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Interview: ROZENCRANTZ
Titel: In aller Offenheit

Wer diesem kompetenten Newcomer-Quartett beziehungsweise seinem hochemotionalen und betörend dunkelatmosphärischen Gothic Rock lauscht, kommt schnell ins Schwärmen.

Denn das mit unendlich viel Liebe und noch mehr Hingabe kreierte Debütalbum „Salvation“ besticht die sehnsüchtigen Herzen der Hörerschaft mit tiefgründig ausgefeiltem Qualitätsmaterial der absoluten Sonderklasse. Ja, diese vorzüglich gemachte Gruftplatte strotzt geradezu vor positiven Überraschungen.

Während zahllose Gruppen aus diesem stilistischen Bereich über die letzten Jahre also beinahe ausnahmslos als identitätslose Plagiatoren beim Publikum durchfielen, überzeugen die deutschen Schwarzgemüter Rozencrantz mit immenser Eigenständigkeit und riesengroßem musikalischen Talent. Leicht vorstellbar, dass sich hinter solcherlei gefühlvoll-inniglichen Klangwerken höchst sensible Seelen verbergen.

„Welche Charaktereigenschaften man mir nachsagt? Das ist nicht ganz einfach zu beantworten, da man leider viel zu selten Menschen trifft die einem die volle Wahrheit ins Gesicht sagen. Wenn ich mich selbst im Spiegel anschaue, muss ich feststellen dass ich eitel bin. Ansonsten rede ich manchmal wohl zuviel: Es gibt Dinge die man in meinem Beisein besser nicht ansprechen sollte – außer man ist bereit auf eine ausführliche Unterhaltung über das Thema. Ich kann kaum jemandem einen Gefallen abschlagen und bin wohl ein viel zu leidenschaftlicher Mensch“, bekennt Rozencrantz-Sänger Skye eingangs.

„Der Rosenkranz ist ein Symbol des Glaubens“, erklärt der Vokalist, auf den Bandnamen angesprochen. „Er ist ein Werkzeug, um Ängste zu bewältigen und persönliche Träume zu fokussieren. Das Konzept der `Gebets-Perlen` ist ein sehr alter Ritus, welcher sich durch die Kulturen der Jahrtausende zieht wie ein roter Faden. Der uns bekannte Rosenkranz ist im Grunde nur ein verwässertes Bild von der Macht der Suggestion. Wenn wir Musik machen pflegen wir eine Verbindung zueinander, es ist wie ein Werkzeug, mit dem wir uns definieren. Wir leben und musizieren in einer Symbiose, der Kranz ist unser Zufluchtsort. Mit der Schreibweise des Gruppennamens haben wir den verstorbenen amerikanischen Rockmusiker Rozz Williams [bekannt von der Death Rock-Band Christian Death, A.d.A.] geehrt, dessen Musik uns alle noch heute inspiriert.“

Dennoch gehört Skye laut eigener Aussage einer völlig neuen Generation von Musikern an. „Für mich ist es nicht mehr wichtig alte Klischees auszuleben. Zuerst ist man beeindruckt von der Idee ein `Rockmusiker` zu sein. Doch die Wahrheit ist doch, dass es vollkommene Hingabe von einem verlangt, gute Musik zu machen. Wenn man `nur` ein Star sein will, sollte man wohl lieber damit anfangen, gut auszusehen und bei `Popstars` tanzen zu lernen. Wenn man jedoch mit dem ganzen Herzen Musiker ist, so ist es wie eine Sucht, der man nicht entkommen kann. Es schmerzt ständig, und nur wenn man Musik schreibt, wird es letztlich besser.“

Die vier Beteiligten der Band kennen sich seit mehr als einem Jahrzehnt und waren über diese Zeit hinweg, teilweise gemeinsam, teilweise mit anderen Musikern immer in Bandprojekten aktiv, so Skye.

„Über die Jahre hat uns unsere tiefe Verbundenheit zur Musik immer näher zusammenrücken lassen, was schlussendlich die Geburtsstunde von Rozencrantz war. Wir unterscheiden uns massiv von vielen anderen Menschen, da unser Bassist Horatio und ich auf dem Jahrmarkt aufgewachsen sind und eine völlig andere Welt in unserer Kindheit erlebt haben. Unser Drummer Reddark hingegen kommt aus einer Seemannsfamilie und Keyboarder Lucian´s Vater ist Arzt.“

Der allergrößte Beweggrund für das Kreieren solcherlei klagender Klänge ist für den einfühlsamen Sänger der Tod. Er legt offen: „Wenn du dir vor Augen führst, dass das Leben an sich für die meisten Menschen aus völlig sinnlosen Tätigkeiten besteht, bis sie irgendwann realisieren, dass nichts von ihnen bleibt außer ein paar Fotos, dann versuchst du das Beste aus deinem Leben zu machen, das du nur kannst. Ich hingegen möchte daher mein Lebenswerk in Musik schaffen, damit meine Existenz nicht bedeutungslos ist.“

Über die Jahre ist der Vokalist vor allem offener geworden gegenüber harter Musik, wie er mitteilt. „Am wichtigsten ist es uns, in Rozencrantz zu 100 Prozent unsere Gefühle und Gedanken zu verarbeiten – ohne sich zu sehr auf bereits bestehende Dinge zu konzentrieren. Genau das verlangen unsere Fans – und etwas anderes können wir auch nicht“, formuliert der nachdenkliche Kehlenkünstler in aller Ehrlichkeit.

Die Liedertexte auf dem aktuellen Album „Salvation“ spiegeln einen sehr langen Zeitraum des Lebens der Band wider, wie zu erfahren ist.

Skye erläutert mit sanfter Stimme:

„So sind in den Stücken viele Gefühle und Erfahrungen verarbeitet, die wir vielleicht lieber niemals durchlebt hätten. In gewisser Weise wäscht `Salvation` uns rein. `Her Walk Gets Slower` ist geprägt von wahrer Schönheit und Romantik. Ein Song voller Ästhetik und Eleganz, geschaffen um der alltäglichen Welt voller Grausamkeiten zu entfliehen. In dem Lied `Fareza` geht es um die Göttin des Glücks die ein Leben voller Schönheit schenkt, doch am Ende den ultimativen Preis dafür fordert. Dem Tod mit einem lachenden Auge zu begegnen, das ist das Geschenk das sie uns macht. `Sweet Desire` erzählt von der Zeit als ich im Klosterinternat zur Schule gegangen bin. Die intensiven Erfahrungen verarbeite ich bis heute in einer Art emotionaler Achterbahnfahrt. `In These Arms` handelt hingegen von Liebesbeziehungen, die als Zufluchtsort dienen um die Kälte und den Hass der Welt zu bewältigen. Ich habe mich erst kürzlich einer schmerzhaften Trennung gestellt. `Dissolve` bedeutet für uns einen entscheidenden Schritt in eine von allen Fesseln befreite Zukunft. Es werden alte Wunden geheilt und alles was krank macht wird verbannt. `1000 Knights` beleuchtet die Faszination der Leidenschaft: Ein Kuss der richtigen Frau kann ein Königreich zerstören und alles bisher Erlebte in den Schatten stellen. `Forsaken` wiederum ist ein Gefühl von brutaler Freiheit, voller Gewissheit, dass der Tod nur der Anfang einer langen Reise ist. Wer sich von allem Guten und Bösen verlassen fühlt, der kann sich in dem Song sehr gut wieder finden.“

Erfolg zu haben bedeutet für den Sänger in erster Linie Selbstverwirklichung. Wir erfahren: „Es ist für mich sehr faszinierend zu sehen, wie unsere Musik international durch das Internet bekannt wurde; und das ohne, das wir unser aktuelles Album fertig hatten. Erfolg spüren wir jeden Tag in unserer Band, wenn wir unsere Fan-mails öffnen, und das gibt uns die Kraft, uns zu verwirklichen. Erfolg ist Freiheit und das wünsche ich jedem Menschen auf diesem Planeten.“

Als mein Gesprächspartner noch sehr jung war, hat er zuviel mit Sex und Drogen herumgespielt, wie er nachfolgend in aller Offenheit beichtet. „Das hat mich damals sehr fasziniert. Doch ich habe dafür einen hohen Preis bezahlen müssen. Erst in den letzten Jahren bin ich wieder mit mir selbst zufrieden geworden – und kann mich anderen Menschen gegenüber wieder öffnen. Ohne Liebe und Musik hätte ich es wohl kaum geschafft mich wieder aufzuheben und weiter zu leben. Zum Glück habe ich auch ein sehr großes Urvertrauen, das mir beisteht. Meine Zukunft wird von mir selbst geschrieben – und alle Gedanken die ich habe, tragen zu einem Gesamtbild bei. Es ist wichtig, sich selbst gegen schlechte Gedanken zu verteidigen, denn unterm Strich ist Angst vor dem Leben Gift für die Zukunft.“

Dreht sich das Thema um historische Persönlichkeiten, so wäre der gute Skye laut eigenem Bekunden gerne William Shakespeare gewesen.

Ich bitte ihn, den Lesern noch eine Lebensweisheit zu schenken: „The sparrow never lands where the tiger roams“, so kommt es mir daraufhin entgegen.

Als wir auch noch über gute Bücher sprechen, lobte der Sänger eine Reihe ganz besonders: „Ganz klar: Die Sprawl Trilogie von William Gibson. Die besten drei modernen Scifi-Bücher die es gibt.“

An der Moderne verabscheut der Rozencrantz-Frontmann ganz speziell die deutschen Medien: „Es ist ein Armutszeugnis, wie wenig Mühe sich die Fernsehsender hier geben, um interessante Fernsehunterhaltung zu produzieren. Dennoch, ich möchte auf keinen Fall in der Vergangenheit leben. Denn nur heutzutage kann ich mit Hilfe von digitaler Signalverarbeitung Musik machen ohne den Hintern von großen Studiobossen küssen zu müssen, und nur heute ist das Internet voller Menschen die alle nach Inhalten in ihrem Leben suchen. Frauen sind endlich gleichberechtigt, Massenmord bleibt nicht mehr unbemerkt, gefährliche Menschen werden eingesperrt. Und ich muss nicht mehr mit einer Waffe alle paar Jahre in den Krieg ziehen.“

Live-Erfahrungen sieht Skye immer als Herausforderung an. Er erzählt: „Bisher habe ich nichts wirklich nennenswert Schlechtes zu berichten. Wir werden am 20. Oktober 2007 eine Record Release Party geben, in den Nachthallen in Kassel, wo wir unser aktuelles Album den Fans vorstellen werden. Im Weiteren ist für den kommenden Winter eine Clubtour in Planung. Ansonsten werden wir mit Rozencrantz die Veröffentlichungstermine unseres Albums in den anderen europäischen Ländern vorbereiten und sehr viel live spielen. Außerdem haben wir einen Remix-Wettbewerb gestartet. Da gibt es einige tolle Remix-Versionen, die dabei herausgekommen sind. Es ist eine weltumspannende Sache daraus geworden, da wir von jedem Kontinent mindestens einen Remix bekommen haben. Nach dem wir zwei der Remix-Versionen mit auf `Salvation` genommen haben, planen wir eine separate Veröffentlichung der restlichen Stücke über das Internet, um unseren werten Fans noch mehr zurück zu geben.“

© Markus Eck, 18.09.2007

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