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Interview: LOVE LIES BLEEDING
Titel: Schlüssel zu allen Mysterien

Diese elitären französischen Schwarzsymphoniker sollten allen fanatischen und enthusiastischen Anhängern von betont opulent arrangiertem orchestralem Black Metal ein sehr geläufiger Begriff sein. Wenn nicht, dann sollte sich dieser leidlich defizitäre Genrewissenstand schleunigst ändern, denn die hochsensiblen und von brennendem Seelenschmerz erfüllten Black Metal-Poeten veröffentlichten bisher mit ihrem Debüt „Behold My Vain Sacrifice“ und dem nachfolgenden Fabelwerk „S.I.N.“ zwei den Geist fesselnde Ausnahmealben dieser Stilistik, die man als aufrecht ergebener Jünger solcher Klänge unbedingt gehört haben sollte.

Nun liegt mit dem dritten Album „Ex Nihilo“ weitere stockdunkle und große Nachtmusik der Franzosen vor. Und erneut geben sich in den verschlingend schicksalhaften Peinkompositionen von Love Lies Bleeding schier grenzenloser geifernder Haß, verschwenderisch dekadente Pracht des Rokoko und verträumt anmutige Komponierverspieltheit des Barock die goldene Türklinke zum Innersten der Hörer in die samtbehandschuhten Finger.

Zwischen Leidenskapellmeister und Hauptkomponist Adrastis und mir vollzieht sich zum wiederholten Male ein mitternächtlicher Dialog zweier lichtscheuer Herzen.

„Interessant, du bist der erste Journalist, der mir sagt, daß er `S.I.N.` exzellent findet“, entgegnet er mein nachträgliches Lob auf das letzte Album.

Und Adrastis ergänzt gleich noch zur Entstehungsgeschichte seines aktuellen Werkes:

„Musikalisch bewegt sich `Ex Nihilo` eigentlich immer noch auf dem selben stockdunklen Level, obwohl die Songs dieses Mal um einiges mehr gewalttätig ausgefallen sind und auch orchestraler arrangiert wurden. Zudem arbeitete ich für das neue Album um einiges mehr an Songstrukturen aus, es sind eine Menge an Veränderungen in den neuen Stücken zu vernehmen, was Tempi und Atmosphären betrifft. Ich verwendete seit langer Zeit manchmal sogar wieder Old School Black Metal-Riffs, wie sie von Darkthrone und Satyricon einst kreiert wurden. Dann und wann ließ ich mich auch von Brahms oder Grieg inspirieren. Alles arbeitete wieder perfekt in meinem Kopf zusammen.“

Die Songstrukturen sind wie erwähnt von prägender Relevanz für Adrastis. „Sie sollten, gerade bei Musik wie der meinen, nicht nur eine Aneinanderreihung differierender Ideen sein. Jeder Part, jede Note, sollten an ihrem bestmöglichen Platz innerhalb der Kompositionen Verwendung finden.“

Um diesem Vorhaben erneut adäquat Rechnung zu tragen, scheute der hochkreative Gitarrist, Bassist und Keyboarder keine Mühen.

„Um eine zusätzliche Tiefe meines auch auf `Ex Nihilo` angestrebten Ausdrucksvermögens kontaktierte ich diesmal sogar einen Opernsänger, welcher auf dem Album zu hören ist. Seine herrlichen Vocals ergänzen den bei Love Lies Bleeding schon gewohnten Black Metal- und Frauengesang. Ich ließ die drei Gesangsarten in allen denkbaren Variationen zusammenkommen und setzte mir keine kreativen Grenzen, manchmal sind sogar bis zu sechs verschiedene Vokalparts zu selben Zeit zu hören. Für mich ist es immer schon sehr wichtig gewesen, unter einem orchestralen und symphonischen Aspekt zu komponieren, alle Arrangements auf `Ex Nihilo` wurden wie eine richtige Symphony komponiert.“ Das ist deutlich zu hören.

Bleiben wir bei den neuen Songs. Lyrisch sind das letzte Album „S.I.N.“ und „Ex Nihilo“ eng miteinander verknüpft.

Der Meister legt den Taktstock beiseite und offenbart:

„`Behold My Vain Sacrifice` ist ein Album, welches ich heute nicht mehr machen möchte und auch nicht könnte. Die lyrische Verbindung zwischen dem letzten und dem aktuellen Album ist die, daß ich damit positiven Nihilismus ausdrücken möchte – so in der Art, daß man erst alles um sich herum zerstören muß, um daraus seine eigene auf lange Sicht hin befriedigende Existenz aufzubauen. `S.I.N.` war die Zeit der Zerstörung, daraus ging nichts anderes als mein individuelles und ureigenes Ich hervor: Gott ist tot, die Realität existiert nicht länger, die Wahrheit ist eine totale Lüge. Durch `Ex Nihilo` definiert sich nun die Zeit der ganzheitlichen Neuerschaffung. Das ganze Album ist eine Hymne an die Kunst an sich und die daraus zu erlangende Kraft, sich selbst neu zu erschaffen, sich selbst zum Gott zu machen und um damit der grenzenlosen religiösen Leere des Christengottes zu entfliehen. Wir als Menschen bringen die Intelligenz mit, selbst göttliche und vollkommene Kreationen zu erschaffen, die weit hinter dem Vorstellungsvermögen der Menschen liegen. Der Song `Ex` handelt davon: Wir müssen unseren manchmal doch sehr einfach strukturierten Geist verlassen, um uns ständig selbst neu zu erschaffen. Somit ist das Leben der Schlüssel zu allen Mysterien.“

Diese Art von Statements überrascht hier nicht im geringsten, wenn man Kunstkenner und Feingeist Adrastis kennt. So ist auch seine Aussage nichts Neues, im Moment nicht live auftreten zu wollen.

„Vielleicht eines Tages, aber wenn, dann möchte ich etwas ganz Spezielles arrangieren. Ich finde einfach keinerlei Freude bei der Vorstellung daran, einen profanen regulären Gig zu zelebrieren.“

Ansichtssache. Mir hingegen gefällt die Imagination sogar sehr, Love Lies Bleeding in prächtigen barocken Kostümen samt opulentem Symphonieorchester in einem stimmungsvoll eingerichteten Opernhaus auftreten zu sehen. Und dabei genussvoll erleben zu dürfen, wie dem anwesenden erlauchten Auditorium durch klanggewaltige und enorm gefühlsstarke Performance sämtliche Monokel und Perücken von den staunenden Köpfen gedonnert werden.

© Markus Eck, 17.09.2002

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