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Interview: SATURNUS
Titel: Faszination Traurigkeit

Eine hochgradig faszinierende Schwermuts-Veröffentlichung von der zutiefst berührenden Sorte haben diese dänischen Depressionsbezwinger fertig gestellt.

„Veronika Decides To Die“ lautet der bedrückende Titel des brandneuen Düsterwerkes und devote Anhänger von betont emotionalen Doom Metal-Untergangssounds haben derzeit allen Grund, sich auf etwas Unvergleichliches freuen zu können. Der letzte Studiolangspieler „Martyre“ erschien zur Jahrtausendwende. Die nicht nur stilistisch außergewöhnliche Leidensgruppe um Gruftkellersänger Thomas A.G. Jensen hat sich also verdammt viel Zeit für ihr drittes Album gelassen.

Doch das scheint beim andächtigen Lauschen der schaurig schönen Leidenslieder des Sextetts völlig egal. Denn die vollkommen entrückt anmutenden Songs, die fröhliche und unbeschwerte Seelen so leicht verschlingen wie der ausgehungerte Vogel den jungen Wurm, sind trotz der schleppenden Tempi und zahlreich integrierten besinnlichen Momente allesamt von hochintensiver Klangnatur.

„Viele Menschen verwundert es immer wieder sehr, was für lustige Typen wir doch eigentlich sind. Sie können es einfach nicht glauben, bei der ultratraurigen Art von Musik, die wir spielen“, erzählt mir Vokalist Thomas mit beschwingter Stimme frohgemut, und fährt zu diesem Thema fort:

„Bei uns ist es eben so, dass wir uns unseren sämtlichen inneren Schmerz durch unsere Musik von der Seele spielen. Rein von daher sind wir dermaßen fröhliche und ständig zu Späßen aufgelegte Gesellen.“

Solchermaßen ehrliche und unverblümte Worte hört man von einer Doom Metal-Band dieses oberschwer klingenden Kalibers relativ selten, zumal von einer, die stolz in einer Reihe mit weltflüchtigen Suizidalschergen wie beispielsweise Morgion und Mourning Beloveth stehen darf.

Umso willkommener ist die Botschaft von Saturnus, die sich die letzten Jahre trotz massiver Line-Up-Probleme nicht unterkriegen ließen, was die neue Veröffentlichung im Gegensatz zur langen Pause eindrucksvoll verdeutlicht.

„Veronika Decides To Die“: Ein Titel, der schlagartig massives Interesse für den Entstehungshintergrund als auch für den lyrischen Inhalt nach sich zieht. Thomas erläutert beides gerne:

„Auf die Idee dazu kamen wir beziehungsweise unser zweiter Gitarrist Peter Erecius Poulsen durch ein spezielles Buch, welches exakt den selben Titel trägt. Autor ist Paulo Coelho. Das Buch dreht sich um die sehr traurige Story von unglücklicher Liebe, welche eine fatal falsche Entscheidung mit sich bringt. Dieses Buch ist so dermaßen traurig, dass ich mich seiner Faszination nicht entziehen konnte. Und die Erzählung passt perfekt zu unserer Musik, daher entschied ich mich dazu, das Ganze für unsere Songtexte aufzugreifen.“

Mehr möchte er darüber aber nicht ausplaudern, denn die Käufer der CD sollen sich ihre eigenen Gedanken dazu machen, so der Vokalist. „Ich finde, dadurch erhält man als Hörer immer wieder andere, differierende Eindrücke, während man unsere Musik hört – so bleiben die Lieder dauerhaft interessant. Meine größte Befriedigung ist es jedenfalls, wenn die Hörer durch unsere Songs unvergessliche und mental prägende Gedankengänge beziehungsweise Eindrücke in sich verspüren. Genau darum geht es mir als Künstler, darum mache ich diese Art von Musik so furchtbar gerne und werde sie auch weiterhin machen. Die anderen in der Band denken ebenfalls so. Wir wollen die Leute berühren. Sehr tief berühren sogar.“

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass der 1947 geborene brasilianische Schriftsteller und Bestsellerautor Coelho seine erzkonservativen Eltern in jüngeren Jahren durch gesellschaftlich „unakzeptables“ Verhalten zu der Annahme verleitete, bei ihrem Sohn sei eine Schraube locker. Coelho wurde daher gleich mehrere Male – also 1966, ´67 und ´68 – in psychiatrische Anstalten verfrachtet, wo er mit Elektroschocks be- beziehungsweise misshandelt wurde. Seine bitteren Erfahrungen daraus verarbeitete der Mann später in dem Roman „Veronika beschließt zu sterben“.

„Peter hat aber nicht nur das Buch für uns entdeckt, sondern auch gleich sämtliche neuen Songtexte verfasst, während und nachdem er das Werk gelesen hatte. Den Bezug zum Buch kann man als Konsument unserer neuen Veröffentlichung aber erst konkret herstellen, nachdem man alle aktuellen Songs von uns gehört hat. Das finden wir äußerst reizvoll“, expliziert der Vokalist nachträglich den Sachverhalt. „Es war aber nicht unsere kreative Absicht, diverse Passagen aus dem Roman einfach zu übernehmen – nein, im Gegenteil, wir legen Wert darauf zu sagen, dass uns das Buch eben lediglich nur inspiriert hat.“

Produziert wurde der neue Output der Dänen von Altmeister Flemming Rasmussen in dessen Sweet Silence-Studios, welcher privat laut Aussage von Thomas nur einige Häuserblocks weiter weg wohnt als dort, wo der Sänger selbst lebt:

„Flemming ist ein sehr feiner Kerl, nicht nur ein Klasse-Produzent, wir mögen ihn alle sehr gerne. Wir haben bislang alle unsere Veröffentlichungen mit ihm zusammen gemacht, der Kerl ist ein richtiger Vollblut-Reglerdreher. Seine perfekten Arbeiten für berühmte Bands wie beispielsweise Metallica und Morbid Angel sind zeitlos hörbar. Doch sein Herz schlägt auch für den Underground, er produzierte daher auch schon Gruppen wie zum Beispiel die dänischen Thrash Metal-Bolzen Artillery.“

© Markus Eck, 02.05.2006

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