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Interview: THYRANE
Titel: Travestie der stereotypen Himmelsvisionen

Seit mehr als einer Dekade im Dienste tiefdunkler und rasant-technischer Klänge unterwegs, liefern diese aus dem nördlichen Teil Finnlands stammenden Black Metal-Spezialisten mit „Travesty of Heavenly Essence“ nun ihr neuestes Studiowerk ab.

Das taufrisch klingende Album zeigt die ideenreichen Extrem-Musikanten, die ihr stilistisches Gesicht trotz diverser vollzogener Modifikationen bislang zu keiner Zeit verloren, erneut in spielerischer Bestform. Thyrane brillieren in aller Erhabenheit mit vorstellbar flüssigster Überdruck-Instrumentierung.

Und es scheint abermalig, als stehen die flinken Finnen in Sachen punktgenauer Präzision dabei nicht mal der Genauigkeit einer Atomuhr nach. Für höllische Action sorgen sie wieder mal mit hochenergisch hetzenden Rhythmusschlägen, wie sie in ihrer ganz speziell getakteten Art typischer für Thyrane wohl nicht sein könnten.

Mühelos stimulierende Stimmungen werden dabei durch allerlei Respekt abringende Tastenklänge hervorgerufen, die aufgrund ihrer ebenso impulsiven wie geschmackvollen Inszenierung oftmals die Gehörgänge auffüllen wie fein perlender Krimsekt.

Und für solcherlei Pracht zeichnet die blonde Keyboarderin Hannamari verantwortlich, die sich mir einem Zwiegespräch stellt.

„Unglücklicherweise verließ uns zu Beginn dieses Jahres unser Gitarrist Avather, und das nach ganzen acht Jahren. Er ist noch immer ein guter Freund von uns, sein Ausstieg zog keine negativen Veränderungen persönlicher Natur nach sich. Als wir die neue Platte aufnahmen, schaute er regelmäßig vorbei und er schrieb sogar den Text zu einem neuen Song: `Legacy Of Saints In Disguise`. “

Es verlangte den tapferen Finnen stattliche neun Monate ab, bis sie überhaupt anfingen darüber nachzudenken, ob und mit wem sie Avather wohl ersetzen könnten, so Hannamari mir gegenüber.

„Wir haben zwar nun endlich einen spitzenmäßigen Gitarristen gefunden, der mit uns die Bühnen entern wird, trotzdem werden wir wohl so schnell keine Neubesetzung für die zweite Gitarre vornehmen.“

Eine weitere Veränderung im Line-Up stellt nun KrisTonic dar, der als Vollzeitmitglied eingestiegen ist. „Das war eine relativ leichte Entscheidung, denn Blastmor äußerte schon seit längerer Zeit den Wunsch, sich mehr aufs Gitarrespielen und Singen konzentrieren zu wollen. So übernahm KrisTonic die Drums komplett. Da er schon seit fünf Jahren unser Live-Schlagzeuger ist, kennen wir seine hohen Qualitäten und seine Persönlichkeit gut. Und er passt einfach perfekt zu uns.“

Wie die Blondine, die am elektronischen Klavier eine gute Figur macht, weiter berichtet, brachte der Entstehungsprozess zu „Travesty of Heavenly Essence“ die Formation noch enger zusammen.

„Die derzeitige Bandchemie ist wirklich super; wir sind überglücklich, das neue Werk nun schon recht bald veröffentlicht zu wissen. Denn der Songwriting-Prozess gestaltete sich dieses Mal ziemlich schwierig. Wir saßen oftmals ziemlich irritiert herum, spielten die neuen Riffs eins ums andere Mal – und kamen und kamen irgendwie nicht recht weiter. Ebenso erging es uns dann im Studio. Letztendlich ging uns dann aber glücklicherweise doch noch alles gut von der Hand. Alles hat sich wieder entspannt. Die Atmosphäre bei Thyrane ist derzeitig sehr offen und kooperativ, und das war in der Vergangenheit ja nicht immer der Fall. Da wir ja mehr als nur einen starken kreativen Geist in der Band hatten, entstanden ständig irgendwelche Probleme. Als die Sache zu kulminieren drohte, hatten wir keine andere Wahl, als uns endlich zusammenzusetzen und die Dinge zu klären.“

Dass diese „neue“ positive Bandchemie bei den kommenden Live-Auftritten deutlich für die Fans aufgrund gehobener Qualität der Darbietung zu spüren sein wird, da ist sich Hannamari ganz sicher, wie sie freudig bekundet. Sie ergänzt, das neue Album erklärend:

„Die neue Veröffentlichung „Travesty Of Heavenly Essence” ist eine 45-minütige Black Metal-Packung mit elf Songs. Wir haben höchst vielseitige Schlagzeugarbeit, barsch in den Arsch tretende Gitarren- und Basslinien samt aggressivem Gesang und meiner Synthesizer-Performance am Start. Was vielen Hörern sicher schnell auffallen wird, ist die ausgesuchte Vielseitigkeit der neuen Kompositionen. Jeder Track für sich entwickelt ein völlig individuelles Eigenleben. Trotzdem passen die Stücke aber alle perfekt zusammen. Diejenigen Hörer, welche nun ganz speziell auf die Thyrane-Alben „The Spirit Of Rebellion” und “Black Harmony” abfahren, könnten mit dem neuen Werk „Travesty Of Heavenly Essence” schnell warm werden.“

Wie ich anschließend anmerke, fiel das letzte Studioalbum namens „Hypnotic“ auf musikalischer Ebene um einiges eingängiger als der neue Klanghammer aus.

Hannamari hat gemischte Gefühle gegenüber dem 2003er Output, einer meiner absoluten Lieblingsscheiben aus diesem Jahr:

„Wir hätten dieses Album sogar noch um einiges besser hinkriegen können, wenn ich ehrlich bin, was uns aber zum damaligen Zeitpunkt leider nicht bewusst war. So ist „Hypnotic“ nicht ganz so eingängig geworden, wie es am Ende hätte wirklich sein können. Trotzdem funktionieren die „Hypnotic“-Songs auf Konzerten super. Schlussendlich bin ich der Ansicht, sowohl „Hypnotic“ als auch das neue Album bieten so einiges an gut ins Ohr gehender Eingängigkeit, nur jede Scheibe tut dies eben auf ihre ganz eigene Art und Weise.“

Wer das aktuelle Cover-Artwork dazu sieht, welches eine wahre Augenweide geworden ist, der mag rasch angeregt über den lyrischen Inhalt der Platte sinnieren. Die Blonde erklärt hierzu:

„Der Albumtitel repräsentiert die Texte des ganzen neuen Albums ziemlich gut. Es geht viel um die Opposition zum fundamentalen Christentum, und um Misanthropie. Die meisten der Texte wurden von mir und unserem Bassisten Daemon niedergeschrieben. Einen Songtext hat ja wie bereits erwähnt Avather beigesteuert, einen schrieb Ville Sorvali von Moonsorrow. Es funktioniert gut, wie sich herausgestellt hat, mehrere Autoren für die Songtexte zu verpflichten, weil wir allesamt total unterschiedlich and die Sache rangehen. Genau das bringt die nötige Variabilität in die lyrische Seite unserer Kreationen.“

© Markus Eck, 30.11.2005

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