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Interview: SHADOWCAST
Titel: Mit unveränderter Zielsetzung

Mit ihren ersten beiden Alben „Desperate Accuse Dimension“ und „Near Life Experience“ brachten diese österreichischen Visionäre ab dem Jahr 2002 ihre sphärischen Klänge dar, welche von der Band damals selbst als „Cyber Classic Space Metal“ tituliert wurden. Danach war es bis jetzt seltsam still um die stilistisch so mutigen Protagonisten aus der Alpenrepublik. Bis jetzt! Denn nun kreuzt die eigenständige Industrial- und Electro Metal-Formation urplötzlich mit ihrem neuen und dritten Langspielwerk „Space Age Revolution“ nach ganzen acht Jahren des Pausierens aus der Versenkung auf.

Musikalisch noch immer weitab von gängigen und breit getretenen Genre-Schemata am durchdachten Musizieren, bietet das Quintett auf besagter neuer Veröffentlichung geschmacklich offenen Hörern eine Vielzahl an gekonnt zueinander gebrachten Elementen aus den Bereichen Industrial- Avantgarde Metal.

„Die lange Veröffentlichungspause war nicht freiwillig gewählt. Aufgrund von Label-Problemen mussten wir die geplante damalige Recording-Session 2005 vorerst auf Eis legen. Wir begannen dann verspätet mit den Aufnahmen. Nachdem unser ‚neues’ Label dann aber bereits vor der geplanten Veröffentlichung den Vertrag nicht einhielt, mussten wir erneut auf Suche nach einer Plattenfirma gehen, weshalb sich das Ganze sehr lange dahin zog. Schlussendlich haben wir nun mit Refused Records nun ein neues aber sehr engagiertes Label im Rücken, die nächsten Veröffentlichungen sollten also zügiger ablaufen“, weiß Clemens Mayr zu berichten, seines Zeichens bei Shadowcast Sänger und auch zuständig für die Bereiche Arrangements und Programming.

Der nachfolgende Gesprächskontext befasste sich damit, wie entspannt die Band mit unangemessenen Rezensionen beziehungsweise Bewertungen umzugehen imstande ist. Clemens konstatiert:

„‚Unangemessen’ ist ein relativer Begriff. Wir sind es gewohnt, dass wir mit unserem Stilmix nicht immer auf offene Ohren stoßen. Ärgerlich sind eher unadäquate Reviews, bei denen man merkt, dass derjenige Schreiber mit einem Album nichts anfängt und es daher negativ bewertet. Solange ein Mindestmaß an Objektivität gegeben ist beziehungsweise ein schlechtes Abschneiden begründet ist, habe ich jedoch persönlich überhaupt kein Problem damit.“

Auf seinen persönlichen Lieblingssong auf der neuen Shadowcast-Scheibe angesprochen, nennt der Vokalist ganz spontan den Titeltrack der aktuellen CD. „Da er die Essenz von Shadowcast am besten transportiert: Eingängigkeit und Aggressivität, gepaart mit Melodie mitsamt der nötigen Portion an Elektronik.“

Mehr noch: „Mit dem aktuellen Output hatte sich abgezeichnet, dass wir nun definitiv unseren eigenen Stil gefunden haben. Die Ziele waren hoch, aber ich denke, dass wir sie gut umgesetzt haben. Wir sind sehr zufrieden mit dem Resultat und würden auch nachträglich betrachtet nur Kleinigkeiten ändern.“

Die Erwartungshaltung von Seiten der Gruppe ist, so Clemens, nicht so hoch angesetzt.

„Weil zwischen dem Recording und Veröffentlichung sehr viel Zeit vergangen ist und ‚Space Age Revolution’ mit der achtjährigen Pause seit der letzten Veröffentlichung schon fast wieder einen Neubeginn beziehungsweise ein Debüt für uns darstellt. Wichtig ist uns, dass sich dennoch zumindest ein kleines Publikum findet, das die Musik schätzt. Denn hart genug gearbeitet haben wir an dem Album in jedem Fall. Sollte sich eher ein Misserfolg abzeichnen, wird dennoch ein nächstes Album folgen und unsere Grenzen noch weiter ausloten. Da gibt es meinerseits überhaupt keine Kompromisse.“

Für ihn als Songwriter der Gruppe haben sich die Ziele mit seiner Band bis heute nicht wirklich verändert, wie der Frontmann noch auszuführen weiß. „Ich bin immer noch darum bemüht, kreative Musik zu machen beziehungsweise einen Stil zu verfolgen, wie ich ihn von anderen Bands gerne hören würde, es aber leider nur selten tue. Das war auch letztlich zu Beginn der ausschlaggebende Grund, warum ich Shadowcast damals ins Leben gerufen habe.“

Seine Songs, so offenbart mir der kreative Kopf anschließend, entstehen zwar in der Regel ganz spontan und eigentlich auch immer völlig ohne Zwang. Die Shadowcast-Lieder werden aber immer durchdacht ausgearbeitet und mit Bedacht verfeinert. Wir erfahren:

„Eine Stärke ist sicher die Mischung aus Metal-Gitarren, kombiniert mit vielen elektronischen Sounds, die einmal mehr und einmal weniger im Vordergrund sind. Auch eine gewisse melancholische Komponente ist mir immer wichtig. Bei aller Komplexität durch viele Tonspuren muss aber gleichzeitig immer darauf geachtet werden, dass das Ganze homogen klingt und sich nichts aufdrängt, hier benötigt man ein gewisses Fingerspitzengefühl.“

Die düstere Attitüde in den neuen Tracks ist laut Clemens präsenter als dies noch auf dem letzten 2003er Album „Near Life Experience“ der Fall war.

„Sowohl das Riffing als auch die Texte sind dunkler und nachdenklicher ausgefallen. ‚Endtyme’ behandelt beispielsweise eine Welt, in der Gefühle verboten sind und in der Menschen völlig emotionslose Maschinen darstellen. Angelehnt ist dies an den Film ‚Equilibrium’. Jedoch glaube ich, dass auch in der heutigen realen Welt Emotionen mittlerweile schon ziemlich oft abhanden gekommen sind. ‚Zero Zone’ behandelt das Thema Demenz, welches in unserer heutigen Welt aufgrund zunehmenden Alters der Bevölkerung auch immer wichtiger und präsenter wird. Und ‚Tomorrow’ beschäftigt sich mit Momenten, in denen man sich völlig verlassen vorkommt und seine Position im Hier und Jetzt zu hinterfragen beginnt.“

Wie sie die Songs des neuen Albums auf der Bühne darbieten werden, darüber haben die Beteiligten noch gar nicht großartig nachgedacht.

„Darüber haben wir uns sogar ehrlich gesagt noch sehr wenig Gedanken gemacht, da erst festgelegt werden muss, ob überhaupt Live-Aktivitäten stattfinden werden. Alleine aufgrund der Verstreutheit der Bandmitglieder in Wien, Vorarlberg und Linz etc. gestaltet sich das Ganze etwas schwierig. Natürlich wären zumindest einzelne Shows durchaus überlegenswert. Auch spezielle Kostüme, hierin stimme ich dir zu, wären dann natürlich durchaus angebracht. Die letzten Live-Aktivitäten führten uns 2004 und 2005 durch Österreich und seine Nachbarländer und brachten doch sehr schöne Momente mit sich. Ob wir mit dem neuen Album aber tatsächlich wieder touren werden, steht derzeit wie gesagt noch in den Sternen.“

Derzeit stehen eher wenige Veröffentlichungen aus dem Metal-Bereich an, die Clemens wirklich herbeisehnt, wie er noch vor mir zugibt. „Gespannt bin ich in erster Linie auf Amorphis und Pain, auch die ‚Wiedergeburt’ von Morbid Angel könnte interessant werden. Ansonsten konnten mich bislang in den letzten Wochen und Monaten vor allem Samael, Deadlock und Paatos sehr begeistern.“

Und seinen letzten richtigen ergiebigen Schaffensrausch hatte der Vokalist laut eigenem Bekunden vor circa zwei Monaten: „Das war, nachdem ich eine harte Arbeitswoche hinter mir hatte und einen eher aggressiven Song schrieb, der mitunter das Härteste darstellt, was jemals unter dem Banner Shadowcast geschrieben wurde. Wie das klingt, wird man wohl auf dem nächsten Album dann hören.“

© Markus Eck, 27.05.2011

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