Drummer Klaus dazu, ein alter Jugendfreund von mir. Nach den ersten Konzerten sahen wir, dass unsere Musik wohl gut ankam. Im Dezember 2006 veröffentlichten wir unsere Promo-CD "Feuertaufe" und gingen damit auf Labelsuche. Es kamen einige positive Antworten und schließlich entschieden wir uns für das Label Black Bards Entertainment. So nahmen wir im Sommer dieses Jahres unser Debüt-Album "Ihr sollt brennen" auf.“

Es wird dem Menschen von Kindheit her anerzogen, seine Gefühle nach außen nicht zu zeigen, so Stephan. Daher hat auch er lange Zeit den Fehler begangen, seine Aggressionen und seine Wut solange in sich hineinzufressen, bis sie sich irgendwann aufgrund eines kleinen Anlasses entladen. Wir erfahren:

„Pech für den, der diese Entladungen dann jeweilig zu verschulden hatte. Dann entdeckte ich, dass ich diese Energie auch in meine Texte und in die Musik stecken konnte. Der Name Ingrimm passt wie die Faust aufs Auge. Unsere Musik ist wütend, aber nicht hasserfüllt wie blinder Zorn. Ich würde es "positive Wut" nennen. Die Musik entstand durch diese spezielle Konstellation der einzelnen Musiker. Wir werfen unsere Ideen zusammen und machen was uns gefällt. Und unser Stil war von Anfang an genau so da. Wir lieben nun mal schnelle Doublebass, harte Gitarren und schöne Melodien von Dudelsack und Drehleier. Der Rest war einfach nur Gefühl. Wir gehen völlig frei an unsere Musik heran. Berührungsängste haben wir nie gehabt. Für uns zählte nur: „Das muss rocken! Gnadenlos nach vorn!“ Wir wollen einfach Spaß an der Musik haben.“

Seine Vorstellung war es von Anfang an, dem Mittelalter- und dem Metal-Anteil in den Kompositionen von Ingrimm den gleichen Stellenwert zu geben und gleichzeitig den Härtegrad nach oben zu schrauben:

„Wir sind eine Metalband, die anstelle einer Lead-Gitarre mittelalterliche Instrumente verwendet. Alles andere hat sich daraus entwickelt, beispielsweise dass ich Growls mit einsetze. Wir wussten, wie der Kuchen werden sollte und beim backen fielen uns immer mehr Zutaten ein. Mit dem Ergebnis bin ich sehr zufrieden. Wir werden unserem Stil treu bleiben, aber es werden mehr technische Feinheiten einfließen.“

Eine erfolgreiche Idee findet immer schnell Nachahmer. Mittlerweile schießen die Mittelalter Rock-Bands daher laut Aussage von Stephan wie Pilze aus dem Boden:

„Die traditionellen Themen werden dabei mittlerweile ja bis zum Erbrechen gespielt. Der Unterschied liegt nur in der Qualität der Darbietung. Aber es wird auch viel schlecht geredet. Nur weil eine Band mittelalterliche Instrumente einsetzt, ist sie nicht der x-te In Extremo-Klon, so wie es auch uns schon vorgeworfen wurde. Wenn ich dabei bedenke, wie viele Death Metal-Bands es mittlerweile doch gibt! Musik ist Gefühl, und wenn ein junger Musiker sich heute mit Mittelalter Rock oder -Metal identifiziert oder infiziert, dann sehe ich keinen Grund, warum er es dann nicht spielen sollte. Die Szenegrößen haben nicht das alleinige Recht auf dieses Genre gepachtet. Ich bin sehr gespannt, welche Bands uns da noch überraschen werden. Eine Band sollte ihre eigene Philosophie besitzen und Songs nach dieser komponieren. Wir haben unseren Stil gefunden. Aufgrund unserer Eigenständigkeit tun sich auch viele Kritiker schwer, uns in eine Schublade zu pressen.“

Der Sänger liest viel über mittelalterliche Themen, seien es nun Zeitschriften, Bücher oder auch Romane, wie er mir mitteilt. Stephan: „Ich habe es nicht zwanghaft darauf angelegt, meine Texte nach Mittelalter klingen zu lassen. Viele passen ebenso gut in die Gegenwart. Ich verarbeite in den Liedern meine persönlichen Erfahrungen oder schreibe über die Begebenheiten der damaligen Zeit. Auch von Märchen, Sagen und Legenden lasse ich mich gerne inspirieren. Das aktuelle Album ist ein Überblick über unser bisheriges Schaffen. Manche Lieder stammen noch aus den Gründungstagen, andere sind erst kurz vor dem Studiotermin entstanden. Es ist kein Konzeptalbum, wir erzählen darauf unterschiedliche Geschichten.“

Das Stück „Sag mir nicht“ und das Titellied „Ihr sollt brennen“ sind beispielsweise aufgrund persönlicher Erfahrungen entstanden, so Stephan: „In Ersterem beschreibe ich, was ich von einem Menschen halte, der mich mit materiellen Dingen oder moralischen Fesseln beeinflussen will, seinem Ziel zu dienen, obwohl mich das nicht interessiert. "Ihr sollt brennen" ist der Erfahrungsbericht, was passiert, wenn sich Aggressionen geballt entladen. "Der Sturm" ist meine Abrechnung mit der verlogenen Scheinheiligkeit der Kirche. Ich habe soviel Literatur zu diesem Thema gelesen und bin immer noch entsetzt über die Verbrechen dieser Institution, die so vielen genialen Köpfen über Jahrhunderte ihre Fesseln angelegt und jede Innovation mit drakonischen Strafen ausgebremst hat, nur weil sie ihre Allmacht eventuell untergraben, beziehungsweise ihre Lehren widerlegt hätte. Die Menschheit könnte ohne diese so genannten Moralapostel schon sehr viel weiter sein. "Spielmann" ist meine Vorstellung vom Leben als Musiker und drückt wohl sehr gut die Spielfreude von Ingrimm aus. Das "Vagantenlied" ist eine Hommage an die Ausgestoßenen der Gesellschaft. Einer, den das Leben nicht mit Glück gesegnet hat, wird die Dunkelheit als steten Begleiter haben. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Das Lied ist in einem recht langsamen Takt gehalten. In gewisser Weise ist es ein Wanderlied. "Wolf" handelt von einem der ältesten deutschen Fabelwesen. Der Glaube an Werwölfe kam ungefähr zugleich mit der Hexenverfolgung auf. Einige dieser Werwolfs-Erscheinungen sind bis heute noch ungeklärt. Das Lied handelt von einer tragischen Geschichte. Ein junger Mann verwandelt sich bei Nacht in den Wolf. In dieser Gestalt ist er nicht mehr Herr seiner Taten, weil das Tier in ihm die Kontrolle übernimmt. Dabei fällt er doch prompt über seine Liebste her. Die "Skudrinka" ist eine überlieferte Melodie, ein Relikt aus meinen Tagen als Mittelalter-Marktmusiker. Da es als Sauflied bekannt ist, handelt der Text ebenso von diesem Thema. Der lateinische Spruch "Meum est propositum in taberna mori", übersetzt "meine Vorstellung ist es, in der Taverne zu sterben", ist die Kernaussage. Betrunkene und kleine Kinder sagen immer die Wahrheit, so sagt man. Also war meine Idee, wenn ich jemandem im Rausch schonungslos die Wahrheit vor den Latz knalle, könnte ich vielleicht so enden, grins. "Rattenstadt" ist eines der frühen Lieder. Es handelt von unseren treuen ungeliebten Begleitern, den Ratten. Wo immer Menschen in Siedlungen leben, sind bis heute Ratten dabei. Es sind sehr anpassungsfähige und kluge Tiere. Der Text entstand nachdem ich ein Buch über Infektionskrankheiten und Epidemien im Mittelalter gelesen hatte. Ratten waren als Krankheitsüberträger ein Mitgrund für die schnelle und verheerende Ausbreitung von beispielsweise der Pest. "Dein Meister" beschreibt die anfangs freiwillige Unterwerfung eines Individuums einer Ideologie. Der Meister kann eine Sekte, eine Organisation oder auch eine Räuberbande sein. Stück für Stück wird der Mensch zum willenlosen Werkzeug gemacht. Ein recht aktuelles Thema. "Lumpenpack" hat eine ähnliche Aussage wie das "Vagantenlied": Aufgrund von Vorurteilen wird über einen Menschen der Stab gebrochen. Das zwingt ihn zum Leben am Rand der Gesellschaft. Damit beschreibe ich auch die Schattenseiten, wenn man zum fahrenden Volk gehört. "Letzte Reise" ist meine Beschreibung einer Wikinger-Seebestattung. Ein Krieger tritt seine letzte Reise nach Valhall an. An diesem Lied war der Film "Der 13te Krieger" nicht ganz unschuldig“, verkündet mir der gut über die Antike informierte Barde verschmitzt lachend.

Nachfolgend unterhielten wir uns über die stetig ansteigende Umweltverschmutzung auf diesem Planeten. Stephan ist der Ansicht, dass die Natur und somit unsere Lebensgrundlage der Maschinerie der Wirtschaft, des Profits und dem Wohlstand zum Opfer fallen wird. „Wir haben nahezu jeden Bezug und auch den Respekt vor der Natur verloren. Ein moderner Mensch weiß weder wo sein Brot herkommt noch wie sein Sonntagsbraten ausgesehen hat, als er noch lebte. Es kein Wunder, dass der Mensch sich so gedanken- und respektlos verhält. Ebenso ist es kein Wunder, dass die Natur mit Unwettern und klimatischen Veränderungen zurückschlägt. Immerhin, es gibt ein paar gute Ansätze. Wenn wirklich noch ein Umdenken stattfindet, dann hat das menschliche Dasein in Zukunft vielleicht eine Chance.“

Zum Fernsehschauen kommt der Mann eher selten:

„Ich sehe mir gerne Dokumentarfilme, aber auch gute Fantasy-Filme an. Ein absoluter Horror sind für mich diese US-Serien, wo sogar die Lacher unterlegt sind, damit man weiß, welche Stellen lustig waren. Leider ist das Fernsehprogramm voll mit oberflächlicher Unterhaltung, angefangen von sinnlosen Gerichtsserien bis zu Leuten, die sich wochenlang in einen Wohn-Container sperren lassen. Die reinste Verschwendung an Sendezeit. Das Niveau sinkt da ins Bodenlose.“

Erfolg ist für ihn, wenn er die Leute mit der Musik von Ingrimm begeistern und sie vielleicht sogar als Fans gewinnen kann. „Ich möchte mit der Gewissheit von der Bühne gehen, da oben alles gegeben und den Besuchern eine tolle Show dargeboten zu haben. Wenn dann noch der eine oder andere verstanden hat, was wir mit unserer Musik ausdrücken wollen, dann haben wir unser Ziel erreicht. Wenn nach einem Konzert eine positive Resonanz vom Publikum kommt, dann ist das das größte Kompliment für mich.“

Pils konsumiert Stephan sehr gerne, wie er mir bekennt. Aber allzu oft kommt es dabei nicht vor, dass der Kerl sich sprichwörtlich die „Lichter ausschießt“: „Wenn ich mit meinen Freunden bei einem guten Wein zusammen sitze, kommen mir schon öfter gute Ideen für Liedtexte. Aber "Skudrinka" habe ich komplett nüchtern geschrieben“, gibt er lauthals lachend zu Protokoll.

Jeder Mensch braucht einen festen Anker. Die einen suchen sich diesen Halt in einer Kirche oder Sekte mit deren Moralvorstellungen, andere sehen im materiellen Besitz oder in einer Ideologie das Maß aller Dinge. Auch Stephan wurde sehr religiös erzogen:

„Aber man ließ mir immer die Freiheit, alles zu hinterfragen. Ich persönlich konnte die Institution Kirche nicht gutheißen und habe mit ihr guten Gewissens gebrochen. Leider ist das alte Wissen dank der sehr gründlichen "Arbeit" der Kirche nur noch bruchstückhaft vorhanden. Aber alles konnten sie nicht vernichten, nur einverleiben. Viele besinnen sich jetzt auf die alten Traditionen aus einer Zeit, als der Mensch noch Ehrfurcht vor der Natur und ihren Gewalten hatte. Wer unsere heutigen Bräuche und Feste von ihrer christlichen Einfärbung befreit, der kann noch viel Erstaunliches und Wichtiges dabei entdecken. Ich sehe mich nicht als Prediger für eine bessere Welt. Ich bin nur ein Musiker, der seine Geschichten erzählt. Vielleicht bringen sie den einen oder anderen zum nachdenken.“

Und Stephan ist keiner, der schnell aufgibt. „Wenn ich mich mal in eine Sache verbissen habe, dann ziehe ich sie durch bis zum Ende. Wichtig dabei war für mich immer, jemanden im Rücken zu haben, auf den ich mich verlassen kann. Dafür braucht man gute Freunde und Familie. Diese Leute sind da, wenn ich sie brauche und umgekehrt ebenso. Es gibt auch gewisse Orte in meiner Umgebung, an die ich mich zurückziehe, um wieder Energie zu tanken und einen klaren Kopf zu bekommen. Das ist meine ganz persönliche Art, bestimmte Probleme anzupacken und zu lösen. Ich bin gern in der Natur, weil ich da ungestört nachdenken kann.“

Der Sänger ist im Allgemeinen sehr lebenslustig und hat zwei Söhne, für die er alles zu tun bereit ist, wie jeder normale Vater. „Und wenn alle Väter so wie ich wollen, dass ihre Kinder einmal eine lebenswerte Zukunft haben, dann werden sie ihren Teil dazu beitragen. In diese Menschen setze ich meine Hoffnung – Menschen, die den Mut zu Veränderungen haben. Markus, vielen Dank für dein Interesse und deine nicht alltäglichen Fragen! Meine letzten Worte gehen an unsere Fans: Gebt allen, die euch Fesseln anlegen wollen, das, was sie verdienen. Bleibt, wer ihr seid, und vertraut euren inneren Gefühlen. Bewahrt euch die Wut im Bauch und Ingrimm im Herzen. Wir sehen uns!“

© Markus Eck, 30.12.2007

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