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Interview: TRAIL OF TEARS
Titel: Psychotische Geschichten

Eine der allergrößten skandinavischen Gothic Metal-Hoffnungen an sich waren diese künstlerisch recht eigenwilligen Norweger von Anbeginn ihrer Existenz an, welcher auf 1994 datiert ist. Mit ihrem neuesten Dramatikausstoß „Free Fall Into Fear“ verlässt die siebenköpfige Tränenkolonne allerdings erstmals bisher erschlossene Gefilde.

Der zuvor noch oftmals großklangliche orchestrale Bombast der älteren Arrangements wurde hin und wieder harsch in seine Schranken verwiesen, was nun so einigen sehr düsteren und auffallend aggressiven Gestaltungselementen gesteigerten Entfaltungsspielraum ermöglicht. Gravierende Neuerungen bei den norwegischen Seelendieben also, die bereits mit dem diesmal überaus morbid und beängstigend surrealen anmutenden Frontcover dieses vierten Studioalbums vorab bereits ganz bewusst angedeutet werden.

Wo zuvor noch leicht bekleidete Schönheiten wie auf dem 2000er Album „Profoundemonium“ Aufmerksamkeiten für die damit verpackten Musikspektakel von Trail Of Tears erzwangen, prangt nun eine schwer an den weltberühmten Schweizer Avantgardisten Giger erinnernde Albtraumgrafik.

Für Sänger Ronny Thorsen stellen die aktuellen stilistischen Geschehnisse eine auf vollkommen natürlicher Basis vollzogene Weiterentwicklung dar. Er bezieht Stellung.

„Die vorhergehenden beiden Album-Covers waren Ideen unseres Labels. Nun haben wir die Sache erstmals wieder selbst in die Hand genommen und uns von der talentierten deutschen Künstlerin Katja Piolka ein Cover-Artwork anfertigen lassen, das perfekt zu unserer neuen Stilistik passt.“

Ein gutes Stichwort liefert der Sänger damit, schließlich scheinen die Zeiten entrückt klingender, sehnsüchtig emotionaler Gothic-Hymnen vorerst bei Trail Of Tears vorbei zu sein. Ronny legt dar:

„Wir planen natürlich vorab niemals, wie unsere neuen Lieder klingen sollen beziehungsweise ein neues Album werden soll. Obwohl, die typischen Trail Of Tears-Trademarks sollen auf jeden Fall immer darin enthalten sein. Da ich und die anderen eine Menge neuer Favoritenbands wie beispielsweise alte Samael wieder für uns entdeckt hatten, wollten wir die nächsten Lieder um einiges direkter, simultan etwas härter und vor allem viel aggressiver werden lassen. Gerade Samael gefielen uns schon immer sehr gut, ihre enorm dunkle Aggressionsvielfalt fasziniert uns noch heute über alle Maßen.“

Wer nun daraufhin entsprechend mutmaßt, unsere beständigen norwegischen Gotikstahlhelden hätten sich von diversen moderneren Populärgruppen des härteren Musikmetiers stilistisch auf die eine oder andere Art vereinnahmen lassen, irrt. Beinahe typisch für viele Musiker aus dieser Region mutet Folgendes an:

„Ich selbst habe noch nicht einmal die Möglichkeit, mir irgendwelche brandneuen Songs aus dem Netz zu saugen, da ich nicht über einen privaten Internetanschluss verfüge. Bei den anderen verhält sich dies nicht viel anders. Wir hören uns daheim eigentlich genau genommen nur die Sachen an, die wir auf erworbenen Tonträgern besitzen. Infos über das neuere Zeug aus unserem Genre holen wir uns aus Magazinen oder erfahren von Freuden davon. So großartig kümmern wir uns nämlich nicht um den ganzen Musikzirkus da draußen. Und das hat sein Gutes: Denn dadurch bleibt man unbewusst eigenständig und die Kreativität entwickelt eine individuelle, ganz persönlich ausfallende Eigendynamik. Aber davon abgesehen, sind wir als Songwriter sowieso niemals auf der Suche nach direkten Inspirationsquellen. Bei uns geschieht das immer eher unterbewusst, was meiner Meinung nach auch die qualitativ ergiebigere Variante darstellt.“

An sämtlichen Liedern für die neue Dramenplatte wurde kontinuierlich geschrieben, so haben ein paar davon schon einige Zeit auf dem Buckel. „Ja, das Komponieren gestaltet sich bei uns als ständiger fortlaufender Prozess. Jede Impression, jede noch so kleine Idee wird gesammelt und notiert beziehungsweise während der Proben vorgetragen.“

Keyboarder Frank Roald Hagen sowie Lead-Gitarrist Runar Hansen trugen laut Ronny den Löwenanteil am Songwriting bei. „Der Rest der Band zeigte sich aber auch nicht untätig. Dieses Mal verwendeten wir jedoch mehr klaren Männergesang, im selben Zug weniger Frauengesang. Letzteres liegt auch daran, dass unsere langjährige Sopransängerin Cathrine Paulsen uns 2003 verlassen hat. Denn als wir Kjetil Nordhus, den Lead-Vokalisten von der Avantgarde Doom Metal-Truppe Green Carnation als zweiten Sänger in die Band holten, und er vom Fleck weg einiges an neuen Ideen einbrachte, steigerten sich die ohnehin zu diesem Zeitpunkt bereits schwelenden musikalischen Meinungsverschiedenheiten mit Cathrine zusätzlich hoch. Alle von uns spürten dies. Es war nicht gerade sehr angenehm, wie man sich vorstellen kann, was sich da damals abzuzeichnen begann. Als wir dann immer mehr und mehr tourten und tage- beziehungsweise wochenlang zusammen auf all den Straßen unterwegs waren, schied sie schließlich bei Trail Of Tears aus. Aktuell griffen wir daher auf eine eingesprungene Gastsängerin zurück, die einige wenige Parts für das neue Album beisteuerte. Diese massive Reduktion an weiblichem (Sopran)Gesang passt doch ohnehin sehr viel besser zu dem momentanen musikalischen Feeling bei uns, da sind wir uns einig.“

Besagter kurz geschorener Kjetil, ein gleichfalls überaus wuchtiger wie auch sehr sympathischer Zeitgenosse, agierte jedoch auch schon vor solcherlei einschneidenden Ereignissen als inoffizielles Bandmitglied an der Seite von Trail Of Tears, so Ronny:

„Er ist über all die Jahre ein sehr guter Freund von uns geworden, und das nicht nur rein auf musikalischer oder künstlerischer Ebene. Denn Kjetil ist – nicht nur gesanglich gesehen – ein echtes Multitalent und ein charakterlich außergewöhnlich edler Menschentypus dazu. Er lieferte bereits für sämtliche unserer Vorgängeralben immer wieder hervorragende kompositorische sowie vokaltechnische Ideen ab, welche wir überwiegend nur zu gerne in unsere Songs einfließen ließen. Die Zusammenarbeit mit ihm bereitete mir und den anderen daher seit jeher ein ausgeprägt hohes Maß an Freude und innerer Zufriedenheit. Kjetils ebenso ausdrucksstarke, charismatische wie hochprägnante Baritonstimme verleiht unseren Kreationen schließlich eine gehörige Portion an Eigenständigkeit und bisweilen sogar Unvergleichlichkeit. Auch vorne auf der Bühne setzt sich Kjetil bestens neben mir in Szene, was jeden unserer Gigs enorm bereichert.“

Letzteres kann vom Verfasser dieser Zeilen vollauf bestätigt werden, der Trail Of Tears im November 2004 in München bei einem ihrer Konzerte mit Tristania bewunderte.

Merklich zu spürendes Selbstbewusstsein macht sich danach in diesem Kontext bei meinem Interviewpartner breit. Mit dem Brustton voller Überzeugung entfährt es ihm gleich darauf:

„Wer uns auf diesen Shows gesehen hat und sich von unserer Performance ausreichend überzeugen ließ, dem wird sicherlich auch `Free Fall Into Fear` zusagen.“ Möglich. Fest steht jedoch: „Wir sind ohnehin schon immens neugierig, wie sowohl alte als auch neue Hörer auf unsere Neue reagieren werden. Wir erwarten uns jedenfalls in erster Linie unterschiedlichste Resonanzen. Man wird sehen.“

Das letzte Trail Of Tears-Album aus dem Jahr 2002, „A New Dimension Of Might“, wurde bekanntlich von Terje Refsnes in seinen berühmten Soundsuite Studiohallen klanglich aufbereitet. Dieses Mal sollte jemand anderes die Regler der Mischpulte drehen. Doch im heimatlichen norwegischen Dub Studio lief nicht alles exakt so ab, wie es eigentlich ursprünglich von den Beteiligten geplant war.

„Wir wählten genau dieses nicht ganz so zahlreich frequentierte Studio extra aus, um einen sich von unseren älteren Produktionen völlig abhebenden Sound für das aktuelle Album zu bekommen. Hier nahmen auch schon solch unterschiedliche Formationen wie beispielsweise Green Carnation, Blood Red Throne oder auch Carpathian Forest auf. Uns gefallen die unterschiedlichen, speziellen Produktionen, die jede Band vom Dub Studio verpasst bekam.“

Aber die schon zu einem früheren Zeitpunkt anvisierte Veröffentlichung von `Free Fall Into Fear` erlitt leider genau durch diese Insider-Soundwerkstätte eine nicht unerhebliche Verzögerung, was laut Ronnys Berichterstattung mitunter immens an den Nervensträngen aller Beteiligten zerrte.

„Wir starteten die Aufnahmen ja eigentlich schon im Mai 2004 und wollten dann gleich zu Anfang April mit allem fertig sein. Doch es taten sich nach und nach immer mehr Probleme mit den technischen Möglichkeiten dieses Studios auf. Auch der dortige Produzent hatte mit diversen Schwierigkeiten zu kämpfen, nicht nur, was sein Equipment anging. Daraus resultierten nicht wenige Spannungen, die uns allen das Arbeiten erschwerten. Doch wir kämpften tapfer für brauchbare Ergebnisse. So waren wir zum Schluss ehrlich gesagt heilfroh, dass letztendlich dann doch noch alles nach unseren Vorstellungen im Kasten war.“

Das ziemlich angeregte Zwiegespräch tendiert im Folgenden zu den lyrischen Inhalten der auf „Free Fall Into Fear“ enthaltenen Kreationen.

Wie der Sänger, der laut eigener Aussage circa 80 % der Zeilen dafür verfasste, hierbei ausführt, wird eine zusammenhängende textliche Konzeption auf dieser Scheibe vergeblich gesucht werden.

„Jedes Lied spricht völlig für sich selbst, obwohl alle neuen Songs bestens vom Titel des Albums überdacht werden. Die Stücke sind eine Ansammlung obskurer, psychotischer Geschichten aus meiner ureigenen Gedankenwelt. Ich verwerte eigentlich alles, was mir im täglichen Leben so widerfährt und mich in irgendeiner Weise berührt, und gebe diese Anreize auf meine eigene düstere Art textlich wieder.“

Und dafür nahm der gute Ronny einiges auf sich. So isolierte er sich eine ganze Weile komplett von der Außenwelt ab, wie der Frontmann recht freiherzig offenbart.

„Zwei Wochen lang verschanzte ich mich in einem sehr kleinen Haus in der Abgeschiedenheit mit so einigen Flaschen guten Weines, um dabei vollkommen zu mir selbst und meinen innersten Wünschen, Sehnsüchten, Freuden, Ängsten, Aggressionen und so weiter zu finden. Immer tiefer steigerte ich mich dabei in mich selbst hinein, ich tat dort ehrlich gesagt eigentlich nichts anderes als nachzudenken und dabei zu trinken. Oder umgekehrt. Ohne mich zuviel zu bewegen. Geschweige denn zu rasieren, zu waschen oder Ähnliches. Das war eine sehr intensive Selbsterfahrung. Ich entdeckte so eine ziemlich ausgeglichene Balance zwischen positiven und negativen Aspekten meines Geisteshaushaltes, was mir immens gut getan hat. Danach war ich komplett mit mir selbst im Reinen. Eine unvergleichliche Erfahrung für mich.“

Einige prägende Erlebnisse widerfuhren vor nicht allzu langer Zeit auch der Band selbst, wie anhand freudig geschilderter Konzertaktivitäten zu erfahren war. Der Vokalist blickt zurück:

„Nach der 2002er Veröffentlichung unseres letzten Albums ´A New Dimension Of Might` tourten wir 2003 sehr ausgiebig durch ganz Europa. Aber auch erstmalig nach Mexiko führten uns die ausgedehnten Tourpläne unseres Labels. Es war für uns im positiven Sinne schockierend zu erleben, wie fanatisch und begeisterungsfähig die Besucher dort agierten. Wir erwarteten uns aufgrund aus diesem Bereich eingegangener Fanpost ja so einiges, aber dann wurden unsere kühnsten Erwartungen noch übertroffen. Äußerlich unterschieden sich die Besucher unserer dortigen Konzerte eigentlich nicht von denen bei uns hier in Europa, aber den Mexikanern sagt man ja auch nicht umsonst nach, Feuer im Blut zu haben. An zweiter Stelle in Sachen Begeisterung steht Montreal, Kanada. Dort ging auch ordentlich die Post ab. Letztendlich absolvierten wir insgesamt weit über 100 Shows, um ´A New Dimension Of Might` bestmöglich zu bewerben, also nicht gerade wenig für eine Gothic Metal-Band unseres Kalibers.“

© Markus Eck, 03.02.2005

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