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Interview: PROTECTOR
Titel: Rückkehr des Wahnsinns

1986 taten sich in der Autostadt Wolfsburg einige aufbruchshungrige Jungspunde zusammen, denen damals eines gemeinsam war: Gigantische Lust auf ausufernde Thrash Metal-Extreme!

Härter, aggressiver und kompromissloser als der Rest sollte es sein, was fortan mit prägend teutonischem Einschlag unter dem Bandnamen Protector aufgeführt wurde. Trotz dem umfassend fulminanten Debütalbum „Golem“ und weiteren gelungenen Veröffentlichungen gelang es nicht, dem Rest der Welt damit den Atem zu rauben.

So konnten die German Underground-Lieblinge bis zu ihrem Dasein in der Versenkung niemals die internationalen Erfolge feiern, die artverwandten Acts wie Destruction, Sodom, Kreator etc. glückten. Nun kehrt der einstige Vokalist Martin Missy, mittlerweile nach Schweden emigriert, überraschend mit neuer Besetzung und neuem Album „Reanimated Homunculus“ zu den Fans zurück.

Alles fing damit an, wie Martin direkt aus Stockholm erzählt, dass er 2006, zusammen mit drei schwedischen Metallern, die Protector-Coverband Martin Missy And The Protectors ins Leben gerufen hat.

„Wir haben dann einige Jahre lang live in Europa gespielt. 2011 haben wir uns schließlich dazu entschlossen, neue Songs zu schreiben und diese dann unter dem Namen Protector zu veröffentlichen. Vorher habe ich mich diesbezüglich mit Gründungsmitglied Hansi Müller hierüber unterhalten. Er fand die Idee gut und hat uns bezüglich der Neugründung grünes Licht gegeben. Daraufhin haben wir das Demo ,The Return Of Thrash and Madness‘ sowie zwei Split-Singles mit Erazor und Ungod aufgenommen.“

Und wie habt ihr euch wieder so richtig für das neue Album „in Form“ gebracht?

„Für uns war das eigentlich kein grösseres Problem, da wir alle seid mehreren Jahren in diversen anderen Bands aktiv, und somit musikalisch nie ,aus der Form‘ gekommen waren.“

Dazu befragt, wie es sich derzeit für ihn anfühlt, nach ganzen 20 (!) Jahren nun wieder ein Protector-Album veröffentlichen zu können, freut sich der Mann aus vollem Herzen:

„Es ist der Hammer! Meine Bandkollegen und ich freuen uns sehr auf das Release. Natürlich ist auch ein wenig Nervosität damit verbunden, da man sich ja nicht sicher sein kann, wie die Fans die neuen Songs aufnehmen werden. Für mich persönlich ist es ja übrigens sogar 24 Jahre her, dass ich mit Protector im Studio war.“

Er selbst hätte niemals überhaupt damit gerechnet, offenbart der Shouter anschließend.

„Wenn mir jemand vor ein paar Jahren gesagt hätte, dass ich nochmals eine Platte mit Protector einsingen und veröffentlichen würde, hätte ich ihm nicht geglaubt. Ich bin davon ausgegangen, dass es für mich ein abgeschlossenes Kapitel war.“

Das viel zitierte gemeinsame „Feeling“ innerhalb einer Band – für Überzeugungstäter Mr. Missy hat es sich seit seligen „Golem“-Zeiten bis heute nicht geändert.

„Das einzige was meine neuen Bandkollegen von meinen alten Bandkollegen aus den 80ern unterscheidet ist das Alter. Micke, Calle und Matte sind im Schnitt zehn Jahre jünger als ich. Aber als Personen sind sie den alten Bandkollegen sehr ähnlich. Sie bevorzugen auch 80er Jahre-Metal, kleiden sich wie wir es damals taten, und schreiben Songs im selben Stil. Und auch wenn wir live-mässig unterwegs sind, ist das Feeling das gleiche.“

Wie gut harmoniert die derzeitige Protector-Mannschaft denn eigentlich auf zwischenmenschlicher und künstlerischer Ebene, Martin?

„Sehr gut. Die Jungs sind ungeheuer gut drauf. Da wird es nie langweilig, wenn man zusammen auf Tour ist, oder stundenlang im Übungsraum probt. Musikalisch orientieren sich die Jungs ja an den 80ern. Und da das auch meine Lieblingsperiode in Sachen Metal ist, funktioniert die Zusammenarbeit erstklassig.“

Man fragt sich auch, ob es für die Beteiligten nach so langer Zeit der Abstinenz wohl eher schwerer oder eher leichter geworden ist, alles in der Band möglichst rund am Laufen zu halten. Der Frontmann hierzu:

„Ich würde sagen es ist diesbezüglich genauso wie früher, auch wenn meine Bandkollegen ,Neu-Protectoren‘ sind. Es ist unwahrscheinlich schwer zu sagen wie alles laufen würde, wenn wir uns nochmals mit den alten Bandmitgliedern zu einer Band zusammenfinden würden. Das wäre alles nur Spekulation.“

Was die rein musikalische Ebene des neuen Brechers „Reanimated Homunculus“ anbelangt, so haben er und seine Mitmmusiker versucht, Songs im Stil der ersten Protector-Alben zu schreiben, wie dem Sänger zu entlocken ist.

„Also eher Thrash- als Death Metal, so wie er beispielsweise auf ,A Shedding Of Skin‘ und ,The Heritage‘ zu hören ist. Produziert hat das ganze Tomas Skogsberg. Er ist zwar am meisten für seine Arbeit mit Entombed und Dismember bekannt, hat uns aber einen astreinen Old School-Thrash Sound hingezaubert.“

Wie Martin dazu weiter berichtet, sieht er die allergrößte Stärke der aktuellen stilistische Mixtur in den Oldschool-Riffs, und auch darin, diesmal alles lieber etwas einfacher als zu kompliziert gehalten haben.

Das neue Material ist sowieso überraschend originell, sogar origineller als je zuvor bei Protector. Hat man im Lager der Band etwa zuvor eine Überdosis Kreativitätspillen geschluckt?

„Vielen Dank, es freut mich dass dir die neuen Songs gefallen. Ich denke es hängt mit der musikalischen Einstellung meiner Bandkollegen zusammen. Die stehen total auf die ,gute alte Zeit‘ und das merkt man den Songs dann auch an. Zwei der Songs sind allerdings von einem alten Sack geschrieben, nämlich meiner Wenigkeit. Es sind die ersten beiden Songs, die ich zu Protector beigesteuert habe, obwohl ich kein Instrument spielen kann. Ansonsten habe ich bisher ja immer nur die Texte geschrieben.“

Größtenteils haben Gitarrist Michael „Micke“ Carlsson und Bassist Mathias „Matte“ Johansson die neuen Songs geschrieben, wie der Vokalist im Weiteren zu berichten weiß:

„Unser Drummer Carl-Gustav ,Calle‘ Karlsson hat auch hier und da etwas beigetragen, und ich, wie erwähnt, ja auch. Auf dem aktuellen Album sind vier Songs enthalten, die wir bereits für unser Comeback-Demo (2011) und eine der Split-EPs (2013) aufgenommen hatten. Fünf Songs sind brandneu. Die sind im Laufe von circa einem Jahr entstanden. Der zehnte Song ist ein Coverstück. Wir covern da einen Protector-Song vom 2000er Demo ,Resurrected‘, und wollen damit eine Verbindung zu der letzten Besetzung von Protector herstellen, die bis circa 2003 vor uns existiert hat.“

Eigentlich war alles spannend für ihn, so der Sänger nachfolgend, was die gemeinsame Arbeit an dem neuen Werk mit sich brachte.

„Das Schreiben der Songs, das gemeinsame Herumfeilen an den Liedern, das Aufnehmen im Studio... Was interessant ist, ist, wie leicht es heutzutage ist, Songs zu schreiben, auch wenn man nicht in derselben Stadt wohnt. Meine drei Bandkollegen wohnen in Uddevalla, welches circa 500 Kilometer von Stockholm entfernt ist, wo ich wohne. Ist aber alles kein Problem: Die Jungs nehmen die Songs im Übungsraum in Uddevalla auf, laden die Songs im Internet hoch, und ich lade sie mir dann dort runter, und schreibe die Texte dazu.“

Mit diesem neuen Album können Protector ihrem Bandnamen beziehungsweise seiner wörtlichen Bedeutung hinsichtlich des beackerten Metiers eigentlich besser denn je gerecht werden, nicht?

„Ich denke schon. Wir fühlen uns heutzutage ein wenig als die ,Beschützer‘ des 80er Jahre Thrash Metal. Ob uns dies auf ,Reanimated Homunculus‘ gelungen ist, das werden die Reaktionen der Fans zeigen.“

Beeinflusst wurden er und seine Bandkollegen für die Songs auf „Reanimated Homunculus“ zuallererst natürlich von Protector selbst, so der Wahl-Stockholmer weiter.

„Ansonsten sind es so ziemlich dieselben Bands, die uns auch damals beim Songwriting inspiriert haben, vor allem Slayer, aber auch Possessed und Exodus.“

Und worin sieht Martin mittlerweile die ganz speziellen Stärken seiner Thrash-Truppe, speziell nach all den Jahren?

„Ich weiss es nicht genau. Aber ich hoffe zumindest, das eine unserer Stärken unsere neuen Songs sind. Was meiner Meinung nach aber auf alle Fälle eine Stärke von uns ist, sind unsere Live-Auftritte. Da geben wir immer alles, ob wir nun vor 20 oder vor 2.000 Fans auftreten. Ist zwar technisch nicht immer alles so perfekt, aber ich denke wir wiegen dass durch unsere Spielfreude wieder auf.“

Tomas Skogsberg hat es in den Sunlight Studios überraschend authentisch hinbekommen, die Band und ihren Sound optimal einzufangen. Eventuell sogar besser denn je?

„Es hat großen Spass gemacht bei ihm im Studio aufzunehmen, und ich finde auch, dass er uns einen richtig guten Sound verpasst hat. Wir haben ihm als Vorgabe nur gegeben, dass es sich nicht ,neu‘ anhören soll, sondern am liebsten wie etwas, was auch in den 80er Jahren hätte veröffentlicht sein können. Ich denke er hat es sehr gut hinbekommen. Das Feeling, das man bekommt, wenn man sich unsere Songs jetzt anhört, ist definitiv sehr speziell. Seine allergrößte Stärke als Produzent von Protector ist eigentlich sowieso seine unglaubliche Vielseitigkeit. Mal produziert er Death Metal-Bands, mal Bands die Rock'n'Roll-Hardrock spielen. Und Thrash kann er halt auch.“

Martin, seid ihr denn bereits dezent nervös bei dem Gedanken, das neue Material alsbald seiner Bühnentaufe zu unterziehen?

„Ich würde sagen, dass wir eher gespannt auf die Reaktionen sind, als dass wir diesbezüglich nervös wären. Wir haben seid einiger Zeit schon einen neuen Song mit dem Titel ,Road Rage‘ im Set und der ist eigentlich immer sehr gut bei den Fans angekommen. Da wir wissen, dass die Mehrzahl der Fans am liebsten unsere alten Stücke hören wollen, haben wir erstmal nur drei neue Stücke in den Set mit eingebaut. Sollte das neue Album bei den Fans sehr gut ankommen, kann man die Anzahl der neuen Songs in Zukunft selbstverständlich erhöhen.“

Protector erfreuen sich noch immer an treuen Fans weltweit. In welchem Teil der Erde wohl die fanatischsten Anhänger der Band beheimatet? Für Martin ist das eher schwer zu sagen.

„In den 80ern waren es neben den deutschen Fans definitiv die Fans aus Polen. Heutzutage ist es glaube ich relativ gleichmässig verteilt. Wir haben Gigs vor total wilden Fans in Finnland, Deutschland, Tschechien und Italien gespielt, da war eigentlich kein grösserer Unterschied auszumachen.“

Er selbst hat eigentlich einen relativ guten Überblick darüber, wie sehr angesagt Protector jeweilig sind, so der Mann.

„Ich habe Anfang des Millenniums eine Protector-Homepage gehabt und bin diesbezüglich auch heute aktiv, vor allem bei Facebook. In den letzten zehn Jahren habe ich auch viele Interviews mit Fanzines gemacht. Hat mich immer wieder gefreut, wenn eine Interviewanfrage reinkam. Und es hat mir gezeigt, dass Protector nie ganz in Vergessenheit geraten sind. Unser Gitarrist ist nicht so aktiv im Internet unterwegs, aber unseren Drummer und Basser kann man auch bei Facebook finden. Im Moment ist uns vollauf und umfassend möglich, auf sämtliche Mails und Anfragen etc. unserer globalen Anhänger einzugehen. Soviel ist da bisher eh noch nicht gekommen. Aber mal schauen, wie es nach der Veröffentlichung des neuen Albums wird. Wir werden aber auch weiterhin versuchen, allen, die uns anschreiben, zu antworten, auch wenn es plötzlich viel mehr Mails werden sollten.“

Der altgediente Protector-Shouter glaubt als bekennender Realist allerdings nicht daran, dass die Band jemals von der Musik leben wird können, wie er verlauten lässt.

„Es wird wohl ein Hobby bleiben. Wenn man wider erwarten doch von der Musik leben könnte, so wäre dies selbstverständlich ein Traum. Musik ist ein grosser Bestandteil meines Lebens und dem meiner Bandkollegen. Wenn man davon leben könnte, wäre es genial. Ich würde mich tagsüber den Fans, vor allem im Internet, und dem Texteschreiben widmen. Dann würde ich auch häufiger nach Uddevalla zum Proben fahren können. Zur Zeit proben wir maximal zwei- bis dreimal Mal pro Jahr zusammen. Und ausserdem würden wir dann ja auch grössere Tourneen machen können. Im Moment treten wir vielleicht fünf bis sechs Mal pro Jahr auf.“

Für den verbleibenden Rest von 2013 erhofft sich Martin für Protector primär, dass die neue Platte gut bei den alten und neuen Fans ankommt. „Und wir freuen uns schon auf die drei Gigs in Deutschland im kommenden Oktober: 3.10. in Berlin, 4.10. in Dresden und 5.10. auf dem Hell Inside Festival in Würzburg.“

© Markus Eck, 20.08.2013

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