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Interview: OLD MAN'S CHILD
Titel: Melodische Aggressionen

Sein 2000er Wahnsinnsalbum „Revelation 666 – The Curse Of Damnation“ wurde dem Titel vollauf gerecht: Es war eine weitere Offenbarung in Sachen melodischem Symphonic Black Metal.

Und diese Veröffentlichung war mindestens 666 mal so gut wie das Meiste aus der Branche. Nun legt Urheber Tom Rune Andersen alias Grusom alias Galder, seines edlen Zeichens norwegischer Multiinstrumentalist, Gesangskönner und begnadeter Komponist, ein weiteres elitäres Bekenntnispostulat abgründig dunkler Sehnsüchte vor.

So kann auch das just erscheinende fünfte Adelsalbum „In Defiance Of Existence“ durch ebenso pfeilschnelle wie druckvolle und Majestätskompositionen mitreißen, welchen erneut trotz typischer Bissigkeit eine wie gewohnt ausgeprägt ästhetische Klangnote hochmelodischer Prägung innewohnt.

Nachdem das dritte Nordherrenalbum „Ill-Natured Spiritual Invasion“ durch Gene Hoglan von einer echten US-Stocklegende eingedonnert wurde, wirkt auf „In Defiance Of Existence“ abermals ein herausragend gewichtiger Sticks-Schwinger, welcher diesmal mitunter gar für maschinengewehrartiges Rhythmussperrfeuer sorgt. Denn die wuchtige britische Schlagzeughochleistungsmaschine Nicholas Barker lief erst Cradle Of Filth davon, dann Galder durch dessen zeitgleiches Wirken bei Dimmu Borgir über den Weg. Man verstand sich und beschloß, des kopfkahl rasierten Barkers hohe Klopfkunst auch bei Old Man´s Child zum Tragen kommen zu lassen.

Und nachdem nun auch noch Galders langjähriger Saitenassistent Jardar die Matte durch Klingenwirken zu Boden fallen ließ, stellen Old Man´s Child meines Erachtens nach das allererste Glatzentrio in der Historie des gesamten Black Metal dar.

„Das neue Coverartwork wurde von Shannon Hourigan angefertigt. Ich bin höchst zufrieden damit. Sie stammt aus Australien und hat bis vor unserer Scheibe noch kein Cover für eine Metal-Band gemacht. Wir wollten ein Frontbild, welches von der Ästhetik und der Stimmung her am besten zu unserem Sound paßt. Unser Label Century Media stellte den Kontakt her und sie lieferte wirklich gute Arbeit, wie man sehen kann“, lobt Galder eingangs die Hüllenarbeit der genannten Australierin.

Meiner nachfolgenden Frage nach eventuellen Zusammenhängen des wirklich gelungenen Bildes mit dem Albuminhalt wurde rasch geantwortet:

„Die Fans können es betrachten wie sie wollen; ich werde keine Vorgabe machen. Natürlich hat es für mich eine mehr oder weniger spezielle Bedeutung. Doch ist es mir lieber, wenn jeder Hörer seiner eigenen Interpretation nachhängt.“

Wir schwenkten zum aktuellen Albumtitel über, Galder erläutert resümierend: „Wir hatten anfangs noch mit `Infidel` einen anderen Titel im Visier. Doch mit Demjenigen, welcher `Infidel` anbrachte, hatte ich nachfolgend doch einige Differenzen. Diese weiteten sich so stark aus, daß ich beschloß, den Titel in `In Defiance Of Existence` zu ändern.“

Leider wollte der nordische Großmeister mir trotz hartnäckigem Nachbohren die betreffende Person nicht nennen. Aber egal, halten wir uns an den aktuellen Titel und der ist laut Galder auf keinen Fall zu überinterpretieren: „Der gleichlautende Titelsong des Albums enthält eigentlich schon die Bedeutung; wer die zugrunde liegenden Lyrics studiert, kommt ihr sicherlich näher.“

Von mir auf die leidlich lange Veröffentlichungspause nach „Revelation 666 – The Curse Of Damnation“ angesprochen, schmunzelt Galder: „Ich weiß, ich bin in dieser Beziehung etwas träge.“

Doch stimmten wir darin überein, daß er bei Dimmu Borgir ja auch nicht gerade untätig gewesen ist. Gut Ding braucht bekanntlich Weile und kompositorisch hat Galder schließlich auch mit „In Defiance Of Existence“ eine wahre Glanzleistung abgeliefert. Wir erfahren: „Wie schon auf den Vorgängeralben ließ ich auch während des Songwritings für das aktuelle Werk wieder die bereits bewährte Mischung aus bombastisch anmutenden Melodien und zündendem Riffing zum Tragen kommen. Also einen adäquaten Mix aus Melodie und Aggression.“

Meiner anschließend mit „Majestic Melodic Black Metal“ gemachten Stildefinition seiner kreierten Individualklänge stimmte er ohne Zögern zu. Obwohl der hochtalentierte norwegische Multiinstrumentalist nicht allzu scharf drauf ist, mit seiner Musik übermäßig kategorisiert zu werden, wie in Erfahrung zu bringen war:

„Die Medien verlangen nach solchen Schubladenbezeichnungen, und die Fans haben sich mit den Jahren daran gewöhnt und leben beziehungsweise konsumieren danach. Doch sollte jeder das hören, was ihm am besten gefällt; unabhängig davon, unter welchem Soundsignet es gehandhabt wird.“ Exakt. Imposant, wie Galder neben seinem vollen Terminkalender bei Dimmu Borgir überhaupt die nötige Muße fand, um vor Durchdachtheit nur so strotzende und vor Spielfreude überschäumende hoheitliche Kompositionen zu ersinnen beziehungsweise zu erarbeiten. Herzliches Gelächter auf beiden Gesprächsseiten löste daher Galders Antwort auf die Frage aus, ob er denn wohl ein Workaholic sei. „Nein, absolut nicht. Ich bin zwar ein Alkoholiker, aber kein arbeitssüchtiger Geist“, scherzt er, um schnell darauf anzuhängen: „Das ist auch gar nicht notwendig, denn mir schießen ständig irgendwelche großartigen Ideen in den Kopf.“

Die kann der auf dem neuen Album für Gesang, Lead- und Akustikgitarren, Bass und die Keyboards verantwortlich zeichnende Tausendsassa mittels instrumenteller Vielfalt auch bestens umsetzen, wie er mir weiterhin eröffnete.

„Wenn man Gitarre spielen kann, ist es auch nicht allzu schwer, denn Bass zu bedienen. Und auch wenn ich kein Meister an den Keyboards bin, sind mir die Basiselemente dieses Instrumentes durchaus gut vertraut.“

Der Gute, er neigt wie schon so oft in unserem Gesprächsverlauf zu sympathischem Understatement. Galder erzählt noch: „Meiner Meinung nach muß man kein überragender Virtuose auf einem Instrument sein, um großartige Atmosphären zu erzielen. Und wie die Erfahrung aufgezeigt hat, sind vom Grundmuster sehr simpel her gestaltete Stücke oftmals die wirkungsvollsten.“

In Sachen seinen überragend kreierten Melodien zugrunde liegenden Impressionen gab es von Galders Seite aus nicht allzu viel zu berichten. „Ich benötige keinerlei besondere Eindrücke von außen, um meine Songs zu schreiben. Sondern meine Art zu komponieren stellt einfach den kreativen Weg dar, den ich schon immer gegangen bin. So dienen mir mitunter sogar Songs meiner vorherigen Alben als Kickstarter für neue Ideen. Eine empfehlenswerte Regel ist sicher auch diejenige, bei einer einsetzenden Kreativitätsblockade nichts erzwingen zu wollen, sondern dann in aller Ruhe auf die entscheidende Idee zu warten. Das ist sicher nicht einfach, gerade dann, wenn man unter Druck steht. Doch hier erweist sich der Profi. Deswegen ist es am besten, sich ständig ein hellwaches und dauerkreatives Geistesbewußtsein zu bewahren. Dann steht man vor dem Hintergrund eines nahenden Aufnahmetermins niemals unter Schaffenszwang. In jedem Künstleralltag gibt es schließlich Tage, da kann man sich vor Einfällen kaum retten und dann stellen sich wieder Perioden absoluter schöpferischer Leere ein. Das ist doch ganz natürlich.“

So hält es also der Chef von Old Man´s Child mit der Ideenspeicherung. Zudem ist ein im Allgemeinen sehr negativ empfindender Geist, wie zu hören war. „Das hilft mir ziemlich viel beim Er- aus Ausarbeiten meiner Ideen für die Musik von Old Man´s Child.“

Überaus positiv ließ sich Galder dagegen über seinen langjährigen Bandkollegen und Saitenschrubber Jardar aus. „Er hält mir seit jeher die Treue und er ist definitiv der beste und perfekteste Gitarrist für Old Man´s Child, den ich mir überhaupt vorstellen kann und vorstellen möchte. Er kennt meinen Stil und die Direktive meiner Songs ganz genau, zudem legt er genau die selbe Spieltechnik an seinem Instrument vor wie ich.“

Endlich kam dann auch der neue Look von Jardar zur Sprache. Galder kommentiert: „Ihm war ganz einfach danach, das hatte keinen nennenswerten oder besonderen Grund. Außerdem: Die Zeiten sind doch ohnehin längst vorbei, wo man nur mit langen Haaren Metal machen konnte, ohne belächelt zu werden.“

© Markus Eck, 03.01.2003

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