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Interview: TRISTANIA
Titel: Schonungslos offen


Was für eine Wandlung! Einst als hoch erlauchte Stil-Majestäten mit ästhetisch dominiertem Gothic Metal-Gigantismus weltberühmt geworden, zeigen sich diese Norweger nun von ihrer bislang wohl harschesten Seite. Vom schwärmerisch-verspielten und erhebend prunkvoll arrangierten Sehnsuchts-Sound der Anfänge ist auf dem neuen Album „Darkest White“ herzlich wenig übrig geblieben.

Vielmehr offenbart diese neue Veröffentlichung eine außergewöhnlich beharrliche Dark Metal-Formation, die dem erdrückend düsteren Zeitgeist ebenso desillusioniert wie entschlossen Entsprechung verleiht. Nicht unterschlagen wird von den in Stavanger stationierten Urhebern dabei, dass sie ihren Kreationen trotz aller musikalischen Eigenwilligkeit gerne noch immer eine große Dosis Emotionalität injizieren.


„,Darkest White‘ ist wohl am allerbesten als ein kompromissloses Metal-Album mit starken melodischen und atmosphärischen Elementen zu erklären. Ein Werk, welches direkt in das Herz des Hörers zielt und ihn auf einer gefühlvollen Ebene mit einbezieht. Was den Leuten dabei als erstes auffallen dürfte, ist der kraftvolle und raue Sound der Songs, mitsamt der wirklich heftigen Produktion. Wer sich tiefer in die Scheibe reinhört, wird eindeutig feststellen, dass sich besagte grundsätzliche klangliche Attitüde in allem wieder findet, seien es die Lieder selbst, die Lyriken etc. Der Grundtenor des Albums ist dunkel und verstörend, doch wir ließen auch Raum für ruhige Schönheit und diverse erhaben kraftvolle Elemente“, legt Ole Vistnes dar, seines Zeichens Bassist bei Tristania.

Daher benennt der Mann den größten Unterschied zum Vorgängeralbum „Rubicon“ auch damit, dass das neue Werk dunkler und kantiger geworden ist. Wir erfahren:

„Das Ganze kommt weniger poliert daher. Ebenfalls konfrontieren die neuen Nummern mehr, was es ziemlich schwer macht, davon unberührt zu bleiben. ,Darkest White‘ fordert einem als Zuhörer ganz einfach auf sehr eindringliche Art ein Statement dazu ab, egal, ob man nun lieber in die Mystik und kapernde Dunkelheit des Materials eintaucht oder ob man sich der Aggressivität und brutalen Ehrlichkeit widmend hingibt. Um die Stücke und die darin verknüpften Einzelheiten umfassend zu entdecken, muss allerdings auch sehr viel tiefer darin gegraben werden, als es auf dem letzten Album der Fall war. Im Gegensatz zu ,Rubicon‘ und dem davor veröffentlichten ,Illumination‘ verlangt der Inhalt von ,Darkest White‘ also um einiges mehr von den Hörern. Manche Songs mögen einen sofort treffen, mit dynamischen und zielgerade fahrenden Riffs sowie griffigen Vocals. Doch die wahre Natur des Albums ist für diejenigen gedacht, die sich vorzugsweise nicht auf die Schnelle damit abgeben möchten.“

Damit offenbaren sich die Norweger Dunkelmetaller nicht nur als so einigen Abgründen nah auf der Spur.

Sondern simultan zeigt sich die skandinavische Sinnsucher-Combo auch weiter vom einstigen originären Stil entfernt als je zuvor.

Ole konstatiert zu diesem Kontext mit unumwunden gezeigter Bestätigung:

„Das gestaltete sich tatsächlich als natürlicher Entwicklungsprozess, der seinen Lauf aus so einigen Gründen heraus nahm. Hauptsächlich basiert es aber darauf, dass wir schlicht gesagt einfach allesamt mit der Zeit älter geworden sind. Es wäre doch etwas seltsam, wenn ein Haufen Mittdreißiger haargenau den selben Sound kreieren würde als damals als späte Teenager, oder? Sekundär trugen meiner Ansicht nach die Besetzungswechsel zur Veränderung im Klangbild von Tristania bei. Jedes neue Mitglied brachte schließlich auch irgendetwas Neues auf den sinnbildlichen Tisch, an dem wir zusammensitzen und unsere Lieder machen. Sei es eine gewisse Stimmung, ein spezielles Gefühl oder eine konkrete musikalische Einflussnahme.“

Der eigentlich Kern von Tristanias musikalischer Seele hielt sich über all die Jahre trotzdem gut intakt, so der Bassist.

„Einzig der Weg, wie sich das Ganze letztlich in Lieder und Bühnenpräsenz materialisiert, hat sich mit der persönlichen und musikalischen Weiterentwicklung der Bandmitglieder über die Zeit geändert, wie ich finde. Keinesfalls nehmen wir jedoch die Historie und das Vermächtnis von Tristania auf die leichte Schulter. Wir sehen und erachten alles Neue in der Band daher immer in größerem, oft auch resümierendem Umfang.“

Aufgrund dessen kauft man es dem Mann auch mühelos ab, wenn er im Weiteren von „persönlicher Zufriedenheit“ spricht, die er mit „Darkest White“ einmal mehr erreichen konnte. Für den eigenen Frieden sozusagen:

„Um diesen eigentlichen künstlerischen Geist des inneren Friedens ging es bei Tristania ohnehin schon seit jeher. Frieden, um Grenzen in bisher unbetretene Territorien überschreiten zu können. Frieden, um stromaufwärts schreiten zu können. Frieden, um entspannt zurückzuschauen. Frieden, um sich selbst gewissermaßen ,neu erfinden‘ zu können. In diesem Bezug macht auch der neue Release keinen Unterschied zu den Vorgängeralben. So nutzen wir die Band auch gegenwärtig vollauf, um uns in möglichst vielen Belangen bestmöglich auszudrücken. Tristania stellt für uns alle die beste Arena dar, um uns künstlerisch vielfältig zu verwirklichen.“



Aus gegebenem Anlass bewegt sich die Direktive des Dialoges sogleich in Richtung der neuen Songtexte. Ole umfasst das Ganze realistisch mit deutlichen Worten, von Selbsttäuschung weit entfernt:

„Generell erfassen die Lyriken aufwühlende Themenbereiche wie konfuse Todeswünsche beziehungsweise das damit verbundene Verlangen nach einer besseren Welt auf der ,anderen‘ Seite des Daseins. Auch Angst vor dem Unbekannten wird besungen sowie der dringliche Wunsch, das Unveränderliche beeinflussen zu wollen. Doch auch spezifische Gefühlsreaktionen des Schmerzes, der Frustration und der Hilflosigkeit, wie man sie beispielsweise beim Entdecken der eigenen individuellen Grenzen im Leben vorfindet, hielten Einzug in die neuen Tracks.“ 


Auch das beklemmende Empfinden beim tiefsten Nachdenken über die eigene Sterblichkeit fand Verwendung dabei, so der Tieftöner.

„Sozusagen überdachend war beim Erarbeiten der Texte die grundsätzliche Überlegung, dass wir uns allesamt unweigerlich einem Ende nähern. Und wenn nicht dem der Welt, dann dem jeweiligen Enden unserer Jugend, dem unserer Beziehungen, unserer Leben. Wir Menschen sind eben ohne Ausnahmen verflucht dazu, dem mittellos entgegensehen zu müssen. Die Menschheit scheint tatsächlich noch immer nichts von dem gelernt zu haben, was wirklich zählt im Leben. Viele Fragen und Gedanken gehen mir immer wieder durch den Kopf. Jeder will möglichst frei sein, doch das Suchtverhalten in immer mehr Formen steigt stetig an. Jeder will unabhängig sein, doch die Unterwerfung wird immer stärker und auch vielfältiger. Drogen, Alkohol, miese Zwischenmenschlichkeit, Eifersucht, Eitelkeit, Selbstsucht, Machtspiele, Korruption und Missbrauch von Religion - ich persönlich erwarte mir gelinde gesagt nicht gerade viel Gutes von der globalen Zukunft.“

Das neue Album „Darkest White“ zeigt also mit deutlich düsterkalt gehaltener Grundnote auf, was diese Musiker unter dem einst für erlaucht prunkvollen Symphonic Gothic Metal stehenden Bandnamen haben gedeihen lassen.

So äußert die sechsköpfige Formation aus dem norwegischen Stavanger ihre künstlerische Direktive auf dem aktuellen Dreher über eine ebenso kantig stoßende wie zuweilen nicht wenig verstörende Dark Metal-Stilistik. Und dass von der früher so berauschend schöngeistigen Opulenz alter Tage nicht mehr viel übrig geblieben ist, das hat bei Tristania seinen Grund.

Denn, wie Tieftöner Ole Vistnes bereits vorhergehend hinsichtlich lyrischer Ausrichtung der aktuellen Veröffentlichung bereits eindeutig klargemacht hat, sehen er und seine Band der globalen Zukunft nicht gerade mit der rosaroten Brille entgegen.


„Auf ,Darkest White‘ dreht es sich dennoch nicht um Wut oder Hass. Vielmehr geht es uns darum, Augen und Herzen für die dunkle und verstörte Realität des Daseins auf dieser Welt zu öffnen. Das Leben kann so rabiat und mitleidlos sein, es kann bedeutungslos oder leer erscheinen. Wir versuchen mit unseren neuen Songs nicht, Behebungsanleitungen für all die Fehlerstellen zu geben oder irgendwelche Antworten zu liefern. Aber ich glaube, dass die Entdeckung der Dunkelheit entscheidend notwendig dafür ist, die Mysterien des Lebens besser beziehungsweise tiefer ergründen zu können“, diktiert der Bassist dem Autoren in den Block. 


„Nun befürworten oder bewerben wir als Musikgruppe nicht unbedingt die absolute Dunkelheit, sondern wir quittieren sie lediglich in vielen Aspekten des Lebens, so möchte ich es benennen. Ein Leben im Schatten des Todes kann ein Leben voller Bedeutung sein. Die menschliche Existenz erscheint einem doch sehr viel realer, wenn man sich ganz bewusst vergegenwärtigt, dass faktische Gefühlsebenen wie beispielsweise Schmerz, Leere, Einsamkeit und Angst allesamt wichtige Facetten des Seins darstellen.“

Er knüpft noch kurz daran an: „Niemand von uns kann das ignorieren, davor davonlaufen oder sich davor verstecken. Wir bringen derlei Aspekte in unseren neuen Kompositionen zum Vorschein. Und wir erinnern uns und unsere Hörer somit daran, dass sich das Dasein im ständigen Kontrast zwischen Dunkelheit und Licht abspielt. Die menschliche Natur spürt dies am allermeisten und nachhaltigsten, wenn sie von einem zum anderen gerät.“

© Markus Eck, 16.05.2013

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