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Interview: SALTATIO MORTIS
Titel: Authentische Spontaneität


Dass sie definitiv alles andere als brav angepasst und ständig für neue Verrücktheiten zu haben sind, ist die eine Seite der Spielmannsmünze von Saltatio Mortis. Dass die ebenso populären und erfolgreichen wie auch menschlich außergewöhnlich beliebten Karlsruher um Sänger Alea aber mit jeder Veröffentlichung auch immer besser und stilsicherer werden, spricht enorm für die Gruppe.

Die Echos auf ihr aktuelles Studioalbum „Das schwarze IXI“ und ihre jüngste Live-Veröffentlichung „Manufactum III - Live auf dem Mittelaltermarkt“ sind noch am Nachhallen, da kreuzen die Kerle auch schon wieder mit einer neuen DVD auf: „ Provocatio“.

Für letztere wurde ein spezielles Drei-Stunden-Konzert im Öjendorfer Volkspark aufgezeichnet, welches die ebenso fidelen wie gesellschaftskritischen Spielmannen auf dem Mittelalterlich Phantasie Spectaculum zu Hamburg aufführten.

Gisbert Hiller, guter Freund und Veranstalter, forderte dies in aller Entschlossenheit und Keckheit gar nur wenige Tage vor dem Auftrittsdatum von der Band ein.

Denn in der Vorwoche war „Das schwarze IXI“ veröffentlicht worden und direkt auf Platz eins der deutschen Media-Control-Charts gelandet.

Diesen Erfolg wollte Hiller mit der Gruppe und ihren Anhängern gebührend feiern.

„Natürlich sind wir überglücklich, dass wir mit unserem neuen Album so viel Glück hatten. Schade ist, dass wir noch keinerlei Zeit hatten um diesen Erfolg auch mal in allen Zügen zu feiern und zu genießen. Neben unseren beiden Videos zu den Songs ,Wachstum über alles‘ und ,Früher war alles besser‘, nahm die Produktion unserer ersten mittelalterlichen Live-DVD und Blu-ray unglaublich viel Kraft und Zeit in Anspruch“, weiß ein wie üblich enorm aufgeweckter Alea zu berichten.

Schlagzeuger Lasterbalk ergänzt seinen singenden Bandkollegen:

„Wir sind derzeit einfach überproduktiv und überkreativ. Während ich gerade dieses Interview erledige, komme ich gerade von einer spontanen Songwriting-Session mit unserem Perkussionisten Jean zurück. Ja, wir arbeiten bereits schon wieder an neuen Songs. Derzeit habe ich das Gefühl vor Kreativität geradezu überzulaufen. Aber, hey, warum auch nicht? Wir lieben was wir tun, also tun wir es“, platzt es lachend aus dem gewohnt gemütvollen Taktmann hervor.

Die DVD „Provocatio“, so Alea, ist der erste akustische Konzertmitschnitt mit bewegten Bildern von Saltatio Mortis.

„Sie wird sogar die erste mittelalterliche Musik Blu-ray der Welt sein. Und ich glaube, dass sie den ersten offiziellen Konzertmitschnitt dieser Art überhaupt darstellt, der weniger als drei Tage Planungszeit bis zur Durchführung hatte. Normalerweise werden solche Mammutprojekte mehrere Monate im Voraus geplant. Nur eben nicht bei uns.“

Lasterbalk bringt sich wieder nahtlos ein: „Naja, es ging eben alles Schlag auf Schlag. Tatsächlich wollten wir schon länger eine Konzert-DVD von unseren Akustikshows aufnehmen, aber irgendwie hat es nie gepasst. Immerhin ist so ein Projekt doch ganz schön aufwändig. Also hatten wir uns auf 2014 und ein ,Vielleicht‘ geeinigt. Dann schlug die ,IXI‘ auf Platz eins der Charts ein und unser Freund Gisbert Hiller vom MPS verkündete via Facebook, dass wir, dem Platz eins zu Ehren, auf seinem MPS in Hamburg einen spektakulären dreistündigen Auftritt spielen würden. Natürlich hat er, erstens, gar nicht damit gerechnet, dass wir darauf eingehen und er hat es, zweitens, auch nicht mit uns besprochen. Na, und dann haben wir eben ja gesagt und es ihm in gleicher Münze zurückgezahlt. Ohne ihm das zu sagen, haben wir dann nämlich unsererseits verkündet, dass wir die Herausforderung annehmen und den Marathon-Gig spielen werden! Und nachdem uns dann klar wurde, was wir da gerade angezettelt haben, haben wir beschlossen noch einen draufzusetzen und eben daraus eine DVD zu machen. So kann es gehen“, legt der Schlagwerker mit einem herzlich-verschmitzten Lachen dar.

„Wir sind einfach wahnsinnig genug dazu“, posaunt Alea impulsiv heraus, „Lasterbalk weiß dazu aber mehr zu berichten. Er wusste sogar schon einen Tag vorher als ich, dass wir eine DVD aufnehmen werden.“

Somit: „Am Samstag Nacht sollte mitgeschnitten werden. Am Dienstag haben wir beschlossen diesen Gig zu spielen und am Mittwoch haben wir gesagt, ,mal schauen ob wir das mitschneiden können‘. Wie es der Zufall wollte, hatten wir Glück und an diesem Wochenende waren noch Kamerateams, Tontechniker und das Material dazu frei. Somit haben wir Mittwochnacht das Team am Start gehabt und am Donnerstag früh entschieden, das dann auch zu machen. Letztlich steht und fällt so ein kurzfristiges Projekt mit der Erfahrung der beteiligten Menschen. Ohne die langjährige Erfahrung vor, auf und hinter der Bühne ist so etwas schlicht nicht machbar. Für alle Beteiligten war das ein Blindflug, aber genau das macht jetzt in Nachhinein auch den Charme dieser DVD aus. Es ist eben echt, spontan und authentisch. Da ist nix tot-optimiert und schon gar nichts geprobt. Es ist wie es ist, das war das Motto und eben auch das Geheimnis dabei.“

Saltatio Mortis - die vielleicht auch auf der Bühne spontanste Band der Szene? Alea trumpft auf: „Nicht nur auf der Bühne! Wie die Entstehungsgeschichte der ,Provocatio‘ zeigt, sind wir auch neben dem Bühnenleben sehr spontan. Aber ich muss den Kameraleuten an dieser Stelle wirklich meinen Respekt und mein Mitleid aussprechen. Nach drei Stunden ohne Regieanweisung, Überraschungsgästen zuhauf und ständigen Überfällen von Gisbert und unserem Schankwirt Tom, muss man seinen Job schon ganz schön lieben um nicht mit einem lauten Kraftausdruck zu kündigen. Die Jungs haben aber so herzlich mit uns gearbeitet und auf die verrücktesten Ideen reagiert, dass wir mit unserem Mitschnitt jeden auch noch so peinlichen Zwischenfall für die Ewigkeit festhalten konnten.“

Alles begann auch noch am frühen Morgen, so der enorm agile Frontmann weiter:

„Ich selbst war gegen neun Uhr das erste Mal an der Bühne und ich war einer der letzten. Viele, beispielsweise unsere wahnsinnige Live-Crew, waren schon seit sechs Uhr in der Früh am Arbeiten. Der Morgen verlief angespannt aber doch ziemlich routiniert. Wirklich schlimm wurde die Aufregung, als es gegen Mittag anfing wie aus Eimern zu regnen. In diesem Moment sank die Laune unter die Grasnarbe. Circa eine Stunde machte uns das Wetter das Leben schwer, dann kam die Sonne wieder raus und alle fassten neuen Mut. Dann wurde alles besser und die Stimmung ausgelassener. Bei einem unserer drei Tageskonzerte erstürmten plötzlich Gisbert Hiller und seine Mitverschwörer die Bühne und ließen uns für den Platz eins in den Charts hochleben. Hernach bekamen wir die erste Champangnerdusche unseres Bandbestehens. Ich bin immer noch nicht sicher, ob ich das nochmals erleben muss. Das Zeug brennt tierisch in den Augen. Memo an mich: Das nächste mal Mund auf und Augen zu! [feixend] Anschließend mussten wir reinlichen Spielleute das erste Mal in geschlossener Gruppe ins Badehaus. Nach der Reinigung war kaum noch Zeit, der Aufregung freien Lauf zu lassen, da es schon bald mit dem Line-Check und der Aufzeichnung los gehen sollte.“

Der Titel „Provocatio“, im Sinne von „Herausforderung“ oder auch „Berufung“, darf dann auch auf dieser DVD sozusagen auch vollauf als Programm verstanden werden, Alea?

„Aber sicher. Die Herausforderung unseres Herrn Hiller haben wir gemeinsam mit den Fans vor der Bühne mit einem lauten und kräftigen: ,Challenge accepted!‘ angenommen. Nach drei Stunden und zehn Minuten beendeten wir das Konzert mit einem gemeinsamen ,Challenge Fulfilled!‘. Insgesamt hat sich das Aufbereiten des Mitgeschnittenen aber schon anstrengend und sehr zeitaufreibend entwickelt. Ich kann gar nicht mehr sagen, bei welcher Schnittversion wir mittlerweile angelangt sind. Ich weiß nur, es werden noch einige folgen. Jedoch sind die Bilder und der Sound schon jetzt sehr mächtig.“

Gleich drei Veröffentlichungen innerhalb eines Jahres, das nennt der Autor sportlich!

Männer, ist das denn letztlich überhaupt ohne mehr oder weniger extremen Stress zu bewältigen? Alea stöhnt auf: „Nein ist es nicht. Es ist unglaublich viel Stress. Aber er hat sich gelohnt.“ Lasterbalk steht zur Seite: „Ich habe bereits nach der ,Manufactum III‘ gesagt, dass ich nie wieder eine derartige CD machen werde. Man kann sich ja nicht vorstellen, wie stressig das immer im Hintergrund so ist. Eine CD oder DVD besteht ja nicht nur aus der Musik. Da gilt es ja immer auch noch, Artwork, Presse, Vertrieb, Logistik, Finanzierung etc. zu klären. Das ist eine ganze Menge. Und wie gesagt, nach der ,Manufactum III‘ hatte ich die Schnauze voll und hab‘ verkündet: ,Nie wieder!‘ Auf der anderen Seite habe ich auch schon oft versprochen, nie wieder einen Tropfen Alkohol zu trinken. [lacht] Man kann eben nicht aus seiner Haut.“

Dann gezielt dazu befragt, was genau die geneigten Seher und Hörer seiner eigenen Einschätzung nach auf visueller und musikalischer Ebene auf „Provocatio“ erwartet, entgegnet Alea listig:

„Jeder Fan unserer Band weiß, dass wir immer für eine Überraschung gut sind und bei allen Neuheiten immer darauf bedacht sind, uns selbst zu übertreffen. Ich werde also nichts verraten, was die Überraschung schmälern könnte. Wir haben jedenfalls auch erstmals unsere wohlbekannten Tavernenlieder, welche sonst nur an der Drachenschenke, in metschwerer Stunde zum Besten gegeben wurden, auf die Bühne gebracht. Gefolgt von einer kleinen Reise durch die Jahre unseres Bandbestehens. Lasst Euch doch einfach überraschen. Nicht alle da draußen haben in ihrer Kindheit schon Wochen vor der Bescherung nach den Geschenken gesucht. Geduld ist eine Tugend.“

Und warum wurden diese Stücke vorher noch niemals gespielt, Alea? „Weil alle großartigen Dinge einen großartigen Moment benötigen. Dieser war in Hamburg gegeben. Bei einem Konzert von drei Stunden hatten wir erstmals die Möglichkeit, diese Lieder angemessen zu zelebrieren. Wir haben sie ja nicht einfach nur gespielt, sondern wir haben jedes einzelne komplett dramaturgisch Inszeniert.“

Ganze drei Stunden Akustikkonzert am Stück auf der Bühne ist ein Brocken. Das muss zum Ende des Auftritts hin doch ziemlich anstrengend gewesen sein, selbst für Saltatio Mortis als Routiniers. Alea relativiert in absoluter Gelassenheit: „Es gibt keine Erschöpfung, die durch einen heißen Met nicht kuriert werden kann.“

Lasterbalk hingegen war ziemlich erstaunt darüber, wie er preisgibt, wie schnell das Ganze dann doch wieder vorbei war. „Ich hatte im Vorfeld schon ein bisschen Sorgen, weil wir ja an dem Tag schon drei Shows gespielt hatten! Aber die Sorgen waren unbegründet, es lief.“

Abschließend proklamiert Alea: „Wir sind Spielleute, immer gewesen und werden es immer sein. Wir scheuen uns auch nach so vielen Jahren und den Erfolgen unseres Rockprogrammes nicht, auf den Straßen und Märkten zu spielen. Man trifft uns immer noch bei einem Met an der Drachenschenke oder an den Biertavernen. Unsere Stärken sind, meiner Meinung, nicht die stilistische Mixtur, sondern unsere Treue zu unseren Wurzeln und zu uns selbst.“

© Markus Eck, 04.11.2013

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