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Interview: LOREENA MCKENNITT
Titel: Natürliche Schönheit

Dass sie bereits seit zwei Dekaden als Sängerin, Komponistin und Musikerin aktiv ist, hört man zumindest der beseelenden künstlerischen Taufrische ihres feinen neuen Studioalbums „The Wind That Shakes The Barley“ nicht an.

Und auch hierbei brilliert die beliebte Kanadierin Loreena McKennitt auf allen anderen Ebenen wie immer bislang. Auf dieser sämtliche Sinne rasch restlos befriedenden Veröffentlichung bewegt sich die weltweit großartig erfolgreiche Herzfrau wieder hörbar zurück zu genau dem einzigartigen Musikstil, mit dem sie einst begann die Welt zu verzaubern: Nämlich betont traditionell gehaltene Kompositionen mit schottischen, irischen und auch keltischen Wurzeln, berührend balladesk, inniglich inszeniert und betörend feinfühlig interpretiert.

Dass die auf vielen kulturellen Ebenen aktive Dame ihre noch immer unweigerlich anhaltend bezaubernde Stimme auf der neuen Liederkollektion wie ein vollständig tragendes Instrument wirken lässt, potenziert gleichermaßen die musikalische Signifikanz des Werkes als auch den Hörgenuss.

Sie geht dabei mit wunderbar einfühlsamer Virtuosität vor. Und das Liebhaber von atmosphärischem Klangambiente hierbei erneut hochgradig stimuliert werden, erübrigt sich fast zu erwähnen.

McKennitt ist ohnehin zu einer eigenen Kunstmarke geworden, auf die man sich als zugeneigter Hörer getrost verlassen kann.

„Viele der Anhänger meiner Lieder, speziell diejenigen aus Nordamerika, fragten über die letzten Jahre immer wieder neugierig bei mir nach, wann ich mal wieder zu den musikalischen Ursprüngen zurückkehren würde, mit denen ich einst begann international erfolgreich zu werden. Natürlich richte ich mich schon primär nach meinen eigenen Vorlieben und kompositorischen Neigungen aus. Doch ich behielt all die Anregungen im Hinterkopf. Vor einiger Zeit bemerkte ich dann an mir, dass ich Verlangen danach verspürte, wieder Lieder zu machen und zu singen, deren Stilistik derjenigen meiner ersten Veröffentlichungen gleichen sollte. So kam es letztlich doch noch dazu, dass ich die Wünsche vieler Hörer mit dem neuen Album erfüllen konnte, ohne mich dabei allzu sehr von meinen Fans beeinflusst fühlen zu müssen“, weiß die im Landschafts-, Arten- und Naturschutz ebenfalls aktiv tätige Kanadierin eingangs mit bester Erzähllaune zu berichten.

Und letztlich hing das nun zu hörende Endresultat in seinem Gesamtumfang beziehungsweise seiner Anmut auch davon ab, so Loreena, ob die von ihr dafür vorab favorisierten Musiker zur Verfügung stehen würden.

Ebenfalls wollte sie die Lieder nicht in einem gewöhnlichen Aufnahmestudio einspielen, wie sie erzählt. Was also die erneut für die Aufnahmen zum Album verpflichteten Gastmusikanten anbelangt, welche für die aktuelle Veröffentlichung vorab von ihr nach und nach zusammenrekrutiert werden mussten, das weiß die Stimmband-Fee mit bedächtiger Stimme zu berichten:

„Eingespielt wurden die neun neuen Kompositionen in bestem Beieinander, das auch einige von meinen langjährigen Instrumentalisten beinhaltete. Ja, tatsächlich existiert so etwas wie ein konstanter `Kern` von Musikern, mit denen ich immer wieder gerne und gut zusammenarbeite. Beispielsweise der Violinist Hugh Marsh oder die Cellistin Caroline Lavelle oder auch der Gitarrist Brian Hughes, um einige davon zu nennen. Als sehr guter Hurdy Gurdy-Spieler ist mir beispielsweise Nigel Eaton über die Jahre ziemlich ans Herz gewachsen, welcher auf den neuen Songs diesmal auch hin und wieder für die Perkussion verantwortlich zeichnet.“

Für „The Wind That Shakes The Barley“ erstmals hinzugekommen sind laut Loreena indes Ian Harper, der die irische Pfeife mit Devotion spielt, ein neuer Gitarrist als auch Jeff Bird, welcher dieses mal die Mandoline und den Bass gespielt hat. „So ging die Arbeit an den Kompositionen gut von der Hand. Ganz besonders Brian Hughes, Caroline Lavelle, Hugh Marsh und auch Hurdy-Gurdy-Spieler Ben Grossman beispielsweise assistierten beziehungsweise wussten mich einfach großartig zu ergänzen.“

Dass auch die erwähnte Kooperation mit den „Neuen“ so außerordentlich gut und vor allem harmonisch geklappt hat, liegt laut Aussage von Feingeist Loreena primär daran, dass auch diese als wirklich leidenschaftliche Musiker und Routiniers mit sehr viel Herz agieren. Wir erfahren von ihr zu diesem Kontext:

„Wer wie sie so tiefgründig und so passioniert ohnehin in dieser Art von Musik tätig ist, der weiß letztlich auch recht schnell ganz genau, worauf es mir als Künstlerin in meiner individuellen Kunst so genau ankommt. Vieles läuft beziehungsweise lief da oft sogar ja ganz automatisch ab, ohne dass man sich nun eingehend tagelang auf vielen kreativen Ebenen damit auseinanderzusetzen hatte. Es gibt ja unzählige Studio- und Profimusiker auf dieser Welt, doch ein Instrument technisch perfekt zu spielen, bedeutet noch lange nicht, auch beseelt und unverbraucht beziehungsweise `organisch` agieren können, ganz im Dienste der Emotionalität eines Liedes. Daher benötige ich schon absolute Herzblutmenschen und Könner, die mit unendlich viel Liebe und Einfühlsamkeit vorgehen.“

Denn, so die Sängerin anschließend, für Klänge, die auf keltischen und irischen Wurzeln basieren, muss das jeweilig typische Klangkolorit zu 100 % darauf abgestimmt sein beziehungsweise auf den Hörer wirken.

„Ja, Authentizität geht mir in und bei meinen Liedern beinahe über alles, schließlich basiert die Effizienz und die Wirkungsweise der von mir besungenen Kompositionen letztlich auf `echt` erklingender Anmut.“

Dann geht der Gesprächsinhalt ganz explizit zu den Lyriken der neuen Lieder von „The Wind That Shakes The Barley“ über. Loreena nennt mir gerne ihre ganz persönlichen Favoriten daraus, also Texte, zu denen sie eine ganz besondere Beziehung hat beziehungsweise die sie ganz besonders zu berühren wissen:

„`The Parting Glass` beispielsweise ist sehr speziell für mein Empfinden: Ein Text, der eine gewissermaßen universelle Bedeutung hat und dabei doch eine spezifisch ausgerichtete Botschaft mit sich bringt. Nicht umsonst wurde das Lied als letzter Track auf dem Album auserkoren. Für die Hörer stellt die Komposition bestimmt ein sehr intimes, ein sehr individuelles Hörerlebnis dar. Besonders die Textzeile `If you should fall I should not` geht mir sehr zu Herzen, was für mich persönlich inhaltlich in etwa bedeutet: `Ich werde deine Erinnerungen im Herzen behalten, ich werde deinen Namen würdig nennen, ich werde dein Andenken ehren.` Also ziemlich sentimental, aber genau darum geht es bei diesem Lied eben auch.“

Von Anfang hatte die Kanadierin dazu im Sinn, ein spezielles Gebäude mit spezieller Akustik zu belegen: „Mir schwebte zu diesem Zweck beispielsweise anfangs eine Kirche vor, die in Toronto steht und in der man wirklich wunderbare akustische Umstände hat.“

Final entschieden hat sich die in Weltmusikkreisen ebenfalls sehr populäre Dame, wie sie anschließend mit sanfter Stimme erläutert, dann schlussendlich für den historischen, im Jahr 1832 erbauten Sharon Temple, welcher in Ontario im Norden Kanadas steht.

„Irgendwie ging vor den Aufnahmen alles Schlag auf Schlag, so kommt es mir zumindest im Nachhinein vor. Wir hatten lediglich neun bis zehn Tage dort zur Verfügung, um die ausgewählten Lieder aufzunehmen. Der Terminplan ließ es auch nicht anders zu, dass sogar einige der Stücke von `The Wind That Shakes The Barley` von uns dort einstudiert beziehungsweise eingeübt werden mussten. Aber da ich sowie die beteiligten Musiker in gewissem Sinne ja erprobte Routiniers sind, haben wir alles gut geschafft, worüber ich im Nachhinein mehr als froh bin. Nicht zuletzt bestand unsere größte Kunst ja diesmal auch darin, ruhig und besonnen ans Werk bei den Aufnahmen an sich zu gehen.“

Während sie für ältere Veröffentlichungen wie beispielsweise das faszinierende 1994er Zauberalbum „The Mask And Mirror“ oder das drei Jahre später erschienene Fabelwerk „The Book Of Secrets“ vor dem jeweiligen Songwriting ausgedehnte Forschungsreisen in exotische Länder unternahm, um ihre Musik noch authentischer gestalten zu können, gingen solcherlei Exkursionen für „The Wind That Shakes The Barley“ nicht voran.

Loreena hierzu: „Ich wünschte, ich hätte Zeit und Muße für weitere Reisen gehabt! Mein Interesse an den Kulturen dieser Welt hat ja nicht im Geringsten abgenommen, ganz im Gegenteil. Mittlerweile aber bin als Künstlerin und Labelinhaberin weit mehr beschäftigt, als dies vor einigen Jahren noch der Fall war. Von meinen weiteren ehrenamtlichen Tätigkeiten im Natur- und Tierschutz etc. etc. ganz abgesehen. Ich bin daneben ja auch meine eigene Managerin etc. All das nimmt immens viel Zeitkontingent ein. Aber ich habe die Dinge lieber in der eigenen Hand, selbst wenn ich mich hin und wieder buchstäblich dafür aufarbeiten muss. Die heutige Musikindustrie ist durch viele Umstände gelinde gesagt sehr schwierig geworden. Da ist es besser, die volle Kontrolle über sich, seine Werke und das ganze Drumherum zu haben.“

Alles in allem glückte der hochsympathischen kanadischen Ausnahmestimme dennoch ein bezirzend homogen erscheinendes Dokument entsprechend thematisierter künstlerischer Leidenschaften und Hingabe. Sie expliziert zu diesem Kontext:

„Das liegt wohl daran, dass die meisten der neuen Stücke irischen Ursprungs sind, wie ganz speziell das Lied `The Emigration Tunes`, welches als reines Instrumentalstück dennoch respektvoll den alten Geist der damaligen Ankunft beziehungsweise die nachfolgenden, nicht immer leichten Lebensumstände damaliger Emigranten in sich atmet, die hierher nach Kanada auswanderten.“

So basieren die meisten Stücke auf „The Wind That Shakes The Barley“ auf traditionellen alten Kompositionen, die von ihr für das aktuelle Album speziell neu interpretiert wurden, wie Loreena ergänzt.

Doch sie hat auch eine Nummer im Alleingang komponiert, wie in Erfahrung zu bringen ist, und zwar das erwähnte Instrumental „The Emigration Tunes“:

„Ich besann mich beim Erarbeiten des Liedes auf die harten kanadischen 1840er Jahre, welche die Ankunft vieler heimatflüchtiger irischer Arbeiter auf Holztransportschiffen sahen. Viele dieser Iren hatten damals schreckliche Erfahrungen durchzumachen, denn besagte Schiffe waren alles andere als sicher und zuverlässig, geschweige denn komfortabel oder nach humanen Gesichtspunkten konstruiert und gebaut. Ich bin sehr froh, dass ich dieses Lied nun endlich so vollenden konnte, wie ich es seit Jahren als grobe Vision mit mir im Kopf herumtrug. Aber ich wollte warten, bis die Zeit und ich dafür so recht reif waren. Auf eine andere Veröffentlichung von mir hätte die Komposition ohnehin nicht gepasst, wie ich finde, auch deswegen ist sie somit auf dem aktuellen Album beziehungsweise zwischen den restlichen Songs bestens platziert.“

© Markus Eck, 27.10.2010

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