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Interview: MIDNATTSOL
Titel: Im Namen der Natürlichkeit

Für das aktuelle zweite Studioalbum „Nordlys“ ging dieses deutsch-norwegische Ensemble durch eine kleine künstlerische Metamorphose, aus welcher die Band samt ihrem stimmigen Folk Metal mit progressiven Klangkonturen hervorkam.

Zwar also noch immer betont gefühlvoll, aber merklich vielschichtiger und verschachtelter aufgebaut, zeigen die aktuellen Kompositionen von Midnattsol darauf die Weiterentwicklung der beteiligten Musiker um Vokalistin Carmen Elise Espenæs vollendet auf.

Letztere traf ich zuletzt bei der vorangegangenen Listening-Session am malerisch schönen, bayerischen Ammersee, wo es der so stimmstarken Norwegerdame laut eigener Aussage wirklich bestens gefiel.

„Es war für mich so ein besonderes Erlebnis dort, ich werde das nie vergessen. Ich bin jedoch leider bereits am Sonntag frühmorgens schon wieder zurück nach Norwegen geflogen, sprich, ich konnte mir die Landschaft gar nicht anschauen. Zu schade! Ich habe mir jedoch im Nachhinein die Photos von dort angeschaut – und die waren echt beeindruckend; eine wunderschöne Landschaft. Wie eine `Unpayable Silence`, um das Ganze einmal nach den Wörtern meines Lieblingssongs auf dem Vorgängeralbum `Where Twilight Dwells` zu beschreiben“, lässt Carmen mich mit freudigem Tonfall wissen.

„Nordlys“ klingt ja doch um einiges progressiver als besagtes Debütalbum, da liegt die Frage nach den bisherigen Reaktionen von Fans und Presse zum neuen Werk nahe.

„Ach, da können wir ehrlich gesagt gar nicht klagen, wir selbst sind sehr zufrieden mit dem ganzen Feedback der Leute dazu“, vermeldet die Sängerin mit dem Anflug eines herzlichen Lächelns. Sie fährt fort: „Natürlich gibt es auch nicht gerade in Jubel ausbrechende Reaktionen, aber das hatten wir auch gar nicht anders erwartet. Es gibt ohnehin zu allem immer verschiedene Meinungen, das macht unsere Welt ja letztlich doch so spannend. Ich gebe meiner Mutter da ganz recht zu dem was sie immer sagt: `Wenn alle Leute gleich wären, wäre es ja total langweilig im Leben.` Wir waren sehr gespannt darauf, wie die Fans auf die neue Entwicklung reagieren würden. Und in der Tat glaube ich nun, dass wir sogar einige Metal-Fans dazu gewonnen haben, da wir in der Tat progressiver, komplexer und detailfreudiger geworden sind. Ich muss aber ehrlich dazusagen, dass ich zeitlich nicht alles schaffe durchzulesen, was in den verschiedenen Ländern aktuell zu uns geschrieben wird.“

Am Anfang der musikalischen Reise von Midnattsol war die gute Carmen laut eigenem Bekunden sowieso völlig überrascht und zum Teil auch regelrecht überrumpelt von all dem Erfolg. Und auch von all dem, was da so über sie geschrieben wurde:

„Ich habe gar nicht geglaubt, dass gerade mir so was widerfährt. Das passiert ja sonst nur den `großen Stars`, dachte ich mir immer. Du kannst dir also vorstellen, was für einen Gesichtsausdruck ich hatte, als ich mal ein berufliches Vorstellungsgespräch führte und der Geschäftsmann dabei sagte: `Ich habe Sie mal `gegoogelt`, und ich habe zig Seiten über Sie mit Informationen erhalten.` Ich habe fast mein Wasser verschluckt [lacht]! Ich kann es beispielsweise auch gar nicht glauben, dass im Internet darüber diskutiert wird, ob ich Unterwäsche trage oder nicht. Im jeden Fall habe ich irgendwann eingesehen, dass ich einfach nicht alles mitbekommen kann; das schaffe ich gar nicht mit all dem was ich sonst so tue. Trotzdem nehmen wir uns immer Zeit, um Kontakt mit den Fans zu haben, das ist für uns allen sehr wichtig. Es ist wichtig für uns, dass sie wissen, dass wir für ihren Support so dankbar sind. Ohne sie wären wir niemals da, wo wir jetzt sind – sie haben uns so viel gegeben! Hoffentlich können wir den Hörern auch etwas Besonderes geben durch `Nordlys`.“

Wie Carmen festhält, war die Entscheidung der Band absolut richtig, musikalisch progressiv(er) zu werden:

„100%ig. Weil es als keine Entscheidung in dem Sinne zu verstehen war, sondern als eine natürliche Richtung, in welche wir uns entwickelt haben, und mit der wir uns wohl gefühlt haben. Wir wollten das. Nach einer Weile des Schreibens von neuen Liedern haben wir gesehen, dass es unser Weg war. Wir haben das auch zum Prinzip, dass jedes der Bandmitglieder mit den Songs zufrieden sein muss und sich damit identifizieren kann, sonst kommt der jeweilige Song nicht auf Platte. Manchmal dauert der Schreibprozess daher länger, aber die positiven Effekte sind die wichtigen: Wir alle mögen unseren Songs und stehen dazu. Ich glaube, es wäre nicht dasselbe, wenn wir nach den Meinungen von allen anderen um uns herum gehen würden. Für mich würde das Musikmachen nicht mehr in dem Maße Spaß machen, und ich bin mir sicher, dass die anderen Bandmitglieder das auch so empfinden. Ein Musikjournalist hat mal gesagt, dass wir vielleicht den Weltrekord darin haben, während der ganzen Jahre jedes Bandmitglied noch immer dabei zu haben. Man hört ja ständig von Rauschmissen und Quittierungen in den ganzen Bands im Metal-Bereich. Ich glaube, wir haben eine grundlegende Basis in dem Gedanken, dass jeder bei uns durch die Musik, die wir machen, aktiv teilnehmen und sich natürlich auch selber verwirklichen kann.“

Im Moment fühlen sich Midnattsol jedenfalls sehr wohl in der neuen musikalischen Richtung, so Carmen, und sie identifizieren sich daher zu 100 % mit ihrer eigenen Musik. Wir erfahren von der Sängerin noch mehr:

„Neuentwicklungen können jedoch immer möglich sein, wir entwickeln uns ja spiel- und gesangstechnisch durch die Zeit und sammeln neue Erfahrungen. Kleine neue Songideen sind auch schon wieder vorhanden, es ist jedoch gegenwärtig noch viel zu früh, um über genaue Richtungen zu sprechen. Mal gucken, auf was wir künftig noch so Lust haben oder wie sich das alles entwickelt während des kommenden Songwriting-Prozesses. Wenn ich aber etwas dazu sagen müsste, würde ich eher noch mehr in die Folk-Richtung schätzen, aber trotzdem ein Stück härter, komplexer und bombastischer. Man kann aber nie wissen, was die Zukunft bringt, das müssen wir wohl geduldig abwarten.“

Ich frage zum Bonus-Track der limitierten Edition des aktuellen Albums nach, den überraschender Weise Gitarrist Daniel Droste besingt. Carmen: „Das ist der Song `Octobre`. Auch wenn wir total damit zufrieden sind, war das in der Tat eher ein Zufall. Wir hatten am Anfang darüber geredet, dass es interessant wäre, wenn Daniel einmal beim einen oder anderen Song dazu singen würde. Aber irgendwie kam es dazu nicht. Als wir uns aber dazu entschieden hatten, noch einen Song zu machen, war es sehr kurz vor den Aufnahmen, und ich war schon wieder in Norwegen. Ich hatte wichtige Examen vor mir und daher nicht die zeitliche Möglichkeit, wie sehr ich es auch wollte, nach Deutschland zur Studioaufnahme zu kommen und auch nicht dazu, neue Gesangs- und Textlinien zu schreiben. Dann kamen wir eben auf die Idee, und der Song ist letztlich somit innerhalb von wenigen Stunden in unseren kleinen aber schönen, hehe, Proberaum im Süddeutschland entstanden. Daniel hat gesungen und unser Christian hat den Text dazu geschrieben. Wir waren alle mit dem Ergebnis zufrieden und haben uns sehr gefreut!“

Midnattsol preisen auch in ihren neuen Liedern mit lobenswerter Attitüde grenzenlose Naturverbundenheit, so tendiert der weitere Gesprächskontext in diese Richtung.

„Wobei ich sagen muss, das ich mein Verhalten eigentlich nicht als lobenswert bezeichne. Ich bin nicht besser oder schlechter als andere, ich tue nur das, was mir richtig und wichtig erscheint. Was mir gerade jedoch sofort in Gedanken kommt, ist das erste Mal, als ich die Felsplattform `Preikestolen` betreten habe. Dieser große und kraftvolle Berg ist eine der größten Touristenattraktionen ganz Norwegens und liegt nicht weit entfernt von meiner Heimatstadt Stavanger. Nennenswert ist hierzu aber auch, dass ich diesen Fleck erstmalig einige Wochen vorher betreten habe, bevor ich nach Deutschland ziehen sollte. Vielen Menschen geht es wohl so: Das, was in ihren Heimatorten bekannt ist, haben sie quasi selbst nie gesehen. Ich wusste auf jeden Fall, das es dort sehr schön ist – aber so derart wunderschön, nein, das hätte ich ja wirklich nicht erwartet. Wie so viele andere auch saß ich damals auf der Spitze der Bergkante, die Beine in der Luft hängend, und habe runtergeguckt auf den lebendigen und klaren Fjord namens `Lysefjorden`; ich habe hochgesehen auf die fantastische Berge um mich herum und habe herrlich frische Luft eingeatmet. Das war ein Gefühl von Lebendigkeit, von Glücklichsein, davon, Teil der Natur zu sein. Ein gigantisches Erlebnis! Ich kann noch immer gar nicht zählen, wie oft ich mir gedacht habe, dass das wie ein gemaltes Bild ist, was ich da sah. Es gibt aber auch so einige weniger bekannte Naturbereiche bei uns, die auch wunderschön sind.“

Das aktuelle zweite Studioalbum wurde „Nordlys“ betitelt. Hat Carmen selbst schon einmal richtige Nordlichter gesehen? Leider nicht, wie sie bedauert:

„Es ist so ein großer Wunsch von mir. Ich werde ja schon davon verzaubert, nur Bilder oder Videos davon anzusehen! Das Problem ist, dass ich im Südwesten Norwegens wohne und wegen der riesigen Entfernungen ist es superteuer nach Nord-Norwegen zu fahren. Ich glaube, ich war da nur einmal, als Kind, sonst nicht. Aber ich möchte so gerne Nordlichter sehen, so schnell wie möglich! Es ist ja aber auch so, dass man diese Erscheinungen fast nur im Winter sehen kann. Nordlichter treten zwar auch im Sommer auf, aber man kann sie normalerweise gar nicht als solche erkennen. Und, sie sind nicht jeden Tag sichtbar. Man kann bei einer Reise dorthin also auch Pech haben und am Ende gar nichts sehen. Sicher, es ist traurig, wenn man sich so darauf gefreut hat und auch so viel dafür bezahlt hat, aber hier enden nun mal die Kräfte der Menschen – das können wir eben nicht kontrollieren.“

Wie sie mir dazu im Anschluss gerne noch erläutert, ist das Nordlicht nicht nur in Nord-Norwegen sichtbar, dabei vor allem in Städten wie Andenes, Tromsø, Alta, Harstad, Narvik oder Bodø, sondern überall nördlich des Polarkreises, sprich auch Nord-Schweden, Nord-Finnland, Island, Svalbard, Grönland, Nord-Canada oder auch in Alaska.

Leider nimmt aber im Gegenzug zu solcherlei Naturverehrung die Verschmutzung der Landschaften immer mehr zu, und das auch von Privatleuten her, beispielsweise an Autobahnen, Straßen, in Großstädten etc.

Wie sehr stört die Sängerin das und was könnte das gigantische Problem ihrer Ansicht nach beheben? Sie freut sich sehr:

„Darf ich dazu erstmal was Grundsätzliches sagen? Das ist eines der tollsten Interviews überhaupt, tausend Dank für das tolle und interessante Gespräch! So großartige Fragen! Danke, dass du mir die Möglichkeit gibst, die Antworten auf so wichtige Fragen zu finden beziehungsweise diese noch klarer vor mir zu haben – das gibt mir echt viel! Ich kann gar nicht deutlich genug ausdrücken, wie sehr es mich stört! [Hat Tränen in den Augen; A.d.A.] Ich spüre es im ganzen Körper, dass das, was wir Menschen machen, nicht richtig ist. Seit meiner Kindheit habe ich extrem darunter gelitten darunter, mit anzusehen, wie Tiere misshandelt werden und die einzigartige Natur zerstört wird. Mein Körper verträgt auch gar nicht das ganze Gift, was täglich so um mich herum ist. Ich bin so dankbar dafür, dass ich die Musik habe, denn ich kann dabei die Frustration aus mir heraus lassen durch singen und texten. Das Ganze hilft mir sehr dabei, diesen ganzen Ärger los zu werden. Auf der neuen Midnattsol-Platte sind es besonders die Lieder `Open Your Eyes` und `New Horizon`, worin ich meine genannte Frustration zum Ausdruck bringen kann. Ich hoffe, ich habe meine Emotionen dazu auf den Live-Gigs unter Kontrolle.“

Würde es also in diesem Bereich nach ihren persönlichen Wünschen gehen, würde die Menschheit alles ganz anders machen müssen: „Ich bin so extrem, dass ich sogar gegen die ganze Industriegesellschaft bin. Ich würde gerne naturverbunden leben, als Teil des natürlichen Kreislaufs, wie es die norwegischen Samen, also die Ureinwohner, oder die australischen Aborigines gut vorgelebt haben. Vielleicht könnte man nun über mich denken: `Na ja, wenn es auf den Punkt kommen würde, würde sie es nicht tun`, aber ich möchte es wirklich. Das Problem dabei ist ja, dass dies die meisten anderen Bewohner dieser Erde nicht wollen; sie wollen nichts Unbequemeres haben. Die Einstellung beziehungsweise das Bewusstsein fehlt denen halt, eingenommen all den Politikern. Jeder sollte mal in sich gehen, und sich fragen, ob das in Ordnung ist, was da so abgeht auf dieser Welt. Sollte sich fragen: Was wäre, wenn es gerade du wärst, der zur Welt gekommen ist, wenn die Erde im Arsch ist? Nicht gerade ein tolles Leben. Wieso sollten Menschen oder Tiere das aushalten müssen? Und wenn die großen Veränderungen, die einen Effekt hätten, doch ausbleiben, dann sollte auf jeden Fall etwas getan werden, beispielsweise die alleinige Erlaubnis von Elektro-Autos, alternative Energien, mehr Recycling, weniger Chemie und Verpackungszeug, mehr Bio-Essen usw. Es ist in jedem Fall besser als nichts und jeder Anfang ist ein Anfang!“

In der Tat, doch solange gewisse Interessengemeinschaften mit Erdöl beziehungsweise industriell produzierten „Nahrungsmitteln“ – eine wirklich eklige Wortschöpfung – immense Geldmengen scheffeln, wird sich auf dieser Ebene nichts ändern.

Wir zwei diskutieren weiter darüber, warum sich der Mensch mit den Jahrhunderten immer weiter von der Natur entfernt hat und warum den Kindern in der Schule genau das simultan auch immer weniger beigebracht wird. Carmen klagt:

„Wir haben uns sogar so weit entfernt von der Natur, dass einige nicht mal richtig wissen, dass wir ein Teil von ihr sind. Sie sehen die Natur und die Tiere meistens als Nutzobjekte und uns als Herrscher an der Macht über die Erde an. Meiner Meinung nach passiert das, weil sie einen völlig anderen Fokus haben, weit entfernt von dem, was ich denke, das der Sinn des Lebens ist: Macht, Geld und Aussehen. Markus, überlege dir das doch mal: In der westlichen Industriewelt machen sich die Leute Sorgen, wie ihr Haar aussieht, ob sie dünn genug sind, ob sie genug materielle Sachen haben, anstatt sich auf das zu konzentrieren, was zählt: Ob es einem und dem Rest der Welt gut geht. Ob man im Einklang mit sich selbst und seiner Umwelt ist. Die Leute wollen lieber das machen, was `sein muss` beziehungsweise andere Erwartungen zufrieden stellen, als ein Leben zu leben, was ihnen Spaß macht. Einige Menschen wissen sogar nicht mal mehr genau, was letztlich sie eigentlich glücklich macht. Weil sie längst aufgehört damit haben, auf die innere Stimme zu hören. Und dieser Fokus wird immer ausgeprägter: Es wird einfach weitergemacht ohne nachzufragen, ohne Veränderungen – auf jeden Fall bloß so bequem wie möglich für uns Menschen, einfach weiter nach den industriellen Lebensweisen. Trotzdem, dass das Eis am Nordpol immer weniger und weniger wird, trotzdem, dass der Treibhauseffekt vermutbar gar nicht so weit weg ist, und trotzdem, dass es immer weniger Tierarten gibt. Aber werden wir mit diesem Fokus glücklicher? Nein, weil man immer weiter weg von sich selbst und vom Leben an sich kommt. Man weiß meiner Meinung nach nicht mehr, wer man ist oder was Sinn des Lebens ist. Man merkt mir nun sicher an, wie stark meine Meinungen hierzu sind. Ich möchte dabei aber auf gar keinen Fall behaupten, dass das, was ich meine, einzig richtig ist. Jeder muss sich seine eigene Meinung bilden. Aber komischerweise hatte ich immer diese Meinung, seit dem ich mich erinnern kann. Ich habe schon als Kind jeden angeschrieen, der den Automotor an hatte beim Stillstehen, der seinen Hund geschlagen hat (Wie kann man bloß?), habe viele Lieder über Krieg und Frieden geschrieben und auch noch Geld wie verrückt für Hilfsorganisationen eingesammelt usw. Ich war immer anders mit meinen Gedanken auf diesem Gebiet. Meine Gedanken sind halt nicht bequem oder nett, und ich bin es dabei auch völlig gewohnt, dumme Sprüche und Gelächter zu hören. Aber das hindert mich nicht eine Sekunde, das zu sagen, was ich meine.“ Vollste Zustimmung von meiner Seite aus.

Überhaupt, einer der größten und rücksichtslosesten weltweiten Umweltverschmutzer an sich ist bekanntlich China.

Und auch in den letzten Tagen vermeldeten die wichtigsten Nachrichtenagenturen acht weitere Tote auf Seiten der tibetischen Mönche inmitten der Proteste gegen die rigorosen chinesischen Machthaber.

Was in den gängigen weltweit operierenden Meinungsmacher-Maschinerien als unvermeidlicher Teil des dortigen „Demokratisierungsprozesses“ pauschalisiert wird, soll nachdenkliche Naturen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine Staatsmacht zur Niederschlagung von Meinungen und Ansichten in diesem Falle bereitwillig über Leichen geht; sprich, nicht davor zurückschreckt, friedlich demonstrierende tibetische Mönche des Lebens zu berauben.

Zur Erinnerung: Tibetische Mönche, die wohlgemerkt friedlichsten Menschen mit der wohl friedfertigsten religiösen Anschauung auf dieser Welt.

Was dort in fernen asiatischen Gefilden also unter das heuchlerische Signet „Erhalt des Volkswillens“ fällt, kostet so nebenbei nicht wenige aus dem Volk selbst das Lebenslicht.

Im Zuge dessen mutet es doch eigentlich fast unglaublich an, wie westliche Politiker und Lobbyisten sich zwar unter dem lausigen Deckmäntelchen der Empörung über Solcherlei pseudo-solidarisieren, jedoch hinsichtlich der zu erwartenden gemeinsamen Riesengewinne nicht zögerlich sind, wenn es darum geht, China zur Ausrichtung der anstehenden Olympischen Spiele Unsummen an Subventionen zuzugestehen.

Tja, wenn es ums Geld geht, sind sich halt am Ende alle doch immer wieder in aller Harmonie einig. Somit kann schon jetzt ganz klar vorhergesagt werden: Egal, wie viele tibetische Menschen und sonstige Regime-Kritiker am Ende ihr Leben in den derzeitigen Wirren lassen werden, die Olympiade wird stattfinden und ihren eigentlichen Zweck letztlich erfüllen. Nämlich, gigantische monetäre Erträge einzufahren – und zwar aus obligatorischer Werbung, Merchandise-Anteilen, medialen Übertragungsrechten, internationalen Subventionen und allerlei dubioser Spenden aus den Kreisen der immer gleichen Interessengemeinschaften.

So ist es wie es ist und auch schon immer war: Am Gelde hängt, zum Gelde drängt doch alles. Was zählt da schon eine nur allzu leicht zu vergessende Statistik über belanglose Todesopfer auf Seiten der tibetischen Wahrheitsliebhaber und Kulturbewahrer?

Doch wieder zurück zu Midnattsol beziehungsweise Carmen: Wir setzen uns anschließend damit auseinander, wie die Leute in den anderen Gegenden der Erde „ihre“ Natur wieder entdecken und lieben lernen können. Sie geht erneut aus sich heraus:

„Das ist eine gute Frage! Ich bin keine Fachexpertin oder so etwas, aber gute Tipps wären, neue Plätze zu erforschen, oder mal einen anderen Wanderweg ausprobieren als den üblichen – oder vielleicht überhaupt damit anfangen zu wandern [lacht]. Generell sollte mehr Mut da sein, um all die wunderschönen Flecken der verschiedenen Länder der Erde zu entdecken; es ist so erstaunlich was man so alles sehen kann! Auch wenn ich besonders die nordische Natur wegen der Reinheit, Unberührtheit und Mystik schätze, heißt das nicht, dass ich andere Landschaften nicht mag. Ich finde jede Natur schön auf ihre Art und Weise, außer zerstörte oder vermüllte Natur, da empfinde ich nichts anderes als Traurigkeit und Wut.“

Wie geht dieses irrsinnige Treiben wohl noch weiter, fragten wir uns.

Wird die Natur irgendwann aus dem Bewusstsein des „modernen“ Menschen verschwunden sein? Die Sängerin bezieht erneut Stellung:

„Diese Frage stelle ich mir jeden Tag. Besonders, nachdem ich neulich eine Dokumentation im norwegischen Fernsehen gesehen habe, die aufzeigte, dass die Schäden, die wir hier auf der Erde anrichten, viel größer und schlimmer sind, als es die Menschheit je geglaubt hat. Diese Dokumentation hat aufgezeigt, dass es gut möglich ist, dass, wenn wir so weitermachen wie jetzt und die Verschmutzung eher nur noch zunimmt, nicht viele Generationen nach uns hier leben können. Man hat ja bisher allgemein immer gedacht `nein, das passiert uns nicht` und die Leute denken daher auch aktuell gar nicht daran, dass man die Erde total kaputtmacht. Aber das Schlimme ist: Immer, wenn ich einigen Leuten von dieser Dokumentation erzählt habe, haben sie einfach dazu gemeint, dass es eh noch lange bis dahin ist und dass `man sowieso nichts machen kann`. Nein, mit so einer Einstellung kommen keine Verbesserungen, das ist schon klar. Am Anfang von meinem Leben habe ich immer an das Gute im Menschen geglaubt, dass diese nur verstehen müssen, um sich zu verändern. Aber leider muss ich sagen, dass auch, wenn die Hoffnungen und das Vertrauen in den Menschen meinerseits immer noch nicht ganz verschwunden sind, ich vermute, dass wir es uns so lange mit dem Bewusstsein des modernen Menschen bequem machen, bis es zu spät ist. Einige kommen ja mit der Idee daher, wenn die Erde zu aufgeheizt ist, auf andere Planeten zu reisen und sich damit zu retten. Bitte nein, sage ich – tut das nicht! Ist es denn nicht genug, dass wir so etwas Wertvolles wie unseren Planeten mit all seiner wunderschönen Natur und einzigartigen Tieren nach wenigen Hundertjahren komplett zerstört haben?“

Berechtigte Frage, welche jedoch leider auf unzählige taube Ohren in den Reihen der modernen Spaßgesellschaft trifft. Carmen hingegen erweist sich als aufrichtige Verfechterin ihrer Werte. Zudem ist sie überzeugte Vegetarierin:

„Da ich dazu auch möglichst Bio- und Fair Trade-Produkte esse, kann ich nicht sagen, dass ich viel Schnell-Imbiss-Essen verzehre. Es gibt auch ohnehin nicht so viele davon hier in Stavanger, das kann man gar nicht vergleichen mit Deutschland. Ich koche fast jeden Tag selbst oder mit anderen, auch wenn es nicht Drei-Gänge-Menüs mit Safran, Orangenschalen und Pinienkörner sind [lächelt sanft]. Zugegeben, ich benutze sehr selten Kochbuch. Und ich schmeiße bei Kochen nicht selten einfach alles eingekaufte Vorhandene rein und freue mich auf neue Kombinationen. Ich bin auch eine, die in Stress und Hektik lebt, aber ich versuche, einen Mittelweg zu finden, also weder Imbiss noch 138 Zutaten pro Mittagessen. Wenn man bedenkt, dass die Nahrungsaufnahme unglaublich wichtig für unser Leben ist, sollte man dem vielleicht auch ab und einen Gedanken schenken. Ich weiß, es ist nicht einfach in unseren Stressgesellschaft – ich bin aber ein Beispiel dafür, dass man trotz aller Hektik kann, wenn man nur will!“

In nächster Zeit freut sich die erzählfreudige Vokalistin ganz besonders auf die Reaktionen der Fans auf die neue Platte sowie auf ihre anstehenden Sommerferien Mitte Juni. „Ich überlege mir, an die Küste Spaniens zu fahren, aber nicht zu den typischen Touristenorten – denn ich sehe glaube ich genug Skandinavier in meinen Alltag [lacht laut]. Sondern ich möchte so richtig einfach leben, und zwar genau da, wo es ruhig ist, voller herrlicher Naturlandschaften und am Meer [schwelgt verträumt]. Seit sieben Jahren hatte ich nicht richtig Urlaub – und ich merke gerade, dass ich das nach dem meist hektischen Jahren meines Lebens mit Magisterarbeit, Spanisch-Examen, über 100 % Arbeit und natürlich Midnattsol, auch im höchsten Grad brauche. Ich bin ja eigentlich eher gegen Maschinen, da sollte ich doch auch verhindern, dass ich eine selber werde. Danke dir, Markus, für das tolle Interview und die spitzenmäßige Unterstützung!“

© Markus Eck, 20.04.2008

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