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Interview: LYFTHRASYR
Titel: Originelle Orientierung

Grenzenlos phantasievolle Visionäre auf dem Zenit ihres Schaffens! Im Jahr 2002 erstmals schwarzmetallisch animiert, wuchsen künstlerisches Fassungsvermögen und qualitative Kompetenzen von Lyfthrasyr bis heute stetig weiter an.

„The Engineered Flesh“, das neue, höchst fulminante und dritte Album, zeigt jetzt das innovativ ausgerichtete Schaffen der Karlsruher Frontfigur Aggreash ganz eindeutig auf bislang allerhöchsten Ebenen auf. Mithilfe mit der ehemals bei Belphegor in Diensten gewesenen Trommel-Hochleistungsmaschine Tomasz „Nefastus“ Janiszewski konnte dem Ganzen ein gewaltig co-dominierender Rhythmusdruck diktiert werden.

Zusammen mit diesem hemmungslos präzise zuschlagenden Taktkiller hievte der passionierte Transhumanist Aggreash seine eiskalten Schöpfungen in senkrecht stabil stehende Positionierungen. So wurden acht apokalyptisch atmosphärische, monströse Modern Black Death Metal-Monumente errichtet.

Erneuertes Eigenleben
Multitalent Aggreash, bei Lyfthrasyr als Vokalist, Tieftöner, Keyboarder und „Elektroniker“ am Werk, freut sich über das Kompliment.

„Ich denke, die lange Pause zwischen dem Vorgänger ,The Recent Foresight‘ und dem neuen Album ,The Engineered Flesh‘ hat mir hinsichtlich Kreativität sehr gut getan. Über die Zeit haben sich eine Menge neuer Ideen angesammelt. Außerdem habe ich in der Zeit viele neue Einflüsse für mich entdeckt, die sich allesamt in den neuen Songs entdecken lassen.“

Durchdrungen von Industriellem
Auch wenn er, wie der vielfach interessierte Musiker bekennt, generell kein großer Freund von Genrebezeichnungen ist, hat er die Bezeichnung „elektronisch infiltrierter Black Metal“ für den aktuellen Output gewählt.

„Im Kern ist es Extreme Metal, ob jetzt mit mehr Black- oder mehr Death Metal darin, das kann jeder für sich entscheiden. Zwischen High-Speed und Mid-Tempo ist alles vertreten, mit etwas mehr Fokus auf Hochgeschwindigkeit. Neben Gitarrenwänden und –Läufen sind auch viele eher klassische Klaviermelodien und Streicherarrangements vorhanden. Der Gesang geht eher in Richtung Death Metal Growls, da mir das stimmlich besser liegt und auch besser passt als der typische Black Metal-Stil. Das Besondere sind mit Sicherheit die Einflüsse aus dem Industrial- und Elektro-Bereich, die sich in Synthesizer- und Effektprogrammierung niederschlagen. Da habe ich mich sehr von The Prodigy oder alten Alben von Apoptygma Berzerk beeinflussen lassen.“

Durchstoß in neue Sphären
Zur nonkonformen stilistischen Mixtur der Veröffentlichung befragt, beziehungsweise, worin er selbst deren allergrößte Stärken sieht, gibt der Frontmann zu Protokoll:

„In der Art und Weise wie alles kombiniert ist. Mir wurde bereits mehrfach gesagt, dass trotz der vielen, teils komplett neuen Einflüsse wie dem Elektro immer noch sofort klar erkennbar ist, welche Band hier am Werke ist. Der Stil der beiden alten Alben sei konsequent weiterentwickelt worden, während zusätzlich neue Eigenheiten und Besonderheiten dazukommen sind. Natürlich freue ich mich sehr, so etwas zu hören, denn genau das war auch mein Ziel. Außerdem bin ich mir sicher, mit dieser Mischung etwas Neues geschaffen zu haben, das es so zuvor noch nicht gab.“

Alle neuen Songs und Texte auf „The Engineered Flesh“ stammen von ihm selbst, wie Aggreash nachfolgend darlegt: „Das Songwriting war allerdings kein kontinuierlicher Prozess. Immer, wenn ich mir etwas Zeit über mehrere Tage hinweg nehmen konnte, habe ich zuvor gesammelte Ideen ausgearbeitet und in einen gemeinsamen musikalischen und konzeptuellen Kontext gesetzt. Das hat bereits Anfang 2009 begonnen und ging etwa bis Mitte 2013, also viereinhalb Jahre insgesamt, allerdings auch immer wieder mit längeren Pausen zwischendrin.“

Was nun Bands anbelangt, die ihn für seine neue Musik massiv beeinflusst haben, da gibt es laut Aussage des Lyfthrasyr-Frontmannes einige zu nennen. Wir erfahren:

„Der ursprüngliche Haupteinfluss war und ist immer noch Dimmu Borgir. Die Anteile an modernem Metal kommen dabei am ehesten von Rammstein und Machine Head. Die elektronischen Spielereien sind wiederum stark von The Prodigy, Turmion Kätilöt, Marylin Manson, und Apoptygma Berzerk geprägt.“

Transhumanismus - Verbesserung oder Verderben?
Das futuristische lyrische Konzept von „The Engineered Flesh“ greift ebenso große wie gefährliche Eingriffe des Homo Sapiens in das Leben an sich auf.

Diesbezüglich darum gebeten, den Lesern die grundsätzliche textliche Ausrichtung der neuen Veröffentlichung näher zu bringen, gerät der Vokalist schlagartig in angehobenen Redefluss:

„Das Gesamtkonzept hinter ,The Engineered Flesh‘, das sich durch alle Songs, Texte und das Artwork zieht, ist Transhumanismus. Das ist die Philosophie der künstlichen Verbesserung und Erhaltung des Menschen durch Nanotechnologie, Genetik und Robotik. Die Möglichkeiten dieser Technologien sind überwältigend, sobald wir sie irgendwann zuverlässig in den Griff bekommen. In den Songtexten versuche ich neben den Ansätzen und potentiellen Anwendungen dieser Technologien auch ihre Vor- und Nachteile zu diskutieren. Mit Nachteilen meine ich hier allerdings nicht den Missbrauch durch Terroristen oder Regierungen, wie das in vielen Hollywood-Filmen thematisiert wird, sondern eher die Gefahr von Anwendungsproblemen oder Nebenwirkungen einer Technologie, die noch nicht ausgereift sein könnte. Berechtigte Fragen sind daher: Können wir durch Genmanipulation wirklich zuverlässig tödliche Krankheiten heilen oder erzeugen wir damit auch neue Krankheiten? Können wir menschliche Fähigkeiten, Talente oder sogar Charaktereigenschaften künstlich verbessern? Wäre man immer noch man selbst im Falle eines menschgemachten Seelentransfers von einem Körper in einen anderen? Kann unendliches oder erneuerbares Leben wirklich ganzheitlich für Körper und Geist funktionieren – oder nur unvollständig? Macht es überhaupt noch Sinn, an eine höhere Macht zu glauben, wenn wir selbst unserem eigenen Schicksal mit Altern, Krankheit und Tod durch Nanotechnologie und Genetik entkommen können?“

Die Möglichkeiten dieser Technologie sind für ihn einfach faszinierend, wie er weiter erzählt, und so umfangreich, dass seiner Ansicht nach auch mehrere Alben thematisch locker damit zu füllen wären.

„Allerdings wird in den nächsten 50 Jahren nicht viel Bahnbrechendes passieren, glaube ich. Die Komplexität dieser Technologien ist so hoch, dass wir deutlich länger brauchen werden, um sie systematisch zu kontrollieren. Aber vielleicht sind einige wenige Aspekte bis dahin gelöst wie beispielsweise die Heilung bestimmter Erbkrankheiten noch vor der Geburt.“

Entschiedene Einstellung
Momentan scheinen die wichtigsten Regierungen der Welt das Tempo der so genannten „Neuen Weltordnung"“ spürbar anzuziehen. Leider meistens zum absoluten Nachteil des freien Denkens etc., wie vielfach postuliert wird.

Wir sprechen im Weiteren darüber, ob sich der Einzelne davon überhaupt noch ausnehmen kann, ohne gesellschaftlich massive Einbußen und Nachteile hinnehmen zu müssen. Aggreash kontert schlagartig und mit Dynamik in der Stimme mit einer Gegenfrage:

„Was ist die ,Neue Weltordnung‘? Ich muss da vielen Meinungen eindeutig widersprechen: Ich glaube nämlich nicht, dass wir jemals so viel Freiheit hatten, eigene Gedanken zu entwickeln und diese beispielsweise über das Internet in alle Welt zur Diskussion zu verteilen. Keiner hindert uns daran, wenn wir uns nicht dumm anstellen oder offensichtlich Ärger provozieren wollen. Daher sehe ich auch keine Nachteile in der aktuellen Entwicklung. Kommen Probleme auf, regeln sie sich meist evolutionär, indem es beispielsweise Menschen gibt, die ihre Möglichkeiten nutzen und gezielt übertriebene Überwachung bloßstellen, damit diese sich wieder zügelt und Grenzen einhält. Das mag so formuliert vielleicht etwas einfach und naiv klingen, aber die Tendenzen dazu sind da. Außerdem sind wir in vielerlei Hinsicht heute deutlich besser dran als früher – egal wie weit dieses ,früher‘ zurückreicht. Jede Art von Fortschritt wird immer in mehrere Richtungen gleichzeitig voranschreiten, von denen die meisten am Ende scheitern. Aber die eine Richtung, die sich durchsetzt, auch wenn sie eine Zeitlang nicht so gut erscheinen mag, kann uns am Ende signifikant weiterbringen.“

Rasanz und Abwechslung
Schlagzeuger Nefastus kennt er schon lange, so der Lyfthrasyr-Fronter weiter. Und der Drummer ist ohnehin bereits seit 2010 fester Teil im Live-Line-Up.

„Daher lag es auf der Hand, dass wir das Album zusammen machen. Da ich bereits frühzeitig von seinem Mitwirken wusste, konnte ich die Songs auch sehr gut mit ihm auf ihn ausrichten. Gerade im Hochgeschwindigkeitsbereich konnte ich noch eine Schippe drauflegen, was die Geschwindigkeitsvariation und damit auch die Vielseitigkeit des Albums im Vergleich zu seinen Vorgängern nochmals deutlich erhöht hat. Am spannendsten für mich war die Art und Weise, wie er den programmierten Pilotspuren durch sein Spiel Leben eingehaucht hat. Gerade die vielen Details und Verspieltheiten, die jetzt auf dem Album zu hören sind, machen den Reiz aus.“

Aggreash bleibt also strikt auf seinem musikalischen Kurs, wie man aktuell einmal mehr hört. Worin sieht der Karlsruher Musiker eigentlich mittlerweile seine ganz speziellen Stärken als Musiker und Komponist, nach all den Jahren?

„Da ich die Songs alleine schreibe, kommen sie alle aus einem Guss. Ich sehe nicht ,mein‘ Instrument als Fokus des Interesses beim Songwriting, sondern setze jedes Instrument songdienlich ein. Außerdem entwickle ich seit dem Songwriting für ,The Engineered Flesh‘ für jeden Song zunächst ein Konzept und versuche, meine musikalischen Ideen auf dieses Konzept auszurichten. Diese Vorgehensweise ist unserem Live-Keyboarder Vethys zu verdanken, der mich in dieser Hinsicht sehr positiv beeinflusst hat. Inzwischen schreibe ich seit zwölf Jahren Songs und konnte mir neben Erfahrung beim Arrangement von Instrumenten vor allem auch Produktionswissen aneignen. Gerade das kommt den neuen Songs sehr zugute, da ich besser abschätzen kann, wie sich bestimmte Ideen auf den Sound am Ende auswirken können. In der Vorproduktion konnte ich viele Spuren bereits so gut vorbereiten, ausarbeiten und vormischen, dass sie im Studio nur noch eingesetzt werden mussten und keine Nacharbeit nötig war. Das hat Zeit und Raum für wichtige Detailarbeit gelassen, die gerade beim letzten Album ,The Recent Foresight‘ etwas zu kurz kam. Nicht zuletzt habe ich immer genau und aufmerksam die Reviews zu meinen Alben gelesen, um wiederkehrende Kritikpunkte zu verstehen und zu berücksichtigen. Einige dieser Kritikpunkte waren beispielsweise die zu wenig kompakten und dadurch sperrig wirkenden Songstrukturen, die fehlende Abwechslung von Song zu Song, oder das Fehlen eines Hits, der sofort ins Ohr geht. Genau diese drei Aspekte habe ich auf ,The Engineered Flesh‘ versucht, besser zu machen: Die Nummern kommen auf den Punkt, jedes Stück unterscheidet sich signifikant von allen anderen und der Song ,Technological Singularity‘ bringt Hitpotential mit.“

Gezielt gerahmtes Klangbild
Produziert hat der Vielseitie das Ganze also sogar auch noch selbst.

Die am neuen Album beteiligten Sound-Ingenieure haben es überraschend authentisch hinbekommen, den aktuellen Sound von Lyfthrasyr optimal einzufangen. Aggreash bilanziert:

„Mix und Mastering wollte ich – wie bei den vorigen Alben auch – von richtig guten Sound-Ingenieuren vornehmen lassen. Fredrik Nordström [Studio Fredman; A.d.A] ist bekannt für seinen kompromisslosen, druckvollen und auch etwas sterilen Sound. Das sind genau die Eigenschaften, die zum Konzept des Albums passen und die ich für meine Songs gerne haben wollte. Er hat bereits das letzte Album ,The Recent Foresight‘ gemischt und den Songs einen großartigen Sound verpasst. Da ich seine Arbeitsweise inzwischen kenne, konnte ich während der Vorproduktion bereits vieles auf ihn abstimmen. Mika Jussila [Finnvox Studios; A.d.A] hat 2005 das Mastering für das Debütalbum ,The Final Resurrection‘ übernommen und unglaublich viel aus dem nicht ganz optimalen Mix herausgeholt, den der damalige Gitarrist Insorior und ich gemeinsam gemacht hatten. Er hat es genau verstanden, den Sound abzurunden und ihm den letzten Schliff zu verpassen, ohne die Aggressivität und den Druck zu verringern. Ich bin sehr glücklich über die Zusammenarbeit mit beiden und das Resultat.“

Mit Selbstwertgefühl auf die Bretter
Gigs wird es natürlich geben, welche die Veröffentlichung von ,The Engineered Flesh‘ flankieren, wie der Sänger diesbezüglich, mit geradezu funkelnd strahlenden Augen noch verkündet.

„Ich freue mich schon darauf, endlich wieder auf der Bühne zu stehen. Einige der neuen Songs hatten wir bereits 2012 schon gespielt. Wie viele und welche Songs genau in die Setlist kommen, das wird letztlich von den Konzerten und der jeweiligen Spieldauer abhängen. Im Laufe der Jahre haben wir alle Songs der ersten beiden Alben gespielt. Ich kann mir gut vorstellen, dass das beim neuen Album auch der Fall sein wird. Auf gewisse Weise nervös bin ich diesbezüglich also nicht wirklich, da wir einige Songs bereits gespielt haben, sie sehr gut funktioniert haben und beim Publikum auch gut angekommen sind. Bei einem Song wie beispielsweise ,Evolution‘ mit seinen ganzen technischen Spielereien wird es allerdings nicht einfach sein, ihn authentisch live umzusetzen. Ich hoffe jedenfalls auf viele schöne Konzerte.“

© Markus Eck, 17.11.2013

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