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Interview: MEGADETH
Titel: Im ständigen Reifeprozess

Unzähligen treuen und fanatischen Megadeth-Anhängern auf diesem Planeten steht ein Album wie „Th1rt3en“ ganz einfach zu, dachte sich das große Thrash Metal-Schicksal mit einer nostalgischen Träne auf der Wange. Vor allem nach dem erfolgreichen letzten Langdreher „Endgame“. Und so erinnert dieser neue Langspiel-Exkurs von Genre-Galionsfigur Dave Mustaine und seiner Enthusiasten-Bande nicht von ungefähr auffallend oft an den ewigen Klassiker des Trupps, „Rust In Peace“.

Ursprünglich war dieses Interview zum aktuellen Werk mit Meister Mustaine geplant, doch dieser hatte zu dem Zeitpunkt mal wieder so sehr mit seinen anhaltenden üblen Rückenproblemen zu kämpfen, dass fürs Gespräch kurzerhand Bassist Ellefson einspringen musste.

„Das neue Album wurde in Dave‘s Vic‘s Garage Studio im kalifornischen San Marcos aufgenommen, zusammen mit Produzent John Karkazis, kurz Johnny K genannt. Er hat bereits sehr produktiv und recht erfolgreich mit populären Bands wie beispielsweise Disturbed, Machine Head und Sevendust gearbeitet. Ich bin von dem Sound, den Johnny uns gezaubert hat, sehr angetan. Dieses Klangbild verkörpert nämlich geradezu in Perfektion, wofür Megadeth mit dem neuen Album steht“, zeigt sich der Mann überzeugt.

Als David für mich zum Telefon greift, ist es im dortigen US-Bundesstaat noch relativ früh morgens, Ortszeit 09:00 Uhr. Dennoch wirkt der Kerl ausgeschlafen und ist angenehm fix mit Antworten und Statements. Ja, endlich ist auch Ur-Bassist David Ellefson wieder mit an Bord bei Megadeth, welcher einst bereits von 1983 bis 2002 bei der nicht nur in einschlägigen Thrash-Kreisen beliebten US-Combo die dicken Saiten schrubbte.

Bereits zu Anfang des Jahres 2010 meldete sich der Tieftöner für viele ganz überraschend live auf der Bühne mit der Band in der Öffentlichkeit zurück. Apropos, überraschend mutet auch der überdachende Name des kernigen neuen Megadeth-Diskus an.

Liest man den Titel „Th1rt3en“ unwissend, entstehen nämlich rasch schon so einige Fragen im Kopf. Doch die markante Ziffer 13 bedeutet für den kreativen Kopf von Megadeth eben mehr, als man annehmen möchte. Zwei Antworten neben dem Fakt des 13. Albums: Mit 13 fing Mustaine an, Gitarre zu spielen. Und er wurde an einem 13. September geboren.

Ellefson offenbart weiter zum Wirken von Mr. K:

„Als Johnny vor mehr als zehn Jahren zusammen mit der Alternative Metal-Band Disturbed in seinen Chicagoer Groovemaster Studios deren erfolgreiches Debütalbum ,The Sickness‘ produzierte, war ich total davon begeistert. Und das bin ich bis heute. Die Songs hauten mich schier um, es traf mich voll. Nicht umsonst wurde die Platte hier in den USA dann auch schließlich mit Vierfach-Platin ausgezeichnet. So blieb ich dran an dem Mann mit meinem Interesse. Und ich bin bis heute der Ansicht, dass ,The Sickness‘ sich anhört wie eine moderne Version von Megadeth. Johnny war also genau der richtige Mann für den Job zu ,Th1rt3en‘. Über die Jahre produzierte Johnny ja auch noch so einige moderner angehauchte Rock-Bands, wie beispielsweise 3 Doors Down oder auch Staind. Mit der Zeit wurde Johnny zu einem der ganz wenigen Produzenten im dem Bereich, die es super drauf haben, immer wieder mit einem ganz eigenen Sound, mit einem ganz eigenen Produktionsstil großen Erfolg zu haben. Man hört einer Veröffentlichung ganz einfach an, ob sie eine Produktion von ihm hat, ohne aber dass das Ganze von Band zu Band gleichförmig klingt. So entschieden wir uns schließlich dazu, auch unsere neue Platte vom ihm klanglich kompetent aufbereiten zu lassen.“

Natürlich ist seit der damaligen Bandgründung von Megadeth durch Sänger und Gitarrist Dave Mustaine samt Bassist David Ellefson 1983 viel passiert in den Köpfen der Beteiligten.

Und zwar so viel, dass es ohnehin schon beinahe an ein Thrash-Wunder grenzt, als inniglicher Verehrer solcherlei Stilistik wieder eine amtliche Platte wie „Th1rt3en“ auskosten zu dürfen.

Eine solche Reminiszenz an alte Glanztaten schafften innerhalb der viel zitierten Großen Vier des Thrash Metal lediglich Slayer im Jahr 2009 mit ihrem letzten Wahnsinns-Knüppler „World Painted Blood“.

Über die neuerlichen musikalischen Leistungen und Attitüden von Metallica und Anthrax lässt sich da, vor allem unter Old School-Thrash-Fans, ja eher streiten.

Das maßgebliche Stichwort heißt hierbei wohl eindeutig „Einigkeit“. Und die am aktuellen dreizehnten Megadeth-Langspieler Beteiligten mitsamt Produzent K wurden sich glücklicherweise blitzschnell einig, was den ganz speziellen Sound von „Th1rt3en“ anbelangt. Der Bassist resümiert hierzu:

„Wir wussten in der Band von Anfang an schon ganz genau, wie ,Th1rt3en‘ klingen sollte, wie sich die Songs anhören sollten. Zu diesem Thema gab es daher auch gar keine langen Diskussionen. Kein unnötiges Gerede, keinerlei Unentschiedenheit. Das war gut so. Uns schwebte also ganz einfach gesagt ein primär kraftvolles, genauer gesagt ein betont kräftig klingendes Megadeth-Album vor.“

Und der im Gespräch äußerst bodenständig anmutende Leidenschafts-Musiker fährt fort:

„An den Songs von ,Th1rt3en‘ gearbeitet und nun das Album endlich fertig zu haben, das fühlt sich ehrlich gesagt schon verdammt gut an. Und irgendwie mutet das Ganze für mich persönlich auch so an, wie es damals der Sprung von ,Rust In Peace‘ zu ,Countdown To Extinction‘ getan tat. Wir begannen den Songwriting-Prozess eigentlich mit dem Song ,Never Dead‘, welcher nun an sechster Stelle der Tracklist von ,Th1rt3en‘ seinen Platz gefunden hat. Und ,Never Dead‘ offenbarte sich schon nach relativ kurzer Zeit als ein sehr wütender Track, mit aggressivem Grund-Riffing. Wir waren schlagartig begeistert, als die anfängliche kompositorische Idee dazu erste konkrete Formen annahm. Das Ganze geriet uns schließlich so voller Begeisterung, dass wir die Nummer in einem Stück fertig brachten. Und das kam uns auch für das gleichnamige Videospiel zugute, für welches wir den Song zur Verfügung zu stellen hatten“, erläutert der Tieftöner mit ergiebigem Redefluss weiter.

Wie David anschließend mit relativ tiefer Stimme weiter ausholt, profitierten einige der restlichen Kompositionen von „Th1rt3en“ aber eben auch davon, dass man im aktuellen Megadeth-Line-Up bewusst mit Teamgeist und vor allem sehr überlegt beim Songwriting vorging. Wir erfahren:

„So entstanden auch einige wenige Tracks, die nicht nur darauf ausgelegt sind, einem blitzschnell wie eine gewaltige Thrash-Faust hart ins Gesicht zu hauen. Eben so, wie es damals bereits auf ,Countdown To Extinction‘ der Fall war. Wer diese Platte und alle ihre Kompositionen als Hörer sehr gut kennt, der wird schon ganz genau wissen, was ich damit meine. Und genau aus diesem Grund muss man unsere neue Veröffentlichung auch an einem Stück aufmerksam durchhören. Denn sie ist wirklich nicht dazu geeignet, mal so nebenbei zu laufen. Widmet man sich ,Th1rt3en‘ aber als aufmerksamer Zuhörer mit Tiefgang, dann kann man schon wirklich einen Riesenspaß mit den Songs haben.“

Der angenehm entspannte Dialog bewegte sich im Weiteren gezielt in Richtung Lyriken der neuen Songs der amerikanischen Thrash-Giganten. Und, wie David mir dazu zu erläutern weiß, ist gerade der siebte Track auf dem Album, „New World Order“ betitelt, seiner persönlichen Auffassung nach mal wieder urtypisch für die textlich sozialkritische Ausrichtung bei Megadeth. Er lässt Interessantes folgen:

„Gerade dieses Lied ist aber schon ein ziemlich alter Megadeth-Song. Ironischerweise hatte der frühere Megadeth-Drummer Nick Menza viel an den Lyrics des Stückes mitgearbeitet. Nick war ohnehin schon immer die ganz spezielle Sorte Mensch, welche sehr viel für allerlei Verschwörungstheorien und pikant-brisante Enthüllungen über die US-Regierung übrig hat. [lacht] Er hatte daher damals auch einen großen textlichen Einfluss auf den sehr bekannten ,Rust In Peace‘-Song ,Hangar 18‘. Auf eine gewisse Weise ist es schon toll, die Essenz der klassischen Ära von Megadeth somit auf dem neuen Album zu wissen“, freut sich der Bassist merklich.

Dennoch hält der Mann all die neuen Stücke der noch immer äußerst schlagkräftigen Kapelle für inspiriert und erfrischend genug, um frischen Wind in die Ohren der Fans zu blasen, wie er den Autoren mit dem Brustton der Überzeugung wissen lässt.

„Megadeth gegenwärtig ist eigentlich auch eine sehr ,neue‘ Band, um es mal so auszudrücken. Das derzeitige Line-Up verfügt über sehr große Energiereserven. Megadeth war ohnehin seit jeher größtenteils eine sehr progressive künstlerische Vereinigung. Und daher haben wir es auch gar nicht nötig, und zwar zu keiner Zeit, uns auf grundlegendem kompositorischem Sektor an älteren musikalischen Zeiten von Megadeth zu orientieren. Jeweilige neue Ansätze unseres Songwritings werden somit stets dynamisch ausgerichtet. Hinzu kommt: Jeder aus der Band hat ja auch, und das gleich auf vielerlei Leveln, sehr viel erlebt seit Mitte der 1990er Jahre, vor allem in dieser Branche. Und viele Erlebnisse lassen einen auch als Musiker eben teilweise schon sehr reifen; vorausgesetzt, man erlaubt es sich selbst. Glücklicherweise sind sowohl Dave als auch ich auf dieser speziellen Ebene immer schon so offen und ehrlich zu uns selbst gewesen, wie es uns nur möglich war.“

Und „Th1rt3en“ reflektiert das vorhergehende Statement des erfahrenen Tieftöners wohl in Vollendung. Höchste Zeit wurde es ja für eine solcherlei geartete Veröffentlichung, dessen war sich auch Mustaine bewusst.

Denn nach einer zwiespältig experimentellen musikalischen Schaffenszeit, die sich von circa Mitte der 1990er bis ins Jahr 2004 quälend hinzog, konnten Megadeth im Laufe der nachfolgenden Zeit zwar einiges wieder gut machen in den Reihen ihrer Fans.

Doch der ganz große neue Megadeth-Knaller, er schien irgendwie nach wie vor auszubleiben, von „Endgame“ in erfreuter Weise mal abgesehen. Doch nun kommt das dreizehnte Album der beständigen Genre-Vorreiter, sinnbildlich „Th1rt3en“ betitelt. Und diese Scheibe hat wirklich das nötige Zeug dazu, alte, neuere und sogar ganz neue Hörer vom Fleck weg wieder so richtig anhaltend zu begeistern.

Abschließend vom Autoren noch nach seiner ganz persönlichen Alltime-Favoriten-Platte aus dem gesamten Thrash Metal-Bereich befragt, gewährt Überzeugungsmensch David nach einer überraschenden Zeit kurzer Überlegung unumwunden Einblick:

„Ich habe bislang eigentlich nie groß darüber nachgedacht, um ganz offen zu sein. Aber hierzu kann ich dir dennoch eindeutig ,Speak English Or Die‘ nennen, aus dem Jahr 1985. Eine wirklich verdammt coole und auch riesig amüsante Crossover Thrash-Kultscheibe, die mir bis zum heutigen Tage echt immer wieder einen absoluten Riesenspaß macht. Einmalig, damals wie heute. Stormtroopers Of Death sind damit wohl für immer unerreicht geblieben.“

© Markus Eck, 03.11.2011

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