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Interview: VAN CANTO
Titel: Von der Macht der Stimmen

Ein musikalisches Novum in einem mittlerweile total verkommerzialisierten Populärbereich wie Metal? Selten. Immer seltener sogar.

Doch das scheinbar Unmögliche möglich, das machen Van Canto nun erneut, und zwar mit ihrem brandneuen und dritten Album, welches wieder überraschend kernigen „Helden Metal A-capella“ bietet. Hierbei einzig mit einem konventionellen Schlagzeuger am Werk, sorgen die Beteiligten abermals lediglich mittels bestens austrainierter und voluminöser Mundkunst für recht schmissig anmutende Schwermetallklänge.

Und das einzigartige Ergebnis muss man hören um es glauben zu können! In einem Metier, in dem sonst also enorm leistungsfähige elektronische Gitarren- und Bassverstärker zum unabdingbaren „Reinheitsgebot“ zählen, erfreut sich das stimmstarke Sextett mittlerweile immer größerer Beliebtheit mit seiner individuellen Interpretation klassischer Genrevorgaben.

„Tribe Of Force“ betitelt, bietet die aktuelle Veröffentlichung der deutschen Innovatoren einmal mehr betont heroisch akzentuierten Ausnahmesound, der sich hinter der etablierten Konkurrenz beileibe nicht verschämt zu verstecken braucht.

Denn erneut zeichnet der bekannte Produzent Charlie Bauerfeind für das klangliche Endergebnis verantwortlich. Und dass der Mann sein Handwerk mehr als bestens versteht, ist hinreichend bekannt.

Für das Schaffen der Gruppe spricht auch letztlich sehr, dass Grave Digger-Urgestein Chris Boltendahl sich bereit erklärte, mit diesen virtuosen Kehlenakrobaten den ewigen Grabschaufelklassiker „Rebellion“ einzusingen – nachzuhören auf „Tribe Of Force“.

Und wer dann hier immer noch nicht genug Neuartiges erlebt hat, der kann sich sogar dem Metallica-Monstersong „Master Of Puppets“ in der ganz speziellen Van Canto’schen A-capella-Version hingeben.

Die stimmgewaltige Oktavenartistin Inga Scharf leistet ihrer Truppe allerbeste Dienste, schließlich verfügt sie über ein immens belastbares Organ.

Für mich hingegen nutzt sie es, um im Interviewgespräch Details zur neuen Platte zu beleuchten.

„Die Frage danach, wie man dazu kommt, solcherlei Klänge zu kreieren, wurde uns bislang relativ häufig gestellt. Und ich habe bereits dermaßen vielfältig dazu berichtet, dass ich manchmal gar nicht mehr so genau weiß wie das alles eigentlich seinen Anfang nahm. Ursprünglich hatte unser Sänger Stef [Stefan Schmidt; A.d.A.] die zugrunde liegende Idee zu Van Canto. Was mich betrifft, ich wollte so etwas in der Art eigentlich immer schon gerne machen, denn mir ging es seit jeher nicht anders wie vielen Fans auch: Wer Metal gerne hört, singt auch immer wieder sehr gerne mal mit. Und ich hatte schon vergleichsweise früh fast alles mitgesungen, nicht selten sogar E- und Bassgitarren. Wie alle anderen bei uns in der Gruppe sang ich zuvor bereits in anderen Bands, bis ich irgendwann von Stef zu einem Vorsingen für Van Canto eingeladen worden bin. Stef war von Anfang an ohnehin der Dreh- und Angelpunkt bei Van Canto. Als ich von der wirklich ungewöhnlichen Idee an sich das erste Mal hörte, habe ich ziemlich lachen müssen, wie ich ganz ehrlich zugebe – denn ich konnte mir so etwas in der Art ja zunächst mal überhaupt nicht vorstellen. Vor allem war es mir anfangs noch ein Rätsel, welche Position ich in der Band denn überhaupt einnehmen sollte beziehungsweise welches Instrument ich mit meiner Stimme imitieren sollte“, skizziert Inga resümierend ihren Werdegang innerhalb der immer erfolgreicher werdenden A-capellaner.

„Die größte Schwierigkeit schien mir dabei von Anfang an, dass ich als einzige Frauenstimme bei Van Canto alle höheren Tonbereiche abzudecken beziehungsweise wiederzugeben hatte, zu welchen die Jungs bei uns schon allein aufgrund ihrer Stimmbandanatomien nicht imstande sind. Doch mittlerweile habe ich nach einiger Zeit des Ausprobierens, Trainierens und Übens meinen festen und gut besetzten Platz in der Band gefunden. Man wächst da automatisch rein, wie ich gemerkt habe. Und ich fühle mich auch sehr wohl mit den künstlerischen Möglichkeiten die ich hierbei habe. Letztere konnte ich auch für `Tribe Of Force` hervorragender denn je ausloten.“

Doch ein vertrautes Metal-Instrument imitiert Frau Scharf letztlich bei Van Canto auch auf der neuen Albumveröffentlichung nicht, wie sie weiter zu erzählen weiß.

„Neben meinem Gesang stimme ich auf `Tribe Of Force` auch wieder Töne an, die man wohl vom Klangbild her als `Keyboard-Passagen` umschreiben könnte. Für die jeweilig tieferen und höheren Gitarrenimitierungen samt dem speziellen `Distortion`-Effekt sind Stef und Ross Thompson mit ihren `Rakkatakka`-Tonlagen zuständig. Ich würde das sowieso nicht hinkriegen. So hat jeder bei uns seinen auf ihn zugeschnittenen Platz“, expliziert sie.

Das eingangs erwähnte Novum besteht im Falle Van Canto beziehungsweise einer A-capella Metal-Band sogar auf gesamtglobaler Ebene, wie nachfolgend von der passionierten Vokalistin in Erfahrung zu bringen ist.

„Leider sind wir in dieser Art des musikalischen Vortrags beziehungsweise dieser Vorgehensweise bislang weltweit die einzigen. Wir warten daher tagtäglich darauf, dass sich weltweit und vor allem hier in Deutschland auch andere Bands daran machen, Metal mit A-capella-Inszenierung zu kreieren. [lacht] Nicht zuletzt sehnen wir uns ja schon auch sehr nach einem gewissen informativen oder freundschaftlichen Austausch mit anderen Gruppen, welche dieselbe oder ähnliche Art von Klängen hervorbringen. Somit mussten wir uns auch für die neuen Kompositionen abermalig alles wieder von Grund auf selbst erarbeiten, können daher also für unser spezielles Tun noch immer nicht auf irgendein vorhandenes Grundwissen zurückgreifen, außer unser eigenes.“

Somit haben die tapferen Van Canto auch immer wieder aufs Neue mit massiven anfänglichen Zweifeln zu kämpfen, was ihre Sache angeht. Und dies vor allem im Live-Publikum, so Inga mit sehr unterhaltsamer spitzbübischer Anmut.

„Anfangs sind da stets diese kritischen beziehungsweise verdutzten und auch argwöhnisch bis misstrauischen Blicke, die ich von der Bühne aus im Auditorium sehen kann. Das erschloss sich mir aber erst in der letzten Zeit, denn anfangs waren wir auf den Brettern immer noch so sehr mit uns selbst beschäftigt, beziehungsweise dass wir unsere Gesänge gut hinbekamen. Doch mit der Zeit kehrte wie überall im Leben bei sich wiederholenden Tätigkeiten eine gewisse Routine ein und wir konnten unsere Gesangstechniken allesamt Stück für Stück effizient optimieren. Wie da in unseren damaligen Anfängen also die Gesichter im Publikum aussahen, dazu brauche ich wohl nicht viel zu sagen“, entfährt es ihr mit einem verschmitzten Grinsen, „doch mit der Zeit wuchsen wir sozusagen mit unseren Aufgaben und wurden gefestigter. Noch heute sehe ich daher bei unseren Konzerten am allerliebsten in die Gesichter von Leuten, die uns überhaupt noch nicht kennen – um dann genüsslich zu beobachten, wie sich ihre erst noch befremdet geprägten Mimiken meistens in anhaltendes Staunen verwandeln. Denn die allermeisten Leute `packen` wir sozusagen mit unserem lautstarken Live-Set.“

Leicht ist es laut Inga somit auch nach wie vor nicht, Van Canto mit anderen dazu passenden Bands auf Konzertreisen zu schicken. Sie stellt dazu fest: „Im Grunde genommen müsste beziehungsweise müssen es Gruppen sein, deren Fans primär sehr melodiös geprägt sind – und auch über eine gewisse Offenheit in stilistischen Fragen verfügen. Gerade auf der Gothic Metal-Schiene kann es mitunter sehr schwer sein, passende Tour-Packages zusammenzustellen. Doch auf Ablehnung sind wir bislang noch nie gestoßen, zum Glück.“

Abschließend bricht die – sich sehr sympathisch gebende – Vollblutsängerin innerhalb dieses Kontextes gerne noch eine Lanze für den in den Medien des Establishments so viel gescholtenen Typus „Metal-Fan“ an sich.

„Man unterstellt den Metallern ja immer gerne, dass sie musikalisch ach so furchtbar engstirnig sind, doch wir haben diesen angeblichen Starrsinn zu unser aller Freude noch gar nicht erlebt. Wir freuen uns jedenfalls schon riesig auf anstehende Auftritte!“

© Markus Eck, 29.01.2010

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