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Interview: MOTÖRHEAD
Titel: 30 Jahre Linientreue

Als Sohn eines Priesters erblickte Ian Fraser Kilmister am 24. Dezember im englischen Stoke-On-Trent, Staffordshire, erstmals das Licht der Welt – bei unzähligen Hardrock- und Metal-Fans heute besser bekannt und beliebt als Motörhead-Frontmann Lemmy. Einst als schnellste und auch lauteste Band der Welt berühmt geworden, sollte jener Lemmy über all die Jahre die einzige personelle Konstante bei Motörhead bleiben.

Und nur sehr selten ist im harten Musikbereich wohl mehr über einen Musiker geschrieben und gemunkelt worden als über den unverwüstliche Sänger, Saitenschrubber und leidenschaftlichen Bourbon Whiskey-Liebhaber, der den Grundstein für seine wohl einmalige Rock’n’Roll-Karriere einst als Roadie für Jimi Hendrix begann. Zuvor verdingte er sich nach Beendigung der Schule im Warenersatzteillager einer Fabrik für Waschmaschinen, um nachfolgend als Tieftöner bei diversen Bands die vier Saiten zu zupfen oder eben wahlweise als Roadie zu schuften.

Ab 1971 dann als permanenter Bassist bei den legendären Psychedelic-Rockern Hawkwind mit von der Partie, sollte diese musikalische Beteiligung nach einem Drogendelikt während eines Kanada-Trips 1975 ihr endgültiges Ende finden. Hawkwind feuerten den Genussmenschen Kilmister. Somit zwangsweise vorzeitig wieder in seine Heimat England zurückgekehrt, hob Lemmy mit Motörhead trotzig seine erste eigene Truppe ins Leben. Er benannte sie nach einem in Amerika gebrauchten Slang-Ausdruck für so genannte Speed-Freaks, was sich gleichermaßen auf den Amphetamin- als auch auf den Geschwindigkeitsrausch bezog.

Eine verdammt lange Zeit ist seither für den berühmten Warzenträger vergangen, viele Alben, darunter nicht wenige absolute Klassiker, wurden von ihm veröffentlicht.

In diesem Jahr feiern Motörhead nun schon das 30-jährige Bestehen ihrer praktisch unzerstörbaren Band. Da kommt die allerneueste Live-Doppel-DVD des Trios um Urgestein Lemmy mit dem voller heiterer Selbstironie steckenden Titel „Stage Fright“ gerade recht.

„Momentan gönne ich mir hier gerade eine kleine Auszeit vom Stress der letzten Monate, von daher bin ich derzeit ziemlich relaxt. Was die neue DVD von uns betrifft, so finde ich sie schlicht gesagt einfach rundum großartig. Ganz im Gegensatz zur vorhergehenden DVD „Boneshaker – 25 & Alive“, die vor fünf Jahren zum 25-jährigen Bandjubiläum herauskam, mit der wir nicht so zufrieden waren. Ich hasse das Teil ehrlich gesagt sogar, denn der Sound darauf ist gelinde gesagt schrecklich“, berichtet mir Drummer Mikkey Dee eingangs gut gelaunt.

Schlimmer noch, der Däne findet das Klangbild auf besagter Veröffentlichung geradezu indiskutabel: „Ich sehe mir das Ding auch niemals an, wirklich. Ganz anders dagegen „Stage Fright“ – der Klang dieser Doppel-DVD ist ziemlich nahe an dem dran, was ich perfekt nenne. Trotzdem sollte man sich natürlich beim Anschauen der beiden Scheiben vollauf darüber bewusst sein, dass wir eben Motörhead und nicht die Dire Straits sind. Dennoch, wir haben ihn hier diesmal, den perfekten Motörhead-Sound.“

Er hängt an: „Aber irgendwie ist diesmal alles besser geworden als bei der letzten DVD, auch die optisch eingefangene Umgebung und Stimmung des Gigs vom siebten Dezember in der Düsseldorfer Phillipshalle ist exzellent geworden. Aufgenommen wurde mit ganzen 23 High Definition-Kameras, die der Leitung des erfahrenen Regisseurs Sven Offen unterstanden. Aber wir verpflichteten an diesem Tage auch für die Lichtshow einen echten Profi, Gert Hof. Der arbeitete bereits für Rammstein und lieferte auch für uns einen Spitzenjob ab. Wir spielten viele Songs aus der kompletten Historie von Motörhead, 20 Stück davon wurden letztlich ausgewählt.“

Der ehemalige Schlagzeuger von King Diamond erklärte sich anstatt Lemmy für das Interview bereit, da letzterer vor kurzer Zeit massive gesundheitliche Probleme hatte. Mikkey hierzu, allen Gerüchten entschlossen zum Trotz:

„Ja, Lemmy wurde von seinen Ärzten eine Zwangspause auf unbestimmte Zeit verordnet und wir hatten deswegen diverse Konzerte abzusagen. Lemmy litt unter einer starken Dehydrierung, also Entwässerung seines Körpers und musste sich daher umgehend absolut schonen. Das Problem war ihm selbst auch schon länger bekannt, und den Rat der Ärzte, zukünftig mehr Wasser zu trinken, befolgte der alte Sturkopf lediglich damit, indem er einfach mehr Eiswürfel in seine Whiskey-Cola kippte. Mehr tat er nicht. So kam es, wie es kommen musste – wir spielten diesen Sommer wie üblich wieder eine ganze Menge Konzerte, auf einigen Bühnen war es irre heiß, vor allem unter der jeweiligen Light-Show. Wir schwitzten dabei wie die Schweine, echt. Nicht selten kam es dabei vor, dass ich bis zu acht Flaschen Gatorade und einiges an Mineralwasser weg soff, um das durchzuhalten. Auch Lemmy hatte daran zu beißen, er blieb jedoch bei der für ihn obligatorischen Jack Daniels-Cola-Mischung – sehr unvernünftig. Als wir dann irgendwann beim diesjährigen Fury Fest-Festival im französischen Le Mans den letzten Track des Gigs an diesem Tage gespielt hatten, riet ich Lemmy, ja nicht mehr auf die Bühne raus zugehen und eine Zugabe zu spielen. Ich drohte umzukippen, die abartige Hitze war einfach nicht mehr auszuhalten. Doch der gute Lemmy, typisch für ihn, zog mich und Phil natürlich noch mal raus. Er entschied, den dortigen Fans noch `Ace Of Spades` zu spendieren. Was sollten wir tun? Da gab es kein zurück. Doch die Fans, aufgestachelt durch die erste, sie verlangten eine weitere Zugabe: Wir spielten auch noch `Overkill`. Dann war es endlich vorbei, ich war am Ende, wirklich. Wie schlecht musste es da erst Lemmy gehen? Kein Wunder, dass er alsbald danach von den Ärzten gezwungen wurde, für einige Tage eine Auszeit zu nehmen und Wasser zu trinken.“

Mittlerweile ist der schluckfreudige Bandboss, der als eines der allerletzten existenten Originale im heutigen Rock’n’Roll-Zirkus gilt, wieder bei besserem Befinden.

Gut zu wissen und auch Mikkey ist darüber mehr als froh, wir er mir bekundet. Der Schlagzeuger und ich sprechen noch ein wenig explizit über „Stage Fright“ weiter:

„Als wir „Boneshaker – 25 & Alive“ machten, fanden die Aufnahmen dafür am ersten Tag der damaligen Tour statt, das fand ich persönlich einen totalen Mist. Denn die richtige Routine für eine neue Setlist kommt ja erst nach einigen Auftritten. Für „Stage Fright“ hingegen lief es da schon anders: Als die Aufnahmen dafür in Düsseldort gemacht wurden, waren wir ja bereits seit ungefähr zwei Monaten auf Tour – also perfekt eingespielt und rundum fit dafür.“

Was „Stage Fright“ (übersetzt „Lampenfieber“; A.d.A.), den Titel der neuen Doppel-DVD-Veröffentlichung anbelangt, frage ich abschließend noch neugierig nach, ob ein solcher langjähriger Routinier wie Mikkey überhaupt noch Aufregung oder Nervosität vor einem Gig mit Motörhead verspürt. Er lacht:

„Nein, überhaupt nicht mehr. Keiner von uns dreien macht sich in dieser Beziehung noch vor einem Auftritt verrückt. Dafür sind wir zu lange dabei. So machten wir uns den Spaß und nannten das Ding eben so. Spaß muss sein.“

© Markus Eck, 13.07.2005

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