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Interview: MORIAN
Titel: Kaleidoskopartige Stimmungsspiegelungen

Obwohl sie beziehungsweise ihre Kreationen genau gesagt eigentlich typisch finnisch klingen, bewegt sich die durchdachte Kunst von Morian doch eher abseits von bereits wohlbekannten Klangpfaden.

So erschaffen die erfinderischen Jungs um Sänger Janne Siekkinen hörenswerte dynamische Kompositionen von außergewöhnlich kreativer Anmut: Zu hören auf ihrem aktuellen Debütalbum „Sentinels Of The Sun“. Das dramatikfreudige Sextett krönt seine eingängigen Sehnsuchtslieder mit einer leckeren Portion bedeutungsschwangerer Emotionalität.

Ihr anspruchsvolles Treiben gipfelt somit in atmosphärisch hochklassigen Modern Metal-Manifesten vollmelodisch-skandinavischer Manier. Sami Niittykoski, seines Zeichens Gitarrist, hob den innovativen Trupp im Jahr 2002 aus dem düsteren Dark Rock’n’Roll-Taufbecken.

Sami ist mittlerweile das einzig verbliebene Gründungsmitglied. Doch auch der sympathische Sänger Janne Siekkinen hat viel zu den Geschicken von Morian mitzuteilen.

„Als im letzten Sommer 2006 unsere Tinte ans Ende des Plattenvertrages unseres Tonträgerverlages gesetzt wurde, gingen dem nicht wenige Besetzungswechsel voran. Doch das war auch gut so, denn nur so konnte sich das jetzige Morian-Team herauskristallisieren“, plaudert der Vokalist vor mir aus dem internen Nähkästchen.

Er ergänzt: „Mittlerweile sind wir alle perfekt aufeinander eingespielt und können somit ständig in aller nötigen Harmonie unser Bestes geben, und das in jeder Hinsicht.“

Und solcherlei angenehme zwischenmenschliche Chemie funktioniert bei diesen Finnen auch auf privatem Sektor:

„Erfreulicher Weise sind wir auch neben dem Musizieren mit Morian oftmals zusammen und haben eine schöne Zeit miteinander. Mehr kann man sich in Bezugnahme auf Bandmitglieder nicht mehr wünschen“, berichtet Janne mit ausgeprägtem Positivismus in der Stimme.

Ja, derzeit könnte es wirklich nicht besser für das stark ambitionierte Sechserpack laufen – wie sich im nachfolgenden Interview-Gespräch herausstellt, kletterte die Anfang März veröffentlichte Debüt-Single „Away From The Sun“ schnurstracks auf den zweiten Platz der offiziellen finnischen Single-Charts. Das spricht für sich. Janne spricht auch weiter:

„Zusätzlich zu der Single produzierten wir auch ein gleichnamiges Musikvideo dazu – darin wird die zugrunde liegende ergreifende Geschichte eines heimatlosen alten Mannes dargestellt, welcher reumütig auf all die wichtigen Ereignisse und Fehler seines Lebens zurückblickt.“

Für die gleichfalls einzigartige wie homogene stilistische Erscheinung der tiefgründigen Musik von Morian macht der stimmungsreich singende Frontmann die stark differierenden Genre-Einflüsse und -Vorlieben in der Band verantwortlich. Janne konkretisiert:

„Zuweilen kann beziehungsweise mag man es wirklich gar nicht glauben, welch unterschiedliche Hör-Neigungen bei uns im Probenraum immer wieder aufeinanderprallen. Doch anstatt stundenlang hitzig darüber zu debattieren, welche Gruppen und welche Metiers nun die besten sind, werfen wir die unterschiedlichen Inspirationen viel lieber in einen gemeinsamen künstlerischen Bottich und extrahieren daraus letztlich den eigentlichen Morian-Sound.“

Zu diesem interessanten Kontext ist weiter von dem redseligen Mann in Erfahrung zu bringen, dass die Mitglieder dieser Innovationskapelle in der Vergangenheit Stilistiken wie beispielsweise Pop, Rock oder auch sogar härtesten Black Metal erzeugten – selbst Techno-Klänge waren dabei. Janne lacht:

„So etwas kann ja eigentlich nicht funktionieren. Doch bei Morian führen gerade die krassen musikgeschmacklichen Gegensätzlichkeiten der Urheber zum konstruktiven Gegenteil, nämlich zu genau der von uns allen gewünschten variantenreichen Individualmischung. Doch auch jetzt sind wir noch immer regelmäßig überrascht, wie gut und wie ergiebig das Ganze bei und mit uns funktioniert.“

Doch die Beteiligten halten sich laut Aussage des Sängers ohnehin nicht lange mit solcherlei Erwägungen und Betrachtungsweisen auf. „Wir freuen uns eben wie erwähnt riesig über unsere ausgewogene Band-Gemeinschaft und lassen die Sache einfach geschehen. Denn nur so bleiben wir auch weiterhin unverkrampft und können unsere kompositorischen Dynamiken entsprechend erfrischend auskultivieren. Das ist uns nicht zuletzt das Allerwichtigste bei unserem Schaffen. Sonst würden wir mit Sicherheit ziemlich schnell ausbrennen und uns schöpferisch störend aneinander reiben statt gleiten, das steht eindeutig fest.“

Der humorreiche Dialog mit dem kahlköpfigen Kerl gerät im Laufe der Dauer immer mehr zu einer Art kumpelhaftem Informationsaustausch wie unter alten Bekannten.

Sein ausgeprägt herzliches Naturell beziehungsweise dessen Ursachen legt Janne noch wie folgt dar:

„Wir Finnen sind hier in diesem Land überwiegend eigentlich alle von meinem Schlag. Wir sind also in der Regel ziemlich zurückhaltende Charaktere, die dafür in der Musik umso mehr aus sich rausgehen können, ja, und wohl auch müssen, um tiefe Befriedigung und Lebensfreude bei dieser Art von stark produktiver Kunst zu erlangen. Und genau dieser Umstand dürfte auch die gerade noch an mich gestellte Frage hinsichtlich der breit angelegten melodischen Gestaltungstalente, wie sie beinahe allen finnischen Metal-Musikern in großem Maße innewohnen, absolut erschöpfend beantworten.“

Dieses abschließende Statement birgt verdammt viel Weisheit in sich. Nicht wenige defizitär talentierte deutsche Szene-Trittbrettfahrer, Genre-Poser und wichtigtuerische Trend-Reiter, die primär durch Schein statt Sein auf sich aufmerksam machen, sollten dies beherzigen. Denn qualitative Musik setzt sich am Ende sowieso immer durch, wie auch im Falle von Morian.

© Markus Eck, 19.07.2007

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