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Interview: SERENITY
Titel: Reise in die Vergangenheit

Ausgerechnet mit dem bekanntlich stets so wichtigsten dritten Album lassen diese immens talentierten Österreicher jetzt ein bombastisches Liederfeuerwerk am Firmament des Symphonic Metal explodieren, dessen leuchtend kreative Pracht erhellender nicht sein könnte.

Bewegten sich die Epiker Serenity bereits mit ihrem letzten Werk, der packenden 2008er Veröffentlichung „Fallen Sanctuary“ in obersten Regionen ihres Metiers, hat sich vierköpfige Ausnahmeband mit ihrem berauschend theatralischen und zugleich erhebend ästhetischen Stil auf dem neuen Werk „Death & Legacy“ wahrlich eine ganz eigene Marke erschaffen. Thematisch wandert das Top-Quartett um Sänger Georg Neuhauser hier durch vergangene Jahrhunderte und widmet sich dabei der bewegten Vita historischer weltbekannter Persönlichkeiten wie beispielsweise Giacomo Casanova, Queen Elizabeth I oder auch Sir Francis Drake.

Auf musikalisch ebenso einfühlsame und hingebungsvolle wie meisterliche Weise spiegelt „Death & Legacy“ somit den gigantischen Prunk, die große Glorie und den faszinierenden geschichtlichen Zauber von ganzen Epochen funkelnd wider. Wobei ihnen vorzügliche Orchestrierungen als probate Rahmung dienen. Und die mächtige klangliche Kraft, die daraus entsteht, ist von dauerhaft mitreißender Natur. Inmitten beeindruckend souverän instrumentierter Liedpretiosen voller spielerischem Feuer, melodischer Leidenschaft und rhythmischer Inbrunst thront ganz hoch oben die variable Niveaustimme von Instinkt- und Spitzenkönner Neuhauser.

„Mir geht es derzeit wirklich bestens, es könnte sogar nicht besser sein. Nach den Songs haben wir auch das neue Video ‚The Chevalier’ fertig im Kasten und wir sind richtig glücklich“, legt der Mann gleich impulsiv los.

Bei soviel offenbartem Temperament war es interessant zu wissen, was seine Bandkollegen ihm so alles nachsagen. Georg vertieft sich rasch:

„Oje, da gibt es so Einiges! Na ja, es ist nicht zu verleugnen, dass ich einen sehr großen Ehrgeiz habe, ein großes Selbstbewusstsein, was leider auch manchmal mit Arroganz gleichgesetzt wird und dass diese Eigenschaften für eine Band sowohl sehr positive als auch negative Auswirkungen haben kann. Meine Jungs kennen mich doch sehr gut und wissen deshalb auch, dass ich weit weg von ‚arrogant’ bin. Aber sie sagen mir schon nach, dass ich sehr lästig sein kann, wenn ich mir für die Band etwas Bestimmtes einbilde und sie sehen nicht so viel Sinn dahinter. Gott sei Dank ist Tom, unser Hauptsongwriter und Gitarrist, fast immer derselben Meinung wie ich. Somit kommt es eher selten zu Diskussionen.“

Ein idealer Tag, so der hoch ambitionierte und kreativ so viel beschäftigte Sänger, wäre für ihn persönlich ein Tag an einem ruhigen und stillen See in Schweden. „Nichts als Natur! Da brauche ich ehrlich gesagt gar keine Musik. Das klingt jetzt sehr spirituell, was ich eigentlich gar nicht bin, aber neben dem Alltagsstress wäre genau die Stille und Ruhe an einem See mein idealer Tag. Privat höre ich sehr gerne Queen, Fair Warning, alte Europe aber auch Klassik und Filmmusik. Aktuelle Sachen höre ich eigentlich immer weniger, weil in der letzten Zeit nicht mehr wirklich ein Muss für mich auf den Markt gekommen ist.“

Als Kind wollte Georg sein wie der schwarze Ritter, bekennt er in aller sympathischen Herzlichkeit. „Ich habe alles verschlungen was irgendwie mit Burgen, Mittelalter und Rittern zu tun hatte. Bei Lego gab es für mich immer nur Ritter, im Fasching in der Schule war ich natürlich ein Ritter und das hat sich ja bis heute heraufgezogen, sonst hätte ich wahrscheinlich nicht Geschichte und Archäologie studiert. Und auf einem Schlachtross die Jungfrau aus den Fängen des Drachen zu retten … da gibt es doch wohl nichts Schöneres, oder?“, verlässt es ein wenig scherzhaft den Mund des Vokalisten.

Im Weiteren befasste sich der Dialog damit, ob und wie sehr Serenity eigentlich bislang außerhalb von Deutschland erfolgreich sind. Der fähige Kehlenkünstler erörtert: „Das ist ehrlich gesagt schwer abzuschätzen. In den Benelux-Staaten läuft es eigentlich sehr gut für uns und auch in England und in Japan scheint doch eine solide Fanbasis vorhanden zu sein. Mit ‚Death & Legacy’ wird sich sicher einiges ändern, denn die Reaktionen bisher sind vor allem diesmal auch aus den USA sehr positiv.“

Und Letzteres hat auch seinen ganz speziellen Grund, wie der weitere Verlauf des Gespräches hervorbrachte: „Auf Grund unseres Konzeptes mit historischen Persönlichkeiten hatten wir natürlich schon im Vorhinein eine genaue Vorstellung von unserer musikalischen Grundausrichtung. Wenn man Songs über Entdecker wie Marco Polo, Dias oder Columbus schreibt, dann hat man bestimmte Bilder im Kopf, die man mit der entsprechenden Filmmusik untermalen will. Somit ist eigentlich Filmmusik einer der größten Einflüsse beim Songwriting zum aktuellen Werk gewesen. Man nehme beispielsweise den Song ‚State Of Siege’ auf der Scheibe: Allein an Hand des Intros wird bereits die Erwartungshaltung und die Spannung der Soldaten und Seefahrer vermittelt, die kurz vor ihrer Ankunft auf dem neuen Kontinent unter dem Kommando von Cortez geherrscht haben muss. Auch die Zerrissenheit von Albrecht Dürer, im Song ‚When Canvas Starts To Burn’, wird allein durch die Härte des Songs wiedergegeben. Und diese Liste könnte man jetzt noch für jeden einzelnen Song weiterführen.“

Geschrieben wurden die neuen Kompositionen laut nachfolgend ergänzender Aussage von Georg zum Großteil von Gitarrist Tom:

„Er ist ohnehin unser Hauptsongwriter. Üblicherweise läuft das Songwriting so ab, dass er eine Grundidee mit Riffs und Songablauf in seinem Studio zusammenbastelt. Ganz grob baut er da auch bereits Orchestrierungen ein und schickt mir dann diese Idee. Ich versuche dann griffige Gesangslinien einzubauen, manche Abläufe schlüssiger zu ändern und dann bauen wir zusammen im Studio den Song so um, dass wir beide damit zufrieden sind. Pro Album steuere ich meistens auch ein bis zwei komplette Lieder bei, bei denen dann Tom den Umbau vornimmt und die Strukturen verbessert. Und in der dritten Instanz schicken wir die Songs zu unserem Produzenten Oliver Philipps, der dann auch nochmals die Songs überarbeitet und die finalen Orchestrierungen hinzufügt. Somit gehen die Kompositionen durch sechs Ohren bevor wir dann mit den finalen Aufnahmen beginnen. Da wir 2009 doch sehr viel auf Tour waren, konnten wir eigentlich aber erst Ende 2009 so richtig anfangen neue Songs zu schreiben.“

Seine künstlerischen Ziele, so der Frontmann im Anschluss, lagen vor allem in der Verbesserung seiner Gesangslinien und der Art und Weise, wie er die Geschichte der verschiedenen Persönlichkeiten gesanglich erzählen und interpretieren kann. Er konkretisiert: „Während der Gesangsaufnahmen habe ich immer wieder versucht mir vor Augen zu führen, welche Person ich eigentlich gerade bin. Klingt jetzt sehr komisch, aber ein Inquisitor, der gerade seinem ‚Opfer’ klarmacht, dass er sie auf den Scheiterhaufen bringen wird, wie im Song ‚Serenade Of Flames’, klingt doch sicher etwas anders, als ein Giacomo Casanova im Track ‚The Chevalier’, der sich gerade unsterblich verliebt hat.“

In der Tat. Auf eine gewisse Weise hört sich „Death & Legacy“ stilistisch einzigartig und auch unvergleichlich an. Der Bandleader bestätigt die Einschätzung des Autors nur zu gerne: „Das war natürlich auch ganz genau unser Ziel! [lächelt] Wir erfinden das Rad zwar nicht neu - aber es ist jetzt unser drittes Album und wir haben schön langsam unseren eigenen Sound gefunden. Es gibt glaube ich nur sehr wenige Bands, die einen derartigen Fokus auf Bombast und epische Elemente legen wie wir und das ist doch schon ein gewisses Markenzeichen von uns.“ Eine musikalische Versuchung wäre es für Georg daher, nach einem Angebot der Rockgiganten Queen bei ihnen als Sänger einzusteigen, wie er lachend zugibt.

Die Grundidee zu „Death & Legacy“ als Konzeptalbum war wie erwähnt, einen Soundtrack zu historischen Ereignissen in Verbindung mit den dafür verantwortlichen Persönlichkeiten zu erschaffen. „All diese Personen wurden von uns ausgewählt, weil ihr „Vermächtnis“ (Legacy) bis heute greifbar ist. Hätte ein Sir Francis Drake nicht die spanische Invasion Englands abgewehrt oder ein Columbus nicht Amerika entdeckt, dann würde die Welt heute vielleicht etwas anders aussehen. Hätte Heinrich Kramer nicht den Hexenhammer verfasst, das Grundlagenwerk sämtlicher Hexenprozesse in Deutschland und Österreich, dann wäre uns vielleicht ein grausames Kapitel der europäischen Geschichte erspart geblieben. Natürlich weiß man nie, wie sich die Dinge wirklich entwickelten hätten, aber allein das Gedankenspiel ‚was wäre wenn’ ist schon sehr interessant.“

Seine drei Lieblingsbücher gibt der Sänger als „Das Lächeln der Fortuna“ von Rebeca Gable, Tolkien’s „Der Herr der Ringe“ mitsamt der Biographie von Giacomo Casanova an. Doch die Texte auf „Death & Legacy“ stammen überraschender Weise ausschließlich aus der Feder von Keyboarder Mario, so Georg.

„Er hat ein riesiges lyrisches Talent und somit haben wir ihm eigentlich nur die Themen beziehungsweise die Personen vorgegeben, um die es in den Lyriken gehen soll und er hat sich dann deren Lebensläufe sehr genau angesehen. Ich habe ihm Biographien beispielsweise von Albrecht Dürer gegeben und er hat dann mit dem Hintergrundwissen aus den Büchern fiktive Geschichten erfunden, die zwar mit den Lebensdaten und Lebensumständen der Männer und Frauen zusammenpassen, aber nicht unbedingt so passiert sein müssen. Das war die künstlerische Freiheit, die er sich genommen hat. Und in meinen Augen sind die Texte wirklich ein Meisterwerk geworden. Das Interesse für Geschichte war vor allem bei mir schon immer gegeben, und auch die anderen Jungs in der Band zeigten sich doch sehr interessiert und vor allem Mario, der in seiner Freizeit viel liest, hat ein großes Allgemeinwissen in natur- und geisteswissenschaftlicher Hinsicht.“

Das die Stücke mitsamt dem gigantisch umgesetzten Klangbombast nicht selten großes Filmsoundtrack-Flair innehaben, ist wie schon erwähnt kein Zufall. „Wie schon gesagt sind vor allem Tom und ich große Soundtrack Fans. Somit war einfach klar in welche Richtung es musikalisch gehen sollte. Privat höre ich immer wieder gerne Klassik, aber auch ältere Sachen wie Palestrina. Was ich nicht so mag ist zeitgenössische Musik – also atonale Sachen, die wirklich so gar nicht ins Ohr gehen wollen.“

Im März 2011 werden Serenity eine kleine Headliner-Tour durch Österreich machen, um „Death & Legacy“ zu promoten, wie der Sänger anfügt. „Dann sind wir von Ende April bis Ende Mai 2011 mit Delain auf Europatour, worauf wir uns schon sehr freuen! Im Sommer kommen ein paar Festivals wie das Metal Camp in Slowenien und das Metalfest Ungarn. Einige weitere Festivals werden noch folgen und wir hoffen dann im Herbst nochmals eine Headliner-Tour auch durch Deutschland fahren zu können. Mal schauen, was sich so ergibt! Ich erhoffe mir, dass wir mit dem neuen Album den nächsten Schritt auf der Karriereleiter machen werden. Das Album ist wirklich unser persönliches Meisterwerk geworden und wir hoffen natürlich, dass die Fans das ähnlich sehen! Und wir wollen natürlich so viel als möglich live spielen und unser Album promoten!“

Tauschen würde Georg sein Leben eigentlich mit keinem, wie wir abschließend feststellten: „Denn da weiß man ja nie genau, auf was man sich da so alles einlassen würde. [lacht] Am ehesten aber noch mit Erzherzog Sigismund von Tirol, denn der hatte immerhin über 50 uneheliche Kinder … und konnte sich das auch noch leisten!“

© Markus Eck, 25.01.2011

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