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Interview: PAIN
Titel: Aus Bauch und Herz

Da passt einfach alles. Auf dem neuen und achten Album „Coming Home“ scheint Pain-Mastermind Peter Tägtgren sich wirklich geradezu selbst zu übertreffen.

Der Titel dieser neuen Veröffentlichung wirkt wie Prophetie. Denn diese fulminante Rückkehr trifft direkt ins Schwarze der Szene. Die Fans dieses schwedischen Industrial Metal-Highlights dürfen sich also rundum freuen.

Schließlich haben sich seit dem 2011er Vorgänger „You Only Live Twice“ wie zu erwarten erfrischend unverbrauchte und fantastisch faszinierende Ideen im genialen Kopf des viel beschäftigten Ausnahmevisionärs und Multitalents angesammelt und heraus gefunden. 


Wie der bei Pain als Sänger und Gitarrist zugleich Wirkende eingangs zu berichten weiß, ist er neben den neuen Songs auch sehr stolz auf seinen Filius Sebastian, der für den neuen Veröffentlichung überraschenderweise das Schlagzeug einspielte.

Wie Peter überraschend sagt, hat der 17-jährige das Drumming gerade mal vor vier Jahren begonnen.

„Es ist der reine Wahnsinn mit ihm“, lacht er voller Freude, „Sebastian ist bereits genauso musikverrückt wie ich! Sein Talent macht mich immer wieder sprachlos. Für mich ist das natürlich schon etwas ganz Besonders, das gebe ich gerne zu. Denn so eine Vater-Sohn-Konstellation auf einem Metalalbum gibt es ja beileibe nicht jeden Tag.“

Auf die variantenreiche Stilistik und den vielfältigen Gesamtsound des neuen Drehers angesprochen, wird Peter etwas ernster.

„Ich habe ja bekanntlich so einige Projekte am Laufen, wobei teils sehr unterschiedliche Stile vorhanden sind beziehungsweise zusammenkommen. Ich entwickle mich als Musiker, Songwriter und Produzent seit mittlerweile ganzen 25 Jahren. Und ja, es stimmt, bei Pain kommen aber schon die meisten der mannigfaltigen künstlerischen und instrumentellen Möglichkeiten zueinander, die ich so auf dem Schirm habe.“



Und wie der Frontmann konstatiert, möchte er sich ohnehin auf keinem einzigen Album wiederholen, und das nun mal schon gar nicht bei den besonders auf innovativen Impulsen ausgelegten Pain.

„Ich habe echt keinerlei Ahnung, warum manche Leute mich immer wieder stoisch dafür regelrecht verfluchen, das ich nicht ständig das gleiche Ding mit meinen Bands aufziehe. Selbst bei meiner Death Metal-Truppe Hypocrisy liebe ich Neuerungen von ganzem Herzen. Ich bin eben einfach so. Ich möchte, nein, ich muss ehrlich zu mir selbst sein. Es muss sich ehrlich für mich anfühlen. Mir ist es egal, ob ich Menschen mit dem was ich tue vor den Kopf stoße. Es wird letztlich doch immer gerne gemeckert. Nicht wenige fordern im Gegensatz noch viel mehr an Innovationen von mir, denen es gar nicht modern und unangepasst genug sein kann. Ich habe mir darüber schon seit Jahren keinerlei Gedanken mehr gemacht und folge einzig meinen innersten Eingebungen - so geradlinig oder abwegig diese nun auch sein mögen.“


„Es muss sich ehrlich für mich anfühlen. Mir ist es egal, ob ich Menschen mit dem was ich tue vor den Kopf stoße.“ Pain-Mastermind Peter Tägtgren trachtet einzig nach Selbstverwirklichung


Erfolg oder Misserfolg ist er sowieso von Anfang an ausreichend gewohnt, wie Peter lässig sprechend mit dem Thema umzugehen weiß.

„Ich bin nach wie vor keiner, der Songs gezielt für jedermann schreibt. Genau genommen schreibe ich meine Lieder in allererster Linie ehrlich gesagt eigentlich zunächst mal nur für mich. Ich möchte glücklich sein mit mir selbst. Ich sehe es als einen willkommenen Bonus an, wenn es den Leuten gefällt. So ist auch aktuell mit ‚Coming Home‘. Ich denke ohnehin nicht, dass man dauerhaft erfolgreich wird, wenn man dem Massengeschmack wie ein künstlerischer Sklave hinterherrennt. Für mich wäre das ja absolut nichts.“



Gute Überleitung - denn da der neue Dreher auf emotionalem Sektor alles andere als zurückhaltend erschallt, gibt es auch einiges dazu vom Schöpfer zu offenbaren. Peter:

„Gefühle sind mir immer extrem wichtig in der Musik, und das insbesondere in meiner eigenen. Wenn sich etwas auf gewisse Weise traurig anfühlt oder einen ärgert, erregt das immer in mir vermehrte Aufmerksamkeit als eher neutral beziehungsweise belanglos erscheinende Themen. Wenn einem ein Song ein gewisses Gefühl oder eine spezielle Stimmung zu vermitteln imstande ist, dann ist das etwas ungemein Tolles. Egal, ob man dabei voller Wut und Aggression eine ganze Bar zerlegt oder ob man damit traurig und geknickt im eigenen Selbstschmerz dasitzen möchte, all diese Gefühle sind unsagbar wichtig in Musik. Ich versuche meine Lieder exakt nach dieser Prämisse zu schreiben. Genau so sind auch die neuen Stücke konzipiert. “



Als der Dialog zu den vorangegangen Visionen Peters übergeht, die er beim Songwriting in sich erlebte, bläst er zunächst die Backen auf und verschränkt die Arme dann schnaufend hinter dem Kopf.

„Das waren diesmal ziemlich viele Vorstellungen und Bilder, die ich während des vielteiligen Arbeitsprozesses vor meinem geistigen Auge sah. Oft nicht schön. Man braucht ja heutzutage nur die Nachrichten anzuschalten, um aufgewühlt oder zornig zu werden. Gerade Europa ist mittlerweile so dermaßen im Arsch, dass man schreien möchte. Oft kommt es mir vor wie ein Ping Pong-Spiel. Links, rechts, so geht es die ganze Zeit. Wie eben in ‚Final Crusade’. Es ist so viel unermesslicher, zerstörerischer Hass auf diesem Planeten vorhanden. Sobald ein gewisser Hass aufkeimt, wächst ein Gegenhass dazu in den Köpfen heran. Es scheint einfach niemals aufzuhören.“



In den neuen Songs geht es allerdings nicht primär um gegenwärtige Zustände, so Peter, sondern oftmals vielmehr um Zukünftiges. „Ich versuchte für ‚Coming Home’ gedanklich und schöpferisch immer eher einen Schritt voraus zu denken und zu sein als in der Aktualität zu hängen. Das ging sogar so weit, dass ich darüber philosophierte, was sein wird, wenn ich einmal sterbe. Da entstanden Fragen wie: Bin ich dann einfach so ‚weg‘ oder wird das, was von mir übrig bleibt, in einem anderen, neuen Körper weiterleben? So intensiv habe ich darüber nie zuvor nachgedacht. Keine Ahnung, ob das an den erwähnten, irren und krassen News der vielen Massenmedien liegt.“

Begonnen mit dem Songwriting hat der Erfahrene, 1970 geborene im September 2015, wie er sich erinnert.

„Ich hatte noch so verdammt viele Ideen im Kopf, nachdem das gemeinsame Lindemann-Album erschien. Viele davon kamen mir erst dadurch so recht in den Sinn. Bei mir es so, dass, wenn meine Kreativitätsmaschine erst mal so richtig läuft, dann kommt sie so schnell nicht mehr zum Stillstand. Und dann kann alles passieren. Beispielsweise das epische ‚Starseed‘, einer meiner Ansicht nach ziemlich erfrischende Nummer. So etwas habe ich noch nie gemacht zuvor.“



Daneben legte er für „Coming Home“ hauptsächlich Wert darauf, dass er Material auf die Beine stellt, welches ohne Umschweife zur Sache kommt.

„Stücke, die sozusagen ‚um den Busch herumrennen‘, kamen so erst gar nicht zustande. Da floss auch einiges an Bauchgefühl ein in die Tracks. Relativ leicht zu erfassen sollte es sein und den Leuten jeweils eine ganz eigene, individuell gefächerte Freude machen.“



Persönliche Favoriten unter den neuen Songs möchte er keine nennen.

„Sie sind alle wie meine Babys für mich. ‚Starseed‘ wuchs mir allerdings schon ziemlich schnell ganz besonders nahe ans Herz, ein kleiner Hit.“

Apropos, zu den eingängigsten Kompositionen zählen daneben sicherlich auch „Final Crusade“ und „Natural Born Idiot“, die mit ihren problemlos tanzbaren Melodieaufbauten unweigerlich an die bunte und Hit-starke Pop Ära der 80s erinnern.

Eine nennenswerte Erwartungshaltung hegt Mr. Tätgren nicht, was seine neue Pain-Liedersammlung betrifft. „Das lasse ich mal ganz entspannt auf mich zukommen. Es wird auch nach der Veröffentlichung wieder viele Menschen geben, die mir mit viel Energie sagen wollen, was ich künftig zu tun und zu lassen habe. Ich bin das ja gewohnt. Ich zeige ihnen gerne allen auch jetzt wieder den ganz dicken Stinkefinger. Denn ich bin mittlerweile 46 Jahre auf dieser Welt und kann daher getrost ganz für mich alleine denken!“

© Markus Eck, 28.07.2016

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