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Interview: VANITAS
Titel: Künstlerischen Zwängen abgeneigt

Vom stark barock geprägten und orchestral üppig arrangierten Stil ihrer ersten beiden Alben „Das Leben ein Traum“ und „Der Schatten einer Existenz“ haben sich diese schwarz gekleideten Österreicher vorerst verabschiedet, wie es scheint.

So offenbart ihre neue Hörstunde „Lichtgestalten“ eher avantgardistisch anmutenden Melodic Dark Metal, dessen künstlerische Nuancen wohl variantenreicher denn je ausgefallen sind. Andreas Schärfinger hat sich nicht nur als Sprachrohr seiner routinierten Zwielichtskapelle etabliert, erneut entlockt der Grollbarde seiner sechssaitigen Edelholz-Braut daneben eine hörenswerte Vielfalt an beeindruckend fingerfertigen Tonfolgen.

„Wir hoffen mit diesem Release einen Schritt nach vorne zu machen und den Bekanntheitsgrad von Vanitas weiter steigern zu können. Die bisherigen Reaktionen auf das neue Album waren bei den Gigs auf der vor kurzem abgehaltenen Tour durch Deutschland recht positiv, sodass ich mir doch einiges erwarte“, gibt der von Freunden kurz „Schärfi“ genannte Alpenrepublikaner zu Anfang hoffnungsvoll vor.

„Eigentlich sind wir alle sehr zufrieden mit dem Ergebnis des aktuellen Werkes. Ich glaube, dass wir uns selten zuvor so einheitlich innerhalb der Band mit dem Geschaffenen identifizieren konnten. Das merkt man vor allem auch auf der Bühne, wenn man sieht wie sehr alle in den neuen Stücken aufgehen und die Musik so richtig leben. Es war ein relativ langwieriger Prozess im Vorfeld der Aufnahmen zu `Lichtgestalten`, somit sind wir jetzt umso glücklicher mit dem Resultat.“

Primär im privaten Bereich hat sich bei allen Mitgliedern sehr viel verändert, wie Schärfi mitteilt.

„Ich für meinen Teil habe in der Zwischenzeit mein Studium abgeschlossen, meine langjährige Freundin geheiratet, meinen Alltagsjob gefestigt usw.“

Dass dabei die Musik ein wenig auf der Strecke blieb, hing aber eigentlich gar nicht so sehr mit den privaten Veränderungen zusammen. „Es war so, dass wir uns am Beginn des Prozesses zum Songwriting extrem schwer getan haben. Wir hingen irgendwie ziemlich in der Luft und waren ein wenig planlos, wie wir klingen wollten. Wenn man sich soviel Gedanken macht, geht natürlich erst recht nichts weiter. Dann hatten wir auch noch das Problem mit der Suche nach einem neuen Gitarristen, mit der wir einige Zeit verloren haben. Irgendwann haben wir dann geplant, mit dem weiterzumachen, was uns gerade einfällt – ohne uns nun groß Sorgen zu machen, ob das Material denn auch ankommen wird.“

Das kauft man dem Gitarristen ohne zu zögern gerne ab, denn genau so klingt das neue Album von Vanitas simpel gesagt auch. Dieser dazu: „Ich glaube, dass wir im Nachhinein betrachtet, die richtige Wahl getroffen haben, in dem wir uns auf unseren Instinkt verlassen haben. Die neuen Stücke klingen spontaner und mehr aus dem Bauch heraus.“

Wie im Weiteren überraschender Weise in Erfahrung zu bringen ist, hat mein Gesprächspartner schon immer Probleme mit der Kategorisierung „Gothic Metal“ für die Musik seiner Band gehabt.

„Das lag liegt und liegt daran, weil es unserem breiten Spektrum an Einflüssen nicht gerecht wird. Auch wenn ich an Bands wie Tristania oder alte Theatre Of Tragedy denke, kann ich eigentlich nicht wirklich viele Parallelen entdecken. Unsere Wurzeln sind viel deutlicher im klassischen Metal auszumachen. Dennoch kann man den Begriff wohl als grobe Beschreibung gelten lassen. Wir sind melodiös, haben Keyboards und Frauengesang dabei. Schon klar, dass da der Begriff Gothic Metal zwangsläufig ins Spiel kommt. Persönlich finde ich den Begriff Dark Metal jedoch etwas passender, weil es unsere harte Ausrichtung besser zur Geltung bringt. Auf der neuen CD klingen wir moderner, teilweise härter, aber dennoch immer noch nach Vanitas. Mag man es nennen, wie man möchte“, beschließt ein angenehm auffallend freundlicher Schärfi diesen Kontext.

Der von ihm schon angesprochene lange Entstehungsprozess der neuen Stücke beziehungsweise vor allem die Selbstfindung in musikalischer Hinsicht bringt auf „Lichtgestalten“ eine stilistisch bunte Mischung mit sich. Er legt dar:

„`Lichtgestalten` ist wohl unser bisher abwechslungsreichstes Album. Wir haben ja immer schon großen Wert auf Eigenständigkeit gelegt. Ein kontrastreicher Stil war und ist uns besonders wichtig. Die Mischung aus schönen Melodien, schnellen, harten Passagen sowie `kranken` Texten und Ideen ist auf dem aktuellen Album noch ein wenig ausgeprägter, als auf unseren bisherigen Werken. Wir haben uns keinerlei künstlerischen Zwängen unterworfen, sondern gemacht, was im momentanen Augenblick Vanitas für uns alle darstellt.“

Der nachfolgende Verlauf unseres Dialogs dreht sich darum, ob das neue Produkt der Österreicher die musikalische Direktive für die Zukunft vorgibt. So ist zu erfahren:

„Jedes Vanitas-Werk eröffnet unsere musikalische Richtung für zukünftiges Schaffen, selbst wenn der Nachfolger dann völlig anders klingen sollte. Ich meine damit, dass wir ohne das Vorgängeralbum `Der Schatten einer Existenz` niemals ein Album wie das aktuelle machen hätten können. Irgendwie haben wir mit der letzten Scheibe unsere Grenze erreicht, was die bombastisch-orchestrale Ausrichtung betrifft. Wir hätten ganz auf Nummer sicher gehen können und genau so etwas wieder machen können, allerdings wollten wir das nicht. So entstand eben `Lichtgestalten`, dass sehr wohl im typischen Vanitas-Stil gehalten ist, weil die für uns typischen Trademarks weiterhin eingesetzt werden – wie beispielsweise Streicherquartette und Sopran sowie Growl-Gesang in deutscher Sprache. Dennoch stellt es keine bloße Kopie unseres bisherigen Schaffens dar. In diesem Sinne kann man schon davon ausgehen, dass das neueste Werk die musikalische Zukunft von Vanitas beeinflussen wird.“

Mit welchen Visionen im Geist wurden die aktuellen Stücke denn komponiert? „Schwer zu sagen, am ehesten: `Erinnere dich deiner Wurzeln, aber kopiere dich nicht selbst!`. Obwohl mir das jetzt eigentlich zu aufgesetzt klingt. Wir wollten alles einfach passieren lassen und nicht wirklich planen. Den Opener der neuen CD hab ich praktisch an einem Abend fertig gestellt. Ich habe mich zu meinem Computer gesetzt, im Musikprogramm auf Aufnahme gedrückt und ein paar Riffs heruntergezockt. So kam ein Teil auf den anderen. Als das Stück fertig war hab ich es ganz grob abgemischt und bei der nächsten Probe den Kollegen vorgespielt. Die Visionen und die Feinarbeit am Album kamen erst später, als ich die Texte geschrieben habe und wir mit dem Feinschliff an den Arrangements zu arbeiten begonnen haben.“

Mit dem Titel „Lichtgestalten“ wollen Vanitas ausdrücken, was Teil des Konzeptes ihres neuen Albums ist. „Die Stücke sind teilweise auf den ersten Blick recht positiv ausgefallen. Beispielsweise im Stück `Lebenslauf` kommt im Refrain die Textzeile `parallel zum Weg, mit dem gleichen Ziel` vor, womit gemeint ist, dass zwar alle Menschen irgendwie ähnliche Ziele haben, aber auf unterschiedliche Weise dort hingelangen. Wie schon angesprochen, hat sich in meinem privaten Umfeld einiges verändert und dennoch fühle ich mich nicht als Teil der `seriösen Masse`. Irgendwann in meinem Leben bin ich einen Schritt herausgetreten aus der Reihe und bewege mich seit da an auch auf dieser `parallelen Linie`. Mit dem Text möchte ich sagen, dass es so etwas wie den vorbestimmten Weg nicht gibt, sondern dass man sich seinen Weg selbst macht. Fast alle Texte auf dem neuen Album beziehen sich in gewisser Weise aufeinander und es wird immer wieder auf andere Texte verwiesen. Die Kernthemen sind Freiheit, Licht, Macht und spielerische Ansätze des Lebens. Man kann wirklich sehr viel selbst hinein interpretieren und ich lasse ganz bewusst einige Fragen offen, damit jeder die Antworten für sich selbst überlegen kann. Wenn man sich dann noch in Ruhe das aufwendig gestaltete Booklet durchsieht, wird man merken, wie viel Zeit wir in die Stimmigkeit des Gesamtkonzeptes gelegt haben.“

Abgesehen von den eben angesprochenen Themen wird auch das Thema Religion wie bei all ihren bisherigen Veröffentlichungen behandelt. Schärfi gibt hierbei zu Protokoll:

„In den Stücken `Missverstanden` und `Menschen.Gott.Maschinen` versuche ich meine Gedanken zu religiösen Fragen darzulegen. So handelt ein Text etwa davon, dass viele `gläubige` Menschen nur dann ihrem Glauben nachgehen, wenn sie etwas von Gott brauchen. Gott wird als Automat, als Maschine angesehen, in den man nach Bezahlung – dem Sprechen eines Gebetes – die Ware, die Belohnung bekommt. Meiner Meinung nach lädt der christliche Glauben ja sehr stark dazu ein. Bete und dir wird geholfen werden! Dass kaum jemand zu Gott spricht, um sich für etwas zu bedanken, ist die Auswirkung dieses Denkens. In dem Text spreche ich in ziemlich überspitzer Form auf dieses Thema an, auch deshalb, weil ich in der Vergangenheit eigentlich auch einer dieser Menschen war. Mittlerweile bin ich aber praktisch vollständig vom Glauben abgekehrt und lebe mein Leben ohne mich an etwas `Großem` im religiösen Sinne zu orientieren.“

Die anderen Texte der neuen Veröffentlichung behandeln ein großes Spektrum an Themen. „Als Beispiel vielleicht noch kurz zum Text des ersten Stückes. In `Endlosschleife` wird die Situation angesprochen, von der viele berichten, die an der Grenze zum Tod standen. Man hört ja immer wieder davon, dass am Ende das eigene Leben noch einmal wie ein Film vor einem abläuft. In einem Buch von Paul Watzlawick habe ich den Gedanken aufgeschnappt, dass dies zu folgendem Phänomen führen müsste: Irgendwann in dem gesehenen Film vom eigenen Leben kommt man zu dem Zeitpunkt, wo man stirbt und da müsste ja eigentlich der Zeitpunkt beginnen, wo dieser ominöse Film wieder beginnt, sodass man in einer Endlosschleife gefangen ist und das ewige Leben eine einzige große Wiederholung seines eigenes Lebens ist.“

Interessanter Gedankenansatz, wie ich finde. Schärfi ergänzt: „Man muss aus der Zeit in der man lebt das Beste machen. Die heutige Zeit ist natürlich – und das will ich auch in einigen der neuen Texte zum Ausdruck bringen – sehr schnelllebig und teilweise heuchlerisch und verlogen. Meinungen werden kontrolliert und vorbestimmt, weil sich viele nicht die Mühe machen, über den Tellerrand zu blicken oder sich selbst ein wenig Gedanken zu bestimmten Themen zu machen.“

Mich interessiert auch, welche Bands mein Interview-Partner neuerdings privat so hört. Und was ich mir ohnehin schon dachte, Schärfi bestätigt es:

„Was den Stil betrifft bin ich relativ flexibel und auch gar nicht voreingenommen. Meine letzte CD-Bestellung sah so aus: Backyard Babies, Slayer's `Decade Of Aggression` - weil ich die bisher nur auf Kassette hatte, und `Absolution` von Muse. Ich habe meine Klassiker wie Iron Maiden und Judas Priest, die ich mir immer wieder gern reinziehe, ich mag Slayer, In Flames, Deicide genauso wie eben Bands wie Muse oder auch Goethes Erben.“

Vanitas wollen ihre neue CD jetzt wirklich ordentlich promoten und möglichst viele Konzerte spielen.

„Vor kurzem waren wir mit Darkwell eine Woche lang in Deutschland unterwegs. Auch wenn teilweise wenig Besucher waren, hat sich diese Tour in jedem Fall ausgezahlt. Es hat einfach enormen Spaß gemacht Leute kennen zu lernen, die unsere Musik schätzen. In jedem Fall wollen wir noch öfters in Deutschland spielen und eventuell mal bei einer großen Band als Support unterkommen. Die großen deutschen Festivals im Sommer wären natürlich auch mal fein.“

Eine typische Vanitas-Show kann man sich dann so vorstellen: „Sechs Personen, die ihre Musik nicht nur spielen sondern auch leben. Besondere Outfits oder Bühnenelemente haben wir dabei nicht. Bei den kleinen Underground-Clubs ist das meistens sowohl zeitlich, als auch finanziell nicht drin.“

Langfristig wollen die Österreicher Dunkelkinder bekannter werden und sich Schritt für Schritt den größeren Bühnen nähern, womit Schärfi hier beschließt: „Dazu brauchen wir in jedem Fall mal eine ordentliche Booking-Agentur, womit wir wieder bei kurzfristigen Zielen wären. Musikalisch werden wir den gleichen Weg wie bei der aktuellen CD einschlagen: Warten, was passiert und dennoch konzentriert an neuem Material arbeiten. Wir haben ja mittlerweile auch einen neuen Drummer, der ordentlich Schwung gebracht hat und Christoph an der Gitarre konnte sich beim letzten Album auch noch nicht so ins Songwriting einbringen. Von den kreativen Einflüssen der beiden erwarte ich mir noch eine ganze Menge.“

© Markus Eck, 11.06.2004

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