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Interview: THY NEMESIS
Titel: Hass auf Herdendenken

Nemesis ist die Göttin der Vergeltung. Thy Nemesis steht laut Bekenntnis der dahinter stehenden Vereinigung von Musikern für Satans Rache, die triumphale Vergeltung des gehörnten Großmeisters.

Die österreichischen Black Metal-Individualisten betören nun unter diesem Bandnamen ergebene Seelen der Nacht. Und Thy Nemesis sind ohne jeden Zweifel echte Könner ihres furiosen Fachs. Sie gehen mit aller vorstellbaren lodernden Inbrunst zu Werke und das musikalisch rüde Resultat spricht für sich. Das vor authentisch vermittelten Dunkelpassionen nur so strotzende Debütalbum „Forgotten Dreadful Legends“ zog mich daher recht rasch vollkommen in seinen finsteren Bann. Denn es scheint von pechschwarzer Geilheit restlos infiziert.

Den Österreichern gelang ein gar festliches Hörerlebnis für jeden aufrichtigen Verehrer von zwar bestialisch intoniertem, aber mit melodischem Hammerschlag geschmiedetem Schwarzmetall barscher Prägung. Aber auch die lyrische Seite ist auf dieser stürmischen Scheibe von bezwingender und hochinteressanter Relevanz, wie das nachfolgende Interview aufzeigen wird.

Sänger, Gitarrist und Songwriter Christcrusher hat diese starke Band gegründet. Er ließ mich in die Unheil bringenden Todeskarten seiner herrlich hämisch musizierenden Höllentruppe blicken.

„1998 gründete ich zusammen mit Percht die Band Moonlake, die nach mehreren Besetzungswechseln und haufenweise durchschnittlicher Demos im Winter 2002 nach einer Kurskorrektur in Thy Nemesis umbenannt wurde. Damals war Percht noch für Schlagzeug und Keyboard zuständig, ich übernahm Songwriting, Gitarre und Gesang. Der Bassist Agrimoth kam im Frühjahr 2003 dazu. Als Percht ausstieg, weil er plötzlich lieber Grindcore spielen wollte, holte ich meinen alten Kumpel Tharon in die Band. Mit ihm spielte ich bereits vor zehn Jahren in einer Band und er ist seither für Schlagzeug und Keyboard zuständig. Leider steht er nur als Studiomusiker zur Verfügung, was sehr schade ist, da er einfach der beste Mann für diesen Job ist.“

Alle Mitglieder der Band kommen aus Oberösterreich, wie ich anschließend erfahre:

„Percht kam aus Mondsee, Tharon wohnt in Linz. Agrimoth und ich wohnen in einer kleinen unbedeutenden Stadt an der deutschen Grenze, die lediglich als Geburtsstadt Hitlers fragwürdige historische Berühmtheit erlangte. Ursprünglich komme ich aber aus Gmunden, das mitten in einem riesigen Seengebiet liegt.“

Mein Gesprächspartner ist laut eigenem Bekunden sehr stolz darauf, Black Metal der alten Schule zu spielen: Schnell, melodisch und hasserfüllt sowie hart aber trotzdem sehr eingängig. Christcrusher expliziert: „Natürlich ohne Gothic-Einflüsse, moderne Elektro-Spielereien oder Weibergeträllere. Ich habe die Songs bewusst minimalistisch, aber trotzdem abwechslungsreich und mit großem Wiedererkennungswert komponiert, weil das genau der Stil ist, den ich selbst am liebsten höre. Das Keyboard wird bei uns ebenfalls sehr sparsam und spürbar im Hintergrund eingesetzt, damit es die Intensität und Härte der Songs nicht verwässert, sondern die Atmosphäre der Songs und die Mystik der Texte zusätzlich unterstreicht. An dieser Stelle noch einmal ein dickes Lob an unseren Produzenten Claus Prellinger, der uns meiner Meinung nach den idealen Sound verpasste.“

Das wird dieser sicher gerne lesen. Black Metal ist für Christcrusher persönlich eine absolute Lebenseinstellung und kein aufgesetztes Image.

„Ich lebe für den Black Metal und streife am Wochenende lieber alleine durch nächtliche Wälder, als mich sinnlos in Discos zu besaufen und fühlte mich schon immer auf dem Friedhof wohler als unter vielen Menschen. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, kann nur ein Menschenhasser sein. Satanismus und Heidentum faszinieren mich schon sehr lange. Ich hasse Herdendenken und starre Konstrukte und habe im Black Metal seit Jahren eine musikalische und ideelle Heimat gefunden. Da die Kirche noch immer einen enormen Einfluss hat, macht es Sinn, sich offen dagegen aufzulehnen. Im Namen des Christentums wurde schon genug Blut vergossen und die größte, reichste und hinterhältigste Sekte von allen ist in meinen Augen nun einmal das Christentum selbst. Black Metal ist für den Untergrund bestimmt und nachdem sich die Szene gesundschrumpfen konnte, ist diese Musik in ihrer ursprünglichen Form endlich wieder dahin zurückgekehrt.“

Als Christcrusher die acht Songs für das erste Album von Thy Nemesis komponierte, war ihm wichtig, dass das Ergebnis schnell aber eingängig ausfallen würde: „Außerdem wollte ich kein weiteres Plagiat der norwegischen Szene erschaffen. Mir ist sehr wohl bewusst, dass man den Black Metal nicht mehr neu erfinden kann, aber ich war dennoch sehr um bodenständige Eigenständigkeit bemüht.“

Lobenswert. Satyricon, Darkthrone und die viel zu früh von uns gegangenen Immortal sind die ersten drei Namen, welche ihm hinsichtlich Einflussbandbreite spontan in den Sinn kommen. „Aber auch 1349 finde ich sehr geil, da deren Debüt wirklich knallt und die Fahne des ursprünglichen Geistes endlich wieder hochhält. Vor einem Jahr traf ich Frost und 1349 in Oslo und sie luden mich spontan in ihren Proberaum ein. Die Jungs sind wirklich 100 % Black Metal und ziehen nicht nur ihre Show ab. Sie sind alle total nett und gut drauf, aber sobald es um Black Metal geht merkt man sofort, wie ernst es ihnen mit ihrer Musik ist. Wenn Bands wirklich für ihre Kunst leben dann hege ich tiefsten Respekt für sie.“

Der Titel „Forgotten Dreadful Legends“ ist gleichzeitig Programm, wie im Weiteren zu erfahren war. So ist das Debütalbum die Vertonung vergessener furchtbarer Legenden aus Österreich:

„Ich wollte schon lange alte vergessene satanische und heidnische Sagen aus Österreich vertonen, da sich ein paar wirklich gute und faszinierende Geschichten darunter befinden, die schon viel zu lange in Vergessenheit geraten sind. Warum sollte ich textlich in die Ferne schweifen und etwa über Norwegen schreiben, wenn auch Österreich außer Mozartkugeln und anderen Fehlgriffen der Geschichte reichlich etwas zu bieten hat, wenn man nur danach sucht?“

Und jetzt wird es wirklich spannend: „`Dragon Mountain` handelt von der Drachenwand am Mondsee, eine sehr blutrünstige Geschichte, in der nicht nur ein Drache, sondern auch der Teufel selbst eine wichtige Rolle spielt. Der Drache wird niedergemetzelt, der Ritter erobert seine Burg und der Teufel eine Seele. `The Curse` erzählt vom Fluch des Neusiedler Sees im Burgenland. Ein Fischer tötet eine Meerjungfrau und sie verflucht ihn mit ihrem letzten Atemzug. Er ertrinkt zwar in den Fluten, versucht aber noch heute das Ufer zu erreichen. `Ratcatcher` ist die Geschichte des Rattenfängers von Korneuburg in Niederösterreich und nicht zu verwechseln mit demjenigen von Hameln. Diese geht ursprünglich nicht gut aus und alle Kinder ertrinken jämmerlich. `Burning Churches` erzählt vom Kampf der Heiden gegen das Christentum. Entgegen der Meinung eines Konkurrenzblattes gab es sehr wohl in der Vergangenheit auch Kirchenbrände in Österreich. `Black Horde` ist die musikalische Umsetzung der `wilden Jagd`. In den Wintermonaten jagen der Teufel und seine Dämonen durch die Nebelschwaden und die ängstlichen Menschen versuchen diese Dämonen mit selbst geschnitzten Holzmasken und Perchtenläufen zu vertreiben. Falls die wilde Jagd aber doch vorbeikommt und man neugierig durch ein Loch in der Wand blickt, kann es sein, dass man sein Augenlicht verliert, weil einem der Teufel sein Jagdhorn ins Auge rammt. `1679 – Pest In Vienna` erzählt die Geschichte von Augustin, einem Alkoholiker, der total besoffen in eine Pestgrube fällt und durch den Alkoholpegel immunisiert eine Nacht mit den Pestleichen überlebt ohne sich anzustecken. Diese Geschichte ist bei uns relativ bekannt. `The Wolf And The Fallen Angel` ist eine alte Sage vom Wolfgangssee in der ein Priester nur mit Satans Hilfe eine Kapelle erbauen kann und ihm dafür die ersten Seelen überlassen muss, welche die Pforte überschreiten. Ein Wolf sorgt dafür, dass gleich ein ganzes Dorf zur Hölle fährt. `Moonlake` ist die Legende vom Mondsee. Der Sage nach ruht dort unten in der Tiefe die Burg eines grausamen Herrschers der es einst liebte seine Untertanen zu quälen und zu unterdrücken. Er fühlt sich unbesiegbar und lacht sogar über den Teufel. Dieser sorgt dann dafür, dass Wassermassen aus der Erde quellen und der Wicht und seine Meute jämmerlich ersaufen. Auf dem Grund des Mondsees soll sich heute noch die Ruine der Burg befinden.“

Zuerst wollten Thy Nemesis laut Christcrusher nur ihr Logo und den Albumtitel auf dem Cover von „Forgotten Dreadful Legends“ haben, aber Produzent Claus Prellinger hielt sie glücklicherweise davon ab. „Es war mein Wunsch gewesen, meine Texte graphisch darstellen zu lassen, aber erst später sagte mir Agrimoth, dass er einen talentierten Grafiker in seiner Verwandtschaft hat. Das Cover verbindet die besten Elemente der Sagen zu einer Einheit. Der Künstler hielt sich sehr genau an die Vorgaben und stellte gekonnt die brennende Kirche, den Rattenfänger, den Drachentöter und die Pest dar. Als ich das fertige Cover in Händen hielt, war ich schwer begeistert, weil ich es mir genau so vorgestellt hatte.“

Kreiert wurde das Bild von Christian Labmayer. „Er ist ein Verwandter von Agrimoth und ein sehr talentierter Werbegrafiker. Er arbeitet am liebsten mit Airbrush und hat das Cover genau nach meinen Vorstellungen entworfen. Hoffentlich steht er beim nächsten Mal wieder zur Verfügung, denn meiner Meinung nach sollte er ab sofort nur noch Black Metal-Covers zeichnen.“

Hinsichtlich einer eventuell kommenden Live-Show bekundet mein Interview-Partner dann abschließend: „Manchmal wiederholen sich unangenehme Geschichten wie die mit Percht leider immer wieder. Agrimoth ist mittlerweile ebenfalls nicht mehr dabei. Er ist kürzlich ausgestiegen, um in einer Death Metal-Band zu spielen. Momentan überlege ich noch, ob ich einen Ersatz für ihn suchen soll, oder den Bass beim nächsten Mal selbst einspiele. Da auch Tharon 120 km von mir entfernt wohnt, ist in absehbarer Zeit leider kein Live-Auftritt von Thy Nemesis geplant, was aber nicht heißt, dass ich das Thema generell abhaken möchte. Falls es in Zukunft doch Auftritte von uns geben würde, darf man auf jeden Fall eine echte Black Metal-Show von uns erwarten. Corpsepaint und Nieten gehören für mich seit den Anfangstagen einfach zum Black Metal, auch wenn sich viele Bands aus kommerziellen Gründen mittlerweile nicht mehr mit Kriegsbemalung präsentieren oder eine abgespeckte Version von Corpsepaint auffahren, was ich persönlich noch peinlicher finde. Black Metal war und ist eine Kriegserklärung an die gesellschaftlichen Werte und Normen. Diese Musik ist meiner Meinung für den Underground bestimmt.“

© Markus Eck, 24.10.2003

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