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Interview: JACK FROST
Titel: Völlig ungeniert

Mit ihrem Album „Eden“ debütierten diese Psycho-Rocker im Jahr 1995. Die zwei Jahre zuvor gegründete österreichische Dunkelvereinigung aus Linz erspielte sich nachfolgend, damals noch als entschlossener Dreierbund, nicht nur aufgrund einer bezwingend psychotischen musikalischen Performance innerhalb eines relativ kurzen Zeitraumes neben der österreichischen Stahlszene auch im globalen Doom Metal-Untergrund einen beständigen Platz in den kalten Herzen lichtscheuer Realitätsflüchtlinge.

Auf dem ein Jahr später heraus geknatterten, etwas Gothic- und Wave–lastigeren Albumnachfolger „Elsewhere“ präsentierten sich die schmerzerfüllten Melancholie-Männer dann schon bedeutend härter. Die Platte hatte zudem einen erfreulichen Nebeneffekt: „Elsewhere“ präsentierte die Band auch musikalisch gereifter.

In den darauffolgenden zwei Jahren sollten Jack Frost ihren stilistisch beengenden Doom Metal-Panzer abwerfen und sich selbst neu entdecken.

Mit ihrem 1999er Langspieler „Glow Dying Sun“ ließen die Linzer sodann die exorbitante Schwerfälligkeit vergangener peinvoller Tage weitgehend hinter sich, um zugleich ihr bislang düsterstes und schwerstes, aber auch authentischstes Musikwerk abzuliefern.

Instrumentell gewachsen durch den zweiten Axeman Gary Gloom, der sich einst bei den Linzer HC-Pionieren Stand To Fall verdingte, unterschrieben Jack Frost bei Last Episode beziehungsweise dem Sublabel Serenades Records.

Beim darauf veröffentlichten vierten Album „Gloom Rock Asylum“ konnten sich sowohl Anhänger als auch die Musikpresse darauf einigen, das bislang beste Stück Düster-Rock dieser Band in Händen zu halten.

Bewegend emotionale Songs wie „You Are The Cancer“ und „Sink“ offenbarten erstmalig so richtig die Hitqualitäten von Jack Frost, das gelungene Mamas And The Papas-Cover „California Dreamin’“ fügte sich nahtlos in ebenso düstere wie eingängige Kompositionen.

Mit dem nun auf einem neuen Label erscheinenden fünften Album „Self Abusing Uglysex Ungod“, das im Januar 2002 aufgenommen und von Reglerdreher Boban Milunovic produziert wurde, setzt die linientreue Gruppe, bestehend aus Sänger und Viersaitenartist Phred Phinster, Weltuntergangstrommler Colossos Rossos sowie den beiden erbarmungslosen Gitarrenquälern Gary Gloom und Mournful Morales, ihren eingeschlagenen Weg mit bemerkenswerter künstlerischer Konsequenz fort.

Sowohl produktionstechnisch als auch kompositorisch setzen Jack Frost vermehrt auf trockenes, „Straight-in-the-face-Rock’n’Roll-Feeling“ anstatt auf gewohnt epische Doom-Zitate.

Die neuen Tracks bewegen sich fast ausschließlich im schleppenden Midtempo-Bereich und erreichen ein für das Klagequartett nochmals gesteigertes Maß an nachhaltig einnehmender Eingängigkeit.

Sechssaitenkönner Robert alias Mournful Morales kristallisiert sich im Gespräch als gleichfalls passionierter wie erfahrener und nachdenklicher Musiker heraus.

„Bei Jack Frost Bedeutungen zu hinterfragen ist immer eine leicht aussichtslose Angelegenheit. Die meisten Dinge kommen bei uns spontan und ohne tiefgründige Überlegungen zustande. Kenner unserer Website werden wissen, dass `Self Abusing Uglysex Ungod` dort schon seit geraumer Zeit als Beschreibung unseres Sängers Phred herhalten muss. Ich hab mir, quasi in meiner Funktion als `Chefideologe` der Band, damals diese ,Descriptions‘ ausgedacht, wobei mir zu dieser Zeit schon irgendwie bewusst war, dass man dieses `Self Abusing...` noch einmal in anderer Form verbraten könnte. Es war mir ja schon länger klar, dass es Zeit war, die Ernsthaftigkeit aus unserer Art der düsteren Musik zu nehmen und uns damit auch von den pseudofinsteren Triefnasen-Kapellen abzugrenzen, mit denen wir nicht in einem Atemzug genannt werden wollen. Wir sind eine Rock’n’Roll-Band, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Und das wollten damit auch unterstreichen.“

Wir bewegen uns anschließend in Richtung der Songtexte der neuen Tracks. „Wie gesagt machen wir uns nicht allzu viele Gedanken um die Dinge, die um uns herum passieren. Und somit können wir beim Schreiben der Jack Frost-Texte auch nur auf diejenigen Themen zurückgreifen, die uns unmittelbar in unserem subjektiven Wohlbefinden beeinträchtigen. Dazu muss ich sagen, dass es uns fast schon eine Qual ist, Lyrics für unsere Songs zu schreiben; das machen wir immer erst, wenn alles andere fertig ist. Oft machen wir uns erst im Studio Gedanken dazu. Die Texte drehen sich nahezu ausschließlich um kranke oder gescheiterte Beziehungen und all das, was emotional dazugehört.“

Wie der Mann daran anknüpft, war der Beitritt von Gitarrist Gary ein relevanter Faktor für die Geschicke von Jack Frost.

„Für mich war es so, dass die Geschichte unserer Band und der Prozess, in dem sich unsere Identität entwickelte, quasi neu begonnen hat, als Gary in die Band kam. Wir haben damals begonnen, uns wirklich keine Gedanken mehr darüber zu machen, welche Art von Musik wir machen wollten oder welches Publikum wir ansprechen könnten oder wollen. Unsere Einflüsse sind ja seit der ersten Platte die gleichen geblieben, die haben sich nicht verändert. Klar kam Gary dazu und damit sein Zugang zum Rock’n’Roll, aber was sich verändert hat, ist unsere Attitüde und unser Anspruch ans Musik machen. Wir machen heute Songs, auf die wir vier uns einigen können. Diese tragen dann auch den Stempel der Lieder und Stile, die wir aktuell gerade hören und gut finden, und damit hat sich’s.“

So wurden laut nachfolgender Aussage des Griffbrettschrubbers ganz bewusst einige Elemente in der Musik der Linzer modifiziert. „Wir haben heutzutage keine Lust mehr, extrem langsame und lange Songs zu schreiben, vor allem, weil es uns keinen Spaß macht, so etwas live zu spielen. Wir sind nun mal eine Live-Band und ich denke, dass unsere Qualität mittlerweile ausmacht, dass wir einfach rocken. Ansonsten ist unser Kalkül nur, dass uns nichts mehr zu peinlich ist. Wir sind fast alle über 30, zum Teil sogar weit darüber, und wir haben keine infantilen Rockstar-Träume mehr. Wir machen Musik, weil wir nichts Besseres zu tun haben und weil es uns Spaß macht, auf Bühnen zu stehen. Alleine deshalb ist es schon lächerlich, wenn uns wie zum Beispiel von der Studentenpostille Visions nachgesagt wird, wir klauen von My Dying Bride oder Type O Negative. Mich interessieren diese Bands nicht und niemand von uns besitzt auch nur einen Tonträger dieser Combos. Möglich, dass die gute Songs machen, aber das geht uns am Arsch vorbei, wir stehen auf ganz andere Sachen. Schon möglich, dass wir genau zwischen den beiden Stühlen der Gothic- und der Metal-Fraktion sitzen, aber wer auch immer damit kann, dass wir authentisch sind und düstere intensive Musik machen ohne Rüschenhemden zu tragen und vom Weltschmerz zu philosophieren, der wird den Weg in den Plattenladen finden.“

Das Quartett hat sich damals nach dem gleichnamigen St. Vitus-Song von deren Album „V“ benannt, wie in Erfahrung zu bringen ist.

„Wir waren und sind ja große Fans dieser Band und hatten diese geniale Nummer in unseren Anfangstagen auch als Coverversion im Programm. Für uns war `Jack Frost` verbunden mit beinharter Eiseskälte und Hoffnungslosigkeit, Jack Frost ist ja nichts anderes als der personifizierte Winter. Umso schlimmer war es, als dann ein paar Jahre später dieser beschissene Film in die Kinos kam. Vor allem, weil seither alle Internet-Suchmaschinen Hunderte von Suchergebnissen zum Thema `Jack Frost – Der coolste Dad der Welt` ausgeben. Pfui! Im Ernst: Jack Frost ist ja ein weit verbreiteter Begriff, da mussten wir mit so etwas rechnen. Immerhin gibt’s oder gab es ja auch eine australische Band mit diesem Namen und auch diese Gitarristen-Hure mit diesem Pseudonym“, so Mournful Morales.

In der aktuellen Werbung heißt es, Jack Frost hätten es „endlich geschafft, ihren fantastischen Live-Sound auch auf CD zu bannen“. Gelang denn das vorher nie? Der Gitarrist hierzu: „Wir haben dies auf den ersten drei Platten zumindest nicht wirklich versucht. Wir haben damals alles ziemlich mit Effekten beladen, um Atmosphäre zu schaffen. Diese Alben klangen allesamt ziemlich steril und kalt, was aber auch seinen besonderen Reiz hatte. Mit `Gloom Rock Asylum` wollten wir erstmals einen etwas dreckigeren Sound. Das ist aber nicht gelungen, was sicherlich auch zu einem Teil an den Gegebenheiten des CCP-Studios liegt, die meisten Produktionen aus dem Haus klingen eher sauber und glasklar. Wir haben immer wieder und vor allem immer öfter gehört, dass wir live richtig räudig und dreckig klingen und so sind wir mit diesem Auftrag in die Boom Room Studios zu Boban Milunovic gegangen. Wir haben dieses Mal viel mit verschiedenen Gitarrensounds experimentiert, auf Schlagzeug-Triggersounds geschissen und Effekte – vor allem auch beim Gesang – äußerst spärlich eingesetzt. Ich finde, wir haben dieses Mal den direktesten und dichtesten Sound, was an das Feeling unserer Live-Shows schon sehr nahe herankommt.“

Etwaige Kategorisierungs-Hilfen, um den Jack Frost-Sound einzuordnen, kommen dem Kerl nur sehr schwer über die Lippen.

„Das ist aber eine schwierige Frage. Wir hören so oft Type O Negative und My Dying Bride-Vergleiche, finden aber anhand der paar Sachen, die wir von den Bands gehört haben, überhaupt nicht, dass das unserem Sound ähnlich ist. Wie wir zu den Bands stehen, habe ich ja schon gesagt. Ich habe noch keine Band gehört, bei der ich das Gefühl hatte, dass sie uns wirklich ähnlich ist. Nahe fühlen wir uns Bands und Musikern wie The Cult, den Melvins, Johnny Cash, den Sisters Of Mercy, Trouble, Motörhead, den Ramones, Turbonegro und auch älteren Sachen wie Bauhaus und Joy Division. Aber wir wissen, dass wir nicht wie diese Bands klingen. Kategorisierungen sollten besser andere vornehmen.“

Auf „Glow Dying Sun“ hat der Vierer nun den Welthit „Lady In Black“ von Uriah Heep gecovert. „Wir hatten den Song ursprünglich für eine Cover-Show eingespielt und ihn dann ins reguläre Programm aufgenommen. Er hat sich allein deshalb schon gut für uns geeignet, weil er vertrottelt einfach ist. [lacht] Aber im Ernst, wir stehen auf Songs aus dieser Zeit, die vordergründig leichtfüßig und lebensbejahend klingen, in ihrem Kern aber sehr düster sind. `California Dreamin’` ist auch so ein Lied: Es macht uns ziemlich viel Spaß, die Abgründe solcher Stücke freizuschaufeln und sie sozusagen neu zu erfinden.“

Dennoch sind die vier Jack Froster laut dem Gitarristen keine übrig gebliebenen 68er, die ewig an den alten Haudegen hängen bleiben. „Die großen Bands aus dieser Zeit hatten und haben sicher alle ihre Berechtigung als Hard Rock-Pioniere. Wir haben das Zeugs als Halbwüchsige gehört und sind uns furchtbar hart dabei vorgekommen, aber wir graben heute sicher keine alten Platten mehr aus und geben uns der Rührseligkeit hin.“

CCP Records war damals das erste Label in Linz und eines der einzigen in Österreich, das Underground Metal-Bands unter Vertrag nahm, wie Morales weiter zu berichten weiß.

„Claus Prellinger war ja selbst als Musiker in Linz seit den 70ern aktiv; das heißt, man kannte einander und so war das die erste Tür, an die wir klopften. Für mich ist die Sache allerdings erledigt, ich will keine Worte mehr darüber verlieren; gerade weil ich einiges an Lehrgeld bezahlt habe, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Ich erinnere mich nicht unbedingt gerne an die Zeit, nachdem wir von CCP weggegangen sind. Ohne Zweifel haben uns die Releases bei CCP zu einer Zeit den Weg bereitet, als uns keine andere Firma einen Deal angeboten hätte, allein schon wegen der Qualität unserer frühen Outputs. Mit der Zeit differierten die Interessen und Ziele aber immer mehr, was ja bei Hunderten anderen Bands und Labels ebenso vorkommt. Ich sehe das heute so, dass man als Band selbst für seinen Erfolg verantwortlich ist. Qualität setzt sich früher oder später durch und ein Label kann dabei hilfreich sein, aber für ein Scheitern nicht alleine verantwortlich gemacht werden. CCP ist ein kleines Label, und Jack Frost haben früher Musik in einer Nische gemacht, die nie mit grandiosen Verkaufszahlen gesegnet war. Dennoch konnten wir vom zweiten Album `Elsewhere` trotz sehr geringem Promotion-Aufwand drei Mal so viel wie vom Debüt absetzen. Dass wir mit `Glow Dying Sun` nicht im selben Ausmaß noch einen drauf setzen konnten, ist mir heute noch rätselhaft. Ich will da aber keine Zuschreibungen machen, das war eben so. Tatsache ist aber, dass wir vom vierten Album soviel verkauft haben wie von den ersten dreien zusammen, möglich dass das auch bei CCP der Fall gewesen wäre. Ich habe Claus und Eva seither nur einmal getroffen, viel wurde da nicht gesprochen. Es ist ja auch alles schon gesagt. Ich habe allerdings im letzten Jahr mehrmals per Email versucht, von CCP die Genehmigung für die Verwendung von 30 Sekunden langen Real Audio Low Fi Edits für unsere Website zu bekommen, habe aber nie eine brauchbare Antwort erhalten. Geschadet hat uns die ganze Sache aber letztlich ganz bestimmt nicht. Wir haben damals jede Menge Solidaritätserklärungen von Musikern, Labels und Musikjournalisten bekommen. Aber im Grunde interessiert sich doch keine Sau für den Privatkrieg einer Band mit ihrem Ex-Label.“

Irgendwann kamen Jack Frost dann zu W.A.B. Records. Morales erinnert sich:

„Wir waren bereits im Studio und hatten noch keine Ahnung, wer es bezahlen sollte. Außer ein paar unattraktiven Angeboten lag nichts vor. Wir hatten uns in unserer Gleichgültigkeit auch nicht rasend darum bemüht, Labels zu kontaktieren. Unser Produzent hat schließlich den Kontakt zu Wait And Bleed hergestellt und nach ein paar Wochen zäher Verhandlungen konnten wir uns einigen. Die Höhe des Vorschusses war für unsere Verhältnisse mächtig und die Kohle war auch pünktlich auf meinem Konto. Uns gefällt die Tatsache, bei einem jungen, ambitionierten Label zu sein, das über Napalm Records dazu noch über eine ausgezeichnete Vertriebsschiene verfügt. Wir sind mit Erwartungen allerdings recht vorsichtig geworden. So sind wir ja schon zufrieden, wenn flächendeckende Promotion und Vertriebe gewährleistet sind. Der Rest hängt wohl davon ab, ob die Leute das Album gut finden oder nicht. Wir haben jedenfalls für drei Alben unterschrieben und hoffen, dass wir weiterhin so partnerschaftlich mit W.A.B. zusammenarbeiten können.“

Die neuen Pseudonyme der Beteiligten sollten von den Fans nicht allzu ernst genommen werden, wie der Gitarrist noch offenbart. „Ich habe ja bereits erwähnt, dass es uns wichtig ist, den Humor transparent zu machen, der für uns eine wesentliche Komponente in unserer Musik ausmacht. Wir wollen nicht rüberkommen wie eine bierernste Depri-Kapelle, das entspricht nicht unserem Naturell. Die Pseudonyme sollten unsere Selbstironie etwas zum Vorschein bringen. Ich habe sie uns schon vor Jahren zum Spaß verpasst und irgendwann meine Bandkumpels endlich so weit gebracht, dass wir sie auch in unseren Booklets abdrucken. Die Künstlernamen sind teilweise von den bürgerlichen Namen abgeleitet, teilweise sinnlos entfremdete Adjektiva wie beispielsweise `Phinster` oder auch völlig stupide an den Haaren herbei gezogen.“

© Markus Eck, 22.06.2002

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