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Interview: KATAKLYSM
Titel: Dunkel und brutal

Mit ihrem vorangegangenen 2004er Album-Erfolg „Serenity In Fire” konnten diese unverwüstlichen kanadischen Todesmeister zurecht große Triumphe abfeiern. Fans als auch Kritiker zollten den verdammt versierten Takt-Technikern respektvolle und wohlwollende Tribute.

Vor kurzer Zeit ist das neue und achte Studioalbum „In The Arms Of Devastation“ erschienen, auf welchem das mittlerweile zu einer festen kreativen Einheit verschweißte Baller-Quartett seine bisher reifsten musikalischen Leistungen unter Beweis stellt.

Höchstpunktzahlen in nicht wenigen Rezensionen sind bislang die Folge, ein Ende dieser medialen Begeisterungswelle ist so schnell nicht in Sicht. Sich weder selbst kopierend noch unter Uninspiriertheit oder störenden stilistischen Einflüssen leidend, lassen Kataklysm ihren aggressiven Trieben auf diesem rundum gelungenen Hammerteller nach brutaler Herzenslust freien Lauf.

Simultan bekennt sich der Vierer auf „In The Arms Of Devastation“ offen zu seiner Passion für mitreißende Melodiken der dramatischen Klasse.

Das mitreißend brachiale und blitzsauber gezockte Resultat stellt nicht eine der besten und kompositorisch vielseitigsten Death Metal-Veröffentlichungen der letzten Jahre überhaupt dar, sondern zeigt auch in aller Deutlichkeit auf, dass dieses Genre noch lange nicht von sich selbst erschöpft ist.

Und das nach all den Jahren der Band-Existenz. Ungestillte Leidenschaft heißt hier somit das Motto der Stunde.

So mache ich mich also am Dienstag, den 17. Januar mal wieder mit einem ratternden Bummelzug ins schwäbische Donzdorf auf, genauer gesagt ins dortige Label-Headquarter der Kataklysm-Langzeit-Plattenfirma Nuclear Blast.

Denn der wuchtige Band-Boss und stimmstarke Brüllwürfel Maurizio Iacono war extra aus Chicago eingeflogen, um Interviews für das aktuelle Metzel-Manifest zu geben. Als wir es uns spätnachmittags auf einem schwarzen Ledersofa gemütlich machen, soll dem eine ebenso grundehrliche wie angenehme Plauderei folgen.

„Obwohl ich durch den Jetlag der letzten beiden Tage hier ziemlich müde bin, fühle ich mich mental in Hochform. Das liegt jedoch nicht nur am überraschend großen Erfolg unseres aktuellen Albums, sondern auch daran, weil ich nur allzu gerne in Deutschland bin. Die Landschaft ist in den überwiegenden Fällen großartig, ich kann mich primär an den ganzen Bergen schier nicht satt sehen. In Chicago ist da ja in dieser Richtung nichts geboten. Da ich ja ursprünglich aus Québec, Kanada, stamme, bin ich da von früher her sehr verwöhnt. So tut es mir schon mal wieder mehr als gut, den Arsch mal rauszukriegen. Vor allem unseren deutschen Fans, die wir hier bislang auf den Konzerten getroffen haben, fühlen wir uns sehr verbunden. Wir wurden stets mit offenen Armen empfangen. Hoffentlich sind wir schnellstens in der Lage, wieder in Deutschland zu touren und den Leuten das neue Album um die Ohren zu blasen“, erörtert Maurizio eingangs zu seinem Befinden.

Im Anschluss sprechen wir darüber, was sich in den Gedanken des Shouters so alles tut, wenn er resümiert, dass er mit Kataklysm mittlerweile bereits seit 1991 am Wüten ist.

„Ich werde alt“, scherzt Maurizio mit verschmitztem Lächeln auf den Lippen, und ergänzt:

„Doch halb so schlimm! Glücklicherweise startete ich mit der Band, als ich gerade mal 16 Jahre alt war. Dieses Jahr werde mich meinen 31. Geburtstag feiern. Es ist schon ein verrücktes Gefühl, sich all das vor Augen zu halten … die Band nahm bisher fast die Hälfte meines ganzen Lebens unter Beschlag. Aber das muss genau so sein. Als wir damals starteten, war die Death Metal-Szene verschwindend klein, sie existierte eigentlich ja noch gar nicht. Alles war zu diesem Zeitpunkt noch so verdammt exklusiv, man kann es sich heutzutage ja fast nicht mehr vorstellen. Keiner weiß, wohin die musikalische Bewegung gehen wird, aber wir sind jedenfalls noch immer tatkräftig dabei. Ich könnte mir mein Leben nicht ohne diese Musik vorstellen. Ich kann mir ebenfalls nicht vorstellen, nicht mehr auf Tour zu gehen und all unsere Anhänger zu treffen. Erst gestern unterhielt ich mich mit dem Label-Chef Markus Staiger über das Altern, und wir hatten einen Riesenspaß bei diesem Diskurs. Die Zeit vergeht ja beinahe wie im Flug. Staiger entdeckte Kataklysm 1991, vor ganzen 15 Jahren, und wir sind noch immer bei diesem Label dabei, allesamt alte Hasen sozusagen. Das Musikgeschäft an sich ist eine absolute Schlampe und die Zustände des `Biz` sind schlimmer denn je. Von daher sagt die lange Zeitdauer der Kooperation zwischen Kataklysm und Nuclear Blast schon einiges aus.“

Sehr stolz ist Mr. Iacono auf die neue Silberscheibe, wie er mir mit aller herzlichen Offenheit bekennt.

„Wir gingen damals bei der Bandgründung ja ohne irgendwelche großen Erwartungen an die Sache heran. Doch wir waren von Beginn an fest entschlossen mit unserem Tun. Und das hat sich über all die Jahre nicht geändert; auch nicht zu der Zeit, als wir Mitte der 1990er fast von der Bildfläche verschwunden waren. Wir hielten durch, in allen Lagen und dachten niemals ans Aufhören. Mit „In The Arms Of Devastation“ haben wir nun unser achtes Studioalbum am Start, welches uns auch noch in bisheriger musikalischer Bestform zeigt. So was schafft man als Band eben nur, wenn man sich von Nichts und Niemandem unterkriegen lässt. Niemals. Mir fallen da eigentlich nur sehr wenige vergleichbare Beispiele ein, genauer gesagt im Moment lediglich eines: Morbid Angel. Obituary sind zwar gegenwärtig auch wieder am Drücker, doch das zählt in meinen Augen nicht. Denn die waren ja für fast oder sechs Jahre von der Bildfläche der Szene verschwunden.“

Wie Maurizio nachfolgend berichtet, nimmt er die internationalen Todesblei-Geschicke stets sehr genau unter die Lupe; entgegen vielen seiner Kollegen aus anderen Bands, die meist vorgeben, sie kümmere dies alles überhaupt nicht.

„Ich verschaffe mit immer den aktuellsten Überblick, so gut es mir eben möglich ist. Alle Bands kann man einfach nicht kennen. Doch dabei lege ich meinen Fokus nicht immer nur auf Death Metal, sondern auf viele harte Genres. Was mir im Geschäft der extremen Musik dabei mit jedem Jahr mehr auffällt, ist, dass leider überwiegend ein Anstieg der Plagiate zu verzeichnen ist. Originalität scheint am Aussterben. Ich meine, Napalm Death hatten ihren Stil, Dismember hatten ihren Stil; solche Aha-Erlebnisse sind doch verdammt selten geworden heutzutage. Doch Dismember und Entombed schienen mir auf musikalischer Ebene schon nahezu identisch zu sein. Zwei Bands mit demselben Stil sind ja OK; aber wie die Vergangenheit und auch die Gegenwart aufzeigt, folgen einer richtig erfolgreichen Formation doch immer gleich weltweit ein paar Tausende nach, die es genau auf diese Art und Weise probieren. Den überwiegenden Großteil der Veröffentlichungen solcher Nachäffer kann man eigentlich in die Tonne treten, wenn man ehrlich ist. Was bleibt denn schon übrig davon nach einigen Jahren. Eine Band sollte doch in erster Linie eine eigene Identität haben. Man nehme nur mal Deicide, Obituary und Suffocation: Sie hatten ihre ureigene Identität. Dann spielten und klangen Unzählige so. Eine der wenigen Death Metal-Truppen, die nachfolgend etwas wirklich Eigenständiges auf die Beine stellten, waren und sind meiner Ansicht nach Nile. Ich würde mir wünschen, dass sich das Ganze mehr nach vorne entwickeln würde, als es tatsächlich seit Jahren der Fall ist. Irgendwie scheint die Sache zum großen Teil stagniert zu haben. Man sollte die Pioniere ihre Kunst machen lassen und sich selbst etwas einfallen lassen.“

Was nun Kataklysm 2006 betrifft, so klingen die Jungs so frisch und dynamisch wie schon lange nicht mehr, so der Schreihals. In diesem Punkt ist sich mein Gegenüber spürbar erneut ganz sicher.

„Wir haben noch immer eine Menge `Drive` in unseren Liedern, wir haben noch immer eine ganze Latte an Vernichtungskraft drin. Was uns als Band, als musikalische Gemeinschaft, immer wieder machtvoll nach vorne drückte, war die nicht von der Hand zu weisende Tatsache, dass wir bisher immer wieder etwas zu beweisen hatten – einerseits uns selbst, aber auch aufgrund der großen Konkurrenz. Andere Bands machen Alben, haben Erfolg und ruhen sich dann mehr oder weniger darauf aus. Sie kopieren sich in diesem Zuge doch oftmals selbst, veröffentlichen beschissene Alben und lösen sich dann irgendwann auf. Wir treten solcherlei Gefahren immer dadurch effizient entgegen, indem wir uns selbst einreden, das jeweilige neue Werk sei unser erstes Album und wir müssten der ganzen Welt damit zeigen, wo es lang geht.“

Die entspannte Unterhaltung hat im Weiteren die künstlerischen Direktiven der neuen Songs auf „In The Arms Of Devastation“ zum Gegenstand. Maurizio hierzu:

„Es war nicht allzu kompliziert für uns, diese neuen Stücke zu schreiben und auszuarbeiten. Wir verfolgten dabei schließlich eine überaus fruchtbare Grundidee, welcher sich unzählige spontane Geistesblitze anschlossen. Eine der obersten Zielvorgaben war es, gute und eingängige Melodien einzuarbeiten. Doch diese sollten natürlich dunkel und brutal anmuten. Denn gute und fiese Melodien haben uns alle in der Band schon immer fasziniert. Als wir anfingen, Musik zu machen, waren wir fanatische Thrash Metal-Anhänger. Und uns gefielen genau diejenigen Bands am besten, die am härtesten und melodischsten agierten. Das ging uns ins Blut über. Testament, Vio-Lence, Slayer, Nuclear Assault, Overkill, Exodus und Forbidden liebe ich heute noch. Wir wollten diese Vorgaben in die Extreme treiben, doch kopieren lag uns nicht im Sinn. Da kamen uns damalige Vorreiter wie Napalm Death und Konsorten gerade recht. Gerade Napalm Death können als einer der Haupteinflüsse für Kataklysm gewertet werden. So entstand der legendäre Kataklysm-Northern-Hyperblast-Stil unserer Anfänge. Und so ist es noch heute: Wir wollen niemandem nachlaufen, sondern in allererster Linie so eigenständige Musik als möglich machen.“

Da die unverwüstlichen Kanadier auch von Black Sabbath seit jeher recht angetan waren, hielten für „In The Arms Of Devastation“ diverse Einflüsse Einzug, so Maurizio. „Dies geschah jedoch in sehr begrenztem Rahmen. Das Geheimnis unseres speziellen Stils und Sounds ist es, aus einer Vielzahl von – oftmals konträren Einflüssen – unsere ganz eigene Suppe zu kochen. Alles an Musik, was wir gerne hören, fließt mit ein. Völlig egal, ob das nun Melodien, Bands oder ganze Stile sind. Interessant soll es sich anhören, was wir fabrizieren. Mit immer wieder neu überraschenden Details wollten wir dabei für die neue Platte nicht geizen.“

Der Songwriting-Prozess für das aktuelle Studioalbum gestaltete sich einerseits wie gesagt wenig kompliziert, weil Kataklysm aus einer Fülle an impulsiven Ideen schöpfen konnten.

Doch man wollte sich aber auch auf gar keinen Fall selbst wiederholen.

Darauf hieß es stellenweise sehr scharf aufzupassen, wie Maurizio sich selbstkritisch zurückerinnert.

„Nun, „In The Arms Of Devastation“ ist ja nicht unsere erste Veröffentlichung, und wir haben nun mal unseren eigenen Stil. Daher gingen wir wie die vorherigen Male auch vor: Niemand erwartete wohl nach „Epic (The Poetry Of War“ ein Album wie „Shadows And Dust“ von uns. Wiederum rechneten wohl die Allerwenigsten nach „Shadows And Dust“ mit einer Veröffentlichung wie „Serenity In Fire.“ Keiner dieser Platten ist direkt mit der anderen zu vergleichen, und das trifft auch auf „In The Arms Of Devastation“ zu. Wir haben unser Ziel erreicht, diese CD ist im gewissen Sinne einzigartig. Das war die dahinter steckende Idee. Trotzdem herrscht bei uns immer derselbe Background vor und wir arbeiten eigentlich immer mit denselben Elementen. Diesmal für die aktuelle Scheibe waren es eben Melodien und Thrash-Elemente, die wir hervorheben wollten.“

Geschrieben wurden die aktuellen Song-Todesstürme auf „In The Arms Of Devastation“ von Kataklysm-Gitarrist Jean-Francois Dagenais. Und mein Interview-Partner expliziert hierzu mit anerkennenden Worten:

„Seit ich von Kanada nach Chicago umgezogen bin, gestaltete sich die Kooperation beim Songwriting verständlicher Weise immer schwieriger. Ich kann ja nicht jedes Wochenende zu den anderen fahren. Bisher schrieb ich eigentlich den überwiegenden Großteil der Kataklysm-Stücke, besonders für „Shadows And Dust“ und „Serenity In Fire“. Ich kreierte die Grundstöcke für die betreffenden Tracks damals auf der Gitarre, in Gemeinschaft wurde dann jeweils nacheinander gleich Song für Song ausgearbeitet. Doch mit der Zeit nahm sich Jean-Francois der Sache an, da er die besten Vorraussetzungen hat und er bisher auch die besten Ergebnisse vorweisen kann. Er kam eines Tages an und offenbarte mir seine Ambitionen. Er war von seinen Ideen dermaßen überzeugt, dass ich ihn erstmal nur zu gerne gewähren ließ. Die Resultate bestätigten seine Ankündigungen dann vollauf, er lieferte haufenweise bestens brauchbares Songmaterial. Eine bessere Voraussetzung für das aktuelle Album konnte eigentlich gar nicht herrschen.“

Dennoch, Maurizio animierte Jean-Francois immer wieder dazu, das Maximum an Kreativität aus sich herauszulassen. „Ich sagte ihm beispielsweise oft, dass ich noch etwas ganz Spezielles in den Rohfassungen der Songs vermisste, als er mir diese präsentierte. Was es genau war, offenbarte ich ihm nicht. Oftmals wusste ich es ja auch selbst nicht einmal. Im Gegenzug hielt Jean-Francois sich auch nicht zurück, wenn er an meinen Änderungen etwas auszusetzen hatte. Das ist bei uns ja überhaupt kein Problem, schließlich kennen wir uns lange genug mittlerweile.“

Und diese Art der Zusammenarbeit funktionierte einfach prachtvoll:

„Nur sehr selten zuvor hatten wir allesamt soviel tiefe Freude beim Werken an unserer Musik. Ich glaube, man hört das unseren neuen Stücken auch mehr als deutlich an.“

„The Road To Devastation“, der abschließende Rausschmeißer auf dem aktuellen Langspieler, wurde hingegen von Tieftöner Stephane Barbe erstellt. Wir erfahren mehr:

„Das Stück spiegelt exakt seine musikalischen Vorlieben wider, darunter auch episch klingende Riffs und diverse Black Metal-Anleihen.“

Auf kreative Weise berührt wurden letztgenannte Gestaltungs-Bestandteile bereits auf den letzten Silberlingen, stellt Maurizio ergänzend fest und fährt fort:

„Damit dies auf klanglicher Ebene alles auch entsprechend gut zum Vorschein gebracht wird, legte für den Endmix Tue Madsen Hand an. Er arbeitete bereits für bekannte Bands wie Mnemic, The Haunted, Heaven Shall Burn, Maroon, Cataract, Ektomorf oder Born From Pain.”

Madsen löste damit Dagenais als langjährigen Endmixer ab.

„Jean-Francois hat sich unserer letzten fünf Alben angenommen, wir waren mit seinen Ergebnissen auch immer mehr als zufrieden. Doch weil eben auf „In The Arms Of Devastation“ neue Sound-Merkmale wichtig waren, wandten wir uns an Tue. Jean-Francois selbst kam mit dem Vorschlag an, unser Material diesmal an Tue zum Endmix zu übergeben. Wir vertrauten Jean-Francois da vollauf, denn er muss es ja schließlich wissen. Es macht mich glücklich, mir diese Tatsache vor Augen zu halten: Ich habe Leute in meiner Band, die das Beste für Kataklysm wollen und selbst auch mal zurückstecken – alle ziehen an einem Strang.“

Maurizios Augen strahlen leuchtend, als er solche Worte formuliert.

Der sich im Interview-Gespräch bemerkenswert kultiviert verhaltende Sänger schildert anschließend den eigentlichen Gedanken hinter der aktuellen Art der Klangmischung des neuen Erzeugnisses:

„Wir fanden es eine tolle Idee, die typisch amerikanische Produktion mit einem typisch europäischen Endmix zu finalisieren. Ich denke, es hat sich mehr als gelohnt, denn das Sound-Endergebnis ist schlicht gesagt phänomenal. „In The Arms Of Devastation“ ist unser am besten klingendes Album bisher.“

© Markus Eck, 21.01.2006

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