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Interview: SIRENIA
Titel: Frischer Gruftwind

Viele der Leser wissen es bereits: Morten Veland, der vormals bei den Gothic Metal-Gottheiten Tristania maßgeblich zu deren weltweitem Erfolg beitrug, hat die Band aufgrund diverser Ursachen verlassen. Veland war lange Zeit der kreative Kopf der norwegischen Regenten, welche mit Klangwunderalben wie „Widow´s Weeds“, „Beyond The Veil“ und schließlich „World Of Glass“ weltweit für weit offene und oftmals auch tropfende Mäuler sorgten.

Der Mann komponierte dort nicht nur einen überwiegenden Großteil der oftmals zauberhaften Melodien für Tristania, sondern versah die Songs auch mit ausnahmslos hochinteressanten Texten. Lyriken mithin, welche Morten zudem mit variabler Ausnahmevokalisierung veredelte.

Ein obsessiv passioniertes Künstlertalent wie er kann sich aufgrund solcher Querelen natürlich nicht in ein gutbürgerliches Leben zwischen Reihenhausromantik und Briefmarkensammlung zurückziehen.

Rasch reifte die Idee für eine neue Schaffensstätte. Sirenia waren geboren.

Hier sollten Mortens musikalische Visionen des innovativen Gothic Metal ihre vollendete Verwirklichung finden.

So hat der kompositorisch versierte Sänger, Gitarrist und Lyriker nun mit dem Debütalbum „At Sixes And Sevens“ ein echtes Genre-Highlight am Start, das Fans dieser Richtung und auch seinen ehemaligen Bandkollegen die Freudentränen in die ergriffen dreinblickenden Augen treiben dürfte.

Wer sich nach emotional-abgründigen Seelenebenen geradezu sehnt, kommt um „At Sixes And Sevens“ einfach nicht herum.

In genau solcher Verfassung trachte ich Morten nach den Beweg- und Hintergründen seiner neuzeitlichen künstlerischen Ergüsse.

Auch wenn er es höchstwahrscheinlich schon nicht mehr hören kann, so hat der Sirenia-Kopf mir doch Rede und Antwort zu stehen zum Split mit Tristania. Er blickt zurück:

„Ich verließ Tristania nicht einfach, sondern es ergab sich aufgrund eher klassisch anzusiedelnder Trennungsursachen, wie sie eben bei vielen Musikerdifferenzen Inhalt sind, sobald mit steigendem Erfolg auch etwas Geld in die Bandkasse fließt. Ich wurde unangemessen zurückgedrängt und schließlich – wenn auch auf subtile Art – rausgeekelt, um den Profit meiner harten und hingebungsvollen Arbeit den verbleibenden Mitgliedern zu überlassen. Klar, einer weniger, und es mehrt die jeweiligen Summen pro Kopf. Ein geradezu prädestiniertes Beispiel, wie rücksichtslos Menschen werden, wenn es um den schnöden Mammon geht.“

Morten präzisiert jedoch entlastend: „Ich möchte aber nun nicht die ganze Band damit belasten. Es betraf ja lediglich zwei Mitglieder von Tristania.“ Und obwohl es ihn schwer traf, wie er offen bekennt, fasste er sich rasch. Und damit kam auch neuer Mut:

„Anfangs dachte ich noch, dass es wohl verdammt schwer zu ertragen sein müsse. Denn ich hatte all meine Kraft und mein Können mit Hektolitern von kochend heißem Herzblut in Tristania fließen lassen. Diese Band war einfach mein Ein und Alles, mein Leben. Doch nach einer Weile erkannte ich, dass es so wohl das Beste war.“

Exakt. Wer sich an der Vergangenheit festhält, beraubt sich der Zukunft. Jetzt geht es für Morten nach vorne, und wer fühlt nicht mit ihm und freut sich? Das neue Material ist Grund genug dazu. Da fühlt sich jemand geschmeichelt:

„Es freut mich natürlich sehr, dass dir meine neuen Songs so gut gefallen. Es hat mich ungemein inspiriert, mit neuen Leuten zu arbeiten. Zudem fühlte ich es als eine immense Herausforderung, der Welt zu zeigen, dass ich noch lange nicht am Ende meiner Schaffenskraft bin. Vor allem außerhalb von Tristania, mit denen ich ja erst so richtig bekannt geworden bin. Ich bin meinen alten Fans doch auch etwas schuldig.“

Und genau die können sich erwartungsvoll freuen, denn sie werden mit „At Sixes And Sevens“ bestens bedient.

Auf dieses Prachtalbum hat man scheinbar schon immer gewartet, ohne sich dessen so richtig bewusst gewesen zu sein. So geht es dem Autoren eigentlich immer, wenn er neu verliebt ist.

Die maßgeblich inspirativ-musikalischen Einflüsse nennt Morten nachfolgend und spricht mir damit direkt aus der schwarzen Seele.

„Ich bin ziemlich inspiriert von allem, was Menschen wie uns so anspricht. Damit meine ich extremen Black Metal ebenso wie stimmungsvolle Klassik und ästhetisch vertonten Dunkelsound. Auch bewege ich mich konsumtechnisch oftmals im Gothic Rock-Metier, Bands wie beispielsweise Sisters of Mercy oder auch Fields Of The Nephilim gefallen mir sehr. Sie haben eine ausschlaggebende Rolle beim Entstehungsprozess zu meiner neuen Platte gespielt. Doch auch Tiamat und Anathema leihe ich gerne mein Ohr. Ich bin eben ein nach Abwechslung dürstender Mensch. Das wird von der Musik auf `At Sixes And Sevens` auch prima reflektiert.“

Nach den bewegenden Ereignissen der letzten Zeit hofft Morten nun erst mal auf Rotationsstillstand des neuen Besetzungskarussells. Und er hat völlig richtig erkannt:

„Obwohl natürlich keiner schon heute sagen kann, was morgen passiert. Im Moment kommt es mir jedoch in erster Linie darauf an, ein Line-Up zu haben, dass gut miteinander zusammenarbeiten kann. Das ist das Wichtigste, noch bevor man verbissen und zweifelnd vorausblickt.“ Verständlich. Denn wir wissen: Gestern war heute noch morgen, und umgekehrt.

Gleich bei Erstsichtung fiel mir der prägnante Bandname auf.

Ich mutmaße, ob damit wohl eine wachrüttelnde „Alarmsirene“ an alle diejenigen gemeint ist, die Morten nach seinem Ausstieg bei Tristania abgeschrieben hatten.

Der unterweist mich erst mal lachend in antiker Geschichte:

„Nein, nicht wirklich. Der Name leitet sich aus der faszinierenden griechischen Mythologie ab. Er steht für den verführerischen Gesang der Sirenen, also der bildhübschen jungen Frauen an den Meerufern, die damit vorbeifahrende Seeleute ins Verderben lockten.“

Mortens Vokalisierung bewirkt stellenweise eine ebenso frappierend einnehmende Wirkung, doch ist hier bei Frequentierung eher schwelgende Begeisterung der Fall. Kommen wir doch in solch freudig stimulierter Gemütsverfassung gleich noch auf den Albumtitel zu sprechen, welcher entgegen meiner Vermutung aber nichts mit Zockervokabular am Hut hat, wie Morten korrigiert.

„Ich war sowieso noch niemals ein guter Pokerspieler. Ich bin überhaupt schlecht in allen Kartenspielen“, grinst er. „`At sixes and sevens` ist ein englischer Begriff, der verwendet wird, wenn es an einen Punkt geht, an dem nichts mehr geht oder alles zerbricht und in Stücke fällt.“

© Markus Eck, 04.05.2002

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