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Interview: MOONSPELL
Titel: Hoffnung aus der Dunkelheit

Auf ihrem mittlerweile auch schon wieder fünften Album dokumentiert sich der vielschichtige Verlauf der Karriere einer der anfänglich besten und einflußreichsten Düsterkapellen. Gestartet Anfang der 1990er als tiefschwarze Gothic Epic Metal-Band, spielten sich die unter einem Mondfluch stehenden Musiker innerhalb kürzester Zeit in die Herzen aller Dunkelkinder.

Mit ihrem legendären 1994er Minialbum „Under The Moonspell“ und dem ein Jahr darauf folgenden Klassiker „Wolfheart“ avancierte die trotz der heißen Temperaturen ihrer Heimat stets atmosphärisch sehr kalt erklingende Truppe schnell zu absoluten Lieblingen einer sich mit riesigem globalen Wachstum verbreitenden Gothic-Szene. Speziell „Wolfheart“ ebnete Moonspell wichtige Pforten, durch welche die Band erst so richtig in Öffentlichkeit treten konnte. Doch schon auf dem nachfolgenden Album, dem 1996er Tonträger „Irrelligious“ verließ die Musikantenschaft die gerade noch stolz und auch machtvoll beschrittenen musikalischen Pfade kreativen Schaffens, um neue unbekannte Wege zu erkunden.

Nachfolgend lavierten die sensiblen schwarzen Romantiker sowohl auf der obskuren Veröffentlichung „The 2econd Skin“, einer Doppel-EP, als auch auf der 1998er Scheibe „Sin/Pecado“ unentschlossen zwischen der anfänglich favorisierten atmosphärischen dunklen Grundstimmung und neuartigen elektronischen Sounds für viele Fans ärgerlich hin und her. Erst auf dem 1999 erschienenen Album „The Butterfly Effect“ schienen sich Moonspell dann musikalisch sicher zu sein, was sie eigentlich wollten. Der darauf zu hörende Stil – deutlich mehr an den einstigen Wurzeln orientiert – kommt nun auch erfreulicherweise auf dem neuem Album zum Tragen.

Der forciert emotionale und atemberaubend facettenreiche Dark Metal, den die Portugiesen jetzt also auch auf ihrem aktuellen Werk „Darkness And Hope“ inszenieren, enthält diesmal sogar eine regelrecht schwelgerische Fußnote. Und auch Sänger Fernando Ribeiro klingt endlich wieder wie in den besten Zeiten der Band.

„Das aktuelle Line-Up besteht nun schon seit fast fünf Jahren, wir spielen also schon die Hälfte unserer bisherigen Karriere mit den selben Musikern zusammen. Deswegen ist die momentane Stimmung innerhalb der Band auch wie immer ziemlich relaxed. Wir fühlen uns sehr gut. Die Leute spüren das, wenn man uns trifft. Da springt der positive Funke dann auch immer ziemlich schnell über“, eröffnet Fernando das Gespräch.

Das hört man gern. Nicht so gern vernahm man allerdings die entsprechenden zwiespältigen Reaktionen der weltweiten Musikpresse ob des doch recht krassen Stilwechsels von Moonspell vor einigen Jahren.

„`Wolfheart` und `Irreleligious` wurden von der Presse recht gut abgefeiert. Das machte uns stark und daraus resultierend wollten wir nachfolgend unsere individuellen musikalischen Interessen mehr in den Vordergrund stellen. Man kann auch sagen, wir wollten progressiver werden. Das kam hauptsächlich auf `The 2econd Skin` und `The Butterfly Effect` zum Tragen. Und wir wollten natürlich, wie anfänglich auch, die von uns auserkorene Thematik `Gut gegen Böse` weiterhin darbieten. Doch aufgrund unserer modifizierten musikalischen Direktive machte die einschlägige Presse Sturm gegen uns. Wir wurden gnadenlos verrissen. Auch die vielen mit den beiden ersten Alben gewonnenen Anhänger desertierten scharenweise. Das hat uns natürlich nicht gerade glücklich gemacht, wie man sich leicht vorstellen kann. Doch die treuen Seelen unserer Die-Hard Fans blieben nach wie vor an uns haften und ermutigten uns zum Weitermachen. Ob es nun richtig war oder nicht, uns wie erwähnt zu ändern, überlassen wir den Musikmedien. Uns war eben danach. Doch das ist nun Vergangenheit für uns. Wir besonnen uns auf die anfänglichen Tugenden, weil wir mit der Zeit selber nicht mehr so recht mit der neuen Stilrichtung klarkamen. Aber es mußte eben ausprobiert werden.“

Kann man durchaus nachvollziehen. Wer viel arbeitet, macht eben auch mal kleine Fehler. Moonspell haben jedoch aus diesen gelernt: „Jetzt wollen wir uns in erster Linie auf das neue Album konzentrieren. Wir sind alle sehr neugierig, was jetzt passieren wird. Schon nach dem letzten Album lasen wir deutlich begeisterte Nachrufe und Kritiken, deren gemeinsamer Grundtenor die Freude über unsere wiedererlangten Tugenden war. Diese Leute werden auch an unserer neuen Scheibe große Freude haben.“

Haben sich die polarisierten Fan-Fronten denn auch in den Albumabverkäufen bemerkbar gemacht, Fernando?

„Soweit ich das sagen kann, waren `Irreligious` und `Sin/Pecado` unsere Bestseller. `Sin` verkaufte sogar noch ein bißchen mehr als `Irreligious`. Die anderen Scheiben liefen aber eher mehr recht als schlecht.“ Kein Wunder. Zum Glück gibt es jetzt endlich wieder den typischen Moonspell Sound zu hören. Apropos, was hat denn eigentlich der jetzt schon dauernd zu lesende Bandname zu bedeuten. Wir erfahren:

„Es ist ein sehr alter Name, der uralten heidnischen Kulten entstammt. Als wir damals starteten, suchten wir einen repräsentativen Namen für die Band. Als wir dann auf diesen stießen, waren wir uns ziemlich schnell einig. Er soll die Kräfte zwischen den Gestirnen und deren für uns kleine Menschen nicht immer leicht verständliche Aktivitäten versinnbildlichen. Der Mond übte schon seit Beginn der menschlichen Existenz eine starke Faszination auf die Erdenbewohner aus. Das hat sich bis heute nicht im geringsten geändert. Uns hat das auch von Anfang an fasziniert. Auch beeinflußt er die Geschicke auf der Erde doch mitunter ganz enorm. Wenn man sich beispielsweise das faszinierende Schauspiel von Ebbe und Flut oder die Mondsüchtigen Individuen vor Augen hält, versteht man sicher, was ich sagen will. So wollen wir mit diesem Namen nicht zuletzt auch das machtvolle Gegenspiel zwischen Erde und Mond darstellen.“

Wenn man sich die Laufbahn von Moonspell so vor Augen hält, wurde ja innerhalb nicht allzu langer Zeit doch eine ganze Latte an Veröffentlichungen unter die Leute gebracht. „Ja, wir arbeiten immer sehr konzentriert an unseren Stücken und Alben, was daraus bedingt auch immer eine sehr schnelle Arbeitsweise garantiert. Von Anfang an hatten wir niemals Schwierigkeiten, beim Songwriting inspiriert zu sein. Wenn die Inspiration ausblieb, kämpften wir regelrecht darum. Wir wollten immer so präsent als möglich bei den Fans sein.“ Lobenswerte Grundeinstellung, kann man da nur sagen.

Der Titel des neuen Albums ist laut Fernando schon auf den ersten Blick die repräsentative Titulierung einer Aneinanderreihung vieler Kurzgeschichten von Dunkelheit und Hoffnung. „Unsere Stücke auf `Darkness And Hope` setzen sich alle mit diesem ganz speziellen Gefühl der Hoffnung in der Dunkelheit auseinander. Es soll auch eine ganz eigene Färbung dieses Gefühls veranschaulicht werden. Jemand, der in der Dunkelheit auf etwas hofft, denkt nicht komplett in weiß oder komplett in schwarz. Sondern irgendwo dazwischen. Der Albumtitel existierte als erster Bestandteil des neuen Albums. Sozusagen als Basis. Alles andere wurde diesem Titel dann nachfolgend auf den Leib geschneidert. Ich weiß nicht genau, wie es die anderen Bands machen, aber wir können niemals von Punkt Null aus beginnen zu arbeiten. Wir benötigen immer eine anfängliche Grundthematik, auf der wir dann aufbauen. Eine Vision sozusagen, auf die wir unseren kreativen Fokus und unsere künstlerischen Energien legen können. `Darkness And Hope` ist auch eine Art Vergangenheitsbewältigung für uns, da wir auch schwere Zeiten durchgemacht hatten, in denen wir unsere Hoffnung in der uns umgebenden Dunkelheit nicht verlieren durften. Denn das wäre das Todesurteil für Moonspell gewesen. In der Vergangenheit erlebten die Fans ja unsere Erfolge und unsere Mißerfolge hautnah mit; so soll der Titel der neuen Platte dies alles versinnbildlichen. Stellenweise war es für uns ja auch ziemlich hart, durchzuhalten und nicht den Mut zu verlieren.“

Doch gibt Fernando auch eindeutig zu, daß die besten Songs von Moonspell in Phasen tiefer depressiver Zustände geschrieben wurden. Man kann es abschließend auch mit dem Gefühl auf einer Beerdigung vergleichen, so mein Gesprächspartner:

„Jeder denkt daran und hofft darauf, daß die betreffende Person, die unter die Erde kommt, endlich seinen Frieden finden möge nun in eine bessere Welt kommen solle. Das ist glaube ich die perfekte Vorstellung von Hoffnung in der Dunkelheit.“ Wo und vor allem wie sieht der Sänger seine Band denn momentan? „Als wir damals begannen, die anfängliche Gothic Metal-Schiene ein wenig in unsere Richtung zu biegen, zeigten sich immens viele Fans komplett überfordert. Doch wollten wir uns einfach keinen Stempel aufdrücken lassen. Mit `Wolfheart` und auch mit `Irreligious` hatten wir einfach die richtigen Alben zur richtigen Zeit am Start. Die Szene schoß sich auf uns ein und verlangte nach mehr aus dieser Richtung. Aber wir entwickelten uns doch weiter! Wir wollten ja nicht die grundlegende dunkle Atmosphäre unserer Stücke verlieren, aber wir wollten auch nicht die gleiche Platte noch einmal aufnehmen. Also verwendeten wir zusätzlich einige elektronische Elemente, wie man sie auch aus dem Darkwave-Bereich kennt und verringerten den Metal-Anteil in den Songs. Heute spielen wir mehr unsere ganz individuelle und eigene Version des Metal. Unsere Musik enthält nach wie vor natürlich Elemente aus dem Gothic Metal. Doch sind für uns einfach mit den Jahren zu viele Bands auf diesen fahrenden Zug aufgesprungen. Das brachte eine gleichfalls langweilige wie auch lähmende Gleichförmigkeit mit sich. Und Langeweile ist aber der Tod der Kreativität. Deswegen bemühen wir uns doch sehr, unsere eigene Stilistik zu entwickeln und uns damit auch einen Namen zu machen. Man soll uns an unserer Musik schon identifizieren können. Wir möchten den Hörern unsere Visionen damit vor Augen führen. Wir sind ja immer noch Künstler und keine Marionetten der Musikindustrie.“

Weise und vor allem wahr gesprochen. Fernando spinnt den Faden weiter: „Musik war für uns schon immer ein richtiges Abenteuer, auf das wir uns einlassen wollten; Erfolg stand bei Moonspell immer an zweiter Stelle.“ Diesen Satz haben wir aber in der Vergangenheit auch schon von vielen anderen Bands gehört, die danach auf den nächsten Trend gesetzt haben. Mr. Ribeiro verneint dies ganz entschieden:

„Das kenne ich nur allzu gut. Bei uns sieht das jedoch entschieden anders aus; unsere Musik reflektierte bis jetzt immer unsere individuellen persönlichen Stimmungen während der jeweiligen Schaffensperiode. Sollten wir mit unseren Stiländerungen genau zur richtigen Zeit angekommen sein, war dies reiner Zufall. Wir haben ständig differierende Bedürfnisse an die Stücke, die sich von Platte zu Platte wie auch wir Musiker immer wieder ändern. Natürlich wollen wir unsere Fans zufriedenstellen, denn durch sie sind wir überhaupt in der Lage, als Band unsere Veröffentlichungen zu verkaufen. Aber wir wünschen uns auch, daß sie an unserer Entwicklung teilhaben, ohne sie mit einem Grollen hinzunehmen.“ Zu wünschen wäre es der Band auf jeden Fall. Es wäre laut Fernando der Idealfall, wenn die ideellen Geister der Musiker als auch der Hörer miteinander verschmelzen und die Fans somit an den Intentionen ihrer Idole teilhaben können.

Diese Intentionen stammen in der momentanen Metalszene, ganz speziell im Gothic- und Black Metal-Bereich, zum überwiegenden Großteil aus dem Okkultismus sowie dem schwer in Mode gekommenen neuzeitlichen Satanismus. Fernando hierzu:

„Das Leben ist eigentlich ziemlich langweilig für die konsumorientierten Menschen geworden. Das war aber auch schon früher der Fall, allerdings nicht so stark ausgeprägt wie in der Gegenwart. Also war es nur eine Frage der Zeit, bis die anfängliche Metapher für das Böse von einer Philosophie zur kriegerischen Anti-Religion wurde. Grenzenlos verdorbene Sexualität jenseits der Konventionen oder gruselige schwarze Messen mit unheimlichen Ritualen üben ja immer wieder einen sehr großen Reiz auf angehende Satansjünger aus. Auch die vielen Black Metal-Bands verherrlichen in ihren Lyrics durchaus reizvolle und interessante Inhalte. Doch finde ich, daß die meisten Texte doch auf Dauer langweilig sind, weil sie zu wenig eigene Interpretationen beinhalten. Was die Sache doch letztendlich reizvoll macht, ist die jeweilige Sichtweise der einzelnen Personen.“

So ist der Mann dann auch der Meinung, daß viele im Grunde sehr interessante Ansätze aus den Bereichen okkulte Praktiken, Mystizismus oder auch der Esoterik leider nur sehr unausgereift dargeboten werden.

„Viele Musiker gehen doch in alte Büchereien, holen sich einen Stapel okkulter alter Wälzer und schreiben die Inhalte dieser einfach ab. Sie würden doch viel besser daran tun, ihre eigenen Gedanken auszudrücken. Das ist doch das Schönste an der Musik überhaupt. Ich schreibe für Moonspell sämtliche Lyrics, weil wir herausgefunden haben, daß ich es einfach am besten von uns allen kann. Und ich gebe mir immer die größte Mühe, niemals etwas einfach aufzugreifen und blind zu verwenden. Jeder meiner Texte muß auch immer ein Stück meines tiefsten Inneren reflektieren.“

Das neue Album „Darkness And Hope“ wurde in den Finnvox Studios in Helsinki von Hiili Hiilesmaa produziert, der auch schon für H.I.M. und Sentenced oder auch Waltari die Regler in die richtige Richtung drehte. „Auch produzierte er die Apocalyptica-Sachen, die wir alle sehr lieben. Hiili produzierte schon so einiges, aber wir verfolgten seine Arbeit mit regem Interesse und wollten das neue Album unbedingt von ihm produzieren lassen. Seine Produktionen weisen allesamt einen sehr charakteristischen und kraftvollen Gesamtsound auf, den wir auch haben wollten.“

Die Band benötigte circa einen Monat für die Arbeit an „Darkness And Hope“ im Studio, wie noch zu erfahren ist. „20 Tage für die Aufnahmen und anschließend noch einmal circa zehn Tage für den Mix. Auf der CD werden zehn von uns geschriebene Stücke zu hören sein und noch drei Coverversionen. Wir legten nach dem Release von `The Butterfly Effect` und der nachfolgenden Tour erst einmal eine schöpferische Pause ein. So benötigten wir ganze zwei Jahre, um das Material der neuen Scheibe zu komponieren und anschließend auszuarbeiten. Das war aber meiner Meinung nach ganz genau das Richtige. Es mußte einfach sein. Wir fühlten uns ziemlich ausgebrannt und schöpferisch auch irgendwie erschlafft. Jetzt haben wir wieder Feuer in uns und sind total heiß darauf, unsere neuen Stücke so oft als möglich vor unseren Fans zu spielen.“

© Markus Eck, 03.08.2001

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