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Interview: SALTATIO MORTIS
Titel: Moderne Vergangenheit

Nicht nur der Tod war im Spätmittelalter ein unwiderstehlicher Spielmann: Auch solch versierte Spielleute wie Saltatio Mortis - übersetzt: Totentanz -, stimmten wie gerade mit ihrem Debütalbum „Das zweite Gesicht“ enorm betörendes Liedgut an.

Musikanten wie Saltatio Mortis versuchten früher gegen das überaus verführerische Lied des Todes anzuspielen und einen Todkranken durch ihre wohlklingende Kunst von der süßen Melodie des Sterbens abzulenken. Damals stellten sich die Menschen den Tod als Spielmann vor, der mit verlockender Melodik die Seelen ins Jenseits lockt. Aber Spielleute, die noch besser musizieren als der Tod, können ihm die eingefangenen Seelen wieder entreißen. Fühlst du dich also an manchen Tagen schon halbtot, dann lass dir besser von Saltatio Mortis die Trommelfelle verklopfen.

Diese talentierten Todesdiebe ließen sich von mir bereitwillig in die Karten schauen, was Interessantes zutage förderte. Die deutlich ausgewogene Musikmischung aus allerlei altertümlichen Instrumenten und modernen elektronischen Hilfsmitteln gefällt mir sehr gut, was Saltatio Mortis auch nicht ändern werden, wie von Sackpfeifer Falk Irmenfried von Hasen-Mümmelstein zu erfahren war:

„Bisher haben wir überwiegend sehr positive Reaktionen erhalten und sind selbst auch zufrieden mit dem Ergebnis. Natürlich sind manche unserer Mittelalterfans zunächst etwas enttäuscht, wenn moderne Instrumente zu hören sind, aber bisher haben wir noch alle für unsere neue Musik begeistern können. Zudem werden wir schon bald wieder neues mittelalterliches Futter nachlegen und auch nach wie vor auf Mittelaltermärkten live für Stimmung sorgen.“

Und wie so oft führte ein Knotenpunkt aus entsprechenden Passionen die Musiker zueinander:

„Zusammengefunden haben wir über unsere gemeinsame Liebe zum Mittelalter und zu kraftvoller Musik. Da ein jeder von uns auch schon vor Saltatio Mortis Musik gemacht hat, trafen sich neben den Mittelaltermusikern auch noch sehr verschiedene Individuen, aus zum Teil sehr unterschiedlichen Musikrichtungen.“

Er fügt dem an: „Das Spektrum reicht dabei vom Jazz über Metal, Rock, EBM bis hin zu Folk! Da nun jeder für sich seine musikalische Vergangenheit mit dem Mittelalter zu verbinden suchte, kam ein sehr energiegeladener Prozess in Gang, dessen Ergebnis du in Händen hältst.“

Und dieses Ergebnis dreht gerade in meinem CD-Player durch. Durchdrehen vor Neugier könnte hingegen auch ich, wenn ich Künstlernamen wie Alea der Bescheidene (Gesang, Sackpfeifen, Schalmeien), Dominor der Filigrane (Sackpfeifen, Schalmeien, Pommern, Binjou, Programming), Die Fackel (Sackpfeifen, Schalmeien, Laute, Harfe, Keyboards), Falk Irmenfried von Hasen-Mümmelstein (Sackpfeifen, Schalmeien, Wui, Konferenzen) Ungemach der Missgestimmte (Sackpfeifen, Schalmeien, Perkussion, Gitarre), Lasterbalk der Lästerliche (Davul, Trommeln, Perkussion, Pauken, Programming), Thoron Trommelfeuer (Darbuka, Trommeln, Perkussion, Horn) und Magister Flux (Grafik und Technik) lese.

Ich erfuhr hierzu: „Jeder der Spielmannsnamen hat eine eigene, zum Teil sehr persönliche Geschichte. Meist hat der Name Bezug zum Charakter oder zu besonderen Ereignissen, die wir bis heute noch lustig finden. Dabei sind die wenigsten Namen aber so zu verstehen wie sie vordergründig erscheinen. Im übrigen verraten wir die Geschichten hinter den Namen nur Nachts bei ein paar Flaschen Met und Wein und dann am liebsten an hübsch lächelnde Schönheiten.“

Ihr wisst nun, wie es geht. Die vielen altertümlichen Instrumente bei Saltatio Mortis hören sich aufgrund ihrer ausgewogen gemischten Erscheinung echt toll an. Wir lasen zuvor von Sackpfeifen, Schalmeien, Pommern, Binjou, Laute, Harfe, Wui, Konferenzen, Perkussion, Davul, Trommeln, Pauken, Darbuka, Horn. Eine Darbuka ist ein arabisches Instrument, vermute ich mal, und ich liege gar nicht mal so falsch: „Eine Pommer ist eine Art von Schalmei, während ein Binjou ein sehr hoch klingender bretonischer Dudelsack ist. Das alte indische Wui setzen wir nur live ein, dann aber sehr beeindruckend! Konferenzen sind natürlich kein Instrument sondern unser Spiel mit dem Publikum. Eine Davul ist eine Trommel mit zwei unterschiedlichen Fellen aus dem arabischen Raum. Und die Darbuka ist eine kleine Handtrommel die schon im alten Ägypten bekannt war und einen hohen sehr treibenden Klang hat“, so Falk.

Trotz der vielen altertümlichen Instrumente wurden auf „Das zweite Gesicht“ mutig auch allerlei neuzeitliche Rhythmuserzeuger in den Gesamtsound involviert. „Wir verwendeten alles, was bei drei nicht auf dem Baum war, wir haben wirklich mit allem herumgespielt was wir in die Hände bekamen.“ Das ging so manchem Schürzenjäger damals auch nicht anders. „Ähnlich wie schon bei den Instrumenten haben wir laut bis drei gezählt und dann wild alles verwendet was nicht sofort die Flucht ergriffen hat! Im Ernst: Wir wollten uns bewusst keine Scheuklappen anziehen und nur Metal oder nur EBM oder gar nur Pop machen. Wir haben unsere Lieder in der Regel mit unseren historischen Instrumenten geschrieben und erst dann ausgesucht was zu dem jeweiligen Lied passt, völlig egal aus welcher musikalischen Richtung die Versatzstücke auch herkommen mögen.“

Der Titel des neuen Albums schweift weit zurück in die Vergangenheit und reflektiert doch auch die Gegenwart, wie Meister Hasen-Mümmelstein mir eröffnet: „Im Mittelalter wurde Gauklern, Vaganten und Spielleuten oft nachgesagt, sie hätten das zweite Gesicht. Damit meinte man die Gabe in die Zukunft zu sehen. Wenn nun Spielleute damals in unsere Zeit hätten schauen können, dann hätten sie doch wohl gerne mit all den Möglichkeiten von heute Musik gemacht, aber wahrscheinlich ihre Instrumente nicht einfach so in die Ecke gestellt, oder? Genau das haben wir auch gemacht. Wir haben einfach unsere mittelalterlichen Instrumente mit allem kombiniert was wir an spannenden modernen Instrumenten gefunden haben. Natürlich hat der Titel auch noch ein zweite Bedeutung. Wie du sicherlich weißt, sind wir ja viel auf den Bühnen der Mittelalterfeste unterwegs und haben ganz in der Tradition der Spielleute von einst begonnen Musik zu machen. Wenn wir nun auch auf Rockbühnen und Festivals spielen, dann zeigt sich schon auch ein zweites Gesicht der Band. Das Thema der aktuellen CD ist die Zusammenführung von Gegensätzen. Wir haben erfahren, dass scheinbare Gegensätze wie Alt und Neu, Licht und Schatten usw. lediglich zwei Gesichter der selben Sache sind und untrennbar zusammen gehören. So ist es auch mit den beiden Gesichtern von Saltatio Mortis!“

Dies schlägt sich auch in den lesenswerten Songtexten nieder. Der spielfreudige Sackmann berichtet: „Wie schon gesagt geht es um eine Brücke zwischen den Zeiten. Wir beschäftigen uns mit Themen die für Menschen damals wie heute wichtig sind: Liebe, Zeit, Gesellschaft usw. Wir sprechen die Themen deshalb auch von der Dichtung her sehr unterschiedlich an. Zum Teil bedienen wir uns einer modernen Ausdrucksweise, die dann im Bezug zu den alten Instrumenten steht, oder wir verwenden eine mittelalterlich anmutende Sprache, die dann mit den modernen Instrumenten kontrastiert.“

Impressionen, Eindrücke und Einflüsse für das Songwriting sind leicht für Saltatio Mortis zu holen. „Unsere Lieder hat das Leben geschrieben. Wir reisen viel und leben sehr unmittelbar. Dabei lernt man viel über sich und die Welt. Das Album ist sozusagen eine Art musikalischer Biographie. Das Mittelalter ist für uns alle sehr wichtig. Jeder hat seinen eigenen Weg zum Mittelalter gefunden aber wir alle genießen auch heute noch die ganze besondere Stimmung auf schönen mittelalterlichen Festen.“

Ihr Leben möchten sie während dieser Epoche aber nicht fristen. „Nein, wohl eher nicht. Wir sind alle Menschen des 21. Jahrhunderts. Übrigens ein weiterer Grund warum wir `Das zweite Gesicht` machen wollten: Wir beschäftigen uns zwar viel mit der Geschichte, aber wir leben hier und jetzt. Diese Verbindung ist für uns sehr wichtig!“

Ihre Musik wird vom Label als „Mittelalter Rock“ tituliert, womit die Spielleute auch konform gehen, wie man mir preisgab. „Wir haben sehr lange mit einer guten Bezeichnung für diese Art von Musik gerungen und finden `Mittelalter Rock` noch am treffendsten. Wir möchten mit unserer Musik alles ausdrücken, was uns Menschen ausmacht. Uns beschäftigen die gleichen Themen wie jeden anderen auch. Das sind Liebe und Erotik, Gesellschaft, Werte und Normen sowie Stress, Hunger und Sorgen. Musik hat für jeden, für den der sie macht sowie für den der dazu tanzt eine befreiende Wirkung. Schon sehr früh wusste man: `Wer tanzt stirbt nicht!` Bei uns gehen Ausdruck und Verarbeitung Hand in Hand, so sind wir durch und durch eine Live-Band und können einfach nicht ohne Bühnen. Für uns sind Bühnen ein zweites Zuhause geworden. Wir leben für die Musik und am liebsten feiern wir mit unseren Fans zusammen wilde Feste bis in die späte Nacht hinein. Dabei wird dann musiziert bis die Hände bluten oder die Obrigkeit dem Treiben ein Ende setzt. Wir tragen alle mittelalterliche Gewänder, spielen mit einem großen Berg von Instrumenten und treiben alle Tontechniker zur Verzweiflung! Wir spielen selten die gleichen Programme und jeder Auftritt hat immer etwas Besonderes. Wir haben Spaß auf der Bühne und das springt über.“

Genau so soll es auch sein. Und über lückenhafte Zukunftspläne klagt hier keiner. „Für jeden von uns erfüllt sich jeden Tag aufs Neue ein Traum und der heißt Saltatio Mortis, da ist schon der Weg das Ziel!“

© Markus Eck, 08.10.2002

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