Top
Interview: SUNTERRA
Titel: Dunkel angehaucht

Aus Österreich stammt dieses bisher nicht allzu groß in Erscheinung getretene Dramatikorchester und aus dem Reich der Gothic Metal-Träume entspringen die ebenso melodischen wie einfühlsamen Songs der Band.

Die Lieder sind gar allesamt zauberhafte Musterbeispiele für innovatives Vorgehen in diesem Metier. Im April 1994 formiert, wurden nachfolgend unter dem Gründernamen Virgin Seed erste Konzerte gespielt und ein Demo-Tape produziert. Nach dem Split der Band Ende 1997 wurden erst die alten Songs überarbeitet beziehungsweise verworfen, dann am Stil gearbeitet, welcher daher auf dem aktuellen Debütalbum „Lost Time“ überaus ausgereift wirkt.

Der Name Sunterra repräsentiert die beiden Elemente Feuer und Erde, was gut zum folgenden Interview zu passen schien. Denn auf der Erde befand auch ich mich während des Gesprächs mit dem langjährigen Bassisten Chris, welcher sich über meine feurige Leidenschaft für die Klänge seiner Band freute.

„Schon bei unserer Demo-CD `In Diebus Illis` haben wir Flöte und Harfe eingesetzt. Uns gefiel die Stimmung, welche klassische Instrumente in Verbindung mit harten Gitarren verbreiten können. Mit Gastmusikern ist das natürlich immer wieder ein Problem – vor allem live. Welch ein Glück, als Carlos damals zu uns stieß und meinte, daß er auch Querflöte spielen kann. Mittlerweile hat er sich als Frontmann etabliert und auch einen Dudelsack zugelegt. Mal schauen, was uns beim nächsten Output so alles einfällt. Wir sind immer offen für neue Einflüsse“, beginnt Chris unsere Unterhaltung.

Er fügt an: „Angefangen hat bei mir alles mit einem Album von Moonspell. Ich will jetzt gar nicht irgendwelche musikalischen Vorbilder nennen, weil sich unser Stil sehr eigenständig unter Mitarbeit aller Musiker und endloser Arbeit im Proberaum mit der Zeit entwickelt hat. Jeder bringt sich ein, so gut es geht. Aber The Gathering würde ich schon als Vorbild nennen.“

Mir gefallen die tollen Melodien auf „Lost Time“ ganz besonders gut; Chris hierzu: „Wenn du von den Keyboard-Melodien sprichst, die kommen alle von meinem Bruder Edgar. Keine Ahnung, wie sich die im Nebel seiner grauen Zellen herauskristallisieren. Aber er spielt mittlerweile seit 20 Jahren Klavier beziehungsweise Keyboard und kennt natürlich auch etliche klassische Komponisten und deren Werke.“

Die ergreifende Musik von Sunterra vereint romantische, melancholische, depressive, aggressive, trauernde und sogar resignierende Emotionselemente, sie reflektiert also vielerlei Gemütsverfassungen. Chris präzisiert: „Das kann man bei uns eigentlich generell nicht so genau sagen. Vergleiche beispielsweise unsere Demo-CD, die von Melancholie und Schwermut getragen wurde mit unserem neuen Output, der eher leichter und melodiöser daherkommt. Von den Texten her ist alles ziemlich depressiv beziehungsweise dunkel angehaucht.“

Mit der Stildefinition Gothic Metal kommt der Tieftöner indes sehr gut klar: „Bei uns zumindest greift sie vollkommen. Es gibt zwar auch einige Unterschiede bei manchen Bands, wie beispielsweise alleine schon vom Härtegrad her. Aber eine grobe Unterscheidung für den Konsumenten muß schon sein. Obwohl es manche Bands ja mit der Definition ihres Stils zur Spitze treiben. Es ist eine grobe Unterscheidung, eine Kategorisierung für Fans. Für mich eine Spielart des Metal, die mehr Melodie, Melancholie und Dunkelheit in die Musik bringt.“

Nun schaltet sich Flötist Carlos ein: „Auch ich finde, daß dieser Begriff für uns genau das aussagt was er bedeuten soll. Leider gibt es ja vor allem bei uns in Österreich in der Gothic-Szene einige Leute die meinen, daß ihr Begriff von Gothic für diese Art von Musik mißbraucht wird. Ich weiß nicht wie es in Deutschland ist, aber es kommt mir so vor als würden manche glauben daß das Wort Gothic für sie reserviert ist. Ich finde aber ohnehin, daß wir keinen reinen Gothic Metal mehr machen sondern schon mehr in Richtung Black Metal gehen. Zumindest ist die aktuelle Musik stark von diesen Einflüssen geprägt. Ich bin eigentlich auch der Meinung, daß die Stilrichtungsdefinitionen nur für Fans und vor allem für die Kategorisierung in den Geschäften ist. Dabei möchte ich auch noch erwähnen daß ich es schade finde, daß Gothic Metal von vielen Journalisten meistens ziemlich verrissen wird. Viel Münder behaupten ja, daß es doch immer das gleiche ist: Fetter Gitarrensound, männliche Grunts und weiblicher Sopran. Tja, das ist nun mal so, aber in welcher Stilrichtung gibt es schon immer wieder etwas Neues? Meiner Meinung nach in keiner. Sei es Jazz, Klassik, Pop oder R’n’B, es ist immer das gleiche Schema. Aber lassen wir das, ich könnte darüber stundenlang diskutieren.“

Die Bedeutung des Bandnamens habe ich eingangs schon ein wenig erläutert, und Chris geht hierzu gerne in die Tiefe: „Ich beschäftige mich viel mit Religion und Mythologie, und wollte auch einen tieferen Sinn hinter unserem Bandnamen. Weiter sollte es ein wohlklingender, einfacher Name sein, der nicht schon die erste Zeile im Booklet verbraucht. Sonne und Erde werden in den meisten Kulturen als Gottheiten verehrt. Aber Erde bedeutet für mich unsere Mutter und die Sonne die Lebensspenderin. Das vereint auch der Name Sunterra.“ Weiterhin erläutert mir der Bassist den Albumtitel „Lost Time“: „Man kann ihn deuten, wie mal will: Die Zeit, die ich für das Wesentliche verliere, weil ich mich Tag für Tag mit Dingen beschäftige, die nichts bringen; oder auch die vergangene Zeit, die ich vermisse, weil es mir einmal besser ging als jetzt.“

Carlos ergänzt seinen Bandkollegen: „Bei der Nummer `To A Friend` geht es zum Beispiel um einen Freund der schon sehr früh von uns ging. Ich wollte ihm noch so viel sagen. Das war für mich damals eine sehr schwere Zeit, da wir uns wegen irgendeinen Unsinn mal zerstritten hatten. Dann kam ich zu Sunterra und dadurch haben wir wieder langsam Kontakt aufgenommen. Aber leider zu langsam. Wir haben zu viel Zeit verloren und er konnte mich nicht mehr mit Sunterra auf der Bühne sehen. Wie Chris schon sagt, die Menschen beschäftigen sich alle viel zu sehr mit unsinnigen Dingen und verschwenden damit ihre Zeit.“

Worum geht es denn in den aktuellen Songtexten von Sunterra hauptsächlich? Chris: „Es handelt sich bei `Lost Time` nicht um ein Konzeptalbum. Jeder Song steht eigentlich für sich und es wird immer wieder ein anderes Thema behandelt. Die Texte für die Demo-CD `In Diebus Illis` habe ich geschrieben, ich habe dort eigentlich meiner Phantasie freien Lauf gelassen, was ist und was sein könnte. Die Texte für `Lost Time` hat größtenteils unsere Sopranistin Lilly geschrieben. Sie ist ein wahrer Brunnen für anspruchsvolle Texte. Woher sie jetzt aber ihre Intuition nimmt, weiß ich nicht. Ich schätze mal, sie arbeitet darin einige Probleme auf, die sie hat oder hatte.“

Chris hat insgesamt enorme Freude bei seiner musikalischen Tätigkeit, wie er wissen lässt: „Wir sehen die Musik jetzt nicht irgendwie als eine Ebene, auf der wir uns selbst und unsere Träume verwirklichen können. Erstens sind wir alle bei der Band, weil es uns Spaß macht, die Art von Musik zu spielen, und weil es auf der Bühne einfach saugeil ist. Zweitens ist es ein kreativer Prozeß, den wir ausleben, wenn wir unsere eigene Musik schreiben, aber wir verpacken darin sicherlich keine religiösen oder politische Themen. Diese haben in der Musik nichts zu suchen, und innerhalb dieses Themas haben wir ohnehin keine Gemeinsamkeiten.“

Das Frontcover des aktuellen Debütalbums zeigt zwei Kinder, die anscheinend eine Art Sternenberechnung deuten. „Das ist eine gute Frage. Unser Grafiker hat uns das präsentiert, und uns hat es gefallen. Ich habe mir jedoch im Nachhinein Gedanken darüber gemacht. Die Zahnräder repräsentieren die Zeit, die Kinder sind wir selber, und sie sehen in ein Dunkel, vor dem sie sich jedoch nicht fürchten. Sie stehen dem Ungewissen, das auf sie zukommt neutral und ohne Vorurteile gegenüber“, lässt Chris mich erfahren, um anschließend gleich auch noch eine Live-Show von Sunterra zu beschreiben:

„Das kommt immer auf die Gegebenheiten an. Wenn möglich, haben wir zwei große Kerzenleuchter auf der Bühne. Wir legen auch einigen Wert auf unser Outfit, besonders Carlos. Die Show selber ist sehr emotionsgeladen. Jeder Einzelne bei uns gibt sich ganz der Musik hin. Ich persönlich habe auch sehr viele Ideen dazu im Kopf, die ich gerne für die Bühne ausarbeiten möchte, aber die sind leider auch mit Geld verbunden. Aber zunächst studieren wir mal ein paar Tanzschritte ein. Wir wollen zumindest mal im deutschsprachigen Raum und im nördlichen und östlichen Europa bekannter werden. Vielleicht ist ja auch eine Tour als Supporter drin. Mehr Erwartungen machen wir uns derzeit noch nicht, wir lassen uns lieber überraschen.“

© Markus Eck, 11.11.2002

[ zur Übersicht ]

Advertising

+++

+++


+++

+++