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Interview: MACTÄTUS
Titel: Suizidaler Härtefaktor

Dieser norwegische Black Metal-Trommelrevolver fasst sechs Schuss, also sechs Bandmitglieder, und ist seit vielen Jahren für seine ausnahmslose Treffsicherheit bekannt, was das Verfassen von erstklassigem Songmaterial angeht.

Wer von dieser gefährlichen musikalischen Waffe einmal den Gehörapparat durchlöchert bekommt, hat keine Chance: Er wird zum Mactätus-Fan.

Bereits 1989 von Gitarrist Gaut und Drummer Hate Rodvitnesson gegründet, beschritt diese bewundernswerte Ausnahmeband einen ruhmreichen und musikalisch sehr geradlinigen Pfad, auf welchem Mactätus auch für ihr neues und viertes Opus „Suicide“ wandelten. Dort wurde jedoch nicht nur herumspaziert, sondern die sechs Teufelsbraten haben sich auch merklich kreativ nach vorne entwickelt.

Härter sind sie zudem geworden, und demzufolge auch um einiges entschlossener, was satanisches Idealdenken anbelangt. Das „selbstmörderisch schöne“ Cover der neuen Scheibe ist eines der atmosphärischsten und gleichzeitig am meisten ins Auge stechenden der letzten Zeit.

Mit „Suicide“ ist diesen Norweger Höllenhunden also wieder eine in die Knie zwingende Symphonie des schwarzen Todes gelungen.

In eine solche, für mich ungewohnt devote Körperhaltung, dirigierte „Suicide“ schnell auch mich.

So hilft es schließlich nur noch unter Anwendung größter Kraft, den Stromstecker aus der Dose zu ziehen, um wieder aufzuspringen.

Denn es gilt für mich, zum zweiten Mal mit Saitenschrubber Gaut die verbalen Messer zu wetzen.

Was hat denn der obskure Titel des neuen Albumknallers für euch zu bedeuten? Sollen sich die Fans nach dem Hören gar das Leben nehmen?

„Nein, auf keinen Fall! Das Thema ist lediglich das verarbeitete Hauptelement auf dem aktuellen Album, jedoch weder eine Anleitung noch ein Befehl von uns, in dieser Weise Hand an sich zu legen. Es eignete sich auch einfach hervorragend, um auf dem Frontcover entsprechend optisch umgesetzt zu werden.“

Wer von euch hatte denn die zündende Idee für den Titel? „Das aktuelle Gesamtkonzept entstand aus einer Idee von Hate Rodvitnesson heraus. Wir arbeiteten das komplette Material jedoch in Zusammenarbeit aus. `Suicide` ist ein Konzeptalbum geworden, welches aus verschiedenen Kapiteln besteht.“

Was halten denn die Lyrics dieser einzelnen Kapitel für die Konsumenten bereit?

„Die Texte der aktuellen Veröffentlichung drehen sich um eine mental sehr gestörte Person, die das Ende ihres Lebens herbeisehnt. Jeder Track behandelt eine differierende Phase in der Umsetzung seines Plans. Das zieht sich von der Selbsterkenntnis der Sinnlosigkeit des Daseins bis hin zur Entscheidung zum Selbstmord. Doch so einfach ist es nicht für diese fiktive Person, denn die Angst vor dem Schmerz hält ihn noch eine ganze Weile davor zurück. Schließlich eskaliert die Sache in einer Art Amoklauf, in der er dann andere Menschen abschlachtet und sich zuvor noch an ihren mit panischer Todesangst erfüllten Augen weidet – eine Art tödlicher Kompensationsmechanismus. Denn er weiß genau: Danach gibt es für ihn kein zurück und er muss sich nachfolgend schließlich selbst liquidieren.“

Beinhalten die Songtexte von „Suicide“ dann auch einen gewissen Lerneffekt darüber, wie man es nicht machen sollte?

„So in der Art. Obwohl es nicht beabsichtigt ist, können die Fans beim Lesen `zwischen den Zeilen` doch die eine oder andere Weisheit für sich entdecken, ihr Leben erfolgreich zu meistern und daraus resultierend zu innerer Zufriedenheit zu gelangen.“

Da nun neben konzeptionellen Abweichungen von satanischer Reinkultur auch die Musik härter denn je ist: Wie würde mein Gesprächspartner einem noch sehr jungen Metal Fan den aktuellen Sound von Mactätus beschreiben?

„Der Kern unserer Songs ist nach wie vor tiefschwarz, jedoch fanden mit der Zeit eine Menge diverser neuer Gestaltungselemente in der Musik von Mactätus Einzug. Aber die Haupteinflüsse beziehen wir immer noch aus der Black Metal Liga. Wir wollten aber wie immer abwechslungsreiches und dauerhaft interessantes Songmaterial erstellen – was allen unseren Alben ein langes Leben in den Köpfen der Fans ermöglicht.“

Ist es heutzutage, bei der abartigen Vielfalt an Bands, überhaupt noch ein relevantes Thema, „True Black Metal“ zu spielen?

„Ich denke, dieser Term wurde in den letzten Jahren zusehends ausgereizt und ist gegenwärtig wirklich keiner nervtötenden Diskussion mehr zu unterziehen. Die Musiker der einzelnen Black Metal Subkategorien fanden schon nach kurzer Zeit Freude am Experimentieren und überzeugten oftmals mit grenzüberschreitender Kreativität. Das ebnete wiederum Wege für weitere glänzende Formationen, die wir als Fans doch auch nicht missen möchten. Ich finde nichts Schlimmes daran, Neues für sich zu entdecken, solange die jeweilige Musik eine rabenschwarze und abgründige Stimmung zu erzeugen in der Lage ist.“

Dann kann der Gitarrist doch sicherlich auch nur die kontrastreich geschminkte Stirn über solcherlei – oftmals schon nahezu detektivische Züge annehmende – Schwarzstahl-Gesinnungsschnüffelei runzeln?

„Eigentlich mutet es für mich ja wirklich unglaublich an, dass sich weltweit Fans mit solchen überflüssigen Erwägungen auseinandersetzen und viel wertvolle Zeit dafür opfern, in der sie eigentlich doch so manche neue gute Band entdecken könnten. Ob man nun Black- oder Death Metal spielt, ist doch letztendlich ganz egal, solange es aus ehrlichem Herzen kommt. Ich hege tiefen Respekt für alle idealistischen Metal-Musiker, die an sich glauben und ihr Ding durchziehen. Viele haben doch außerdem sowieso gar kein Interesse daran, irgendeiner Kategorisierung unterzogen zu werden. Solange mir gewisse Arten von Musik gefallen, höre ich sie mir auch an. Das bezieht sich übrigens auch auf das, was ich bei Mactätus spiele.“

Kann denn das, was Gaut in dieser Horde erzeugt, für ihn als therapierende Maßnahme gesehen werden? „Dies eigentlich nicht. Es stellt für mich doch eher die Realisierung meines Ichs als Individuum und Musiker dar. Das ermöglicht mir tiefe, innere Befriedigung und zudem noch die Möglichkeit, extreme Emotionen wie Hass und Wut zu verarbeiten. So hilft es mir auch nicht zuletzt, mich selbst in einem realistischeren Licht zu sehen und gegebenenfalls zu verändern.“ Genau. Wer rastet, der rostet. Der mächtige Bandkorpus von Mactätus erstrahlt daher schon seit jeher in gleißendem Hochglanz.

© Markus Eck, 27.10.2002

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