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Interview: THORMESIS
Titel: Im Wechselbad der Gefühle

Knapp zweieinhalb Jahre lang werkten diese talentierten Schurken aus Rothenburg ob der Tauber an ihrem neuen Album „Von Leere und Tod“. Gut informierte Pagan Black Metal-Insider haben die letzte Veröffentlichung der Formation, „Vergangene Asche“, welche Anfang 2010 erschien, noch in angenehmer Erinnerung.

Dem reinen Heiden-Schwarzmetall-Zirkel sind Thormesis mittlerweile nicht mehr zuzurechnen, denn die vierköpfige Gesandtschaft strebt nach mehr, wie aktuell deutlich zu hören ist. Doch „Von Leere und Tod“ zeigt den Haufen in großer stilistischer Homogenität, denn Unentschlossenheit ist freilich nichts für das Quartett.

Und gleichwohl es ziemlich mystisch klingt: Aber diesen beachtlichen Umstand hört man den einnehmend hypnotischen Schwarzmetall-Songs der verschworenen Rotte auch vollauf an. Geboten wird herrlich atmosphärischer und tiefgründig klagend akzentuierter Black Metal mit erheblichem Ästhetik-Faktor. Letzterer schließt auch viele wirklich vorzügliche Melodien mit ein, welche den Ohren anhaltende Freude gönnen. Wer hier in aller Aufmerksamkeit lauscht, der wird letzteres ohnehin schon schon gleich beim ersten fatalen Seelenschlürfer „Sterbend Herz“ registrieren.

Die erneut merklich geistreich agierende Musikervereinigung ebnet inmitten ihres löblich sinnvollen Materials einen schöpferischen Nebenpfad nieder, abseits stark frequentierter Metier-Hauptstraßen.

So können von dem Vierer ebenso mutige wie ideell aufrechte Schritte getan werden, welche auf ergötzlich spannende Weise ins Ungewisse zu führen scheinen.

Mittels überwiegend erhaben getragener Anmut verwirklicht sich das mittelfränkische Quintett dabei oftmals in überaus detailreichen Strukturen, deren manisch nachdenkliches Innenleben dabei sogar so manche innovative Facette freilegen kann. „Vergangene Asche“ steht für unsagbar aufwühlenden und in allen seinen individuellen Belangen auch prächtig intensiven Black Metal, welcher Halbherziges gnadenlos unter sich zermalmt.

Wie Travos, Sänger und Gitarrist bei Thormesis, von dem auch die meisten Songs auf dem neuen Langdreher stammen, zu berichten weiß, hat seine Horde den neuen Platten-Deal mit AFM Records erstmal mit einer Riesen-Party abgefeiert.

„Und dabei floss selbstverständlich reichlich Alkohol! [lacht] Nein, also im Ernst: Das haben wir echt! Wir haben uns sehr gefreut, durch viele aufeinander folgende Zufälle und Kontakte auf AFM Records gestoßen zu sein. Bisher, das muss ich sagen, ist der Kontakt und die Zusammenarbeit mit dem Label so, wie man es sich als Band nur wünschen kann. Nachdem der Deal mit AFM Records geschlossen war und die Arbeit für den aktuellen Release anstand, waren wir wirklich sehr erleichtert, da man sich ja nie sicher sein kann, mit seinem Mastertape letztlich auch ein passendes Label zu finden. Ein großes Label zu haben hat allerdings noch nie zu unseren Zielen gehört. Es ist wunderbar so wie es momentan ist, ja. Aber ein Ziel war es nie.“

Ursprünglich entstand der Begriff Thormesis als eine Zusammensetzung aus „Thor“ und „Hormesis“, so Travos weiter.

„,Hormesis‘ steht im griechischen für ,Anstoß‘. Somit ist das Ganze dann selbsterklärend, eben ein Anstoß beziehungsweise ein Denkanstoß an Thor. Gegenwärtig muss ich sagen, dass es eben einfach unser Name war, ist und auch hoffentlich bleiben wird. Ich persönlich verbinde nicht mehr wirklich viel mit unserer Uraussage des Namens, da wir das Heidentum und den Pagan Metal unserer Gründungsjahre fast komplett abgelegt haben. Aber ich bin dennoch stolz auf unseren Bandnamen. Er begleitet uns schließlich seit 2006!“

Wir sprechen anschließend darüber, wie es dem Musiker auf persönlicher Ebene seit der Veröffentlichung des damaligen 2010er Album-Werkes „Vergangene Asche“ ergangen ist.

„Ich betone es mal so: Im Großen und Ganzen ganz gut! Allerdings habe ich persönlich seit 2010 viele, sogar sehr viele Schicksalsschläge einstecken müssen, was mit Sicherheit auch die Musik von Thormesis in gewisser Weise geprägt hat. Ansonsten geht es mir privat recht gut.“

Die Leere und der Tod, so der singende Gitarrist im Weiteren, sie haben in der Entstehungszeit zum neuen Album im Leben der Beteiligten eine zentrale Rolle gespielt.

„Es ist viel passiert. Somit blieb uns auch nichts anders übrig, als uns mit dem Thema auseinanderzusetzen und es in unsere Musik mit einzubringen. Ich muss sagen, dass man mit den Wörtern ,Von Leere und Tod‘ jeden einzelnen Song und eine Zeit-Epoche unseres Lebens beschreiben kann. Somit ziemlich einschlagend.“

Dem Quartett beziehungsweise Maincomposer Travos ist es laut eigener Aussage beim Komponieren und Schreiben neuer Songs sehr wichtig, nicht auf irgendetwas achten zu müssen.

„Wir wollen uns nicht darum kümmern müssen, ob ich das Genre verletze, ob ich zu weit ausschweife oder ob unsere Stilbezeichnung darunter leiden würde. Und ich finde, das hört man auf der aktuellen CD auch sehr gut heraus. Ich hasse es, mich da an etwas halten zu müssen, nur, um irgendwas richtig zu machen. Ich finde zumindest nicht, dass ich, so wie ich es mache, etwas falsch mache. Es geht von klassischen Rock´n´Roll-Einflüssen bis hin zum Black Metal. Ich mache einfach das, wonach es mir ist und worauf ich Lust habe. [lacht] Das ist eben die Musik von Thormesis. Das Album ist musikalisch häufig ein Wechselbad der Gefühle.“


Von Anfang an hat Thormesis die Band Thy Wicked begleitet und inspiriert, wie zu erfahren ist.

„Ohne Thy Wicked gäbe es uns heute definitiv nicht; zumindest nicht so, wie wir heute sind. Weiterhin beeinflussen mich natürlich alle Bands in gewisser Weise, die ich und die anderen aus der Band hören. Die meisten Thormesis-Kompositionen stammen allerdings eben von mir, wobei natürlich meine Ideen und Songs in den Bandproben zusammen ausgearbeitet werden. Ich denke, wie bei fast allen Bands oder Komponisten, gab es auch bei uns immer mal wieder Phasen, in denen einem nicht wirklich viel einfällt. Allerdings hatten wir auch keinen Zeitdruck und somit haben wir uns einfach für alles so viel Zeit gelassen, wie wir eben gebraucht haben, bis wir mit dem Ergebnis zufrieden waren. In welchen Momenten uns bislang die besten Lieder beziehungsweise Ideen dazu in den Sinn gekommen sind? Soll ich ganz ehrlich sein? Wenn wir alle zusammen weg waren, getrunken hatten und nachts dann heimgekommen sind. So seltsam wie das klingt, aber da fallen einem die besten Sachen ein. Man ist dann einfach gut gestimmt und nimmt die Welt nicht nüchtern wahr.“

Travos wurde oft gefragt, wie er offenbart, ob Albträume eine zentrale Rolle bei den Liedern auf „Von Leere und Tod“ spielen. Erst danach hat er sich mal wirklich bewusst gemacht, wie er anfügt, was ihn in der Entstehungszeit eigentlich so alles inspiriert und beeinflusst hat. Wir erfahren:

„Zu einem Ergebnis bin ich allerdings nicht wirklich gekommen, da alle Texte, die ich schreibe, sozusagen unbewusst aus mir herausströmen. Ich fasse einfach häufig zusammen, was mich bewegt. Oftmals gehe ich aber auch auf einzelne Erlebnisse oder Tatsachen ein, wie beispielsweise in ,Des Wolfes letzter Gang‘. Mit dem Song habe ich eine quasi eine Hommage an einen verstobenen Freund geschrieben.“

Der Dialog geht dazu über, wie es im Studio bei den absolvierten Aufnahmen zum neuen Album für Thormesis lief. Travos würdigt:

„Wir alle sind unglaublich beeindruckt von Eric Krause und seinem Arbeiten. Konsequent, gut und schnell. So haben die Aufnahmen zu ,Von Leere und Tod‘ nicht wirklich lange gedauert. Ich glaube es waren circa fünf Tage, das Ganze ging also fix. Wir gingen nach dem Motto vor: Eins nach dem anderen. Das gibt dem Ganzen nochmals während der Recording-Zeit einen Reifeprozess und lässt Spielraum für eventuelle weitere Ideen etc. Aber die gesamte CD wurde innerhalb von zwei Monaten aufgenommen. Eric Krause hat bislang Ahnengrab, seine ehemalige Band Painful Existence und auch Anitensy produziert. Anitensy ist ein Soloprojekt, an dem ich und Velsir gesanglich mitgewirkt haben, sowie viele andere Musiker. Wer die Sachen kennt und sich selbst gegebenenfalls mit Recording-Arbeit beschäftigt, der weiß Erics Arbeit definitiv zu schätzen. Es war eine unglaubliche Zeit mit Eric, Whiskey und den Jungs im Studio.“

Prozentual gesehen schätzt der Gitarrist den Teil der deutschen Musikszene im Pagan- und Pagan Black Metal, der das Ganze inhaltlich auch vollauf ernst nimmt, definitiv unter 50 ein. Er konstatiert:

„Es ist einfach so, dass der Heiden- und Pagan Metal für viele ein Spaß mit lustigen Melodien geworden ist, in dem Odin und seine Kumpanen einfach erwähnt werden müssen. Natürlich ist nicht davon abzusehen, dass es auch einige gibt, die nach dem Heidentum leben. Aber mal ehrlich: Inwieweit ist es heutzutage noch möglich danach zu leben? Es gibt meiner Meinung nach definitiv aber noch Musiker, die aus Überzeugung ,zur Sache‘ Musik machen. Um es mal so zu sagen: Jede Religion besteht nur, wenn es einen ,Gott‘ oder Vergleichbares gibt. Und so sehe ich das mit den Black- und Pagan Metal an sich: Es gibt die einen und eben die anderen. Wo beziehungsweise wie man diese aufteilt, das bleibt jedem selbst überlassen. Ich persönlich hatte sowieso noch nie das Interesse, mich mit anderen zu messen oder einen genauen Standpunkt in der Szene in Sachen Bekanntheit oder dergleichen zu haben. Ich selbst beschäftige mich auch nicht mehr so häufig mit düsterer, heidnisch-spiritueller Historie. Vor ein paar Jahren noch hat das Ganze eine wichtigere Rolle in meinem Leben gespielt. Heutzutage allerdings nicht mehr so wirklich.“

So können all die heutigen massenmedial bösartig manipulierten Roboter-Seelen gemäß der Ansicht des Frontmannes eigentlich gar nichts mehr von all den uralten dunklen Weisheiten aus der Vorzeit lernen.

„Das liegt meines Erachtens nach daran, dass die allermeisten der Menschen ihr Leben eben mit Scheuklappen verbringen. Es ist, so glaube ich, ziemlich schwer, damit sein Umfeld zu betrachten. Außerdem fehlt alleine schon das Interesse im überwiegenden Großteil, sich damit auseinanderzusetzen. Ich selbst habe jedoch keine klassischen heidnischen Leidenschaften. Ich bin definitiv kein Heide. Man könnte höchstens sagen, dass ich Ansätze und Denkanstöße aus dem Heidentum in mein tägliches Leben unbewusst übertrage. Beispielsweise bin ich sehr umweltbewusst und trenne, wie fast jeder andere Mensch, meinen Müll. Ansonsten besteht bei nur das Interesse am Naturglauben etc.“

Da Thormesis seit Ewigkeiten bei ihm Zuhause ihre Lieder proben, wie er wissen lässt, ist dem Griffbrett-Schrubber die Meinung seines Vaters sehr wichtig.

„Und er zögert auch nicht, mir alles zu erzählen, was er davon hält. Ein Umstand, der mir manchmal schlichtweg auf die Nerven geht, da mein Vater nicht immer wirklich viel mit unserer Musik anfangen kann. [lacht] Die Meinung meiner Freunde ist für mich in jedem Falle die erste ,Hürde‘ beim Feedback einholen, da mir, und das nicht nur bei der Musik, die Meinung der Freunde einfach sehr wichtig ist.“

Wenn Travos für Thormesis spielt, haucht er gerne sinnbildlich seine Seele dafür aus. Er berichtet dazu:

„Gerade beim Üben bin ich voll dabei. Mein Gitarrenspiel besteht nämlich nicht aus Techniken üben oder meine Finger zu trainieren etc., sondern einfach aus Riffs oder irgendetwas wonach mir gerade ist. Daran erfahre ich große Freude. Ebenso wie an Sex und Whiskey. Auf kreativer Ebene bin ich auf jeden Fall selbstsicher, da ich einfach mache worauf ich Lust habe.“

Der weitere Gesprächskontext setzt sich mit dem Älterwerden auseinander. Wie der Axeman verkündet, ist es für ihn extrem wichtig, sich nicht dem Alter entsprechend zu ändern oder zu denken. Er lässt ganz unbekümmert vom Stapel:

„Wenn es bei mir zu Veränderungen in meiner Umwelt kommt, die mich natürlich unmittelbar beeinflusst, dann ist dem eben so. Ich muss gestehen, ich persönlich habe kein wirkliches Bild von mir als 80-jährigem, aber aus dieser Zeit die ich im Hier und Jetzt erlebe und erleben darf, werde ich selbstverständlich einiges mitnehmen. Um noch einmal kurz auf die Alterssache einzugehen: Ich selbst hatte einen guten Freund der beispielsweise 45 Jahre war und somit fast mein Opa sein könnte. Meine zwei Kollegen bei Thy Wicked gehen dann auch eher auf die 100 zu, und alle drei unterscheiden sich nicht wirklich von mir in meinem Denken und meinem Sein.“

Bis auf die Veröffentlichung des neuen Studioalbums hat Travos zum Zeitpunkt des Interviews in Sachen Thormesis 2012 noch keine genauen Planungen vor Augen, wie er darlegt.

„Das soll heißen, ich sehe der Zukunft immer offen entgegen. Wobei ich mich aber schon als zielgerichtet sehen würde. Aber Thormesis soll das Jahr 2012 einfach erleben.“

Bei einem programmatisch erscheinenden Albumtitel wie „Von Leere und Tod“ fragt man sich: Denkt ein Mensch wie Travos manchmal wohl auch an seinen eigenen Tod beziehungsweise hat er Angst davor? Die Antwort folgt blitzschnell mit einer anfänglichen Gegenfrage:

„Wer nicht? Aber ich sehe dem Tod nicht unbedingt negativ entgegen. Ich meine, ich fürchte mich nicht vor meinem Tod. Ich denke, ich werde mich irgendwann einmal gut verstehen.“ [grinst] Wo ich einst beerdigt werden möchte? Um es mit philosophischen Worten auszudrücken: Dort wo die Bäume stehen, dort ist mein Grab – und nur die Vögel kennen den Pfad.“


© Markus Eck, 18.06.2012

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