Top
Interview: MORTAL INTENTION
Titel: Ausufernd epische Tristesse

Mortal Intention: Ein enorm symbolträchtiger Gruppenname, welcher sinnbildlich für die entseelte Leidenschaftslosigkeit der modernen Wohlstandsgesellschaft steht.

Sänger und Tastenmann Tobias, die beiden Gitarristen Christian und Dirk sowie Tieftöner Elko samt Trommler Norman stehen wiederum für eigenständigen Black Metal. Im Jahr 1996 voller Tatendrang durch die Gründungsväter Christian, Tony und Tobias ins harte Dasein gerufen, feilten die Beteiligten nachfolgend an ihrer ganz speziellen abwechslungsreichen und atmosphärischen Schwarzmetallstilistik, welche sich damals noch vermehrt todesmetallischer Elemente bediente.

Knapp ein Jahr später, nach ersten diversen obligatorischen Besetzungswechseln und dem offiziellen Bühnendebüt, erfolgte die allererste Veröffentlichung eines auf 200 Exemplare begrenzten und rasch vergriffenen Demonstrationstonträgers.

In Sachen spieltechnisches Können, Stückzahl und Nachfrage der Hörer übertraf die nachfolgende Demo-Kassette den Vorgänger.

Der dritten Darbietung 1999 namens „Wintermond-Promo“ warfen Mortal Intention im Jahr 2000 das brachiale und sehr extreme Debütalbum „Beflecket Fleisch“ in 500er Stückzahl in Eigenregie hinterher.

Das individuell gehaltene Schaffen der gehässigen Horde erfuhr aufgrund großer Ideenvielfalt einigen Anklang in der größer werdenden Szene.

Das zweite Studioalbum „Sic Luceat Lux“ erzielte aufgrund des gebotenen Inhalts im Untergrund des Metiers gar stark in zwei Seiten polarisierende Wirkung. Und der linientreuen Gruppe selbst war dies nur recht, sie wollte und will nämlich absolut kein Mittelmaß sein.

Massiv untermauert wird dies vom aktuellen Studioalbum „Abglanz“, welches Anlass zum hier niedergeschriebenen Zwiegespräch mit Vokalist Tobias bietet.

Dieser erläutert zu Beginn: „Als zurückhaltend würde ich uns nicht bezeichnen. Wir scheuen inzwischen so ein bisschen die Masse an Mensch, da uns vieles heute einfach zuwider ist. Je älter wir werden, desto mehr hinterfragen wir bestimmte Dinge, die unsere Gesellschaft beziehungsweise das gesamte Leben betreffen. Alles wird perfider und verrückter, die Menschen – egal welcher Zugehörigkeit oder Interessengruppe – pervertieren sich stärker. Ich für meinen Fall muss bestimmte Dinge einfach nicht mehr haben. Ich konzentriere mich nur noch auf das, was mir sinnvoll und wert erscheint. Was die Band und somit die Öffentlichkeitsarbeit betrifft, ist das eine leicht andere Sache. Mortal Intention ist sicherlich nicht unbedingt die populärste Band, aber wir haben immer versucht, das für uns Optimale zu erreichen. Man muss sehen, wir sind eigentlich immer auf uns selbst gestellt gewesen und deshalb gibt es dahingehend sicherlich Defizite beziehungsweise kann man noch mehr machen. Wir haben das für uns in der jeweiligen Situation Machbare unternommen, so das diejenigen, die ein ehrliches Interesse an der Musik und Band Mortal Intention hegen, auch in Erfahrung bringen konnten, was es Neues gibt beziehungsweise auch Hintergrundinformationen erlangen konnten wie beispielsweise Interviews etc.“

Das Vorgängeralbum „Latent Letal“ bezeichnet der Frontmann im Weiteren als die konsequente Weiterentwicklung von „Sic Luceat Lux“.

„Brutal, aber mit Schwerpunkt auf unsere episch melodischen Arrangements. Das soll heißen, das „Latent Letal“ verspielter ist, teilweise recht komplex und für den ein oder anderen schwer zugänglich, aber das kommt immer auf den Standpunkt an. Wir selbst sehen es eher als kleinen Schritt, wieder mehr zurück zu unseren Wurzeln. Und das haben wir auf unserem neuen Album weiter verfolgt. Triste und epische Arrangements, teilweise ausufernd. Ich für meinen Teil muss sagen, das „Abglanz“ kompromisslos ist, egal in welche Richtung: Im Songwriting wurden keine Kompromisse gemacht, deswegen bezeichne ich die neue CD auch als unser von der Stilistik kompaktestes Album. Grund dafür ist auch eine veränderte Arbeitsweise dahingehend, die aufgrund beruflicher und persönlicher Situation mit unserer früheren nicht mehr vergleichbar ist! Wir haben uns viel angeeignet, gerade auch in technischer Hinsicht. „Abglanz“ hat dahingehend auch den mit Abstand professionellsten Sound unserer Veröffentlichungen!“

Die zwischenmenschliche Chemie in dieser Horde funktioniert laut erfreutem Bekunden von Tobias besser als jemals zuvor. „Wir proben relativ selten, aber wenn wir was machen, dann ist es produktiv. Wir arbeiten alle aktiv, jeder macht sich Gedanken, probiert aus. Die Songs sind somit extrem gewachsen. Unsere Linie ist fest, wir wissen inzwischen, wohin der Zug fahren soll, und daran arbeiten wir. Wir verstehen uns gut und der Vorteil ist auch der, dass aufgrund, dass wir uns nun schon ewig kennen, man sich auch mal was sagen kann, ohne dass der Andere sich das gleich zu persönlich nimmt.“

Das neue Albumcover sieht einfach nur noch klasse aus, wie ich finde – so schön dezent und vor allem zeitlos. Der Sänger hierzu: „Hat auch lange gedauert, bis es da war wo es jetzt ist. Ich habe noch nie so lange an einem Layout für eine CD gearbeitet. Es ist absolut passend.“

Was den Albumtitel selbst anbelangt, so frage ich gezielt nach, ob da ein Bezug zu den Liedertexten der neuen Scheibe besteht. „Ja. „Abglanz“ ist der Titelsong, aber im Prinzip war es schon immer so, das der CD-Titel der jeweiligen Scheibe so gewählt ist beziehungsweise war, dass er eine Art Zusammenfassung der gesamten lyrischen Thematik ist. „Latent Letal“ beispielsweise ist ein sehr nachdenkliches Album, oft persönlicher Natur. Dies wurde auf „Abglanz“ weitergeführt: Trister, hoffnungsloser aber auch mit einem gewaltigen Schuss Sarkasmus. Klingt alles sehr ungewöhnlich, und das ist es auch.“

So drehen sich die neuen Lyriken laut Tobias um Themen wie Tod, Leben, Angst, Trauer, Verlust, Trennung, Schmerz, Wut, Hass, Hoffnung und Liebe. Die neuen Kompositionen von Mortal Intention sind wirklich sehr gut geworden – wie erklärt sich der Vokalist eine solch massive Steigerung? Wir erfahren:

„Die Qualität ist auf unseren vergangenen CDs ebenfalls vorhanden gewesen, bloß nicht so gut umgesetzt und nicht so auf das Wesentliche konzentriert – ein zu kompliziertes Denken herrschte bei uns damals selbst vor.“

Das Komponieren der Lieder für das neue Album ging sehr schnell, so Tobias.

„Keine Kompromisse eben. Einer hat alle Songs grundlegend geschrieben und zusammen wurden die Arrangements dann angepasst und umgesetzt. Einige Sachen wurden sogar erst während der Aufnahmen ergänzt. Uns hat die Arbeitsweise sehr gut gefallen, da sie offensichtlich effektiv ist, uns in unserer zeitlichen Begrenzung gut entgegen kommt und wir trotz allem musikalisch keinerlei Einbußen machen. Das Ergebnis spricht für sich. Wir sind stolz auf das neue Album!“

Und das kann diese beständige Schwarztruppe auch sein. Große beziehungsweise tragisch anmutende Momente, an denen es nicht mehr weiterzugehen schien, traten während des Kompositionsprozesses zu „Abglanz“ glücklicherweise nicht auf. Tobias:

„Für uns wäre es bloß frustrierend am Fleck zu treten. Aber ich denke, das kann uns niemand ob unserer bisherigen Entwicklung vorwerfen beziehungsweise müssen wir uns das nicht selbst. Ich bin aktuell so motiviert, das mir schon zukünftige Dinge durch den Kopf gehen – gerade in Hinblick auf optimale Umsetzung der Lieder wollen wir noch diverse Dinge für uns optimieren.“

Was musikalische und lyrische Inspirationen angeht, so lässt sich der Sänger nur von seinen inneren Gefühlen, Stimmungen und Gedanken leiten, wie er offenbart. Interessant:

„Ich will meine Stimmungen und Gefühle so gut wie möglich umsetzen. Wir wollen berühren, egal welcher Natur. Wenn wir bei jemandem was erreichen, Bilder in seinem Kopf erzeugen, dann ist er in unserer Ebene eingetaucht. Früher war das bei uns natürlich auch anders, da herrschten teilweise andere Thematiken vor. Aber man entwickelt sich, man wird erwachsen. Manche Sachen sollte man nicht x-mal wiederholen, sich nicht selbst tausendfach kopieren. Wie schon gesagt, wir hassen es am Fleck zu treten. Emotion und Leben ist ein breites Feld, es gibt im Prinzip einen unendlichen Umsetzungsspielraum. Wir selbst versuchen uns keine Grenzen mehr zu setzen. Vor einigen Jahren waren wir dahingehend auch noch zu beschränkt, wir selbst hatten uns eigene Grenzen gesetzt, immer mit der Angst im Nacken uns hoffentlich nicht selbst zu „verraten“. Das ist uns inzwischen scheißegal – denn wir sind mittlerweile so gut gefestigt, unsere künstlerischen Belange genau so umzusetzen, wie es nötig ist.“

In der deutschen Schwarzmetall-Szene entwickelte sich Vieles zum Negativen hin. Doch darüber denkt ein Mensch wie Tobias laut eigenem Bekennen kaum noch nach.

„Es interessiert mich nicht. Alles hat Vor- und Nachteile. Bands sollten ihre Möglichkeiten nutzen, da ist nichts Verkehrtes dran. Solange sie sich dabei selbst im Spiegel ansehen können. Die Entwicklung ist einfach eine Popkultur. Die Labels orientieren sich am jeweils aktuellen Trend, der vom normalen Hörer diktiert wird. Mal ist das Death Metal, dann Black, und dann aktuell Pagan, Viking und sonst was an Metal. Was sich verkauft wird produziert. Das war schon immer so, auch in unserer Szene – es ist eben bloß professioneller geworden, das durchaus. Aber da sehe ich nichts Negatives. Es gibt keine Unterschiede mehr zur typischen „Bravo“-Kultur, auch wenn das die Meisten nicht so sehen wollen, aber die Parallelen sind zu offensichtlich. Aber ich bin der Meinung, lieber eine Metalband in den Charts als die ewig gleiche Popgrütze. „Szene“ an sich gibt es für mich nicht mehr, nur noch auf lokaler Ebene oder zu einigen wenigen Bands hin, die sich immer noch die Treue halten. Also Werte, für welche früher der komplette Underground stand.“

Ich erkundige mich im Weiteren danach, in welchem Teil der Erde Mortal Intention die meisten Anhänger haben beziehungsweise ob die Band auch Fan-Post aus eher exotischen Ländern bekommt.

„Wir konnten die „Sic Luceat Lux“ auch recht gut in Süd-Amerika und auf den Phillippinnen absetzen und haben da entsprechenden Background erhalten. Aber insgesamt konzentriert sich bei uns doch alles auf Europa, zumeist Deutschland, Österreich und die Schweiz.“

Den Spaß daran und die Freundschaft zueinander innerhalb der Gruppe bezeichnet Tobias als noch immer größten inneren Antrieb, um genau diese Art von Musik zu kreieren.

„Auch das Gefühl möchte ich nicht missen, wenn musikalische Ideen erstmalig umgesetzt werden. Ich glaube, das kann nur jemand nachvollziehen, der ebenfalls ernsthaft an seiner eigenen Kunst interessiert ist, ganz egal welcher Art. Wer unsere Musik hört, fühlt einen Teil von uns!“

Auch zum Thema MySpace kann ich dem Mortal Intention-Frontmann noch eine Aussage entlocken. „Neue Zeiten, neue Wege. Eigenwerbung. Ich habe auf MySpace schon einige Perlen entdeckt, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie gibt. Was ich nur lächerlich finde, ist, dass manche Bands beziehungsweise Projekte offensichtlich so narzisstisch veranlagt sind, das zum MySpace-Band-Profil noch jedes Bandmitglied sein eigenes persönliches Profil erstellt. Soviel Selbstdarstellung schadet nur auf Dauer – definitiv.“

Die Definition für den Begriff Erfolg ist laut Tobias nicht mit Zahlen in Einklang zu bringen. „Höre dir all unsere Demos und CDs in chronologischer Reihenfolge von unten nach oben durch und schreibe mir dann was dir dabei in den Kopf kommt. Das ist unser Erfolg! Hoffnung für die Zukunft schöpfen wir aus unserem inneren Drang, uns immer besser musikalisch zu verwirklichen. Es gibt da faktisch keine Begrenzung. Vielen Dank für die Befragung, Markus!“ Sehr gerne gemacht, zumal bei solch´ spitzenmäßiger Schwarzmetallmusik.

© Markus Eck, 22.10.2007

[ zur Übersicht ]

Advertising

+++

+++


+++

+++