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Interview: SALTATIO MORTIS
Titel: Bodenständige Attitüde

Fragt man sie, wer seines Erachtens nach die größte und ihn am meisten begeisternde Persönlichkeit in 2011 war, antwortet diese voll und ganz im Leben stehende Person kurz und deutlich: „Die Helden von Fukushima.“

Und 2011 war für den beliebten Saltatio Mortis-Frontmann Alea laut eigenem Bekunden ein ereignisreiches und auch sehr turbulentes, aber glücklicherweise insgesamt recht gutes Jahr. Die bekannten Karlsruher Mittelalter Rocker konnten mit dem letzten Album „Sturm aufs Paradies“ eine weitere Stufe auf ihrer Karriereleiter souverän nehmen, was für die beständige Band wieder mal nicht wenig Trubel mit sich brachte. Daneben machte vor allem auch der umtriebige Frontmann und Sänger Alea massenmedial auf sich aufmerksam, er gestattete nämlich einem Fernsehteam das Filmen seiner mittelalterlich angelegten Hochzeit.

Er, der die Besuchermassen live stets gut im Griff hat, gerät rasch ins Schwärmen: „Meine Heirat, der Release von ,Sturm aufs Paradies‘, die großartige Tour dazu etc., ich durfte viel Schönes erleben. Meine größte schöne Überraschung war, dass die Hochzeit von mir und meiner Frau trotz aller möglichen Stolpersteine so glatt lief und natürlich dann auch noch der erfreuliche Platz Nummer drei in den MediaControl Charts mit unserem neuen Studioalbum.“

Letzteres, ein waschechtes Mittelalter Rock-Brett mit erstaunlich großem textlichem Tiefgang, zeigt die beständige Karlsruher Anspruchsgruppe von der bislang stimmigsten und schlüssigsten kreativen Seite überhaupt bislang in der insgesamt elfjährigen Laufbahn.

Als seine allergrößte persönliche Enttäuschung 2011 beschreibt der quirlige Sänger und leidenschaftliche Betreiber von asiatischer Kampfsportart eine verletzungsbedingte Sportpause.

„So blicke ich aktuell alles in allem in ein für mich großartiges Jahr mit einigen Wermutstropfen zurück.“

Auf sein persönlich besuchtes bestes Konzert 2011 angesprochen, antwortet der Publikumsmagnet wie aus der Pistole geschossen:

„Das war ganz klar Weto in Köln. Denn erstens war es wirklich gut und zweitens leider auch das einzige Konzert auf dem ich dieses Jahr überhaupt als Besucher zugegen war.“

Apropos, wie der Sportliche anschließend zu berichten weiß, war es auch 2011 für ihn immer wieder toll, mit Saltatio Mortis Konzerte zu spielen.

„Mit am besten empfand ich dabei das Sturm aufs Paradies-Konzert in Hamburg in der Grossen Freiheit 36. Aber auch der MPS-Auftritt in Hamburg im Öjendorfer Park war ein echtes Highlight für mich. Ach Blödsinn, es war überall schön“, feixt der Kerl ausgelassen.

Und was die von seiner Mittelalter Rock-Truppe bespielten Festivals 2011 anbelangt, so konnte Alea, wie er zu offenbaren weiß, sogar Idole aus seiner Jugend bestaunen.

„Das Wacken Open Air 2011 werde ich nie vergessen, ich hatte eine Menge Spaß an dem Tag. Endlich habe ich meine Jugendhelden von Suicidal Tendencies dort auf der Bühne erleben dürfen. Der dortige Tagesablauf hatte aber noch weitere Schmankerl für mich in Petto. Und mit unserem Konzert auf der hiesigen Partystage fand er einen glorreichen Abschluss.“

Die Progressive Metal-Band namens 3 mit ihrem Album „The Ghost You Gave Me“ ist für den - mit starken Entertainer-Qualitäten gesegneten - Spielmanns-Barden ganz eindeutig der vielversprechendste Newcomer 2011. Alea scheint die Sonne aus den Augen: „Ich habe mir diese Gruppe wirklich nur durch Zufall angehört und ich war davon rasch total begeistert. Die Scheibe hat tolle Melodien, klasse Vokalisierungen und weist insgesamt eine Hammer-Atmosphäre auf!“

In diesem Kontext sogleich auch noch zur für ihn belanglosesten musikalischen Newcomer-Erscheinung in 2011 befragt, zeigt Meister Alea erwartungsgemäß erneut respektable charakterliche Größe. „Ich finde, dass sehr viel dazugehört, um sich auf die Hinterbeine zu stellen und den Schritt zu wagen, für den so viele viel zu feige sind. Also möchte ich mir auch nicht herausnehmen, hier über irgend jemanden von oben herab zu richten.“ Ebenso vorbildlich wie selten zu vernehmen, dieses Statement.

Dennoch verrät der ebenso bewegungsfreudige wie bekanntlich sehr charismatische Stimmungsmacher:

„Der für mich wohl nervigste Song in 2011 überhaupt war ,Geronimo‘ von Aura Dione. Jedes Mal, wenn dieses so genannte `Lied` beispielsweise aus dem Radio quillt, frage ich mich noch immer, wie stumpf die Menschheit doch eigentlich mittlerweile geworden ist. Dagegen konnte ich mich für den spitzenmäßigen Track ,Satellite‘ von den Chicagoern Rise Against hochgradig begeistern: Druckvoll inszeniert, künstlerisch restlos auf den Punkt gebracht und clever mit einem effizienten Refrain bestückt, der mir einfach nicht mehr aus dem Ohr geht. Dieser Song gibt mir sehr viel Kraft, und das immer wieder aufs Neue.“

Gerne gewährt Alea den interessierten Lesern auch einen kleinen aber feinen Einblick in seine persönlichen Top Five-Alben 2011.

„Katzenjammer mit ,A Kiss Before You Go‘: Diese Band ist unglaublich. Ich hoffe, ich kann sie demnächst mal live erleben, ein wahrer Ohren- und Augenschmaus sind diese Damen. Megadeth mit ,Th1rt3en‘: Tolle Band! Ich verfolge Megadeth schon seit meiner Teenie-Zeit und ich habe immer wieder Spaß an Dave Mustaine und seinen Jungs. Rise Against mit ,Endgame‘: Anhören und niederknien! Superfette Produktion und packende Kompositionen, die einen so schnell nicht mehr loslassen wollen. Genau so muss es sein. Disturbed mit ,The Lost Children‘: Hey, es ist Disturbed und das in Reinform. Überraschungen brauche ich dabei ohnehin nicht. Ich will diese krasse Stimme hören und völlig zu den Riffs abrocken. Sucker Punch mit ,Soundtrack‘: Der unglaublich schöne Soundtrack zu dem wohl längsten Musikvideo mit Story, das es jemals gab. Ich finde, dass beispielsweise die ,Sweet Dreams‘-Version auf dieser CD die geilste ist, die es jemals gab.“

So lässt sich der sportlich sehr Aktive also noch immer die Zeit nicht nehmen, sich neben Saltatio Mortis auch mit vielerlei Musik etc. zu beschäftigen. Wir gehen gleich mal ein wenig tiefer dazu.

Alea, welches ist die schlechteste Platte in deiner Sammlung?

„Love/Hate: ,Let´s Rumble‘.“



Warum hast du dich dieser Platte noch nicht entledigt?

„Weil da ein einzelner Hammersong drauf ist: ,Spinning Wheel‘.“



Welches Albumcover findest du potthässlich?

„Oomph!: ,Glaube Liebe Tod‘.“


Welcher großen Platte der Musikgeschichte kannst du rein gar nichts abgewinnen?

„Allen Platten von Grateful Dead, denen konnte ich wirklich niemals irgend etwas abgewinnen.“


Welchen Song im Radio machst du sofort aus?

„Ganz klar: ,Let´s Go Geronimo‘, von Aura Dione.“



Welcher deiner eigenen Songs gefällt dir nicht mehr?

„Da gibt es ehrlich gesagt schon so einige. Aber die hatten zu ihrer Zeit ihre volle Berechtigung und ich bin froh, dass wir sie geschrieben haben. Mich haben sie damals berührt und jetzt berühren sie andere.“ 



Welche ist die mit Abstand schlechteste Platte, die du jemals gehört hast?

„Die letzte Langspiel-Veröffentlichung von Bon Jovi, ,The Circle‘. Das Album ist wahrscheinlich gar nicht mal so schlecht, aber ich weine immer noch den guten alten Zeiten der Band hinterher. Ich war eben mal ein echter Bon Jovi-Fan.“


Dann kommen schließlich auch noch von ihm angesehene Kinofilme 2011 im ergiebigen Interview-Dialog zur Sprache. Wir setzen uns hierfür mit Filmen auseinander, welche den enorm agilen Gesangsmann jeweilig am nachhaltigsten zum Nachdenken angeregt haben. Und Alea, der auch hierbei Tiefgründige, lässt die Leser dazu bereitwillig wissen:

„,Shaolin‘ mit Andy Lau und Jackie Chan war für mich total klasse. Endlich mal ein ernster Film über den Shaolin-Tempel und dessen Wirken. Ohne übermäßiges Herum-Gefliege, bis auf wenige Ausrutscher. Ohne übertriebene Slapstick-Einlagen. Schöne Story, tolle Kämpfe, sehr emotional. Einfach nur noch toll. ,Harry Potter und die Heiligtümer des Todes 2‘ hingegen konnte mich nicht gänzlich überzeugen. Der Film war ganz gut, allerdings nur bis kurz vor dem Ende: Also bitte, erst ist Harry tot, dann auf einmal doch nicht. Und als ob das noch nicht gereicht hätte, kommt dann darin auch noch die Familienglück-Platte zum Nachtisch. Danke, ich bin satt!“

Apropos, gibt es einen Künstler oder Filmemacher, den du nicht magst?

„Ja: M. Night Shyamalan! ,Sixth Sense‘ von ihm war einfach grossartig. Aber er hat leider ,Die Legende von Aang‘ total verschandelt.“



Um den aktuellen Dialog so richtig rund zu machen: Welche ist für dich die hässlichste Stadt, in der du jemals warst?

„Ich denke in jeder Stadt findet man schöne Ecken. Aber ich persönlich empfand Chemnitz als sehr trist. Meine Einschätzung kann aber auch an der miesen Unterkunft liegen, die wir damals dort hatten.“

© Markus Eck, 19.01.2012

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