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Interview: REFLEXION
Titel: Alles andere als Industrie-Marionetten

1996 füllten einige jugendliche Enthusiasten einen muffigen finnischen Probenraum in Oulu mit lautstarken Coverversionen. AC/DC und Metallica beispielsweise, aber auch Rocksaurier wie Deep Purple, Whitesnake und dergleichen mehr wurden da damals überaus beherzt nachgespielt.

Nach und nach wurden die Kerlchen sicherer an den Instrumenten als auch im Musikgeschmack und wagten sich irgendwann 2003 an die Aufnahme eines ersten Demos namens „Journey To Tragedy” – welchem drei Jahre später das Debütalbum „Out Of The Dark“ folgte.

Mittlerweile hatten sich Reflexion auf betont emotionalen und sehnsüchtigen Gothic Dark Rock typisch skandinavischer Mache eingeschossen. HIM wurden damit bekanntermaßen weltberühmt, und auch unsere Helden feierten vor allem auf heimatlichen Bühnen erste nennenswerte Erfolge. Nun gehen die fünf feinfühligen finnischen Melancholiker um Sänger Juha Kylmänen mit ihrem neuen Langspieler an den Start.

Und der mental ziemlich tief aufwühlende Passions-Diskus „Dead To The Past, Blind For Tomorrow“ hat es in sich.

Denn dieser Dreher besticht Liebhaber von artverwandten Düsterkapellen wie beispielsweise eben HIM, Before The Dawn und auch Charon mit eingängig-markantem sowie klanglich genussvoll schwerem Spitzenmaterial, wie es typisch finnischer wohl nicht sein könnte.

Tieftöner Mikko Uusimaa und Tränenschluckerkehle Kylmänen nehmen sich gerne ein wenig Zeit für mich.

„Gegenüber dem Debütalbum `Out Of The Dark` besteht bei der neuen Scheibe der Unterschied, dass Juha nicht mehr alle Kompositionen beinahe im Alleingang erarbeitet hat. Wir reiften allesamt als Songwriter, weswegen sich auf `Dead To The Past, Blind For Tomorrow` nun auch bestimmte Stücke befinden, an welche von uns anderen stammen“, beginnt Mikko erzählfreudig das wohltuend angeregte Dreiergespräch.

Auch, was die Arrangements anbelangt, hatte die gesamte Band einen weit größeren Anteil am aktuellen Werk, als dies zuvor noch der Fall war. Die Liedertexte schreibt Juha selbstverständlich nach wie vor selbst, so Mikko.

Eine gute Gelegenheit für Stimmbandkünstler Juha selbst, hier seinen Einsatz zu finden: „Diesmal hatten wir daher auch eine viel größere Menge an Songmaterial zur Auswahl für das Album. Wir konnten so aus insgesamt 20 eingespielten Demo-Scheiben schöpfen. Nach und nach sonderten wir im Zuge dessen das uns eher schwächer erscheinende Kompositionsgut zielsicher orientiert aus. Letzten Sommer 2007 nisteten wir uns dann alle fünf mit sämtlichem Instrumentarium auf Mikkos Sommerhütte ein, wo wir unser so genanntes Reflexion-`Democamp` errichteten. Wir wollten unsere absolute Ruhe dafür haben.“

Das Quintett machte sich laut Aussage des Vokalisten trotz der anstehenden Aufgaben eine gute Zeit.

„Ja, tagelang wurde da nur noch abgespielt, emsig angehört, ernsthaft kritisiert – und eventuell gleich noch mal neu abgeändert aufgenommen. Somit kristallisierten sich schlussendlich elf Nummern aus dem ganzen Zeug heraus, welche die Hörer jetzt auf dem aktuellen Album `Dead To The Past, Blind For Tomorrow` vorfinden.“

Wie sein Bandkollege Mikko mit weichen Gesichtszügen dazu im Folgenden noch ergänzend ausführt, ging der Entwicklungsprozess von Reflexion trotz diverser obligatorischer Hindernisse absolut unverkrampft vonstatten:

„Wir sind ja einerseits nicht erst seit gestern dabei. Auf der anderen Seite spornte uns der Erfolg unseres Debütalbums mächtig an, da noch einen draufzusetzen. Es mag sich ja zugegebenermaßen gar arg klischeehaft anhören, aber wir sind in den letzten Jahren sowohl als Musikgruppe als auch als Menschen enorm zusammengewachsen. Es schweißt Leute eben ungemein zusammen, wenn man viel Zeit und Nerven für eine gemeinsame Sache aufwendet.“

Wie Juha der selbstsicher gemachten Aussage des Bassisten noch absolut beipflichtet, ist Reflexion letztlich primär als ehrliche und vor allem einfachen Motiven ergebene Muckertruppe zu sehen:

„Wir wollen in erster Linie absolut aufrichtige und authentisch angelegte dunkle Rockmusik machen, das genau ist unsere existenzielle künstlerische Triebfeder. Anders würden wir uns ohnehin nicht gut fühlen. Daneben lieben wir verdammt eingängige Melodielinien über alles und auch Passagen, welche mit einem signifikanten Chorus versehen sind, den man nicht mehr vergisst. Exakt dafür und für nichts anderes stehen die Vollblut-Songs von Reflexion!“

Was damals 1996 im finnischen Oulu recht jugendlich und voller Aufbruchsstimmung begann, das findet in erweiterter musikalischer Form also aktuell mit dem zweiten Studioalbum „Dead To The Past, Blind For Tomorrow“ seine vorläufige Vollendung.

Und auch gegenwärtig hat sich dieses fähige Quintett um Vokalist Juha Kylmänen wieder ganz und gar der düster-melancholischen Ausprägung emotionaler und sehnsüchtiger Rockmusik verschrieben.

Weithin ein immens populärer Stil, der sich um mannigfache Nachahmer und teils recht freche Plagiatoren so schnell keine Sorgen machen braucht.

Dennoch, Reflexion, auf stilistische Weise überaus eigenständig agierende und kompositorisch selbstsichere Typen, machen da schon viel lieber ihr ganz eigenes Ding. Und sie sind sehr gut dabei.

„Für uns besitzt jedes unserer neuen Lieder den gleichen künstlerischen Wert, wir haben schließlich unsere Seelen dafür ausgehaucht. Unsere neue Single `Weak and Tired` vereint unsere musikalischen Stärken jedoch meiner eigenen Meinung nach am allerbesten. Ein solides Stück Rockmusik, welches viele neue und interessante Elemente enthält, welches aber noch bodenständig und souverän genug ist, das Interesse der mit dieser Art von Musik vertrauten Hörer zu gewinnen“, weiß Mikko zu berichten.

Und auch dieses Mal wieder erwecken die beiden finnischen Musikanten den Eindruck absoluter Vernunft, was ihre Position innerhalb des schnelllebigen Metiers anbelangt.

„Wo ich mit der Band in fünf Jahren stehen möchte? Ich sage dir meine Vision: Mein Ziel ist es, in dieser Zeit zwei weitere gute Alben veröffentlicht zu haben, in verschiedenen Kontinenten getourt zu haben und weltweit Erfolg verbuchen zu können. Aber, man weiß ja nie, vielleicht kommt auch alles ganz anders.“

Das will sein kehlenstarker Kollege Juha auch nicht hoffen, wie es impulsiv aus ihm heraus stößt. „Keine Bange! Wir sind da guter Dinge, denn Reflexion haben sich alle Voraussetzungen für eine gut fundamentierte und dauerhafte Karriere erarbeitet, und wenn wir weiterhin so stark und lebhaft für die Band arbeiten, kann da eigentlich nichts schief gehen.“

Mit dem vergleichsweise unbekannten Plattenlabel Mach XX lässt es sich laut Aussage von Mikko gut zusammenarbeiten. „Wir haben bereits mit unserem Debütalbum `Out Of The Dark` exzellente Erfahrungen mit ihnen gemacht, welches sie für den Rest von Europa lizensiert hatten. Mach XX machten auf allen Ebenen wirklich einen sehr guten Job mit der Platte, so war es nur natürlich, das auch das neue Werk auf diesem Label erscheint. Und wir haben es bislang noch keine einzige Sekunde bereut.“

Aus gegebenem Themenanlass dreht sich der weitere Diskurs um die leider so mächtige Musikindustrie dieses massen(musik)medial immer mehr gleichgeschalteten Planeten, an dessen kunstgeschmacklicher Nivellierung einige wenige Interessengruppen und Lobbyisten ja so emsig werken.

„Eigentlich würde ich am liebsten niemals darüber nachdenken, denn dieser Bereich ist voll von geldgierigen, herzlosen und korrupten Menschen. Also genau die Leute, die ein ehrlicher Rockfan gemeinhin auf tiefster Seele heraus verabscheut. Aber, wenn man wie wir Musik macht sowie sie in einem guten Studio aufnehmen und unter die Leute bringen möchte, kommt man leider nicht an dieser Sache vorbei. Ob beziehungsweise wie sehr man davon letztlich vereinnahmt wird, hängt natürlich nicht zuletzt davon ab, ob man den Belangen einer Major-Company untersteht oder ob man wie wir bei einem Indie-Label unter Vertrag ist. Beide Parteien haben ihre ganz eigenen geschäftlichen Arbeitsweisen und daher sind wir gegenwärtig noch ganz froh, auch ein wenig mitreden zu können, wie beziehungsweise als `was` wir verkauft werden. Und unsere Musik an sich können wir glücklicherweise noch immer ganz nach unseren eigenen Vorstellungen gestalten, was uns sehr viel bedeutet“, so Mikko in aller Offenheit mit ebenso wahren wie weisen Worten.

Juha hingegen sieht die Sache eher nüchtern, dem Sänger scheint das völlig egal zu sein. Er winkt mit betonter Lässigkeit ab: „Darüber mache ich mir ehrlich gesagt niemals große Gedanken. Die heutige Musikindustrie ist doch genau genommen wie jedes andere Industrie-Unternehmen auch, und da wird nun mal nach strengen betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten vorgegangen. Sie machen ein neues Produkt, und versuchen es so viel wie möglich zu verkaufen – und primär natürlich so viel wie möglich daran zu verdienen. Dass sie sich dabei an Trends und Moden orientieren, ist ja auch irgendwie wieder zu verstehen. Und da haben typisch menschliche Eigenschaften wie beispielsweise Leidenschaft, Begeisterung und Idealismus eben sehr schlechte Karten. Es liegt aber letztlich an einem als Künstler selbst, wie sehr man sich da manipulieren und die eigene Musik vorschreiben lässt.“ In der Tat, was für zahllose Musiker und Gruppen auch immer wieder eine immens harte Prüfung darstellt. Die Gretchenfrage „Erfolgreicher und angeglichener werden oder in einem gewissen einschlägig überschaubaren Popularitätsspektrum ehrlich und individuell bleiben“ hat jedenfalls schon so manche Band zum Wahnsinn getrieben.

Von solcherlei Geisteszuständen sind unsere Finnen glücklicherweise noch weit entfernt. Mikko:

„Im Moment konzentrieren wir uns vordergründig auf die europäischen Länder, unser oberstes Ziel ist es in diesem Zusammenhang, die neue Scheibe in so vielen Ländern wie möglich veröffentlicht zu sehen. Dann wollen wir endlich wieder auf Konzertreise gehen und dabei auch so viele Festivals wie möglich bespielen. Hoffentlich ist es schon bald so weit!“

Ihren definitiven Stil haben die fünf spielfreudigen Düster-Jungs dennoch bereits schon vor einiger Zeit gefunden, wie der Bassist zu Protokoll gibt.

„Weiterentwicklung muss in einem ganz natürlichen Prozess stattfinden, sonst droht die Gefahr der Verkrampfung. Wir wissen mittlerweile schon ganz genau, wie unsere Musik bei Reflexion klingen muss. Und dieses Gefühl der musikalischen Selbstsicherheit haben wir ganz von innen heraus entwickelt und daher auch ganz tief in uns drin gespürt. Daher ruhen wir gewissermaßen in uns selbst. Und so sind wir nicht anfällig für modisch orientierte Verwässerungen“, so der Bassist in aller Seelenruhe.

„Wir halten auf kreativer Ebene nicht Ausschau nach einem speziellen Stil, Sound oder so was Ähnlichem. Unsere Kunst lebt ihr ganz ureigenes Leben und wir versuchen eben lediglich, dieses Leben bestens zu erhalten – erfüllt von Emotionen, wunderschön und traurig, aber zuweilen auch mal ein klein wenig lustig“, ergänzt Juha noch mit einigem Mitteilungsbedürfnis in der Stimme.

Auf meine anschließende Frage, warum die Gothic- und Dark Rock-Fans das neue Album „Dead To The Past, Blind For Tomorrow“ kaufen sollten, beziehungsweise was Reflexion hat, was andere nicht haben, reagiert Sänger Kylmänen zunächst mit einem Achselzucken. (…) Doch dann folgt herrlich echte und herzige Attitüde:

„Im Grunde genommen tun wir bei Reflexion ja nichts anderes, als wir selbst zu sein. Wenn das den Leuten nicht reicht, dann sollten sie besser andere Bands hören beziehungsweise deren Platten erwerben. Ich glaube an Rockmusik, und daran, dass es dabei nicht darum geht, um jeden Preis etwas Einzigartiges zu erschaffen. Vielmehr sollte man daran größtmögliche Freude haben und sie sollte einem als Musiker dienen, die Sorgen des täglichen Daseins zu vergessen, wenn auch jeweils nur für kurze Zeit. Wenn wir den Hörern dieses Gefühl vermitteln können, dann haben wir unsere Sache richtig gemacht.“

Viersaiten-Mann Mikko bringt die Sache für die Band abschließend noch treffend auf den Punkt: „Wir haben noch niemals versucht, uns als Verkäufer für unsere eigene Musik zu betätigen. Wir lassen lieber unsere Lieder für uns sprechen.“ Und da letztere so einiges zu sagen haben, kann sich diese feine Band auch weiterhin umso besser auf das Kreieren von tollen und tiefgründig melodischen Düsternummern konzentrieren.

© Markus Eck, 30.01.2008

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