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Interview: KREUZWEG OST
Titel: Chronologische Retrospektive

Ein immens innovatives, ein wirklich außergewöhnliches und vor allem auch mutiges Album, welches Zeugnis von geradezu ausufernder Kreativität ablegt, ist Kreuzweg Ost zu verdanken. Multitalent Silenius, bekannt von den dunklen Tolkien-Vertonern Summoning und ehemals bei Die Verbannten Kinder Evas, hat sich mit Martin Schirenc zu einem dynamischen Duo zusammengetan.

Schirenc, ansonsten eher im Death Metal-Bereich unterwegs, hat mit seiner neuen Band Hollenthon außerdem ein mitreißend-vielfältiges Meisterwerk an progressiv-spirituellem Deadly Dark Metal veröffentlicht. Zwei Visionäre und passionierte Musiker haben sich also für Kreuzweg Ost zusammengefunden, die jeder eine langjährige Laufbahn in diesem Metier vorzuweisen haben.

Auf ihrem nonkonformen und unkonventionellen Debütalbum haben die beiden Recken nun ihre wohl langjährigen, unverwirklichten Ideen zu einem bisher einzigartigen musikalischen Artefakt transformieren können.

Die originellen Klangcollagen der beiden grenzüberschreitenden Künstler stellen sich recht schnell als eine den Hörer in die Knie zwingende Mischung aus bizarren, knallharten maschinenmäßigen Industrial-Klängen, orchestraler Untermalung und zeitgeistig moderner Avantgarde heraus.

Thematisch wird dabei der Aufstieg und der Fall Deutschlands in belesen kritischer Manier verarbeitet. Originalsamples der deutschen und auch der alliierten Propagandamedien sowie zischende Raketenwerfer und ohrenbetäubendes Flak-Gedonner wurden gleichfalls rhythmisch wie kunstfertig in die Stücke eingebracht, welche eine ziemlich frappierende Wirkung während des Hörens entwickeln können. Zurück bleibt ein nachdenklicher Konsument.

Wer nun vorschnell schlußfolgert, Kreuzweg Ost seien eine politisch engagierte Zweisamkeit, der irrt gründlich. Denn nichts liegt den beiden Musikern ferner, als Kreuzweg Ost für ein Betätigungspodium ihrer gesamtpolitischen Anschauungen zu mißbrauchen; sie distanzieren sich nachhaltig von jeglichen aufkommenden Vorwürfen in dieser Richtung.

Martin bemüht sich um Klärung des Sachverhaltes.

Was war die Initialzündung zur Gründung von Kreuzweg Ost? Bist du vom Krieg und seinen vielfältigen Grauen dermaßen fasziniert? Oder eignen sich die verwendeten Samples einfach besonders gut zur Untermalung?

„Die Idee war, eine musikalische Umsetzung vom Aufstieg und Fall des Dritten Reichs zu produzieren, und zwar aus der Sicht des ,kleinen Mannes‘. Angefangen vom wirtschaftlichen Aufschwung, über den Krieg und schließlich der Niederlage, haben wir versucht, mehr oder weniger chronologisch vorzugehen. Die neue Kreuzweg Ost-Platte ist eigentlich kein politisches Statement, sondern viel eher ein Einblick in das Leben unserer Großeltern. Die Samples sind verschiedenen Propagandafilmen, aber auch Berichten von Zeitzeugen entnommen. Krieg übt auf die meisten Menschen eine gewisse Faszination aus, besonders wenn man selbst nie dabei war. Man kennt nur die Bilder von CNN oder was man im Geschichtsunterricht so alles gelernt hat. Sechs Millionen tote Juden und Adolf Hitler als das personifizierte Böse sind aber nur ein Teil der Geschichte. Es gab unzählige Zivilisten und junge Soldaten auf allen Seiten, die diesem Krieg zum Opfer vielen. Es hat sich wahrlich niemand mit Ruhm bekleckert!“

Ist Hollenthon nun begraben? Hoffentlich nicht, denn „Domus Mundi“ ist eine Sternstunde an innovativem Metal!

„Ganz im Gegenteil! Ich arbeite gerade an neuen Songs. Ich weiß zwar noch nicht, wann ich die Scheibe fertig haben werde, aber es geht definitiv weiter. Ich möchte nach der Veröffentlichung diesmal sogar auch auf Tour gehen.“

Wie hat die Kooperation mit Silenius stattgefunden? Was verbindet euch außer dem gemeinsamen Hang zu dieser Musikrichtung?

„Kreuzweg Ost war eigentlich seine Idee und da ich ein eigenes Studio besitze, hat er mich eines Tages gefragt, ob ich mit ihm einige Industrial-Songs aufnehmen möchte. Ansonsten sind wir gute Freunde und gehen des Öfteren auch mal zusammen auf Sauftour. Es ist immer sehr unterhaltsam mit ihm!“

Im Label-Info distanzieren sich Kreuzweg Ost ausschließlich von eventuell aufkommenden Vorwürfen politischer Natur, die euer neues Werk aber eigentlich geradezu heraufbeschwört.

Vielen Leuten geht Politik an sich ja mittlerweile total am Arsch vorbei; obwohl das oftmals befremdliche Treiben gerade der deutschen Politiker viele Menschen des Öfteren regelrecht sprachlos macht.

Und wie steht es diesbezüglich bei dir?

„So lange die Politik nicht ganz aus dem Rahmen fällt, ist sie mir eigentlich auch egal. Aber wenn es soweit kommt wie jetzt gerade in Österreich, dann interessiert es mich schon sehr. Immerhin muß ich mir ja die Vorwürfe anderer Länder anhören und mich unter Umständen sogar als Nazi titulieren lassen, obwohl ich keine der beiden Regierungsparteien gewählt habe! Österreich hat sich in seiner Dekadenz in einen richtigen Schlamassel gewählt und muß diesen jetzt auch ausbaden. Mal sehen ob die Leute daraus gelernt haben.“

Wenn du auf der Welt was zu sagen hättest, was würdest du ändern? Und was würdest du den Menschen sagen, um sie über ihre zunehmende Verblödung durch die Massenmedien hinzuweisen?

„Ich würde gar nichts ändern! Nicht, weil ich so zufrieden bin mit dem derzeitigen Zustand; sondern weil es gar nicht möglich ist, irgend etwas zu verändern, solange die Natur des Menschen so bleibt wie sie ist. Wir sind in einer Sackgasse gelandet und wollen es einfach nicht wahrhaben. Der Materialismus nimmt immer mehr überhand und die Unzufriedenheit steigt, obwohl es uns Mitteleuropäern eigentlich an nichts fehlt. Ich glaube nicht, daß die Verblödung der Massen noch aufzuhalten ist; ganz abgesehen davon, daß das auch sicherlich nicht im Interesse der mächtigen Medien und globalen Konzerne liegt.“

Apropos Medien: Schaust du ab und an in die Glotze oder hörst hin und wieder mal Radio? Was denkst du dir dann, wenn die Konsumenten systematisch mit den heimlichen Wünschen und Zielen der Machthaber zugekleistert werden? Das Konzept scheint aufzugehen, wenn man sich so umschaut. Denn die allermeisten der Zeitgenossen scheinen fast das Gleiche zu tun, zu denken und zu reden.

„Ganz genau! Der Mensch ist ein Herdentier und blökt nach einem Führer! Sei es nun in politischer Hinsicht oder aber auch nur in so belanglosen Dingen wie Kleidung oder Musik. Man muß ihm alles sagen, sonst weiß er nicht, was er will. Viele Menschen fragen sich, wie die Leute damals auf das aus heutiger Sicht eher lächerlich anmutende Auftreten von Adolf Hitler reinfallen konnten und warum sie die trügerische Propaganda nicht eher durchschaut hatten. Zur gleichen Zeit aber bemerken diese Menschen nicht, wie auch sie ständig manipuliert werden und wie immer wieder sogenannte Randgruppen diskriminiert und verfolgt werden. Das kann nicht ewig gutgehen oder wie mein einstiger Deutschprofessor vor einer Schularbeit immer so schön zu sagen pflegte: ,Es wird Heulen und Zähneknirschen geben!‘“

Was sind deine Erwartungen bezüglich der Reaktionen der Fachpresse? Bist du gut gerüstet gegen den Ansturm der wiedergekäuten Fragen und Vorwürfe all der vielen Bordstein-Schreiberlinge, die sich sowieso nicht genügend mit der Materie auseinandersetzen werden?

„Ich hoffe ja doch, daß sich wenigstens ein paar die Mühe geben und die neue Platte aufmerksam anhören. Obwohl ich sicher bin, daß schon alleine die Thematik reicht, um sie für einige Schmierfinken als rechtsradikal abzustempeln. Dieses Kapitel in der Geschichte ist noch lange nicht aufgearbeitet, besonders hier in Österreich und auch in Deutschland. Es wird lieber totgeschwiegen oder mit scheinheiliger Betroffenheit behandelt. Es wird auch lieber verboten als aufgeklärt. Daher würde es mich nicht einmal wundern, wenn wir mit dem Vorwurf der Wiederbetätigung konfrontiert würden. Wenn man einen Film über das dritte Reich dreht oder auch ein Buch darüber schreibt, wird man kaum Probleme bekommen, aber wenn man eine Platte macht, ist das gleich was ganz anderes. Man wird ja sehen was passiert.“

An was glaubst du eigentlich? Nach der Hollenthon-Scheibe kam in mir das Gefühl auf, du hältst an tibetanischen Weisheiten fest. Ich persönlich denke, wer an sich selbst glaubt, der erreicht am meisten.

„Ich bin kein besonders spiritueller Mensch, außer wenn es ums Trinken geht! Daher glaube ich auch nicht an eine höhere Macht, die mir beisteht. Aber ich denke sehr wohl, daß die innere Stärke und der Wille durchzuhalten Berge versetzen kann. Wenn man etwas wirklich erreichen möchte und seine ganze Energie aufbringt, dann ist das auch möglich. Leider sind wir Menschen fast alle nur Weicheier!“

Du und Silenius seid beide sehr starke Persönlichkeiten. Wie kann man die Arbeitsweise von Kreuzweg Ost darstellen? Wer macht was? Seid ihr euch überwiegend einig oder reiben sich die Ansichten meistens?

„Das läuft eigentlich ganz ausgezeichnet. Silenius kommt mit den Melodien und haufenweise Videos ins Studio, die wir uns zusammen mit einer Menge Bier reinziehen und die besten Passagen davon samplen. Mein Job ist mehr der des Programmierers. Ich passe die Samples danach in die Songs ein und programmiere die Synths und Drumloops. Wir kommen auf diese Weise sehr gut miteinander zurecht, da jeder sein eigenes Aufgabengebiet hat.“

Was sind die deiner Meinung nach besten und auf der anderen Seite schlechtesten Eigenschaften an dir? 


„Meine guten Eigenschaften sind meine Kreativität und Humor. Ich lache gern und bin auch für jeden Scheiß zu haben. Allerdings bin ich auch ein bißchen aufbrausend und manches Mal auch aggressiver als gut für mich ist. Ich bin introvertiert, nicht immer zu allen Leuten freundlich und sarkastisch bin ich obendrein auch noch. Jetzt, wo ich so darüber nachdenke, stelle ich fest, daß ich eigentlich ein richtiges Arschloch bin. Ich würde auf gar keinen Fall mein Freund sein wollen!“

© Markus Eck, 10.07.2000

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