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Interview: LIV KRISTINE
Titel: Auf der Basis universeller Gegensätze

Auf ihrem fünften Soloalbum „Vervain“ gibt sich Liv Kristine generell einmal mehr als große Musikliebhaberin.

Und dabei lässt es die Sängerin erwartungsgemäß aber weder an bewegenden Überraschungsmomenten noch an lebendigem Variantenreichtum fehlen. Emotional authentisch wie eh und je, erstrecken sich die neuen Synth Pop Rock-Lieder wieder auf kompositorisch weitläufigem Terrain.

Dass ihre zugleich außergewöhnlich inniglich gelagerte als auch sensitiv nuancierte Stimme mit den Jahren immer edler ausreifen konnte, zeigt sich auf „Vervain“ ausgeprägter denn je.

Offenbarung neuer Seiten
„Die Songs sind sehr ausdrucksstark - musikalisch, textlich und vom Gesang her“, beschreibt Liv.

„Sie haben diese ganz spezielle Tiefe, die ich auch bei den früheren Alben von Theatre Of Tragedy sehr schätze. Jedes Album, jede Produktion ist für mich eine spannende Herausforderung. Auch wenn ich schon seit meiner Kindheit singe und komponiere und viel Wissen und Erfahrung gesammelt habe, kann man, so meine ich, immer Fortschritte machen. Ich finde es unheimlich erfrischend, neue musikalische Fähigkeiten auszuprobieren, zu perfektionieren und mich und meine Stimmbänder neu zu definieren. Ich habe mit der Produktion von ,Vervain‘ einige neue Facetten in mir als Sängerin entdeckt.“

Historisch relevantes Gewächs
Der Titelname des Albums, den Kräuterkundige auch als Eisenkraut kennen, entstand bereits ziemlich am Anfang der Produktion, wie Liv zurückblickt.

„In meinem Songtext zum Titellied geht es auch darum, wie Liebe als das größte Gefühl aller Gefühle wie ein Instinkt entstehen kann, aber gleichzeitig bitter schmecken kann. Im Mittelalter war das Eisenkraut Bestandteil vieler Zaubermittel. Es wurde sogar als Zaubermittel in der Liebe eingesetzt. Kelten, Germanen, Ägypter, Griechen und Römer kannten und verehrten diese Pflanze, die auf den ersten Blick mit ihren kleinen Blüten ziemlich unscheinbar wirkt. Die Ägypter nannten die Pflanze ,Träne der Isis‘, die Griechen salbten ihre Gesandten mit dem Kraut ein und die Römer machten das Eisenkraut zur berühmtesten Pflanze ihrer Flora. Mir gefällt sie - so unscheinbar aber trotzdem großartig.“

Dualer Aspekt
Ein viel zitierter roter Faden zieht sich durch alle Texte, so die Blondine. „Es geht um Unscheinbares und Überdimensionales, um Kontraste und Gegensätze, im Mensch und in der Natur. So, wie auch das Frontcover meiner neuen Veröffentlichung darstellt. Alles hat zwei Seiten, jeder Mensch hat mindestens zwei Gesichter. Es geht auch um das menschliche Sein und Befinden im universellen Licht versus Dunkelheit; ein Thema, womit jeder Mensch mindestens einmal im Leben konfrontiert wird. Es geht um Übermenschliches, um den Instinkt in Mensch und Tier, um das Überschreiten von Grenzen und Erwartungen. Oft nehmen meine Texte eine unerwartete Wendung zum Thema oder Ausgangspunkt um auf einen philosophischen oder gegensätzlichen Weg abzubiegen. Das Unerwartete, das Gegensätzliche, Dunkelheit versus Licht, Instinkt versus Gesetz und konventionellen Erwartungen hat mich schon immer fasziniert. In meiner Kunst kann und darf ich beides sein, Poet und Philosoph. Diese Freiheit finde ich großartig. Dazu kommt noch ein Hauch spiritueller Wahrnehmung, denn auch ich wachse und entwickle mich auf Basis meiner Erfahrungen in der Kunst und im sonstigen Alltag.“

Zurück zu den Wurzeln
Nachfolgend darum gebeten, den Lesern den eigentlichen künstlerischen und ideellen Geist ihres neuen Albums darzulegen, erläutert sie:

„Ich hatte einfach die Vision, meine Erfahrung aus der Anfangszeit mit meiner ehemaligen Band Theatre Of Tragedy deutlicher einzusetzen. Von daher ist ,Vervain‘ ein Back-to-the-roots-Album und ist stark inspiriert von meiner Vorliebe für Doom Metal; sprich, die Musik, mit der ich durch den musikalischen Einfluss meinen Eltern aufgewachsen bin. Nur allzu gerne höre ich immer noch meine alten Black Sabbath-LPs!“

Klarer Fokus
Vor etwa einem Jahr hat sie Tosso und Alex, beide von Leaves' Eyes, von ihrer Idee und Vision des fünften Soloalbums erzählt, so die Blondine.

„Kurz darauf hin hat Tosso mir ein paar musikalische Ideen gezeigt. Ich war sofort hin und weg! Alex hat das Album produziert, und zudem noch mitkomponiert. Es ist ein absolut gigantisches Album geworden, und die Produktion ist absolut top! ,Vervain‘ hat einen glasklaren, warmen und heavy Sound - so, wie man mich seit langer Zeit kennt, seit meiner Zeit mit Theatre Of Tragedy. Ich hatte hinsichtlich des Sounds vom Anfang der Produktion an eine ganz klare Idee, wie meine neue Scheibe klingen soll. Alex hat im Mastersound Studio einige neue technische Features in die Produktion mit eingebracht. Tosso, der die meisten Songs geschrieben hat, ist einfach ein toller Komponist. Es ist unglaublich erleichternd und toll, wenn eine Produktion so dermaßen schmerzfrei abläuft!“

Mal wieder Shakespeare und Poe
Sie selbst wird ja eigentlich schon seit einigen Jahren am allermeisten von ihrer Freundin Maite Itoiz von Elfenthal inspiriert, wie Liv wissen lässt.

„Wir hatten vor einer Weile die Gelegenheit, hier im Mastersound Studio Erfahrungen auszutauschen, als sie aus Spanien auf Tournee in Deutschland war. Sie ist unglaublich, sie spielt so viele Instrumente und hat ein unglaublich großes musikalisches Wissen. Ich liebe ihre Stimme und persönliche Art. Zudem habe ich für die Texte für ,Vervain‘ wieder Shakespeare's und Edgar Allan Poe's Werke studiert. Denn diese haben, seit ich meinen Master an der Uni Stuttgart in 2003 abgeschlossen hatte, doch etwas Staub abbekommen.“

Tiefe Gefühle
Was genau erwartet die geneigten Hörer ihrer eigenen Einschätzung nach also auf musikalischer Ebene auf der Neuen im Unterschied zum vorherigen Album?


„,Vervain‘ wird im Oktober veröffentlicht - das passt von Stimmung her genau richtig. Die Songs haben viel Tiefgang und enthüllen große Emotionen. Zudem habe ich tolle Gäste hier auf Besuch im Mastersound Studio gehabt: Doro Pesch für die Ballade und Metal-Hymne ,Stronghold Of Angels‘, und Michelle Darkness von End Of Green für den Gothic-Rocker ,Love Decay‘. Es war mir eine Ehre die beiden einladen zu dürfen. Es hat einen riesigen Spaß gemacht. Viele tolle Geschichten und viele Tassen Kaffe!“

Voller Dankbarkeit
Ihre Freunde meinen wahrscheinlich, sie sei irgendwie kreativ hyperaktiv, wie die Sängerin ebenfalls noch - mutmaßend - preisgibt.

„Die Kunst, die Musik, all das gibt mir so viel an Inspiration und auch gleichzeitig Erfahrung. Ich freue mich über jedes Konzert und jedes Album. Das ist alles mit Erfahrung verbunden. Ich bin meinen Fans so sehr dankbar, dass ich meine Kreativität schon seit über 20 Jahren ausleben darf, im Studio und auf der Bühne. Zudem kommt noch das Malen dazu. Und ein baldiges Projekt wird auf Aufnahmen von Gedichten eines bekannten Künstlers basieren, nämlich Vienney Carpentier, die ich im Audio-Book-Format vorlesen werde als. Mein Herz war immer der Kunst gewidmet, obwohl ich meinen Master ja in Sprachen gemacht habe und immer wieder verschiedenste Jobs hatte, vom ,Gravedigger‘ am Friedhof in Stavanger bis hin zur Lehrerin an Sonderschulen oder als Modeverkäuferin. Eigentlich singe ich ja mein ganzes Leben lang, und ich hatte immer das Gefühl, dass die Musik mein Weg ist, obwohl ich das Singen nie gelernt oder studiert habe. Es gibt nur eine wichtigere Sache als die Musik, und das ist meine Familie. Von daher ist Zeitmanagement unheimlich wichtig, und darin bin ich verdammt gut. Ich trenne so gut wie es geht Arbeit und Familie, damit ich mich auf beides getrennt konzentrieren kann, auch wenn ich auf Tour bin. Somit habe ich die beiden Dinge in meinem Leben erreicht, von denen ich schon ganz früh geträumt habe: Meine eigene Familie zu haben und Sängerin beziehungsweise Künstlerin zu sein. Ich finde die Kraft, die ich für alles brauche, vor allem in der Natur. Ich mache auch seit vielen Jahren viel Sport und Yoga und verbinde damit oft Rituale, die mir gut tun und mich von Stress befreien. Geist und Körper sind gestärkt und ich kann auf der Bühne Vollgas geben. Ich will ja immer Vollgas geben und jeden Moment mit meinen Fans bewusst wahrnehmen. Das macht mich reich, das gibt mir sehr viel Lebensfreude! Ich habe noch ganz viel vor.“

Und was hört sich jemand wie Liv mittlerweile privat am allerliebsten an? „Das Meer, den Fjord, die Stille der Nacht. Und Black Sabbath.“

© Markus Eck, 14.09.2014

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