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Interview: SONS OF SEASONS
Titel: Gewichtung auf Authentizität

Mit dem aktuellen Album-Nachfolger zum viel beachteten 2009er Debüt „Gods Of Vermin” klatscht dieses Düsterquintett einen mehr als würdigen Nachschlag auf den Genre-Teller. Auf den geheimnisvoll anmutenden Titel „Magnisphyricon“ getauft, offenbart der überaus vielfältige Diskus das Können der Band mitsamt neuem Gitarristen Pepe Pierez in faszinierend eigenständiger und ideenreicher Art.

Opulent und theatralisch inszenieren die findigen Akteure um Bandleader, Keyboarder und Gitarrist Oliver Palotai auf der Platte dermaßen raffinierten Progressive Symphonic Metal mit vielerlei melodischem Beiwerk, dass es immer wieder Staunen macht. Deutlich ist zu hören, dass alle beteiligten Musiker mehr als hart an sich und ihren Fähigkeiten gearbeitet haben. Anspruchsvollste Spieltechnik und hohe Griffigkeit des Songmaterials sind dabei glücklicherweise keine Seltenheit.

Erneut mit von der stimmungsvollen Partie ist im Stück „Sanctuary“ die feine Stimme von Simone Simons, bekannt von Epica. Doch auch die ebenso leidenschaftlich angeschlagenen wie genussvoll variablen Stimmbandartistiken von Vokalist Henning Basse sind dabei durchaus erwähnenswert.

Überhaupt, die neuen Kompositionen von Sons Of Seasons muten erfreulich authentisch und aufrichtig ästhetisch an, somit klingt das Schaffen der Gruppe jederzeit absolut echt.

„Mit der Gründung der Band vor wenigen Jahren traf ich auch die Entscheidung, entweder mit Authentizität Erfolg zu haben oder unterzugehen. Das betrifft vor allem die Produktion: Ich bin ja selbst Produzent und weiß aus eigener Erfahrung, wie gering der Anteil der eigentlichen Band bei vielen Produktionen ist. Manchmal sind die Instrumentalisten nur Aushängeschild. Das wollte ich bei Sons Of Seasons nicht, und wir haben bei ‚Gods Of Vermin’, unserem Debüt, deswegen noch kräftig Lehrgeld bezahlt. Vielleicht beginnt es schon früher, beim Songwriting. Das Echte zu implementieren, heißt die Musik zu machen, die einen repräsentiert, nicht diejenige, die der Markt erwartet“, erläutert Oliver seine entsprechenden Intentionen, welche zum stimmigen Klangbild der aktuellen Veröffentlichung führten.

Wie der Aachener Maestro im Zuge dessen nachfolgend gleich weiter ausführt, bedienen sich Sons Of Seasons einer Vielzahl an musikalischen Ausdrucksmitteln. „‚Magnisphyricon’ ist wie ein schlagendes Herz: Stellenweise beschränken wir uns aufs Wesentliche, und instrumentieren nur spärlich. Wenn ich aber als Arrangeur entscheide, dass ein Part groß werden muss, dann ohne mir Grenzen zu setzen. Also eher Richard Wagner als Erik Satie, ohne das Ganze zum Bombast aufzublähen. Auch die Vokalinterpretation ist oft bewusst burlesk und satirisch überhöht. Es war wunderbar, Henning Basse’s Minenspiel, das auch seine Erscheinung auf der Bühne so sehr prägt, bereits beim Einsingen im Studio zu beobachten. Für die Dauer eines Songs schlüpfen wir in die Charaktere, die den Inhalt repräsentieren.“

Ich erkundigte mich im Weiteren aufgrund der hohen Aufwändigkeit der aktuellen Musik, ob der sehr kreative Fünfer die Songs des neuen Albums auf der Bühne in speziellen Kostümen darbieten wird. Oliver informiert: „Wir haben bereits bei einigen Konzerten die Frau unseres Bassisten Jürgen Steinmetz in die Show mit eingebaut, Heather Shockley, die professionelle Tänzerin ist. Ich war mit anfangs nicht sicher, aber es kam super an beim Publikum. Für die kommenden Headliner- oder Co-Headliner-Shows werden wir das schon mal ausbauen, mit verschiedenen Kostümen. Und dann schwebt mir noch so einiges vor, zum Beispiel krasse Bühnenelemente und eine sorgfältig abgestimmte Lichtshow. Vieles scheitert vorerst aber noch am leidigen Thema Geld, oder an der Bühnengröße.“

Wie sich Oliver zurückerinnert, hatten Sons Of Seasons beispielsweise dennoch auf der vergangenen Europa-Tour mit Epica jeden Abend großartiges Feedback: „Es gab wirklich kein einziges schwaches Konzert. Unsere Songs sind ja immerhin keine Nummern, die man nach dem ersten Refrain mitgrölen kann. Ein paar Durchhänger gab es aber auch, als wir auf dem Land spielten. Nichts gegen Dörfer - ich komme aus und wohne in einem nahe dem Schwarzwald -, aber die Leute feiern dort hauptsächlich zu AC/DC-Covern und Party Metal. Die lokalen Fans harter und dunkler Musik, die mehr Anspruch haben, erwarten erst gar nicht, dass ihr Stil im Ort gespielt wird und pilgern zur nächsten größeren Stadt. Ich sehe das Problem weniger in von dir erwähnter allgemeiner Leidenschafts-Verflachung, sondern mehr im ‚Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht’- Phänomen.“

Vor kurzem ist der Mann wieder in seinen Heimatort in der Nähe von Stuttgart gezogen:

„Ich bin allgemein hungrig nach den Möglichkeiten einer Großstadt. Für mich wird es viele Trips in Theater, Kleinkunst, Museen und Konzerte in Sachen Jazz, Klassik, Metal, Gothic und sonstigem geben.“

Und 2011 freut sich Oliver laut eigenem Bekunden am allermeisten auf einen ersten Sommer in der neuen, alten Umgebung.

„Ich wohne nach vielen Jahren wieder dort, wo ich aufgewachsen bin. Der Kreis schließt sich. Zudem kann ich hier meine ganze Studioaktivität immens erweitern, viel produzieren, mischen, komponieren. Außerdem hoffe ich, dass die neue CD von Opeth noch dieses Jahr erscheint, was mich zusätzlich stimulieren wird.“

Wobei er, wie er im Anschluss daran ganz offen und frei bekennt, eigentlich stets eher sehr konservativ arbeitet. „Es herrscht ja dieses Bild vor, dass ein Künstler den Kuss der Muse benötigt, um zu schaffen, und zu anderen Zeiten unfähig ist und leer. Ich dagegen arbeite relativ konstant von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends, egal, ob ich komponiere oder beispielsweise eine Platte mische. Wenn ich schlecht drauf bin, klingt das Ergebnis vielleicht etwas düsterer, ebenso wie ich positive Gefühle kanalisiere. Und am Ende eines Tages wird auch viel aussortiert. Kunst muss leicht und wie beiläufig entstanden klingen, aber ist doch immer ein endloser Prozess des Ent- und Verwerfens.“

Im Weiteren befasste sich der angeregte Dialog damit, ob der Frontmann von Sons Of Seasons gar einen persönlichen Lieblingssong auf der neuen CD hat. Er runzelt die Stirn und grübelt intensiv: „Schwer zu sagen. Vielleicht ‚A Nightbird's Gospel’. Wir haben den Song bereits einmal im Proberaum angespielt, und es war bombastisch! Was nicht immer der Fall ist. Manche Titel sind auf CD der Hammer, kommen live aber nicht ebenso überzeugend rüber.“

Mit dem vorliegenden Endresultat „Magnisphyricon“ ist der umtriebige Musikus jedenfalls mehr als zufrieden, wie danach in Erfahrung zu bringen war. „Wir mussten mit einem sehr kleinen Budget hantieren, weniger als zehn Prozent dessen, was ich von meinen anderen Bands wie beispielsweise Kamelot her gewöhnt bin. Das hat nur geklappt, weil wir alle ausreichend Fachkenntnisse im Bereich Recording und Produktion haben. Klar hätte ich aber einfach gerne mehr Zeit für das neue Album gehabt, um noch mehr ins Detail zu gehen, hier und da. Allerdings läuft man dann Gefahr, eine steril klingende Platte abzuliefern. ‚Magnisphyricon’ ist ein Riesenschritt vorwärts für Sons Of Seasons. Demnach bin ich wirklich glücklich mit dem Ergebnis.“

Zur Überraschung der Band, so Oliver, haben sich gleich nach der Veröffentlichung von „Gods Of Vermin“ einige Fanclubs gebildet; in Deutschland, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Argentinien, Mexico etc. Er expliziert: „Am meisten Post kam aus den USA bislang. Ich glaube, die amerikanischen Gruppen haben nicht so sehr das Klischee im Kopf, dass man als Band unserer Art von Fanpost nur so überschüttet wird. Ich freue mich über jedes ausführliche Feedback.“

Ich hakte nach, ob heutzutage überhaupt noch Fan-Briefe mit der Hand geschrieben werden.

„Ja, mehr als man denkt. Meistens werden diese aber während Autogrammstunden oder nach Konzerten in die Hand gedrückt. Die weiblichen Fans haben da eindeutig mehr Ambitionen“, verlässt es den Mund des Mannes während einem Schmunzeln.

Wir gingen zur Bedeutung des Titels „Magnisphyricon“ über:

„Es ist eine Wortschöpfung, mit der ich eine Tages quasi aufgewacht bin. Von ‚Magnus’ her stammend - also ‚groß’, oder in diesem Fall eher ‚umfassend’ -, außerdem ‚Sphäre’, und dem Postsuffix ‚con’. Zum einen meine ich damit die Existenz eines Künstlers, der in seiner eigenen Welt lebt, wo sich Beruf und das restliche Leben nicht trennen lassen, und die Außenwelt gelegentlich bedrohlich erscheint. Es ist aber auch eine Beschreibung der Band, die mit unserem neuen Gitarristen Pepe Pierez endlich komplett ist.“

Dieser Gesprächskontext zog die Diskussion betreffs lyrischer Inhalte der neuen Liedertexte nach sich, was nachfolgend von Oliver ein wenig ausgeleuchtet wird.

„Zum einen lese ich sehr viel. Meistens vier, fünf Bücher gleichzeitig; Fiktion, Geschichte, und Folklore. Manchmal reichere ich dabei Mythen mit eigenen Interpretationen an, wie beispielsweise bei ‚Belial's Tower’ oder ‚Lilith’ geschehen. Und dann reflektieren die Texte die eher düsteren Seiten des Zeitgeschehens - zwei Songs auf der neuen Scheibe hängen hier zusammen, nämlich ‚Casus Belli I: Guilt's Mirror’ und ‚Casus Belli II: Necrologue To The Unborn’, die von Extremismus und dessen Folgen handeln. Dann lasse ich noch meine Abscheu gegenüber mancher Klientel aus: ‚Tales Of Greed’ zum Beispiel widme ich mit Freuden manchen Bankern und Vorstandsvorsitzenden.“

Insgesamt hat für „Magnisphyricon“ jeder Beteiligte in der Band Blut und Wasser geschwitzt: „Ich habe versucht, mit jedem der beteiligten Musiker an dessen Grenzen zu gehen Das war manchmal nicht einfach, und wir hatten nach circa der Hälfte der Produktion auch eine recht heftige Auseinandersetzung. Die Zerreißprobe ist dabei immer, sich selbst in der Musik auszuleben, ohne das ultimative Ziel aus den Augen zu verlieren, gute Songs zu schreiben. Zuerst einmal wussten wir erst nach ‚Gods Of Vermin’ sowieso so richtig, wohin die Reise für uns denn geht. Wir hatten zum ersten Mal einen klaren Blick, was uns ausmacht, was Sons Of Seasons überhaupt darstellt. Dann haben wir in der Band auch verschiedene Pole: Henning zum Beispiel kommt eher vom klassischen Metal und braucht ein hartes Fundament in der Musik. Pepe schreibt vertrackte Riffs mit progressiven Anteilen. Und von mir kommt viel Experimentelles. Unser aller Horizont hat sich durch die Zusammenarbeit erweitert.“

Komponiert wurden die Lieder für „Magnisphyricon“ anfangs in der Regel auf der Gitarre oder dem Klavier. Oliver konkretisiert dies: „Man kann dies bei den Songs meist deutlich hören. Rifforientierte Passagen mit wenig harmonischer Bewegung entstammen der Gitarre, melodiöse und abgefahrene Teile gingen meist von den Tasten aus. Hin und wieder steht auch eine Gesangslinie am Anfang, gelegentlich sogar ein Text, den ich unbedingt verarbeiten will. Henning dagegen nimmt oft vier oder fünf Variationen der gleichen Idee auf und schickt sie mir. Ich habe dann die Wahl, oder kombiniere Teile daraus.“

Einfluss auf den Werdegang der neuen Kompositionen hatte die ganze Band: „Es gibt zwar immer einen gewissen Anteil, den ich alleine komponiere. Weniger, weil ich keinen Einfluss der anderen möchte, vielmehr, weil ich dann weniger in Schichten, sondern in einem Guss schreibe. Aber die spätere Beteiligung der anderen verändert den Song dann auch wieder. Ich programmiere zum Beispiel Drums, um Daniel Schild, unserem Schlagzeuger, eine Richtlinie zu geben. Er greift diese auf, und variiert sie dann aber sehr stark. Ergo wird der Titel auch zu seinem Song. Das gleiche gilt für die anderen Musiker.“

© Markus Eck, 24.02.2011

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