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Interview: KORPIKLAANI
Titel: Mit immensem Aufwand

Mit ihrem vorhergehenden 2011er Langspieler „Ukon Wacka“ konnten die Folk Metal-Spielfreudigen von Korpiklaani erneut auf breiter Linie gut abräumen.

Und von den Fans bereits sehnsüchtig erwartet, legen die außergewöhnlich fleißigen Finnen jetzt schon wieder ein neues Album vor: „Manala“. Und für ihr bereits achtes Langeisen vertonte die erfolgreiche sechsköpfige Horde dem Titel entsprechend die geheimnisvolle Unterwelt „Manala“, die in der finnischen Mythologie das düstere Reich der Toten beschreibt.

Diverse Metal- und Folk-Bands aus dem Heimatland unserer Helden um Frontmann Jonne Järvelä hantierten auf lyrischer Ebene zudem bereits mit den drei artverwandten Begriffen Tuonela, Tuoni und Mana. Eingeweihte kennen den inhaltlichen Kontext bereits aus dem berühmten finnischen National-Epos, der Kalevala. Korpiklaani erarbeiteten für diese neue Veröffentlichung ein spannendes und unterhaltsames textliches Konzept, welches, getreu dem Image der Band, erneut allerlei schamanistische Belange beinhaltet.

„Wir fühlen uns gegenwärtig allesamt sehr gut, danke der Nachfrage. Sämtliches Material für ,Manala‘ ist gerade frisch fertiggestellt worden und wir sehen der Veröffentlichung im kommenden August schon mit ebenso großer Freude wie Spannung entgegen. Es ist eine verdammt arbeitsreiche und oftmals auch stressige Zeit, die nun hinter uns liegt. Wir tourten durch Argentinien, Chile, Brasilien und sogar durch Uruguay. Diese Südamerika-Tour war einfach fantastisch zu erleben. Mit großer Freude erlebten wir unsere Fans dort wieder, für die wir bereits 2010 in diesem Teil der Erde gespielt hatten. Jetzt laden wir erstmal unsere Batterien wieder auf, wie man so schön sagt. Denn für Korpiklaani stehen aktuell diverse Sommer-Festivals an, denen sich eine erneute umfassende Tour zum Album ,Manala‘ anschließt. Wir freuen uns schon riesig drauf, viele der neuen Songs in unsere Set-List einzubauen und den Konzertbesuchern von der Bühne aus um die Ohren zu hauen“, verkündet Juho Kauppinen, seines Zeichens Akkordeonist der Band.

Wie der Klimperkasten-Mann nachfolgend informiert, ist der vollzogene Wechsel im Line-Up mittlerweile auch gut verdaut. Und der neue Violinist Tuomas Rounakari, der für den alten Fiedler Teemu Eerola in die Band geholt wurde, hat sich gut ins Gefüge der Gruppe gebracht.

„Es war auch wirklich nötig, diesen Schritt zu wagen. Und wir sind sehr froh darüber, diese klare Chance zur Verbesserung von Korpiklaani wahrgenommen zu haben. Tuomas zeigte uns seine Möglichkeiten als Violinist in allerbester Weise auf. Auch brachte er uns mittels seines sehr speziellen Kostüms etwas optisch wirklich Einzigartiges mit, was wir künftig auf den Bühnen als optimale Ergänzung zu unserer sonstigen Erscheinung präsentieren können. Zudem ist sein perfekt zu uns passendes Gebaren bei Konzerten ebenfalls höchst willkommen. Wir sind so sehr begeistert von Tuomas, dass wir ihm in unserem künftigen Live-Set sogar die Möglichkeit eingeräumt haben, ein Violin-Solo darzubieten. Letzteres wird unsere kommenden Shows inmitten unserer ganzen Songs absolut perfekt zu würzen wissen.“

Juho lobt im Weiteren sogar ausdrücklich die ausgeprägte soziale und spirituelle Ader des neu rekrutierten Saitenstreichers. „Er kommt auch mit nahezu jedem Menschen gut aus, und natürlich ganz besonders mit uns. Er trinkt auch sehr wenig Alkohol, also höchstens mal einen bis zwei Drinks, was bei uns schon auch ein nicht unwesentliches Thema ist. Unser Manager David meint gar, dass bei Korpiklaani die ,Folk-Abteilung‘, also der Akkordeonist und der Violinist, nicht trinkt. Und das stimmt, denn ich persönlich habe das Trinken bereits im Jahr 2007 komplett eingestellt“, bekennt der sympathische Tasten-Derwisch.

Wie danach in Erfahrung zu bekommen ist, gestalteten sich die Prozesse des Songwritings und der begleitenden Aufnahmen zu den Liedern diesmal etwas experimenteller als sonst.

„Wir haben sehr viel Zeit investiert, aber es hat sich doch gelohnt. Gerade die Tatsache, dass die Songtexte bis auf eine Ausnahme diesmal in finnischer und englischer Sprache kreiert worden sind, nahm ein nicht geringes zusätzliches Kontingent an Arbeitsaufwand und Zeit ein. ,Manala‘ ist zudem bereits das dritte Album, für welches wir mit dem Produzenten Aksu Hanttu zusammenarbeiten. Er bewies auch diesmal seine unglaublichen Fähigkeiten als hart schuftender Klangzauberer. Und er nahm uns hart ran. Aksu erlaubte nämlich keinem einzigen von uns, sein Instrument auch nur ansatzweise mittelmäßig zu spielen. Alles hatte famos zu sein, und genau so hört sich das aktuelle Endresultat auch an. Kein einziger Moment aus der kolossal anmutenden Menge an Stunden, die wir bei den Aufnahmen zu ,Manala‘ ableisteten, war vergeblich. Der generelle Anspruch an diese neuen Kompositionen war zwar von vornherein sehr wohl durchdacht, doch für die Aufnahmetechniken zu den traditionellen Instrumenten wurde mehr Aufwand denn je betrieben. Für Violinie, Akkordeon und Flöten beispielsweise wurde es so eingerichtet, dass Aksu das dafür vorgesehene Aufnahme-Equipment in einem Zug entsprechend einstellen konnte anstatt nacheinander. Dies machte es uns diesmal tatsächlich möglich, ständig neue Ideen sofort auf Güte und Verwendbarkeit auszutesten.“

So wird das neue Album laut Aussage des Akkordeonisten als Doppel-CD erscheinen. Außergewöhnlich: „Es wird im Zuge dessen eine CD mit finnisch besungenen Lyriken geben und eine mit englischen Texten. Wir halten das für eine tolle Idee.“

Doch Korpiklaani haben mittels „Manala“ noch mehr Überraschungen parat, so der Finne.

„Die neuen Songs sind um einiges variantenreicher, als dies auf bisherigen Alben von uns der Fall war. Ich habe dies so ungefähr ja schon oft gesagt, als es darum ging, jemandem ein neues Album von uns zu beschreiben, aber diesmal werden wirklich Metal und Folklore zu gleichen Teilen von uns verschmolzen. Und so entstand auch der angehobene Anteil an markanten Kontrasten innerhalb der Lieder; es geht beispielsweise von reinen und besinnlichen Akustik-Songs wie beispielsweise ,Synkkä‘ bis hin zu schroffen Thrash Metal-Ausbrüchen, wie man in ,Petoeläimen Kuola‘ erleben kann. ,Petoeläimen Kuola‘ ist definitiv einer der härtesten Songs, die wir jemals gemacht haben. Ob es nun typisch nach Korpiklaani klingt oder nicht, was wir da aufgenommen haben, so werden die Hörer das Material des neuen Albums rasch als Korpiklaani erkennen können. Die ersten drei Nummern auf der Scheibe sind eher simpel gestrickt und infektiös eingängig geworden, diese sind also mehr zum Mitsingen gemacht worden. Und ,Rauta‘, der dritte Track, wurde gleich noch dazu auserwählt, für einen unserer Videoclips verwendet zu werden. Im vierten Lied ,Ruumiinmultaa‘ zum Beispiel haben wir sogar orientalische Einflüsse umgesetzt, was wirklich sehr ungewöhnlich für unsere Musik ist. ,Levan Polkka‘ hingegen ist ein Coversong eines alten Stückes aus den 1930er Jahren. Insgesamt ist es uns gelungenen, immens abwechslungsreiche Musik auf ,Manala‘ zu bringen.“


Das angeregte Gespräch geht über zum erwähnten mystischen Inhalt von „Manala“. Und Juho gewährt den Lesern gerne einen ebenso informativen wie interessanten Einblick dazu.

„In der finnischen Mythologie wandert man als Toter in der Unterwelt umher wie ein schattenartiger Geist. Und ganz egal, ob man zu Lebzeiten nun ein guter oder ein böser Mensch war, so gerät man nach dem Sterben letztlich immer in die ,Manala‘ hinunter. Alle erleiden nach ihrem Ende das gleiche Schicksal. Das ist der größte Unterschied zur christlich beschriebenen Hölle, in welche ja nur die ,Bösen‘ kommen. Wie in der Kalevala beschrieben, wandern einige wirklich Mutige beizeiten zu ,Manala‘ hinunter, um tief da unten dem alten Wissen der Toten oder allerlei Flüchen auf die Spur zu kommen. So eine Reise in die Unterwelt dauert viele Wochen, es geht durch wilde Umgebungen und man hat eventuell sogar den Fluss Tuoni mit der Hilfe eines Fährmannes oder einer Fährfrau zu durchqueren. Schamanen war laut Überlieferung möglich, sich mittels eines herbeigeführten Trance-Zustandes in diese Unterwelt zu begeben. Dabei überlisteten sie auch die dortigen Wachen. Väinämöinen, einer der zentralsten Charaktere in der Kalevala, beschrieben im 16. Gedicht, vollzog allerdings eine erfolglose Reise dorthin. So stieß der mutige Schamane nicht auf den erhofften Zauber und entkam nur ganz knapp. Seine einzige Möglichkeit, ins Land der Lebenden zurückzukehren, war es, sich in eine Schlange zu verwandeln. Der ganze Kontext wimmelt vor solchen enorm spannenden Stories.“

© Markus Eck, 28.07.2012

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