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Interview: MEGAHERZ
Titel: Völlig vorbehaltlos

Täglich steigert sich derzeit die Vorfreude ihrer treuen Fans auf das neue Album „Zombieland“. Schließlich hat es sich bereits weitreichend herumgesprochen, dass letzteres die charismatische Musik der beständigen NDH-Vorreiter um Sänger Lex in origineller und qualitativer Hochform aufweist. So einige Anhänger werden sich darin einig sein, dass der neue Megaherz-Langdreher vor allem hinsichtlich packender Intensitäten die eindringlichste Leistung der Band seit dem 2002 veröffentlichten „Herzwerk 2“ darstellt.

Singen ist für Frontmann Lex ohnehin die noch immer unmittelbarste Art, um seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen, wie der philosophische Glatzkopf offenbart.

„Ich kann alles da reinpacken. Wut, Wehmut, Schmerz, Sehnsucht. Ich spiele mit diesen Gefühlen und mit meiner Stimme. Es ist wie ein Theaterstück ohne Schauspieler. Ich bin der Erzähler. Auf der Bühne stehen bedeutet mir alles. Dort fühle ich mich manchmal mehr daheim als in meinen eigenen vier Wänden. Anders kann ich es nicht beschreiben.“

Seinen bisherigen persönlichen und charakterlichen Werdegang als singender Künstler resümiert Lex mit nachdenklicher Miene.

„Ich stehe jetzt seit über 20 Jahren auf der Bühne. Da habe ich schon viel gesehen und auch schon jede Menge Bühnen gerockt, aber es gibt eine Devise, der ich dabei immer treu geblieben bin: Man kann immer noch etwas dazu lernen. Und gerade bei Megaherz habe ich sehr viel erlebt, gelernt und mir angeeignet. Stimmlich habe ich meine Skala immer weiter ausgebaut. Sowohl in den tiefen wie auch in den hohen Lagen. Letzteres kommt mir vor allem auf ,Zombieland‘ zu Gute, wo ich ja auch viele aggressive Shouts neben melodiösen Lines eingebaut habe. Als Künstler habe ich es natürlich genossen, so viel unterschiedliche Locations und Bühnen mit Megaherz zu rocken. Ob vor Tausenden Fans auf Wacken, Mera Luna, Summer Breeze oder internationalen Festivals in Norwegen, Russland und Italien. Da erlebt man so viel Reizvolles, Emotionales, Außergewöhnliches, was einen auch als Frontmann prägt.“

Doch nicht nur in Sachen Vokalisierung, sondern auch musikalisch ist „Zombieland“ mit Sicherheit das abwechslungsreichste und facettenreichste Album seiner Band, so der Kehlenartist.

„Gesanglich habe ich da alles reingeworfen, was in mir steckt. Tiefe, melancholische Momente, aggressive Shouts, raue Rockstimmen und ehrliche, zutiefst emotionale Balladen. Wir haben uns bereits auf der ,Götterdämmerung‘ mehr melodiöseren Lines geöffnet. Das haben wir auf der ,Zombieland‘ noch konsequenter durchgezogen. Ich finde, die Mischung ist perfekt. Düstere, brachiale Rocknummern, wie man sie von uns kennt, hymnenartige, getragene Abräumer und auch ganz stille Momente, Balladen, die teils auch ganz minimalistisch sein können und deshalb umso näher, direkter klingen. Wir haben auf ,Zombieland‘ auch mit uralten Dogmen der NDH-Szene gebrochen, nach denen die meisten Songs immer mit tiefem Sprechgesang und ebenso tiefem, pathetischen Refrains dargeboten werden.“

Seine allergrößte gesangliche Stärke in den neuen Kompositionen sieht der Frontmann eben letztlich in der Variabilität.

„Ich habe eine Range von gut drei Oktaven und auf ,Zombieland‘ darf ich sie voll auskosten. Das gibt einem gerade beim Songwriting ein breites Spektrum an Möglichkeiten, die Stimmungen der Musik mit meiner Stimme zu unterstützen und zu verstärken. Wie würde wohl der Song ,Zombieland‘ klingen, würde ich im Refrain nicht in diese extreme Shoutstimme wechseln? Wir haben viel, gerade mit meiner Stimme, auf der neuen Scheibe herumexperimentiert und dabei war uns relativ schnell klar, es darf auf ,Zombieland‘ keine Grenzen und Tabus geben.“

So hat Lex bei der Arbeit zu „Zombieland“ viel mit seiner Stimme ausprobiert und dabei natürlich auch neue Facetten seines Handwerks entdeckt, wie er sich erinnert.

„Doch das meiste davon steckte ja bereits in mir. Wir mussten nur die Vorstellung über Bord werfen, dass NDH immer gleich tiefer Gesang bedeutet. Und wenn Puristen jetzt behaupten, das wäre kein echter NDH mehr, dann haben wir damit auch kein Problem. Wir haben dieses Genre gemeinsam mit Rammstein und Oomph! mitbegründet, das heißt aber auch nicht, dass wir darin begraben werden müssen. Der Sound ist frisch, modern. Es rockt, wo es rocken muss und es zeigt Gefühl, wo es uns wichtig ist.“

Fällt es dem Mann eigentlich schwerer, relativ steril im Studio einzusingen als zusammen mit seinen Bandkumpels oder live auf der Bühne?

„Das Einsingen im Studio ist eine ganz eigene Geschichte. Wenn man auf der Bühne steht und seine Lieder singt, kennt man ja bereits jeden Ton, hat die Lines schon hundert- oder tausendmal gesungen. Da fällt es nicht schwer, loszulassen und einfach drauf los zu rocken. Im Studio arbeitet man an komplett neuen Songs. Nichts ist genau definiert. Man hat einen Text und eine Melodie, aber das Ganze muss noch mit Leben gefüllt werden und das fällt manchmal schwerer als man denkt. Manchmal ist es auch ganz einfach. Ich habe schon oft im Studio gestanden, eine Line tonal perfekt eingesungen, aber es hat uns nicht berührt. Und irgendwann, wenn ich schon gefühlte zehn Stunden in der Gesangskabine stand und eigentlich gar keine Kraft mehr hatte, entstand plötzlich dieser eine, magische Moment, in dem ich dem Lied die Seele einhauchte. Dabei spielt die Umgebung für mich keine Rolle. Ich muss innerlich bereit sein, mich der Stimmungslage des Songs total zu öffnen und mich ihr hemmungslos auszuliefern. Erst dann beginnt die Stimme jenes Eigenleben zu entwickeln, jenes unverwechselbare Charisma, das am Ende den Unterschied ausmacht zwischen einer gut gesungenen Line oder einem Song, der einen berührt.“

Das Einsingen neuer Stücke im Studio läuft bei Megaherz eigentlich immer nach dem gleichen Ritual ab. „Wir treffen uns meistens am frühen Nachmittag in X-tis Herzwerk-Studios, trinken erst mal gemütlich ein, zwei Tassen Kaffee, gehen nochmals den Text durch und dann geht es bereits in die Gesangskabine. Der Rest ist Open End. Manchmal kann da eine Sitzung schon bis tief in die Nacht hinein gehen.“

Momente, in denen es mal hakt und man nicht weiterkommt, die gibt es natürlich auch bei diesen Bayern immer wieder mal, so der Sänger.

„Dann machen wir einfach eine Pause. Gehen vielleicht kurz was essen, trinken noch mal ein, zwei Kaffee, die Raucher machen ihre Raucherpause und weiter geht’s. Am Anfang muss man sich immer in einen neuen Song erst hinein quälen. Entweder ist gleich der erste Take der Volltreffer oder es kann sehr, sehr lange dauern. Auf der Bühne kenne ich einen Song eben schon in und auswendig. Er ist mir quasi in Fleisch und Blut übergegangen. Im Studio muss ich mir das erst zu Eigen machen.“

Die Kostümierungen bei den Shows zum neuen Album werden genauso aussehen wie auf den bisher veröffentlichten Fotos und dem Video zu „Für immer“. „Ich denke, ich werde mich während der Show noch umziehen und ein zweites Outfit anziehen. Aber wir arbeiten bereits mit Hochdruck an einem Konzept für die Tour und ich kann den Leuten nur so viel versprechen: Man wird es nicht bereuen vorbeizuschauen!“

Lex erhofft sich für Megaherz für die nächsten zehn Jahre, dass es weiterhin so spannend bleibt und die Band die kreative Lust am Experimentieren, sich neuen Herausforderungen zu stellen, nie verlieren wird.

„Ich weiß, wenn wir uns in dieser Sache treu bleiben, kann und wird noch sehr viel passieren. Es gibt für Megaherz keine Tabus. Ich denke, das haben wir mit ,Zombieland‘ bewiesen.“

© Markus Eck, 15.10.2014

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