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Interview: SUMMONING
Titel: Aufwühlende Traumreisen ins Innere der Vorstellungskraft

Auf ihrer mittlerweile sechsten Veröffentlichung geleiten uns die Klangzauberer und Seelenfänger Summoning erneut in die gewaltigen und beeindruckenden Reiche nach Mittelerde. Auch dieser erneut traumhaft erscheinenden imaginären Reise wird keine Wiederkehr nachfolgen.

Denn die banale und graue Realität mit ihrem belanglosen – und mitunter recht sinnlosen – menschlichen Treiben mutet im direkten Vergleich mit den durch die Musik der beiden österreichischen Monumental-Instrumentalisten erzeugten reizvollen Klangwelten doch geradezu lächerlich an. Wer will schon zurück in eine Welt voller irrationaler Geschehnisse und Selbstzerstörung?

Der stark episch forcierte Blackend Dark Metal von Summoning verarbeitet die lyrischen Inhalte von J.R.R. Tolkien, einem der größten Autoren aller Zeiten. Dieser hatte sich mit seinen Büchern – und der darin erschaffenen eigenen Welt von Mittelerde – selbst ein Denkmal gesetzt. Elfen, Faune, edle (und weniger edle) Krieger, Gnome, Goblins, Orks, Schlösser, Burgen, mächtige Schlachten und dergleichen in faszinierender Vielfalt mehr wurden so mit brillanter lyrischer Umsetzung zum Leben erweckt.

Die ergreifenden Lieder von Protector und Silenius stellen den adäquaten Soundtrack zum vollendeten Genuß dieser Lektüre dar.

Auch auf dem neuen Summoning-Album und abermaligem Meisterwerk „Let Mortal Heroes Sing Your Fame“ finden sehnsüchtige Seelen wieder die gewohnten, lieb gewonnenen erhabenen und prächtigen Klänge von geradezu majestätischer Anmut vor, die dem oftmals recht diabolisch klingenden Duo vom Start weg eine beachtliche Schar von Anhängern bescherte.

Silenius und Protector bringen exklusiv ihre löblichen Intentionen etwas näher.

Die beiden Musiker fühlen sich nach wie vor am wohlsten zu zweit. Dazu Protector:

„Auf unserer ersten CD waren wir noch zu dritt. Damals hatten wir noch einen Schlagzeuger. Seit den Arbeiten zu unserer zweiten CD `Minas Morgul` hat sich jedoch unser Line-Up nicht mehr verändert. Solange es Summoning gibt wird es sich auch nicht ändern. Der Summoning Sound ist einfach eine perfekte Symbiose aus dem melodischen Grundgerüsten von Silenius, meinen Zusatzmelodien und Rhythmen, sowie den Arrangements. Würde eines von beiden fehlen, wäre Summoning nicht mehr als Summoning zu erkennen und die Band würde zugrunde gehen. Auch die Hinzunahme eines weiteren Musikers würde das musikalische Gleichgewicht von Summoning gewaltig stören und den musikalischen Entstehungsprozess unnötig komplizieren. Wenn man so wie wir die Musik sowie die Drums nur mit Hilfe unserer Synthesizer, Gitarren und Vokals macht, braucht man einfach nicht mehr Bandmitglieder.“

Silenius fügt hinzu: „In der Regel spiele ich sämtliche Grundmelodien für alle Songs ein; teile mir den Gesang mit Protector und habe früher auch Bass gespielt, was ich aber seit den letzten beiden Alben aufgegeben habe. Teils aus Faulheit, teils auch weil der Bass durch eine tiefe Gitarre ersetzt wurde.“

Protector spielt noch die zusätzlichen Keyboardmelodien ein. „Ich komponiere die Keyboard- und Drum-Rhythmen, spiele beide Gitarren (die hohen und die tiefen) und singe auf der Hälfte der Songs. Jeder spielt einfach dass was er auch selber komponiert hat.“

Protector zur geographischen Herkunft: „Wir wohnen beide in Wien. Die bekannteste Band neben Summoning ist sicherlich Abigor, zu der wir eine zeitlang auch Kontakt hatten. Seit dem Ausstieg von TT ist dieser Kontakt jedoch sehr spärlich geworden.“

Silenius präzisiert: „Allerdings stammen Abigor nicht direkt aus Wien sondern auf Mistelbach, einer kleinen Stadt nördlich von Wien. Die bekannteste aus Wien stammende Band ist somit sicherlich Pungent Stench.“

Die anfänglichen musikalischen Beweggründe erläutert Protector:

„Unser Ziel auf der ersten CD war es einfach nur Musik zu machen und dabei so wenig wie möglich zu denken oder zu planen. Zu keiner Sekunde habe ich damals auch nur in Erwägung gezogen, daß wir einmal einen Plattenvertrag dafür bekommen würden. Sozusagen haben wir unser Ziel erreicht, denn wir machen weiter Musik; das wir allerdings über diese Ziel weit hinausgeschossen sind, ist natürlich ein erfreulicher Nebenaspekt.“ Eine sympathische Aussage.

Seit dem Beginn der Band beschäftigt mich der Bandname, zu dem nun wieder Silenius Stellung bezieht:

„Ich kann mich nicht mehr genau erinnern wie wir auf Summoning gekommen sind. Möglicherweise durch einen Text aus einem Darkthrone-Song. Uns hat der Name einfach gefallen. Die Beschwörung dunkler Mächte bezogen auf Tolkien passte einfach zu unserer Musik, ohne einen tieferen Hintergrund zu haben. Ich glaube die meisten Bandnamen haben keine tiefere Bedeutung, sondern dienen einfach der Wiedererkennung.“

Protector resümiert gleich noch ein wenig in der Bandhistorie:

„Der einschneidendste Moment in der Bandgeschichte war sicher der Rauswurf unseres Schlagzeugers. Vorher war die menschliche Stimmung innerhalb der Band bei weitem nicht so harmonisch, da es mehr persönliche und musikalische Differenzen gab. Unser Ex-Schlagzeuger war damals ein Progressive Death Metal Fan und konnte es nicht lassen uns mit seinen ständigen progressiven Breaks zu nerven. Außerdem war sein ständiges Konkurrenzdenken zu uns und zu anderen Bands nicht zu übersehen, was eine ständig ungute Stimmung verursachte. Seit dem Rauswurf allerdings ist alles perfekt; woran sich in all den Jahren auch nichts verändert hat.“

Schön zu hören. Kommen wir nun zum neuen Albumtitel. Er regt zu vielerlei Spekulationen an, denen Silenius entgegenwirkt:

„Der Titel `Let Mortal Heroes Sing Your Fame` ist eine augenzwinkernde Hommage an Tolkien. Während sein Ruhm jedes Jahr, mit dem sein Tod verstreicht immer größer wird, wird der unsere wohl immer klein und bescheiden bleiben und nach einer möglichen Bandauflösung wohl rasch verklingen. Somit sind wohl wir die sterblichen Helden.“ Wahre Helden sterben nie, denn sie leben durch ihre großartigen Taten auf ewig in den Herzen der Menschen fort.

Hierzu ist nichts mehr hinzuzufügen. Außer vom tapferen Silenius: „Nach wie vor sind die Texte unter anderem direkt von Tolkiens Gedichten entliehen. Wir haben aber peinlichst darauf geachtet die Auswahl der Texte so zu gestalten, daß sie keine direkten Handlungsabläufe wiedergeben. Sondern mehr allgemein gehalten sind, um den Hörer den nötigen Freiraum zu geben, seine eigene Phantasie spielen zu lassen. Ein paar Gedichte stammen auch aus der Elric-Saga von Michael Moorcock. Sämtliche Texte sind Reflexionen unserer mentalen Stimmungsbilder, die den Hörer einladen sollen in die Welt Tolkiens einzutauchen und im Kopf die phantastischen Abenteuer neu aufleben zu lassen. Heldenmut, Opfergang, große Schlachten und das Besinnen auf alte Mythen sind nach wie vor Hauptthemen unserer Musik. Typische Fantasy Themen also; der Sinn ist einfach den Hörer für eine kurze Zeit aus der Wirklichkeit zu holen. Alles in allem sollte man die Texte und die Thematik nicht überbewerten.“

Protector ergänzt seinen Partner: „Für uns beide zählen `South Away` und `Farewell` zu unseren Favoriten; doch es unterscheiden sich unsere Vorlieben bei den restlichen Nummern des aktuellen Albums.“ Seine zusätzlichen Favoriten „sind derzeit `Our Foes Shall Fall` und `In Hollow Halls Beneath The Fells`, während die zusätzlichen Favoriten von Silenius `Rhunes Of Power` und `Ashen Cold` darstellen. Trotzdem muß ich betonen, dass ich hinter allen Summoning-Nummern stehe und sich meine Favoriten (hinsichtlich Gefallen) nur leicht von den restlichen Nummern abheben. Wie bereits erwähnt komponieren wir die Songs zusammen. Es gibt weder einen einzigen reinen Silenius-Song, noch einen reinen Protector-Song. Es ist daher fast unmöglich und nutzlos die Menge des kompositorischen Schaffens abzuwägen. Die Grundmelodien von Silenius tragen genauso zum Endprodukt bei wie meine Zusatzmelodien und Rhythmen.“

Der Songwriting-Prozeß für "Let Mortal Heroes Sing Your Fame" zog sich sicher wieder über längere Zeit hin, so denkt man sich; was Protector aber schnell relativiert:

„Das ist schwer zu beantworten, da wir beide ja nicht nur für Summoning Musik machen, sondern unsere Nebenprojekte haben wie Die Verbannten Kinder Evas, Ice Ages und auch Kreuzweg Ost. Wenn wir Musik machen arbeiten wir nicht immer nur für Summoning. Auf jeden fall ist es ungefähr zehn Monate her, daß Silenius begann mich regelmäßig – ein- bis zweimal pro Woche – zu besuchen um seine Songideen für die neue CD bei mir einzuspielen.“

In welcher Stimmung die beiden wohl die besten Songs für Summoning schreiben? In weltschmerz-getränkter Verfassung? Voller Sehnsucht nach Mittelerde? Bei Protector ist es nicht vorhersehbar, wie er sagt, wann er gute Ideen fürs Komponieren hat und wann nicht. „Es kommt eher zufällig.“

Bei Silenius ist es ähnlich: „Es ist nicht möglich sich krampfhaft in eine Stimmung hineinzuversetzen; und es ist auch nicht möglich sich unter Druck inspirieren zu lassen. Somit entstehen die Songs über einen längeren Zeitraum hinweg, fast nebenbei.“

Protector sieht die neue Scheibe im direkten Vergleich mit dem Vorgänger wieder etwas mehr in die Richtung der alten Summoning-CDs gehen.

„Da wir diesmal wieder mehr auf die Keyboards gesetzt haben. Auf der letzten CD `Stronghold` wollten wir den Gitarrenriffs wieder mehr Wichtigkeit verleihen, vernachlässigten dafür aber etwas die Keyboards; und vor allem die Mehrstimmigkeit. Auf `Let Mortal Heroes Sing Your Fame` sind wieder viel polyphonere Harmonien zu hören; trotzdem wollten wir auf wichtige Errungenschaften von `Stronghold` wie beispielsweise dem komplexeren prägnanteren Gitarrenstil nicht verzichten. Ich sehe daher die neue CD als eine Vereinigung der Stärken der Vorgänger. Nach wie vor hat unsere zweite CD einen sehr grossen Stellenwert in unserer Bandgeschichte, denn mit ihr haben wir unseren Stil gefunden, den wir bis heute beibehalten haben. So beispielsweise der Song `Marching Homewards`. Er zählt auch nach all den Jahren noch immer zu meinen Lieblings-Summoning-Songs.“

Das geht mir nicht anders. Was hören sich solche begnadeten Dark/Atmospheric/Epic/Black Metal-Songwriter wie Protector und Silenius eigentlich privat an? Nennenswerte Faves? Protector ist da eher enthaltsam:

„Obwohl viele Elemente von Summoning deutlich zur Black Metal Szene gehören, ich nach wie vor total hinter der Musik von Summoning stehe und sogar mehr Engagement denn je für diese Band besitze, habe ich schon seit längerer Zeit keine Metal-CD mehr angehört. Der Grund dafür liegt nicht daran daß mich die Musik nicht mehr interessiert, sondern daß ich meine musikalischen Präferenzen mittlerweile mehr auf düstere elektronische Musik gelenkt habe und nicht genug Zeit habe alle CDs anzuhören die mir gefallen könnten.“

Silenius geht gar noch einen Schritt weiter: „Privat höre ich schon seit Jahren so gut wie keinen Metal mehr, sondern fast ausschließlich diverse Bands und Projekte aus der Industrial , Ritual , Neofolk und Military Szene.“ Was sich nicht zuletzt auch auf seinem Kreuzweg Ost-Projekt mit Martin Schirenc (Hollenthon, Pungent Stench) manifestiert hat.

Der bei Metalmessage schon typische Vergleich der Zeiten soll auch hier nicht wegbleiben. Protector analysiert: „Ob es früher besser war oder nicht kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall war Metal früher mehr Underground und mehr in Opposition zum Mainstream. Während vor 15 Jahren harte Gitarren absolut verpönt waren und Metalfans mit Psychopathen gleichgesetzt wurden, ist heute harte Gitarrenmusik völlig salonfähig. Heute hingegen haben viele Menschen viel eher ein Problem damit, wenn eine Metal-Band keine echten Drums benutzt. Unsere Synthesizer-Drums sind eben unsere Art den musikalischen Oppositionscharakter des Metal fortzuführen.“

Silenius wirft diesbezüglich noch mit voller Berechtigung ein: „Da ich mich kaum noch mit Metal-Neuheiten befasse, kann ich diese Frage kaum beantworten. Alles in allem stelle ich nur fest, daß die Bandvielfalt schon seit Jahren immer größer wird. Und ich somit nicht der Einzige bin, der wohl schon den Überblick verloren hat. Im Augenblick ist der Death-Metal sowie alter Power-Metal wieder stark im Kommen. Somit ist es wohl ein ewiger Kreislauf.“

Im Ländervergleich bleibt Protector dann eher gelassen: „Keine Ahnung, dazu kenne ich mich in der Metalszene zu wenig aus. Ich kenne nur meine Bekannten und Freunde, die sicher weder für die Österreichische noch für die Deutsche Metal-Szene stellvertretend sind.“

Silenius brilliert regelrecht mit seinem Statement: „Es gibt wohl keine ehrliche und unehrliche Szene; es gibt nur Bands die konsequent an sich arbeiten. Und es gibt Bands die sich eher auf das Trittbrettfahren spezialisieren. Das ist in allen Ländern wohl gleich.“ Da hat er in vollem Maße recht.

Wann haben die beiden wohl das letzte Mal mit dem Gedanken gespielt, live aufzutreten?

Oder wollen sie ihre erhabenen und gigantischen Klänge nach wie vor nicht vor einem alkoholisierten Auditorium verschleudern? Protector stimmt zu:

„Wir haben noch nie auch nur darüber nachgedacht live aufzutreten. Neben den von dir erwähnten triftigen Gründen sind wir noch der Meinung, daß die Musik von Summoning einfach ausschließlich für die HiFi-Anlage gemacht ist und nicht für die Bühne. Bands die in ihrem Sound sehr auf atmosphärische Effekte wie Hall und Chorus setzen schneiden Live zwangsläufig schlechter ab. Außerdem haben wir keine Lust unsere kostbare Zeit mit Proben für Live-Auftritte zu vergeuden. Wir halten es für wesentlich sinnvoller stattdessen neue Summoning-Songs zu schaffen; denn diese bleiben für immer. Während ein Live Auftritt nach seinem Ende für immer weg ist.“

Was für eine ehrliche und nachvollziehbare Aussage.

Wo sehen Protector und Silenius denn ihre Stärken und wo die Schwächen in ihren alltäglichen Bestrebungen, das Dasein zu meistern? Silenius:

„Ich habe einen Fulltime-Job in einem Musikgeschäft und das schon seit zehn Jahren.“

Nebenbei ist er auch noch für Musik und Promotion seiner Bands beschäftigt, wie er wissen lässt.

„So ist meine Freizeit immer sehr rar gesät und somit ist Ausspannen und Nichtstun sicherlich ein wertvolles Gut, dem ich fröne wann immer ich Zeit dazu habe.“

Protector schließt sich dem an und verblüfft mit interessanten Freizeitaktivitäten: „Auf jeden Fall das Musikmachen. Außerdem habe ich auch noch andere Interessen wie 3D-Programme und Animationssoftware.“

Wie die musikalische Zukunft für Summoning aussieht, erklärt Protector: „Darüber haben wir uns – wie in all den Jahren zuvor – noch nicht den Kopf zerbrochen. Sicherlich werde ich in nächster Zeit an meinen anderen Musikprojekten weiterarbeiten. Wie jedoch die nächste Summoning-CD klingen wird ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht einmal ansatzweise zu schildern.“

Wir sind schon jetzt gespannt. Letzte große Worte an die Fans spricht noch abschließend Silenius: „Wir hoffen natürlich, daß das neue Album bei unseren Fans gut ankommt; sind aber wie immer offen für konstruktive Kritik; schließlich fällt man ja nicht als Meister vom Himmel.“

© Markus Eck, 08.10.2001

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