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Interview: MELECHESH
Titel: Morgenländischer Mystizismus

Melechesh sind definitiv eine der außergewöhnlichsten Formationen des gesamten Black Metal-Genres.

Die nicht nur musikalisch aus der Art schlagende und von jeher sehr mutige Band wurde 1993 in der heiligen Stadt Jerusalem unter größter Geheimhaltung gegründet, was für Verfechter dieses okkulten musikalischen Metiers schon aufsehenerregend genug ist.

Mit der Zeit kristallisierte sich ein sehr eigenständiger und äußerst bizarrer Stil heraus, den diese entgegen ihrer Örtlichkeit eher unheiligen Krieger zurecht „Mesopotamian Black Metal“ nannten.

Auf dem sagenhaften 1996er Debüt „As Jerusalem Burns... Al` Intisar“ dann sollten die rasenden Black Metal-Klagelieder dieser dämonischen Botschafter der schwarzmagischen Künste mittels mannigfaltiger orientalischer Melodien und faszinierender arabischer Folklore-Elemente zu ihrer vorerst finalen Ausrichtung finden.

Viele Jahre zogen danach ins Morgenland.

Und ins Quartier von Melechesh, die nun mit „Djinn“ endlich ein neues Album veröffentlichen.

Auf diesem wurde der orientalischen Note gar ein noch breiterer Raum ermöglicht, was neben vielen neuen musikalischen Einflüssen Hörgenuß der ausgefallenen und exotischen Art ermöglichen kann.

Mit Proscriptor, dem Ex-Drummer der texanischen Theatraliker Absu hat sich auch noch ein echter Könner ins Line-Up integriert, was Garant für druckvolle Rhythmik der Königsklasse ist.

Was nach dem historisch bedeutsamen allerersten Black Metal-Gig in Jerusalem passierte, und warum die Band schließlich ihre Heimat verließ, das berichtet mir Gitarrist und Sänger Ashmedi alias „Annihilator Of Angels“ beschwörend direkt aus einem flammenden Orakel heraus.

„Wir sind eine satanische Band, die sich jedoch eher dem Okkultismus und dunklen Energien verbunden fühlt. Wenn man zwischen weißer und schwarzer Energie unterscheidet, sind Melechesh eindeutig die schwarze“, antwortet er auf meine Nachforschung hinsichtlich seiner Gesinnung.

Und er betont auch gleich noch, daß er von jeher von den mystischen und verbotenen Überlieferungen seiner Heimat fasziniert gewesen ist, welche sich die Alten hinter vorgehaltener Hand oder in den vielen Tempeln dort seit Jahrtausenden erzählen.

Und diese dominieren laut seiner Aussage auch die spannenden Lyrics von „Djinn“.

Der Bandname dieser assyrischen Zaubermeister bleibt augenblicklich im Gedächtnis hängen. Wir erfahren dazu:

„Melechesh stammt aus uralten hebräischen Schriften und bedeutet übersetzt soviel wie `King of Fire`. Der Name hat für mich eine besondere symbolische Bedeutung, auf die ich hier jedoch nicht näher eingehen möchte.“

Und damit hat er auch gleich den Zusammenhang mit der folgenden Frage nach dem Premiere-Gig der Band hergestellt, dessen schließlicher Ausgang an Schicksalsträchtigkeit schier nicht mehr zu toppen ist und welcher wohl getrost als einmalig deklariert werden darf.

„Das Ganze erwies sich vom Anfang weg aufgrund der dogmatischen religiösen Umstände um ums herum als sehr gefährlich für uns alle. So wohnten ich und einige andere von uns ganz in der Nähe von historischen Originalschauplätzen der biblischen Geschichte; beispielsweise von Jesu Geburt und auch seinem Auferstehen. Und auch unsere Familien bestanden aus überzeugten assyrischen Christen. So mußten wir unseren diabolischen Leidenschaften für dort streng verbotenen Okkultismus schon immer im verborgenen ausleben. Als das schicksalhafte Konzert schließlich stattfand, rückte unmittelbar danach die örtliche Polizei an. Als sie über Umwege also erfuhren, daß die `Könige des Feuers` einen Gig spielten, rückten sie gleich noch mit der Feuerwehr verstärkt an. Ich brauche wohl nicht noch zu erwähnen, was da los war. Wir wurden sofort verhaftet und unter Arrest gestellt. Erst nach langen und schwierigen Gesprächen konnten wir die Behörden davon überzeugen, daß sie es nicht mit praktizierenden und gefährlichen satanistischen Verschwörern zu tun hatten. Und am Abend des Spektakels durchsuchten die Schwadronen der Polizei gleich noch die Straßen der Stadt und verhafteten viele der geflüchteten angereisten Black Metal Fans, welche mit schwarzen Shirts aufgegriffen wurden, auf denen umgedrehte Kreuze und Band-Logos prangten. Wir waren heilfroh, aus dieser Sache mit unversehrter Haut raus gekommen zu sein. Weitermachen mit der Band war dann natürlich nicht mehr drin, weil wir allesamt nachfolgend beschattet wurden. Ihr Europäer könnt euch die tiefe und extreme Religiösität unseres Heimatlandes nur schwerlich vorstellen.“ Wirklich eine gleichermaßen atemberaubende wie kultige Geschichte.

Engelsvernichter Ashmedi lebt nun schon seit einigen Jahren in Amsterdam, wo es sich vergleichsweise leichter solcherlei Passionen frönen läßt.

„Nachdem mit Melechesh nichts mehr ging, entschloß ich mich, meiner Heimat den Rücken zu kehren. Ich tarnte eine 1998er Reise als Urlaub, um nie wieder zurück zu kehren. Es war gewiß kein leichter Schritt in meinem Leben für mich, den ich aber gehen mußte. Meine Band bedeutet schließlich alles für mich. Und ich habe es nicht bereut. Es gefällt mir sehr gut hier. Der Rest der Band lebt jetzt in Frankreich, Proscriptor dagegen lebt nach wie vor in Texas.“

Doch nimmt Ashmedi entgegen meiner Schlußfolgerung keinerlei Drogen dort zu sich, denn seine einzige Droge ist seine Gitarre und die Musik von Melechesh, wie er mir darlegt. Leider ist das bisher nur mit dunkler Zauberei zu beschaffende Debüt aufgrund kleiner Auflage längst vom Markt verschwunden. Jedoch:

„Ein spanisches Kleinlabel namens War Is Imminent Productions will diese Scheibe mit zwei Bonustracks in einer Digipak-Neuauflage mit differierendem Frontcover wieder veröffentlichen. So fügen diese auch noch je einen Studio- und einen Live-Track dazu.“

Abschließend bleibt mir lediglich noch zu erwähnen, das der wirklich bitterböse musizierende Dschinn, den Melechesh mit ihrer exquisiten und magischen Musik aus seinem Gefängnis, einer verkrusteten jahrtausendealten Amphore, befreien, wahrlich mächtige und geheimnisvolle Energien besitzt.

© Markus Eck, 05.04.2001

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