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Interview: TANZWUT
Titel: An den Wurzeln der Spielmannsmusik

Als Mitte des 14. Jahrhunderts der pechschwarze Gevatter Pest in Europa bekanntlich übel wütete, verbreitete sich im Zuge der dadurch entstandenen Wirren der Aberglauben, dass man dem unwillkommenen Sensenmann durch zügelloses ekstatisches Tanzen gewitzt entfliehen kann.

So entstand der historische Begriff der „Epilepsia Saltatoria“, der Tanzwut. Und einige Jahrhunderte später entstand unter diesem bewegungsfreudigen Banner auch eine Schar enthusiastischer Sackpfeifer, Barden und Takthauer.

Einst im schicksalsträchtigen Jahre 1999 aufrecht hervorgegangen aus den Reihen der populären Spielleute-Könige Corvus Corax, konnten sich Tanzwut bis heute einen nicht minder ehrenwerten Ruf als durchwegs authentische Herzblut-Musikanten erarbeiten.

Pulsierte der künstlerische Organismus dieses eigenständigen Ensembles bislang eher in stilistisch modernen elektronischen Frequenzen, so zeigte die idealistisch geprägte Notentruppe um Frontmann, Sänger, Sackpfeifer und Identifikationsfigur Teufel kürzlich auf, dass sie auch anders kann.

Denn das Studioalbum „Morus Et Diabolus“ wurde ein reines Spielmannswerk, dessen erlesene Liedersammlung ausschließlich auf historischem Instrumentarium zelebriert wird. Doch Tonleitermeister Teufel und seine treue Mannschaft legen derzeit kräftig nach, was in Bälde den neuen Mittelalter Rock-Langspieler „Weiße Nächte“ hervorbringen wird.

Alles andere als auf der viel zitierten faulen Haut ist das hochsympathische Berliner Septett also in der letzten Zeit gelegen.

„Seit dem 2006er Album „Schattenreiter“ ist ja in Punkto Tanzwut nicht viel passiert, außer, dass wir unterwegs waren und Konzerte gespielt haben. Ich war in der Zwischenzeit trotz allem an vielen anderen Projekten beteiligt, welche mich auch künstlerisch gut ausgefüllt haben. Parallel dazu hatte ich an meinem Solo-Album ,Absinth‘ gearbeitet und einen kleinen Gedichtband geschrieben, ,Des Teufels Phantasien‘. Wir waren mit allen Projekten viel unterwegs. Russland, China, Mexiko und USA waren die Höhepunkte in jener Zeit. Nach einigen Veränderungen im vergangenen Jahr, hatte ich jetzt wieder die Chance die Band Tanzwut neu zu beleben und wir konnten uns auch im Studio ausleben. So entstanden 2011 eben gleich zwei neue Tanzwut-Alben: Einmal das Mittelalter-Akustik-Album ,Morus Et Diabolus‘, zum anderen die Mittelalter Rock-CD ,Weiße Nächte‘, verkündet ein bestens gelaunter Teufel eingangs.

Wir beide sprechen anschließend darüber, warum Tanzwut nach den eher experimentellen Jahren der Gruppe nun endlich auch auch mal ein reines Spielmanns-Album wie „Morus Et Diabolus“ aufgenommen haben. Der auskunftsfreudige Gehörnte resümiert hierzu:

„Durch den Alleingang von Tanzwut und der Trennung vom ehemaligen Bandgefüge war es für uns logisch, auch unseren Wurzeln treu zu bleiben und die reine Spielmannsmusik fortzuführen. Wir wollen weiterhin auf Burgfesten und Mittelaltermärkten vertreten sein, da wir seit mehr als 20 Jahren ein Teil davon sind und diese Musik mit- und weiterentwickelt haben. So war es für uns an der Zeit, auch ein reines Mittelalteralbum aufzunehmen und zu produzieren, in welches wir die Erfahrungen der vergangenen Jahre einfließen lassen konnten.“

Und „Morus Et Diabolus“ haben die Beteiligten laut diesbezüglicher Kunde von Teufel so nah wie möglich an die - nach Auffassung der Band - authentische Mittelaltermusik angelehnt und mit Herz und Seele produziert. Er fabuliert:

„Viele Stücke, die wir schon vor sehr langer Zeit als fahrende Spielleute auf der Straße gespielt haben, haben für uns immer noch nichts von ihrem Reiz verloren. Diese, aber auch neue Mittelalterstücke, haben wir für dieses Albumwerk ausgegraben und aufbereitet. Es ist insgesamt ein sehr rhythmisches und melodiöses Album geworden. So nah wie möglich am den Wurzeln der Spielmannsmusik zu sein und diese zum Leben zu erwecken, ist immer wieder ein neues Abenteuer. Bei den Aufnahmen zu ,Morus Et Diabolus‘ kamen viele Erinnerungen und Erlebnisse zu Tage, und einige Lieder habe ich für mich auch neu entdeckt. Dadurch, dass man sie lange nicht gespielt hatte, waren sie tief im Gedächtnis verborgen und kamen nach und nach ans Licht.“

„Morus Et Diabolus“ wurde zudem auch schon von allen Seiten hoch gelobt, so der herzliche Frontmann mit Sonne in der Miene, was die Berliner Musikanten natürlich sehr freut. „Wir sind glücklich, dass die Fans mit uns diese neue Ära von Tanzwut feiern und uns unterstützen.“

Auf der Bühne werden von Tanzwut aber natürlich mehr Songs gespielt, als auf besagter CD veröffentlicht wurden, wie mein Gegenüber zu explizieren weiß: „Somit wurden noch andere traditionelle Lieder ins aktuelle Tanzwut-Bühnenprogramm eingeflochten. Die Auswahl wurde innerhalb der Band getroffen und jeder konnte seine Favoriten mit einbringen. So haben wir als Gruppe Spaß und dieser überträgt sich automatisch auf das Publikum, so dass wir alle eine große Party machen können und gemeinsam abfeiern.“

Hört man als geneigter Rezipient die Stücke von „Morus Et Diabolus“, so fragt man sich angesichts deren zu hörender hoher Authentizität, inwieweit sich diese überhaupt von den historischen Originalen unterscheiden. Der Meister stellt seine Hörnchen bei dieser Thematik ganz steil auf:

„Es gibt Beschreibungen von Spielleuten und deren Aufführungspraxen. Wir knüpfen als Musiker daran an und versuchen uns vorzustellen, dass es wohl so oder so geklungen haben muss. Aber man sollte nicht vergessen, dass die heutigen Hörgewohnheiten und die schnelllebigen Medien uns einen anderen Rhythmus im Leben vorgeben. Wir können daher nur versuchen, die Musik so umzusetzen wie die Spielleute damals. Als eine Mischung aus der Vorstellung der Originalversion und den eigenen musikalischen Erfahrungen.“

Gedenkt der umgängliche Kerl denn hin und wieder beim Spielen solcherlei altertümlicher Stücke den Leuten aus vergangenen Jahrhunderten, welche das eine oder andere Lied von „Morus Et Diabolus“ damals auch schon zelebrierten beziehungsweise was den Leuten damals bei ihren Auftritten wohl dabei durch den Kopf ging?

„Bisher nicht wirklich. Aber das ist eine gute Frage. Da kann man sich sicher eine Menge spaßige Geschichten ausdenken und sollte sie vielleicht mal aufschreiben. Aber das ist dann schon wieder Material für ein neues Projekt“, gibt Teufel lachend zu Protokoll.

Leider waren die insgesamt drei Wochen bei den diesjährigen Kaltenberger Ritterspielen überwiegend mal wieder sehr verregnet und wurden oftmals auch von viel zu kühlen Umgebungstemperaturen geknechtet.

Tanzwut konnten ihre Auftritte dort dennoch genießen, wie in Erfahrung zu bringen ist:

„Kaltenberg war für uns ein großes Highlight und hat allen Musikern sehr gut gefallen. Ich bin nun fast schon seit 20 Jahren dort als Mitwirkender dabei und mittlerweile wettermäßig einiges gewöhnt. Wir hatten sogar schon mal mitten im Juli plötzlich Minustemperatur von unter einem Grad. Also das Wetter kann uns dort nicht mehr erschrecken. Das Publikum hat die Mittelalter-Show von Tanzwut sehr gut aufgenommen. Sie haben mit uns gefeiert, haben getanzt und gejubelt. Für uns war es eine gelungene Premiere dieser neuen Show.“

Teufel ist ohnehin der Ansicht, wie er dem Autoren mitteilt, dass eine Band, die auf der Bühne zusammen Musik macht und gute Laune versprüht, diesen Funken auch aufs Publikum überspringen lassen kann. Der Mann zieht die Augenbrauen hoch:

„Nimmt man sich auf der Bühne, wie auch im Leben, zu ernst und kann nicht mehr über sich selbst lachen, versiegt die Kraft der Kunst in Banalität. Ausstrahlung, Spaß und Freude an der Musik ist das, was uns ausmacht.“

Und so kam es, dass Tanzwut dort eben erstmals Corvus Corax ablösen konnten.

„Die alte Band hat sich ja aufgespaltet in zwei eigenständige Truppen. Für die Musiker um Tanzwut war es von Anfang klar, auch als Mittelalterband unterwegs sein zu wollen. Als sich diese Pläne bei uns festigten und für das Jahr 2011 die Umsetzung realistisch wurde, wurden wir vom Veranstalter angefragt und bekamen die Chance, in Kaltenberg unsere Premiere des Akustik-Programms zu feiern. Nachdem ich mich im vergangenen Jahr dort von allen verabschiedet hatte, war es schon eine sehr große Überraschung, dieses Jahr wieder mit dabei sein zu können. Ob wir auch die kommenden Jahre dort auftreten anstelle von Corvus Corax? Das wird der Veranstalter SKH Prinz Luitpold von Bayern entscheiden. Da haben wir keinen Einfluss drauf. Wir würden uns freuen, auch im nächsten Jahr wieder ein Teil des Ritterturniers zu sein. Die Mittelalter-Show wird auf jeden Fall im kommenden Jahr noch an anderen Orten zu sehen sein.“

So sind erfreulicher Weise auch noch weitere Bühnenauftritte von Tanzwut für den Rest von 2011 fokussiert.

„Die Mittelalter-Show wird noch auf dem Elf Fantasy Fair zu sehen sein. Danach konzentrieren wir uns vorrangig auf die Mittelalter Rock-Show zum neuen Album ,Weiße Nächte‘, welche Ende September beziehungsweise Anfang Oktober stattfinden wird.“

Kennen Tanzwut denn als Routiniers überhaupt noch so etwas wie „Lampenfieber“? Der Teufel bleibt diesbezüglich ganz locker:

„Lampenfieber ist immer dabei. Ich glaube das gehört dazu. Natürlich ist man immer sehr aufgeregt, wenn etwas Neues auf die Bühne kommt. Aber das ist normal und menschlich.“

Nun kommt, nach dem sehr starken aktuellen Spielmanns-Album „Morus Et Diabolus“, von unseren Berliner Helden ja wie erwähnt auch ein schmissiges Mittelalter Rock-Album: „Weiße Nächte“.

Teufel durchläuft, wie er im Weiteren offenbart, gerade sowieso eine der kreativsten Phasen in seinem Musikerleben. „Ich möchte die jetzige Zeit nicht missen und hoffe, dass diese Phase noch eine lange Zeit anhält. Innerhalb eines Jahres sind drei neue CDs und mein kleiner besagter Gedichtband ,Des Teufels Phantasien‘ entstanden. Die Krönung von allem ist für mich nun das lange erwartete Mittelalter Rock-Album ,Weiße Nächte‘. Nach fünf Jahren endlich wieder auf Tour zu sein, dazu mit einem neuen Album im Gepäck, das ist schon sehr erfreulich!“

Der ebenso lungen- als auch spielstarke Tanz-Wüterich hört sich, wie sich im weiteren Gesprächsverlauf auftut, aber auch ganz gerne mal Rockmusik der alten Schule an.

Und sogar härteren bis sehr harten Phon-Kommandos wird gelauscht. Der Mann lässt es eben gerne krachen:

„Natürlich. Sowohl klassische Rockmusik, als auch deftigere Sachen. Sepultura, Metallica, Slayer … mein klassischer Held ist nach wie vor Lemmy von Motörhead.“

Überhaupt, was genau erwartet die Hörer nun genau auf musikalischer Ebene bei Tanzwut, fragt man sich? Geht es künftig so rockig weiter, Teufel?

„Rockig wird’s auf jeden Fall. Dudelsäcke, Mittelalterelemente, deutsche Texte. Wir haben uns an unseren eigenen Wurzeln orientiert. Auch kann man den frischen Wind, der aus den Boxen weht, spüren und hören. Herz und Seele eines echten Spielmanns. Nicht zu vergessen, das ist das, was für uns zählt.“

Ich erkundige mich bei der Gelegenheit gleich auch noch danach, was für einen Menschen und Vollblut-Künstler wie Teufel das Wichtigste überhaupt auf dieser Welt ist, neben der eigenen Gesundheit. Der stellt dazu klar:

„In erster Linie Mensch zu bleiben, gerade durchs Leben zu gehen und echte Freunde zu haben. Das ist in dieser Branche manchmal gar nicht leicht. Spreu und Weizen liegen da nah beieinander.“

Abschließend lässt der leidenschaftliche und beständige Musikus die Leser noch an seinen Hoffnungen für 2011 teilhaben, und spendiert uns seine allerliebste Lebensweisheit.

„Ich wünsche mir sehr, dass wir einen guten Start der CD ,Weiße Nächte‘ haben werden und dass es im Anschluss an die Veröffentlichung derselben eine gute Tanzwut-Tour mit viel Spaß unterwegs geben wird. Und auch noch, dass die eine oder andere heitere Party noch gefeiert wird. Möge immer Wind in unseren Segeln sein, der uns weiter treibt! So teil‘ ich mir die Leute ein nach meiner Strategie, denn manche sagen ,Du‘ zu mir und manche sagen ,Sie‘.“

© Markus Eck, 08.08.2011

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