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Interview: MEMBARIS
Titel: Sog aus Negativität

Wahrlich turmhoch ragen die hämischen Lieder dieses talentierten Schwarzmetalltrios über das belanglose Einerlei der uninspirierten deutschen Black Metal-Heerscharen hinaus.

Vom sich mehr und mehr ausbreitenden Patronengurt-Kindergarten und MySpace-Zirkus, welcher diese einzigartige Stilistik jeden Tag mehr ins Lächerliche zieht, sind Membaris unzählige Lichtjahre entfernt.

Diese drei Dunkelseelen dagegen, alles andere als herzlos agierend, erzeugen auf ihrem aktuellen zweiten Album „Into Nevermore“ einen regelrechten emotionalen Flächenbrand: Ein inbrünstiges Feuer, dessen arglistig ausufernde Melodik-Flammen die Sinne passionierter Genre-Fanatiker unweigerlich entzünden sollten.

Massenmediale Aufmerksamkeit scheuen sie jedenfalls so sehr wie der Teufel das „heilige“ Weihwasser. Der in jeder Hinsicht hochdynamische Dreierbund zelebriert seine ausgetüftelt abgründige Grollkunst viel lieber für eine erlesene Klientel aus Kennern und Genießern. Im angeregten Gespräch bestätigten zwei der Urheber meine Vermutung aufs Angenehmste, dass es sich bei ihnen um intellektuelle Ausnahmekreaturen in den Reihen der ganzen heutigen Minusmenschen handelt.

Gitarrist Boreas spricht für mich direkt aus seiner persönlichen Seelenhölle und beschreibt sich selbst zu Beginn als einen „alkoholabhängigen, psychisch extrem labilen Versager, der mittels der Black Metal-Subkultur versucht einen Sinn in seinem Leben zu finden“; doch der Kerl relativiert direkt im Anschluss:

„Ernsthaft: Ich möchte mich nicht selbst einschätzen, da Subjektivität ihre Grenzen eben beim Subjekt selbst haben sollte.“

Laut assistierender Aussage von Bassist und Vokalist Kraal war die auslösende Ursache der Gruppengründung von Membaris sein eigenes Verlangen, all seine negativen Emotionen in Worte und Musik zu bannen.

Boreas betrachtet Black Metal nicht als pädagogisches Heilmittel: „Musik sicherlich, da gab es einige, aber ich unterscheide zwischen Musik und Black Metal. Es ist eigentlich eher der umgekehrte Fall. Nicht der Black Metal tröstet mich, es ist vielmehr so, dass ich durch diesen Sog von Negativität in den diese Musik einen hineinschleudert, überhaupt erst in die Lage gekommen bin, Hilfe oder „Trost“ zu brauchen. Die so genannten „Übermenschen“ proklamieren, dass Black Metal stark mache und die Gründung einer Elite legitimiere. Ich sehe das anders: Wenn Black Metal richtig funktioniert, dann macht er einen psychisch kaputt und das ist in gewisser Hinsicht auch seine Aufgabe. Um auf deine Frage zurückzukommen: „The Umbersun“ von Elend ist sicher der größte Schatz meiner CD-Sammlung und wenn der Alltag mal wieder unerträglich ist, ziehe ich mich in diese monumentalen Klang-Kathedralen unendlicher Schwärze zurück. Nach einer Stunde geht’s mir wieder gut.“

Kraal hingegen schöpft nicht allzu viel Hoffnung für die Zukunft, wie er mir zu diesem Kontext freimütig in aller Offenheit bekennt: „Also ich hoffe eher nicht so viel, ich mache da lieber was. Wer hofft, der kann auch andere für sich denken lassen. Es gibt viele von diesen Hoffnungslosen.“

Boreas expliziert hierzu noch: „Deine Frage impliziert, dass wir in einer hoffnungslosen Zeit leben. Nun man müsste erstmal klären, inwiefern das zutrifft. Wenn ich den Fernseher anmache oder raus auf die Strasse gehe, sehe ich nichts als nichtiges, austauschbares Leben. Ich nehme mich da nicht aus, auch meine Existenz hängt an einem seidenen Faden, aber ich bin mir dessen bewusst. Bewusstsein ist der erste Schritt in Richtung innerer Frieden. Das ist genau das, wonach ich strebe. Innere Ruhe, egal um welchen Preis. In mir bekämpfen sich viele Dämonen und der einzige Weg eine Auszeit zu nehmen und Kraft zu tanken sind die mannigfachen Klangkörper der Schwarzen Künste. Egal ob Black Metal oder Dark Ambient: Musik ist meine schmerzlindernde Arznei. Ich habe keine Hoffnung für die Zukunft, denn meine Lebenseinstellung wird sich garantiert nicht zum Positiven verbessern (schon gar nicht bei einer solchen musikalischen Ausrichtung), aber wenn ich an die Zukunft und deren Sinn denke, denke ich daran, dass ich noch mindestens zwei Alben mit Membaris aufnehmen will. Die Musik dieser Band ist das einzige in meinem Leben, was eben nicht nichtig ist.“

Wenn der Gitarrist derzeit an seine Gruppe Membaris denkt, fühlt er sich laut eigenem Bekennen zeitweise sogar etwas schizophren:

„Irgendwo freue ich mich, dass wir das Kapitel „Into Nevermore“ endlich abschließen konnten. Andrerseits ärgere ich mich darüber, dass es so lange dauern musste. Ich bin zwar mit dem Resultat zufrieden, aber auch die Atmosphäre auf dem zweiten Album entspricht nicht dem, zu was wir fähig sind. Ich habe hier einen Haufen Demo-Aufnahmen, die wirklich sehr finster und intensiv sind. Es brennt mir unter den Nägeln diese Visionen endlich adäquat umzusetzen. Dadurch, dass alle drei von uns Songs schreiben, haben wir das Gefühl ständig etwas absorbieren zu müssen. Die Marktmechanismen hindern uns aber daran. Wie ich in anderen Gesprächen bereits erwähnt habe: Die Stücke auf dem aktuellen Album stammen aus der Zeit von 2001-2004. Ich würde mich lieber heute als morgen ins Studio setzen, um unser kommendes Werk „Crossing The Borderline Of Event Horizon“ aufzunehmen. Aber das wird so schnell kaum möglich sein.“

Kraal geht es da schon besser: „Ich fühle Kraft und Zusammenhalt zwischen uns drei Individuen; bin erleichtert, endlich meine Visionen und Gedanken hören zu können.“

Ich erkundigte mich bei den beiden Musikern, ob sie mit der Entwicklung ihres Werdegangs als Band über die Jahre bis heute zufrieden sind? Es hat sich doch eine ganze Menge getan in der deutschen Schwarzmetall-Szene. „Bei uns kannst du das keine richtige Szene nennen, hier und da ein paar schwarze Gestalten. Außer Weird Fate gibt es hier keine ernstzunehmende Black Metal-Band“, konkretisiert Kraal die Verhältnisse. Boreas meint dazu: „Wir waren immer stark auf uns selbst fixiert und haben uns nicht um die Szene, deren Skandale und Moden gekümmert. Durch meine Ex-Freundin, die recht stark involviert war beziehungsweise ist, habe ich einen regelrechten Kulturschock erlitten. Auf einmal waren Bands im Gespräch, von denen ich noch nie was gehört hatte. Auch der Diskurs insgesamt hat sich verändert. Mein Eindruck ist, dass die Szene in einer Sackgasse steckt und versucht sich mit ziemlich lächerlichen Mitteln da raus zu manövrieren. Dabei korreliert das skandalöse Auftreten einiger Leute stark mit deren musikalischer Uninspiriertheit. Klar, es ist lustig sich auf der Bühne bis auf die Knochen zu zerschneiden aber was interessiert mich das, wenn die Musik belanglos ist? Diese Affen, für die Black Metal mittlerweile nichts weiter als Provokation ist, verstehen nicht, dass der musikalische, transzendente Fanatismus den realen um ein Vielfaches übersteigt. Wenn ich Skandale und Gewalt haben will kaufe ich mir eine Bild-Zeitung. Die ist billiger und weitaus extremer als alles was die Black Metal-Szene je zu Stande bringen wird.“

Als ich gezielt nachfragte, wie Membaris ihre Einstellung zur deutschen Black Metal-Szene definieren, bezichtigte mich der erstaunte Boreas glatt aufgebracht der Spaßmacherei. „Du machst wohl Witze? Ich bin froh, wenn ich die kommenden Membaris-Konzerte bestehe ohne kotzen zu müssen. Es gibt einige Leute, die unsere Musik schätzen und uns unterstützen. Ansonsten halten wir uns von dieser Szene fern.“

Dann gingen wir endlich zum gleichfalls leidigen wie lachhaften Thema MySpace über. Boreas präzisiert seine Sicht der Dinge auf interessante Art und Weise:

„Tja, ein heiß diskutiertes Thema. Erst war ich angetan von der Idee, dass es eine Metaebene gibt, auf der Bands ihre Musik ohne ökonomische Zwänge präsentieren können. Andererseits habe ich sehr schnell realisiert, dass Myspace für die Untergrund-Kultur ein richtiges Gift ist. Black Metal darf niemals zum „User Generated Content“ werden, da dies der Tod bedeutet. Musik ist mittlerweile so leicht verfügbar und hat einfach (ähnlich wie bei einer Inflation) seine Wertigkeit verloren. Auf den „User“ prallen tonnenweise musikalische und visuelle Eindrücke ein. Er wird satt, müde und dekadent. Hinzu kommt, dass jeder meint sich dort darstellen zu müssen. Aber sollte überhaupt jeder das Recht dazu haben? Früher gab es ein Auswahlverfahren über die Labels. Was gefiel, gut war und Herz hatte wurde finanziell gefördert. Auf diese Qualitätsprüfung sind die Bands heute nicht mehr angewiesen und das ist schlecht. Eine Plattform wie Myspace ist meiner Meinung nach nur für extrem nonkonforme, avantgardistische Gruppen sinnvoll, deren Kunst niemals von einem Label unterstützt würde. Ansonsten gilt: Die maßlose Liberalisierung, egal in welchen Lebensbereichen, ist immer schlecht. Wir werden in naher Zukunft unsere Seite bei dieser „Community“ löschen.“

Im Weiteren befasste sich das Gespräch mit dem Themenkontext Black Metal-Trend, in welchen von oberflächlichen Konsumenten wahrscheinlich auch die Musik von Membaris eingeordnet wird. Kraal relativiert: „Ich habe irgendwie nie an Trend gedacht, obwohl er ja deutlich vorhanden war. Black Metal war seit dem Zeitpunkt des ersten Hörens immer tief in mir drin.“

Boreas definiert seine Ansicht, dass dieser musikalische Trend doch schon längst in der Versenkung verschwunden ist. „Genau wie Death Metal. Deswegen muss man jetzt nicht heulen, so läuft das Spiel nun mal. Ich denke es gibt kaum eine Musikart, die so tot geritten wurde wie der Black Metal. Jetzt kann man natürlich fragen: „Und ihr? Warum bringt ihr Alben raus wenn alles tot ist?“ Eine berechtigte Frage, die wir uns auch schon im Vorfeld der Aufnahmen von „Into Nevermore“ gestellt haben. Antwort: Wir halten unsere Musik für wertvoll. Wer daran teilhaben will kauft sich die CD (es soll ja noch solche Leute geben), wer nicht, lässt es eben bleiben. Wichtig ist die Gewissheit, dass wir mit der Veröffentlichung des Albums eben nicht dazu beitragen den deutschen Black Metal zu schwächen, sondern im Gegenteil: Wir wollen ihn stärken.“

„Erfolg kommt oder kommt eben nicht mit steigendem Bekanntheitsgrad, erläutert mir Kraal. Wir erfahren: „Ich lege da nicht so viel Wert drauf. Es ist für mich viel wichtiger, die Musik mit meinen Brüdern zu zelebrieren. Auch kleiner Erfolg kann einen schnell verderben – also schön auf dem Teppich bleiben.“

Boreas stellt hierzu klar: „Erfolg ist für mich, wenn die anderen in der Gruppe meine Songs mögen und mit absoluter Hingabe an deren Vervollständigung arbeiten. Erfolg ist für mich auch, wenn besondere Menschen, die man selbst für ihr Schaffen anbetet, einem ein Lob aussprechen – so geschehen mit Renaud Tschirner von Elend. Alles andere was nominell, also kommerziell quantifizierbar ist, kann heutzutage nicht mehr als Erfolg definiert werden. Und schon gar nicht in der deutschen Black Metal-Szene im Jahre 2007. Rein kommerziell sind wir eine extrem erfolglose Band und werden dies wohl auch immer bleiben.“

Kraal hat seine eigene Art des Bass-Spielens für sich persönlich gut weiter ausgefeilt. Er geht in die Tiefe: „Musikalisch schaffe ich es daher noch viel besser meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Wir sind atmosphärischer geworden und ich habe ein starkes Interesse am Kosmos und am Chaos in mir selbst entwickelt.“

Boreas erzählt im Anschluss, seinen Kollegen ergänzend: „Alle unsere bisherigen Veröffentlichungen einschließlich „Into Nevermore“ sind streng genommen nicht sonderlich innovativ in dem Sinne, als das wir etwas Neues erfunden hätten. Es ist gut und eigenständig, aber eben nicht neu. Mit „Crossing The Borderline Of Event Horizon“ werden wir neues, finsteres Terrain betreten. Nicht nur, dass sich das Songwriting stark entwickelt hat. Wir werden auf diesem Mammutwerk auch verstärkt mit Ambient-Klängen experimentieren. Es soll in jeglicher Hinsicht eine verstörende Reise an die Peripherie des Ereignishorizontes werden. Es wird sehr unfreundlich, kalt und sphärisch.“

Mannigfaltige Fragen nach Einflüssen und Inspirationen werden Membaris stets gestellt, obwohl sie laut Boreas für ihn eigentlich nicht zu beantworten sind. „Wichtige Bands waren Abigor, (frühe) Setherial und Adversam. Inwiefern sie Einfluss auf unsere heutige Musik haben, kann ich nicht sagen. Wir klingen anders.“

Markante Unterschiede, wenn man das aktuelle Album mit den vorherigen Membaris-Liedern vergleicht, kann mir der Gitarrist ebenfalls nur schwer formulieren:

„Das ist wirklich schwierig zu sagen, denn jedes Lied ist ein Kapitel für sich und sehr eigenständig. Deswegen kann man unsere Alben vom Songwriting her nur schwer unterscheiden. Beim dritten Output wird eine Zäsur schon eher deutlich. Ansonsten muss ich sagen, dass „Into Nevermore“ sowohl was den satten Sound als auch die, wie ich finde, sehr gelungene visuelle Umsetzung angeht, viel professioneller ist als der Vorgänger. Außerdem haben sich auf dem Albumvorgänger „Poetry of Chaos“ einige Spielfehler eingeschlichen, die mit unserem damaligen Dilettantismus zu erklären sind. Ich mag das Album trotzdem, weil dort gute Songs zu finden sind.“

Zum aktuellen Tonträgerverlag kamen Membaris glücklicherweise ohne große Mühen: „Wir haben 2005 mit Morrigan und Asaru im Steinbruchtheater in Darmstadt gespielt. Dort ist der Inhaber Kai wohl auf uns aufmerksam geworden und hat bei uns angefragt. Nachdem die Sache mit diesem anderen Label geklärt war, lief alles ziemlich schnell und ich denke, dass wir bei ARTicaz in guten Händen sind. Es ist eine ganz neue Erfahrung für uns. Sein Engagement lässt keine Wünsche offen“, freut sich Boreas.

Ich erkundigte mich nach einem spezifischen Antriebsfaktor, welcher die Band dazu bewegt, ihre extrem expressive Schwarzmetallmusik zu kreieren. Boreas hat da nicht die geringste Ahnung: „Es ist eben die Musik, die wir am besten spielen können und die am ehesten unser negatives und pessimistisches Innenleben darstellt – mehr kann ich dazu nicht sagen.“

Über sein Privatleben schweigt sich der Gitarrenspieler aus. „Was genau ich in meinem Alltag tue geht niemanden etwas an. Die Musik ist aber mein ständiger Begleiter. Mal macht sie mich fertig und spuckt auf mich, dann wieder gibt sie mir Frieden und innere Ruhe. Es ist ein ständiges Auf und Ab des seelischen Zustandes. Ganz zu schweigen von dem Zustand meiner Ohren. Ich glaube ich habe mittlerweile einen üblen Tinnitus, den ich auch nicht mehr loswerde. Schöne Aussichten für das Alter“, ironisiert er.

Dann unterhielten wir uns über die Genüsse deutscher Braukunst. Boreas wohnt derzeit hauptsächlich in Bamberg, und dort scheint man es ganz aushalten zu können, denn: „Wenn du dich mit Bier auskennst, dann weißt du, dass das mit neun hochklassigen Brauereien quasi die Hauptstadt des Bieres, das Mekka aller Saufköpfe mit Niveau ist. Ich bin fest davon überzeugt, dass hier das beste Bier der Welt gebraut wird. Empfehlen kann ich Zirndorfer, Fässla und mit Abstrichen Mahrs. Was ganz Besonderes ist das Schlenkerla, ein Rauchbier. Es hat durch die Behandlung mit dem Rauch brennender Buchenholzscheite ein frisches, geräuchertes Aroma und ist weltberühmt. Harten Alkohol trinke ich nicht mehr, da ich dabei schon zu oft die Kontrolle verloren habe.“

Weil wir ohnehin schon beim Thema „Saufen“ waren, bewegte ich die inhaltliche Gesprächsdirektive auch noch gleich in Richtung Drogenmissbrauch. Ich fragte nach, was Membaris von „modernen“ Drogen halten. Meiner Ansicht nach sorgen sie für eine dringlich erforderliche Auslese, mittels derer die „Schlechten“ sich selbst damit zu Tode richten. Für Boreas eine interessante Ansicht. Er spricht: „Du scheinst deine Misanthropie (sofern du solche Gefühle hegst) mit den Auswüchsen der Globalisierung zu legitimieren. Jede Gesellschaft, jede Zeit hat ihre Drogen. Das gehört genauso zum Menschen wie der Krieg. Man braucht nur an die alten Naturvölker denken oder den ärmlichen Versuch der amerikanischen Regierung ihre Prohibition durchzusetzen. Ich denke einfach, dass die „modernen“ Drogen ein Begleiter und Aspekt des Gegenwartlebens darstellen. Dieses ist schneller und hektischer geworden und mit ihm auch die Rauschgifte. Ob man den Tod oder den Zerfall einer großen Masse von Konsumenten chemischer Drogen als Rache der Natur am Menschen interpretieren sollte, halte ich für fraglich. Allerdings muss ich sagen, dass mich immer ein Hochgefühl überkommt, wenn ich einem dieser offensichtlichen Drogenwracks begegne. Diese Zerstörungskraft, die sich im Zerfall des menschlichen Körpers manifestiert, ihre traurigen und hoffnungslosen Augen – das wirkt berauschend auf mich. Hier liegen Leben und Tod so dicht beieinander. Ansonsten hast du natürlich Recht, wer nicht drauf klar kommt hat den Tod verdient. Es ist eine Form der Auslese. Es wird auf dem Nächsten Output ein Song Namens „Only Ruins Remain“ geben, der sich genau mit dieser Thematik befasst.“

Ehrensache, dass es hiernach auch noch um das „von Grund auf ehrliche, ehrbare und absolut selbstlose“ Christentum ging. Bevor diese perfide und resolute Machtmöglichkeit über die Menschheit mit Zwang global verbreitet wurde und den einstigen Naturvölkern beziehungsweise -Religionen mit einem gigantisch hohen Blutzoll der Garaus gemacht wurde, beteten die Menschen Mutter Natur ehrfurchtsvoll an. In der Moderne verschmutzen sie sie nach allen Kräften. Wie wird das nach Meinung von Membaris nach enden?

„Wir haben Ehrfurcht vor der Natur. Auch wenn es nach Black Metal-Klischee klingt: Wir waren oft in den Wäldern um ihre Herrlichkeit in uns aufzusaugen. Das Christentum interessiert mich nicht. Es ist dem Untergang geweiht, denn es hat auf Gewalt als Mittel der Macht verzichtet und wird untergehen. Was mich vielmehr provoziert ist der Islamismus. Aber ich hasse sowieso die allermeisten Religionen, mit Ausnahme von beispielsweise dem Buddhismus! Ich finde es schade, dass die Black Metal-Szene von heute vor ihren PCs und in ihren Internet-Foren verrottet, anstatt eine ernst zu nehmende antireligiöse Bewegung auf die Beine zu stellen. Die Lichter, die damals in Norwegen aufflackerten waren nur Symbole. Und wenn die deutsche Szene auch zum größten Teil einfach behindert ist, sind sie sich ja einig, dass Black Metal eben Krieg sei. Diese Richtung hätte einen Sinn und ich wäre an vorderster Front dabei.“

Das Album-Cover zu „Into Nevermore“ sowie die grafische Gestaltung des Membaris-Gruppen-Schriftzuges mit den sinnbildlichen Baumwurzeln zeugt von expliziter Naturverbundenheit. Ich hakte daher nach, worum genau sich also die neuesten Liedertexte auf dem aktuellen Album drehen und woher das Interesse an den lyrischen Themen der Lieder kam. „Manches sind Visionen, vielleicht unbewusste Wünsche. Manche entstammen dem inneren Schmerz. „Rabenhorst“ beispielsweise beschreibt eine Situation, ein Naturereignis, das außer mir niemand nachvollziehen kann. Über das Lied „Shades“ werde ich kein Wort verlieren. Interpretiere die Texte gerne für dich, ich will mich dazu eigentlich nicht äußern“, bekundet mir Kraal.

Boreas hingegen schreibt keine Texte, als Gitarrist sind die Riffs seine Form des Ausdrucks. Er erzählt: „Als am zweiten Aufnahmetag der Bruder unseres Sängers gestorben ist, hat er sich kurzerhand dazu entschlossen, dieser Person den Text von „Shades“ zu widmen. Was ihm dabei durch den Kopf ging oder warum er das tat, kann ich nicht wissen und wir sprechen auch nicht darüber.“

Für Bassist und Vokalist Kraal sind Bühnenauftritte mit seiner Truppe eine regelrechte Zelebrierung. Seine Augen beginnen zu leuchten, als er sagt: „Ich erhebe mich dann jeweils für eine dreiviertel Stunde in Weiten, wohin mir außer meinen Brüdern glaube ich niemand hin folgen kann.“

Boreas empfindet Auftritte sogar als gelebte Ekstase: „Wir mussten aber erst lernen, das auch live rüberbringen zu können. Wir waren am Anfang recht introvertiert, weil wir eben keine künstlichen Posen mögen. Die Leute hatten wohl Schwierigkeiten und wussten erst nicht, was sie von uns halten sollen. Mittlerweile fühle ich mich aber meistens recht wohl, auch wenn ich mir bewusst bin, dass unsere Musik für einen Großteil der Konzertbesucher einfach zu komplex ist. Andererseits möchte ich nicht zu den Leuten zählen, die den Schwanz einziehen und sich nicht raus trauen, Leute die nur vor dem Rechner hocken und elektronisches Getrommel programmieren. Bei einem Konzert werden all diese seltsamen Emotionen freigesetzt und sind greifbar. Wann und wo wir in Zukunft spielen ist unserer Internetseite www.membaris.de zu entnehmen. Im Winter werden wir allerdings eine Live-Pause einlegen, da ich und der zweite Gitarrist einige Zeit im skandinavischen, beziehungsweise baltischen Ausland leben werden.“

Kraal knüpft dazu noch an: „Es gibt kein genaues Ziel, es kommt, wie es kommen soll. Könnte man das Schicksal nennen? Wir tun, wonach uns ist.“

„Das nächste große Projekt von Membaris heißt wie erwähnt „Crossing The Borderline Of Event Horizon“, so Boreas. Alleine bei dem Gedanken an dieses Werk wird dem Gitarristen schwindelig, wie er ganz unverkrampft vor mir zugibt: „Ich hoffe, dass es mir inneren Frieden schenken kann. Wenn alles glatt läuft ist das Werk Ende nächsten Jahres 2008 draußen.“

Abschließend interessierte mich noch die abwegigste Frage, welche dem Trio bisher in einer Befragung zuteil wurde. Boreas berichtet mir dazu, dass er mal in einem Interview mit einem serbischen Mag gefragt wurde, warum Mystic Circle so scheiße sind. „Die Frage fand ich ziemlich seltsam. Dein ehemaliger Auftraggeber, das Legacy Magazin, pflegt übrigens auch nicht gerade eine herausragende journalistische Kultur. Vielen Dank für das Interview, es war ein interessanter Austausch und der Mühe wert.“

© Markus Eck, 02.07.2007

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