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Interview: MACTÄTUS
Titel: Hexerei nach Noten

Die ausdauernden Norweger Mactätus stehen nun schon seit 1989 im Dienste des Gehörnten und haben mit der aktuellen Veröffentlichung „The Complex Bewitchment“ bereits das dritte lange Eisen im ewigen Höllenfeuer.

Die sechsköpfige Band, die unter Kennern als eine der derzeit besten Epic Black Metal-Outfits weltweit gilt und die diese Einschätzung vollauf rechtfertigen kann, wurde bereits 1989 von Gitarrist Gaut und Drummer Hate Rodvitnesson gegründet.

Das brillante Debütalbum „Blot“ aus dem Jahre 1996 konnte die erlesene Truppe vom Fleck weg als einen Black Metal-Act der etwas anderen und auch höheren Art etablieren. Schon auf dem ersten Zeugnis ihres Könnens spürte man die inbrünstige Leidenschaft und die unstillbare Besessenheit der nordischen Schergen Luzifers für die Dunkelheit.

Erschien diese kleine Pretiose damals noch auf dem Indie-Label Embassy Productions und konnte aufgrund der stark limitierten Möglichkeiten der kleinen Firma die erwünschte Klientel nicht vollständig missionieren, so setzte die Band zwei harte Jahre später ihre Insignien unter den Vertrag mit Napalm Records.

Dort ließen Mactätus noch im selben Jahr den als elitär zu deklarierenden Nachfolger „Provenance Of Cruelty“ von der Kette.

Letzterer ermöglichte der dunklen Schwadron durch die deutlich verbesserte Ausgangssituation einen immensen Popularitätsschub nach vorne, den Mactätus angesichts ihres unwiderlegbaren Könnens auch bitter nötig hatten.

Diese gar prächtig inszenierte Scheibe geriet nun rundum zu einer professionellen Angelegenheit.

Geboten wird auf „Provenance Of Cruelty“ ein regelrechtes Bombardement an zündenden und ausgereiften Kompositionen der überlegenen Klasse, eine Top-Produktion und ein die Thematik schlicht perfekt wiedergebendes Frontcover-Artwork des Zeichners Joe Petagno, der schon so viele Alben der Branche mit genialen Gemälden wie beispielsweise für Ouija, Unlord, Bewitched, Infamy, Dies Ater etc. versorgt hat.

Mit diesem Geniestreich ist den diabolischen Derwischen der ganz große Wurf gelungen.

Das Werk ist zeitlos gut und kann auch noch nach Jahren ohne die geringsten qualitativen Verschleißerscheinungen genossen werden.

Mit dominant involviert erscheinendem Bombast, der aus den Stücken regelrecht schwermütige Hymnen machte, konnte diese Horde eine riesige Anhängerschaft um sich scharen.

Doch Mactätus ruhten sich beileibe nicht auf den erworbenen Lorbeeren aus, sondern schrieben seit damals an neuen Stücken. Nun erscheint mit „The Complex Bewitchment“ also das dritte Album des superben Sextetts, dessen abermaliges qualitativ-charismatisches Strickmuster ein erneut enormes Potential freilegen kann.

Potential mithin, welches sich in acht neuen Songs reflektiert, die atemberaubend gut geworden sind. Gitarren-Virtuose Gaut, der die Band als Mitbegründer kennt wie keiner, steht der intelligenten Erscheinungsweise der gespenstischen Musik seiner pechschwarzen Truppe in keiner Weise nach.

„Wir begannen damals in verschiedenen Bands, die auch verschiedenen Arten des Metal frönten. Aber nach nicht allzu langer Zeit wendete sich das Blatt in Richtung Black Metal, was zur Gründung von Mactätus führen sollte. Und wir blühten regelrecht auf beim Komponieren und Spielen dieser Musik. Heute haben wir uns unserem Sound mit Leib und Seele verschrieben, wie du unschwer auch auf unserem neuesten Release hören kannst. Der Hauptgrund ist der, daß wir einfach alle total auf diese Musik abfahren und das macht die Wahl für uns sehr einfach. Manche mögen sehr wohl sagen, daß es auch das Gefühl innerhalb von Mactätus ist, das unseren Sound hervorbringt. Wir starteten wie gesagt ja alle mit verschiedenen Stilrichtungen, aber schon in der frühen Historie von Mactätus tendierten wir immer mehr in die Black Metal-Richtung.“

Das Wort „Inspiration“ ist für Gaut ein sehr weit gefächerter Term.

„Wir beziehen unsere größten Eindrücke für die Songs aus unseren täglichen Erlebnissen, unserem sozialen Background und aus unserem Glauben. Uns verbindet der Haß auf die Religionen, die Liebe zur Natur, Nordische Mythologie, Fantasy etc. Das sind die Elemente, aus denen unser Material heraus entsteht. Auch von anderen Bands, welche Großartiges schaffen, lassen wir uns beeinflussen. Das ist der Grund, warum wir so abwechslungsreiche und qualitative Songs schreiben können.“

Niemand ist dabei das Gehirn oder der künstlerische Anführer bei Mactätus, wie der Gitarrist weiter darlegt.

„Wir bestimmen alle mit bei allem, was getan wird. Ty und ich sind die beiden, die die meisten Songs schreiben, aber Forn, unser Keyboarder, hat auch schon des Öfteren wirklich brauchbaren Stoff abgeliefert. Songwriting ist ein sehr langwieriger Prozeß, in den wir alle involviert sind, denn das Material wäre nicht dasselbe mit nur einem oder zwei Songwritern. Sänger Hate Rodvitnesson und ich machen die meiste Pressearbeit, aber davon abgesehen macht niemand in der Band in irgendeinem Bereich mehr als die anderen; letztendlich natürlich auch beim Komponieren unserer Stücke.“

Wie lange zog sich denn der Songwriting-Prozeß für das neue Album hin? „Wir brauchten ungefähr ein Jahr dafür. Wir starteten circa vor den Aufnahmen zu „Provenance Of Cruelty“ und stellten die finalen Details während der Aufnahmen zum aktuellen Werk fertig.“

Mactätus wurden ja schon 1989 aus der Taufe gehoben und haben sich nun schon eine ganze Weile in einem schnelllebigen Business gehalten, was auf enormes Durchhaltevermögen schließen läßt.

Was hat sich denn aus der persönlichen Sicht von Gaut seit damals verändert?

„Die Szene hat sich in gigantischer Weise vergrößert und auch das Genre an sich mit seinen vielen Sub-Genres. Am Anfang stand der heute so genannte Old School Black Metal, der heutzutage fernab jeglicher Realität anzusiedeln ist. Das heutige Black Metal-Genre hat enorm an Komplexität gewonnen und kann mehr Boden denn je zuvor für sich verbuchen; sowohl musikalisch als auch lyrisch. Auch genießt die Black Metal-Szene mehr Akzeptanz denn jemals zuvor in ihrer Geschichte, was als die hauptsächliche Ursache für die sich überschlagenden Geschehnisse und den enormen Aufstieg einiger Bands in den letzten fünf Jahren aufzulisten wäre. Meiner Meinung hat sich alles ziemlich positiv für uns und alle anderen Truppen entwickelt, und die gegenwärtigen Oberliga-Schwarzmetall-Kapellen bekommen und genießen den Respekt und die Anerkennung, die sie auch verdienen.“

Da wäre auch noch die Frage zu klären, warum es eigentlich so lange mit der Veröffentlichung der ersten Platte gedauert hat.

„Am Beginn von Mactätus probierten wir eine Menge verschiedener Leute als Bandmitglieder aus und es brauchte geschlagene vier Jahre, das arbeitsfähige Fundament für die Band zu setzen, welches aus Vokalist Hate Rodvitnesson, Gitarrist Ty, Drummer Mjölne und mir bestand. Erst dann starteten wir richtig mit den Komponieren und ausarbeiten von Songs. Jedoch dauerte es wieder eine Weile, bis wir flüssig und routiniert arbeiten konnten und mit den Stücken zufrieden genug waren, um ein Demo-Tape aufzunehmen, um damit einen brauchbaren Deal an Land zu ziehen. Das war so um 1995 bis 1996 herum. Danach ging es aber dann wirklich kontinuierlich und stetig weiter mit unserer Karriere“.

„The Complex Bewitchment“, ein sehr aussagestarker Albumtitel. Was bedeutet er für die Band?

„Das Album ist ein komplexer magischer Fluch von Mactätus. Er ist wie gesagt zu komplex, um von Außenstehenden restlos verstanden zu werden, aber seine Kraft kann während des Hörens des Albums gefühlt und wahrgenommen werden. Er zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Werk. Versuche erst gar nicht, ihn zu verstehen, fühle ihn und lasse ihn auf dich wirken! Es ist ein Fluch, in die Welt gesetzt von uns, von Mactätus, der die Hörer treffen und der unsere Gedanken, Phantasien und unsere inneren Botschaften ausdrücken in unsere Anhänger tragen soll!“

Zu Hassen heißt für Gaut auch, sich vor jemandem oder etwas zu ekeln.

„Und es ist wirklich eine ganze Menge auf dieser verfaulten und korrupten Welt, in der wir alle leben, das man einfach nur hassen kann. Ich will hier aber nicht meine innersten Gedanken über meinen Haß ausbreiten, weil es ein sehr persönlicher und sensibler Teil meines Lebens für mich ist. Daneben denke ich auch nicht permanent an bestimmte schreckliche Dinge und fürchte sie, bevor sie passiert sind. Mein Leben ist jetzt und hier und ich verschwende keine Zeit mit ängstlichen Gefühlen, welche mir mein Dasein erschweren würden.“

Ist bei soviel Haß, der sich in der Musik definiert, eigentlich auch Platz für Liebe in Gauts Herzen?

„Liebe ist ein sehr weit ausufernder Aspekt im Leben eines Menschen. Ich empfinde tiefe Liebe für meine Familie und die Dinge, die ich gerne tue. Richtige ehrliche Liebe meint Verpflichtung und Verantwortung, was erst eine tiefe Bindung zwischen zwei Menschen entstehen läßt. Mein größter Stolz ist mein Sohn Adrian, und die Dinge, die wir mit Mactätus bisher erreicht haben.“

Zuerst und überhaupt glaubt Gaut, den vorangegangenen Kontext betreffend, daher an sich selbst, wie er weiter berichtet. Für ihn gibt es keine Form eines Gottes in seinem Leben.

„Es sind viele Parallelen zu ziehen zwischen meinen Philosophien und dem Satanismus, aber ich bete den Teufel nicht als einen Gott an. Ich sehe Satan als eine Metapher für einen von regulären Regeln und äußerlichem Einfluß total unabhängigen Lebensstil an. Ich sehe Satanismus auch nicht als eine Religion oder Glorifizierung des Gehörnten an, sondern als einen Kampf des Individualisten gegen die Welt, die ihm nicht gefällt. Satanismus symbolisiert den Kampf gegen alle Dogmen und Religionen, die fiktionale Gottheiten verehren. Ich sehe Satan auch nicht als den Gott des Satanismus an, mehr als eine Leitfigur für die Nachfolgenden auf diesem Pfad. Es ist in der Vergangenheit wohl viel geschrieben worden darüber, aber kein Buch ist der Eckpfeiler unseres Glaubens. Wir sind unsere eigenen Götter. Egoismus ist ein Element, das ebenfalls sehr wichtig ist für mich. Der Tod ist das unvermeidliche Ende jeden Lebens und es existiert nichts mehr, was es danach noch gibt. Nur die totale und ewige Dunkelheit.“

Das Wort Mactätus ist laut Gaut der lateinische Begriff für „Abschlachten“ und „Opfern“.

„Das reflektiert unser internes Credo schon hervorragend. Wir wollen die Religionen `abschlachten`, die ein ekliger und beschämender Teil einer Gesellschaft geworden sind, die ihren Heiligenschein längst verloren hat. So ist Mactätus ein gut klingender, origineller und auch treffender Name für unsere Horde, welcher das bestehende Bandkonzept zum Großteil abdeckt.“

Ich hake anschließend nach, warum die Band kein abermaliges Petagno-Coverartwork auf dem neuen Album hat. Die Branche kann froh sein, daß so ein guter Pinselschwinger auf diese Musik abfährt und solche begeisternden Aquarelle spendiert. Gaut hierzu:

„Wir fühlten, daß das neue Album irgendetwas anderes brauchte als ein Petagno-Coverartwork. Ich stehe wirklich auch auf das `Provenance Of Cruelty`-Cover, aber irgendwie wollten wir etwas anderes vorne draufhaben, etwas, das auch die zwischenzeitige Weiterentwicklung der Band nach dem letzten Werk versinnbildlichen sollte. Das neue Layout des Covers beziehungsweise Booklets ist professioneller und soll den Fans zeigen, daß wir viel mehr sind, als `Provenance Of Cruelty` darstellt.“

Auch zum Thema Hopfensuppe von mir angesprochen, erörtert der Saitenkönner abschließend noch: „Wir trinken jedes Bier und es ist uns völlig egal, welche Marke wir in uns hineinschütten. Jedes Bier ist immer gut! Wir haben keinen Champion unter uns, wir sind alle sehr gute Schluckspechte, die immer durstig sind.“

© Markus Eck, 20.08.2000

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