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Interview: MAYHEM
Titel: Ausgeprägter Menschenhass

Im Jahre 2000 wurde der gesamten Schwarzmetall-Gilde der große Krieg erklärt. Verkünder war ein Album namens „Grand Declaration Of War“, eingespielt von einer legendären norwegischen Knüppelhorde: Mayhem.

Nun melden sie sich mit einem neuen apokalyptischen Dunkelwerk zurück, dem düsteren Dämonenopus „Chimera“.

Gitarrenbestie Blasphemer bezeichnet Schlagzeuger Jan Axel Blomberg alias Hellhammer als „menschliche Maschine“, auf dessen erneute hochpräzise Taktleistungen eingangs angesprochen. Nach der Veröffentlichung ihres letzten Studioalbums „Grand Declaration Of War“ waren die boshaften Norweger Biester ausgiebig auf Achse, wie Blasphemer sich erinnert.

„Wir tourten ausgiebig durch Europa, was übrigens unsere erste Europa-Tour darstellte, sozusagen eine Art Premiere. Anschließend ging es für uns auch erstmalig nach Amerika und sogar Australien, selbst Russland nahmen wir in die Pflicht. Auf diesen Reisen ereignete sich eine ganze Menge, wie man sich vorstellen kann, was bleibende Eindrücke in uns hinterließ.“

Letztere wurden nun neben einigen anderen Impressionen in die neuen Stücke integriert, wie der Gitarrist offenbart.

„`Chimera` ist erneut ein sehr komplexes Album geworden, die mit `Grand Declaration Of War` eingeschlagene kompositorische Linie führten wir in aller Konsequenz weiter. Auch wenn dies vielen unserer Old School-Fans schon beim letzten Mal ein dicker Dorn in den Augen war, aber da müssen die eben durch. Es ist unser verdammtes Recht als Künstler, immer wieder neue Dinge auszuprobieren – wieso sollten wir uns das nehmen lassen?“, fragt er mit barscher Stimme. Und er stellt gleich darauf stolz klar:

„Hört man unser aktuelles Album von vorne bis hinten bei entsprechender Lautstärke durch, so stellt es auf jeden Fall noch immer eine gehörige mentale Tortur dar. Dafür sorgen nicht zuletzt die neuen Lyrics, die es in sich haben. Wir haben noch immer eine ganze Menge zu sagen, also können sich die Hörer auf einiges gefasst machen.“

Damit macht Blasphemer neugierig; so gehen wir darauf tiefer ein, zunächst aber auf den Albumtitel. „`Chimera` hat zwei Bedeutungen. Zum einen steht der Begriff sowie der Text hinter dem Song für ein uraltes mythologisches Untier aus der griechischen Sage, zum anderen – je nach Betrachtungsweise – drückt er auch aus, dass nichts auf dieser Welt so ist, wie es zu sein scheint. Den Text dazu schrieben wir eigentlich bereits im Jahr 2000.“

Der Opener der Höllenscheibe nennt sich „Whore“, was einige Spekulationsgedanken aufwirft. Vom anderen Ende der Telefonleitung ist diesbezüglich zu vernehmen:

„Ein echter Voll-in-die-Fresse-Track, lyrisch als auch vor allem musikalisch. Seine Botschaft lautet in erster Linie: `Fuck off! Legt euch bloß nicht mit uns an!` Nein, es geht hier nicht um eine zügellose Frau; vielmehr dreht sich das Stück um extrem ausgeprägte Misanthropie – wie auch die anderen folgenden Songs von `Chimera`. Mehr möchte ich darüber ehrlich gesagt eigentlich nicht ausplaudern.“ Genehmigt. Denn ehrlich soll er ja sein; wohl keiner will hier strategisch konstruierte Reißbrett-Statements lesen.

Im Folgenden gehen wir zur musikalischen Ausrichtung der taufrischen Kompositionen im Speziellen über:

„Nachdem wir durch das intensive Touren für das letzte Album und allerlei Exzesse auf diesen Reisen vollkommen ausgebrannt heimkehrten, hatten wir vorerst die Schnauze voll von der ganzen Sache. Die ganze Band fühlte sich genervt, man ging sich gegenseitig in hohem Maße auf den Sack. Wir brauchten daher Abstand voneinander, um wieder zu uns selbst zu finden. Einige von uns, darunter auch ich, sollten dazu anfangs jedoch nicht sehr viel Gelegenheit haben, da sich zu allem Überfluss diverse familiäre Tragödien ereigneten, welche uns aufgrund ohnehin angespannten psychischen Zustandes doppelt zusetzten. Nach und nach ging speziell mir auch noch das Geld aus, denn durch die längere Veröffentlichungspause kam auch nichts mehr in meine Kasse. Da trinkt man schon mal einen mehr als gewohnt über den Durst.“

Nur zu verständlich; vor allem aber auch, worin die Moneten des sympathisch ehrlichen Gitarristen investiert wurden und woraus ihre nachfolgend einhergehende Knappheit resultierte. Genannte psychische Miseren erklären somit dann auch gleich den Grund für die längere musikalische Abstinenz der skandinavischen Black Metal-Legende. Er schließt an:

„Nachdem wir uns davon einigermaßen erholt hatten, nahmen wir nach und nach die Arbeiten an neuen Tracks auf. Sämtlicher Frust, welcher in uns steckte, bahnte sich dabei wieder mal Bahn. Deswegen sind die neuen Songs geradezu unheimlich aggressiv, aber auch immens gehässig und lyrisch sehr tiefgehend ausgefallen – also Negativismus in Reinkultur. Sämtliche seelische Missstände fanden ihren Weg über unsere Kreativität nach draußen in die neuen Songs.“

Hellhammers Schlagzeug-Parts wurden im Fagirborg Studio in Oslo aufgenommen, sowie die meisten anderen Instrumente und der Gesang.

Und für seine Gitarrenaufnahmen mietete sich mein Gesprächspartner in einer einsamen Hütte mitten in stockdunklen Wäldern weit außerhalb Oslos für mehrere Wochen ein.

Daran denkt Blasphemer sehr gern zurück, wie er wissen lässt.

„Ich nahm einiges an Equipment sowie einen adäquaten Wein- und Biervorrat mit. Ich wollte dort meine absolute Ruhe haben, weg von der ganzen Hektik in Oslo und dem nervigen Stress, der sich in dieser Stadt mehr und mehr breit macht. Die Hütte liegt direkt an einer Art Fjord, also sehr idyllisch und durch prächtige natürliche Umgebung auch sehr inspirativ für meine Arbeit. Ich komponierte und nahm meine Parts ausschließlich nachts auf, was mir eine herrliche Atmosphäre ermöglichte.“

Sehr interessant ist abschließend, woher das Bild fürs aktuelle Albumcover genommen wurde. Blasphemer: „Das stammt von einem alten schwedischen Horrorfilm, der im Jahre 1921 gedreht wurde. Es passt allein schon durch seine herausragende Besonderheit hervorragend zum neuen Album.“

© Markus Eck, 09.03.2004

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