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Interview: SHADOWCAST
Titel: Konzeptionelle Realitätskritik

Clemens Mayr ist ein österreichischer Musiker und Visionär, der neben seinem Wirken bei den Symphonic Black Metal-Bösewichten Amortis auch seit längerem sein eigenes Bandprojekt Shadowcast am Leben erhält. Zu Beginn war Shadowcast lediglich als Ideenplattform für unverarbeitetes Songmaterial gedacht.

Doch schon nach relativ kurzer Zeitspanne kristallisierte sich heraus, daß hierbei deutlich mehr drin war als anfangs noch geplant. So wurde nachfolgend mit einer breiten Vielfalt an Impressionen aus fast allen musikalischen Bereichen experimentiert und damit die Ausformung einer völlig neuen Stilistik erreicht.

Ergiebiges Resultat solcherlei Bemühens ist der nun auf dem Debütalbum „Desperate Accuse Dimensions“ zu hörende „Cyber Classic Space Metal“, wie Mayr selbst das Ganze nennt: Eine sowohl hör- als auch tanzbare Mischung aus Pop-, Elektro-, Industrial- und Metal-Bestandteilen. Die enthaltenen Songs muten avantgardistisch an und decken ein breites und betont experimentelles, jedoch sehr eigenständiges Spektrum an den differierendsten Einflüssen ab.

Shadowcast wurde 1999 von Clemens gegründet, um Ideen zu verarbeiten, welche nicht bei Amortis zu verwenden waren. Er erinnert sich:

„Es handelte sich hauptsächlich um Melodien und Songstrukturen, die für die musikalische Ausrichtung von Amortis nicht geeignet waren und daher verworfen wurden. Größtenteils waren die Riffs auch ein wenig zu ruhig, um in den Sound zu passen. Da sie meiner Meinung nach aber trotzdem ganz gut waren, begann ich damit zu experimentieren und eigene Songs zu schreiben.“

Der neue Albumtitel ist stellvertretend für die kritischen Ansichten des Urhebers. Clemens erläutert:

„Nachdem ich die meisten Texte fürs Album geschrieben hatte, stellte ich fest, dass sie allesamt sehr kritisch ausgefallen waren. Irgendwann verband ich dann diese `Anklage` mit der Atmosphäre der Musik, woraus der Titel `Desperate Accuse Dimension` resultierte, der die CD nun treffend beschreibt. Mir gefällt zwar eigentlich der Begriff `Dimension` nicht so gut, doch ergab sich in Kombination mit den anderen Wörtern eine prägnante Phrase, die darüber hinaus sehr gut mit dem Artwork harmoniert.“

Kritikfähigkeit scheint bei Clemens überhaupt besonders ausgeprägt zu sein, wie er zu den Texten Stellung bezieht:

„In diesen ist zweifelsohne ein roter Faden vorhanden. Obwohl ein Konzept ursprünglich nicht im Vordergrund stand, da die Lyrics über einen längeren Zeitraum entstanden. Grundsätzlich beschäftige ich mich mit Themen wie Religion, Krieg, Drogen oder auch einfach Werbung und wie sie uns negativ beeinflussen können. Es geht darum, Dinge kritisch zu betrachten und die Realität nicht einfach so hinzunehmen, wie sie uns beispielsweise im Fernsehen präsentiert wird. Eine Ausnahme stellt der Text zu `Project Judgement` dar, welcher das Schicksal der Toten in der griechischen Mythologie darstellt. Obwohl er eigentlich gänzlich aus dem Rahmen fällt, wollte ich ihn allein wegen der Textzeile `Enter a new dimension of fear` so bestehen lassen.“

Impressionen und Einflüsse für das Songwriting bei Shadowcast fließen oft ganz verschiedenartig ein. „Das lässt sich eigentlich nur schwer beantworten. Wenn ich mich in der richtigen Stimmung befinde, beginne ich am Keyboard zu experimentieren und brauchbare Ideen aufzunehmen, die ich dann weiterverarbeite oder ausarbeite. Solche Situationen ergeben sich verschiedenartig. Einerseits nutze ich freie Minuten an arbeitsreichen Tagen, um damit Stress abzubauen und ein wenig abzuschalten. Andererseits können mich Szenen aus dem Fernsehen oder prägnante Riffs eines Songs, den ich gerade höre, dazu verleiten, spontan eine Idee zu entwickeln, die ich dann umzusetzen versuche. Es bedarf jedoch keiner speziellen Gemütslage, um Songs zu schreiben.“

Das garantiert Abwechslung. Die musikalischen Einflüsse bei Shadowcast stammen deutlich hörbar aus den Bereichen Pop, Elektro, Industrial und Metal. Trotzdem geschieht dies eher unbewußt, wie wir von Clemens erfahren:

„Da ich Namedropping nicht wirklich mag, werde ich das eher allgemein formulieren: Ich habe bislang nicht versucht, meine musikalischen Einflüsse `aktiv` ins Songwriting einzubinden. Mit Sicherheit wird man so manche Parallelen zu anderen Bands aus meinen Liedern heraushören. Das passiert eben, manches unbewusst – anderes zufällig oder bewusster. Das soll jetzt aber auf keinen Fall arrogant wirken, aber selbst nimmt man die Stücke immer anders wahr und glaubt, dass sie sehr eigenständig sind. Selbst wenn das nicht der Fall ist. Es gibt zahlreiche Acts, die mich faszinieren, jedoch muss das nicht immer auch bedeuten, dass sie sich im Stil von Shadowcast niederschlagen. Auf der einen Seite kann es sein, dass mir die jeweilige Musik gefällt, ich sie selbst aber nicht machen möchte. Auf der anderen Seite liegt es oft auch an mangelnden musikalischen Fähigkeiten, solches Material überhaupt selbst zu machen. Um jedoch ein Beispiel für Menschen/Bands zu nennen, die mich tief beeindrucken, so kann ich Devin Townsend, Ulver, Hypocrisy und Pink Floyd nennen. Welche sich aber im Sound von Shadowcast wenig widerspiegeln. Als ich zum ersten mal Devin Townsend's `Terria` hörte, war ich schier weggeblasen von der unglaublichen Bandbreite an Stilen, Emotionen und der darauf enthaltenen Atmosphäre!“

Der Bandboß tituliert seine kreativen Ergüsse als „Cyber Classic Space Metal“, was sich seiner Aussage nach bereits alsbald nach ersten musikalischen Gehversuchen ergeben hatte.

„Den Begriff `CyberClassic` habe ich kreiert, nachdem ich einen der ersten Shadowcast Songs überhaupt geschrieben hatte. Meiner Meinung nach reflektiert dieser Begriff eine Symbiose aus klassischen Elementen, was sowohl Melodien und Instrumentierung betrifft, als auch modernen Anteilen, die in variablem Gesang und Effekten zu suchen sind. Mit `Space Metal` beziehe ich mich nicht auf den lyrischen Inhalt, sondern eher auf die schrägen, spacigen Parts in den Songs und die Atmosphäre welche die Lieder verbreiten. Sowie auf die eigentliche Grundidee von Shadowcast, mich musikalisch nicht zu limitieren und neue kreative Horizonte zu beschreiten.“

Daher stellt Shadowcast für Clemens mit Sicherheit ein Transportmittel für Emotionen eher düsterer Natur dar. „Das hat aber weniger damit zu tun, dass ich ein negativ eingestellter Mensch bin, sondern vielmehr damit, dass ich keine Partysongs schreiben kann und will. In meinen Augen drückt melancholische Musik viel mehr Gefühle aus als dies ein froher Song jemals tun könnte. Es wäre jedoch unangebracht, daraus Rückschlüsse auf meine Person zu ziehen, da mich Shadowcast nur stark begrenzt widerspiegelt.“

Seine Lieder auf „Desperate Accuse Dimensions“ sind für Clemens allesamt von großer Bedeutung. „Wichtig sind mir die Songs natürlich alle. Ich habe keine wirklichen Favoriten, was natürlich auch der Sinn eines Albums sein sollte. Besonders stolz bin ich jedoch auf `A Farewell To Nowhere`, weil es sich nahezu von selbst geschrieben hat und einen prägnanten Refrain besitzt, ebenso auf `Hybrid Tech Messiah`, welches der druckvollste Song des Albums ist, gleichzeitig aber die musikalische Richtung von Shadowcast optimal darstellt. In lyrischer Hinsicht möchte ich `Anticipated Resurrection` hervorheben, weil der Text, beeinflusst durch die Autoren Bret Easton Ellis und Fréderic Beigbeder, sehr philosophisch und durchdacht ausgefallen ist.“

Das Frontcover des Debüts gibt Anlaß zu Spekulationen und Clemens ist dies ganz recht, wie er mir offenbart. „Über die Aussagekraft des Fontcovers lässt sich streiten. Ich hatte dieses Bild schon längere Zeit auf dem PC und wollte es unbedingt irgendwie im Booklet der CD verarbeiten. Meine Vorstellungen zum Artwork waren jedoch mehr darauf ausgerichtet, einen stimmungsvollen Eyecatcher zu gestalten und gleichzeitig davor zu warnen, dass es sich um ein eher untypisches Metal-Album handelt. Ich bin der Überzeugung, daß mir das auch gelungen ist. Diese Grafik, die Du als Distelblüte identifiziert hast, ich aber eher als Virus ansehe, stellt die aggressive, bedrohliche Komponente dar, während die bunten Farben im Gegenzug eine angenehme, beruhigende Atmosphäre schaffen. Eben so, wie sich meine Songs verhalten. Man kann das Frontcover also definitiv als optische Repräsentation der Musik betrachten – einen Sinn kann jeder für sich selbst suchen. Künstlerisch bedeutet es mir viel, weil ich zum ersten mal mit einer Grafik zufrieden bin, die ich selbst gestaltet habe.“

Mit den Lindenberger Brüdern, seinen Mitmusikern, wird er auch weiterhin zusammenarbeiten, wie herauszufinden war.

„Roman ist seit der Debüt CD von Amortis als zweiter Gitarrist fester Bestandteil der Band, ebenso Lukas, der seit längerer Zeit als neuer Drummer dabei ist. Uns verbindet eine enge Freundschaft und beiden hat die Musik von Shadowcast gefallen, so daß es naheliegend war, auf sie bei den Aufnahmen zurückzugreifen. Da ich von Schlagzeugspielen keine Ahnung habe und auf der Gitarre nicht gut genug bin, wäre eine Umsetzung des Material sonst auch auf diese Weise nicht möglich gewesen. Nebenbei toben sich die Gebrüder Lindenberger übrigens noch in ihrer Hyperspeed-Death Metal-Combo Cephalic aus, die selbst so manche extremen Todesbleiballermänner blass aussehen lässt! So stellen die beiden fixe Mitglieder von Shadowcast dar, obwohl ich die Band kontrolliere und sie wenig Einfluss darauf nehmen. Sie werden in Zukunft aber vermehrt in den Songwriting-Prozeß miteinbezogen.“

Pläne, das Material der aktuellen CD auch live angemessen umzusetzen, sind leider noch in weiter Ferne. Clemens übt sich in Understatement:

„Das steht noch in den Sternen. Da drei Leute für einen Gig zu wenig sind und ich nicht weiß, ob wir das Material live überhaupt akzeptabel umsetzen können, werden wir uns darüber noch Gedanken machen müssen. Weil ich aber ein sehr durchschnittlicher Sänger und schlechter Entertainer bin, bedarf es sicherlich einiger Vorbereitung. Eine optimale Show wäre natürlich, wenn das Publikum voll und ganz hinter uns stehen und von Anfang an mitgehen würde. Nein, im Ernst, da wir ein kleiner, unbedeutender Underground-Newcomer sind, könnten wir natürlich keine Rammstein-Show bieten oder mit einer Tool’schen Multimedia-Performance aufwarten. Sollten wir aber live auftreten, werden wir auch diesbezüglich noch Überlegungen anstellen.“ Bleibt also abzuwarten, wie sich die Dinge hier entwickeln werden.

Clemens ist glücklicherweise ein sehr individualistischer Künstler, er zielt mit seinen Songs weder auf Marktchancen noch auf ein bestimmtes Musikpublikum ab, wie in Erfahrung zu bringen war. „Wenn ich die Musik maßgeschneidert für ein bestimmtes Publikum hätte, hätte ich’s mir sicherlich leichter gemacht. So stehe ich vor dem Problem, daß Shadowcast jeden und niemanden anspricht und die CD ein Erfolg und ebenso großer Misserfolg werden kann. Dieses Risikos war ich mir natürlich bewußt – realistisch betrachtet wird Shadowcast aber nicht über einen Underground-Status hinauskommen. Obwohl dies natürlich wünschenswert wäre und ein gewisses Potential schon vorhanden ist. Grundsätzlich bin ich der Meinung, daß Leute, die extremere Musik ebenso mögen wie entspannende Momente, an Shadowcast Gefallen finden könnten. Wer auf der Suche nach untypischem Dark Metal ist, kann ebenfalls zugreifen.“

Das kann man unterschreiben. Auch seine Zukunftspläne limitieren sich nicht an Erfolg oder Mißerfolg von Shadowcast. „Egal, wie die Reaktionen im Endeffekt ausfallen werden, wird sich an der Grundidee der Band nichts ändern. Ich experimentiere derzeit mit neuen Einflüssen, trotzdem wird das neue Material einen logischen Fortschritt zu `Desperate Accuse Dimension` darstellen. Shadowcast ist definitiv mehr als ein Projekt, also werde ich auch dementsprechend daran arbeiten. Inzwischen soll aber im September dann endlich die neue Amortis CD `Gift Of Tongues` erscheinen, die aufgrund von Labelproblemen immer wieder verschoben werden mußte. Wem Shadowcast also zu soft sein sollte, der kann sich hiermit auf eine kräftige Portion Ass-kicking Black Metal vorbereiten!“

© Markus Eck, 27.05.2002

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