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Interview: VISIONS OF ATLANTIS
Titel: Erwachsener geworden

Kurz vor Jahresende 2004 sorgt dieses junge österreichische Ensemble mit seinem zweiten Album „Cast Away“ noch für einigen wohlwollenden Wirbel, und das sowohl bei Fans und Medien.

Kein Wunder: Ausnahmslos opulent arrangierte, oftmals mit operettenhafter Erhabenheit angelegte symphonische Schwermetallepen mit signifikant sehnsüchtiger Anmut sind ihr kreatives Pläsier. Die musikalische Umsetzung dieser zweifellos in allen sechs Mitgliedern tief verwurzelten Passion manifestiert sich bei Visions Of Atlantis in feinmelodischem Gothic Metal mit bis ins Detail ausgefeilten Dualgesängen, der nicht nur Nightwish-Anhängern sehr zu gefallen scheint.

Die beherzten Österreicher absolvierten zum Zeitpunkt des Interviews gerade eine umfassende Europatournee zusammen mit den niederländischen Bombast-Metallern Epica. Mit Goldkehle Nicole Bogner wissen Visions Of Atlantis eine enorm ausdrucksstarke weibliche Stimme in ihrer Mitte. Ich erwischte die Sängerin am 24. Tourtag.

Bis jetzt sind die Resonanzen von Seiten des Publikums äußerst positiv.

„Wir sind natürlich noch nicht so bekannt wie Epica und am Anfang ist das Publikum, dass uns noch nicht kennt, natürlich meistens skeptisch. Aber spätestens ab dem zweiten Song wird in der Regel ordentlich mitgerockt. Das bestätigt unser Tun natürlich und treibt uns Konzert für Konzert spielerisch und performancetechnisch enorm weiter. Vor allem in Spanien, wo wir uns auch gerade befinden, ist das Publikum sehr euphorisch und somit gestaltet sich hier jedes Konzert als wahre Freude für uns. Insgesamt gesehen konnten wir aber jeden Auftritt bis jetzt als Erfolg verbuchen“, freut sich Nicole rückblickend.

Bei denjenigen Fans, welche die Band von Anfang an kennen, zünden live natürlich erst einmal ältere Songs wie „Lords Of The Sea“ oder „The Quest“, berichtet die Sängerin.

„Aber bei `Lost`, zu dem wir ja auch einen Videoclip gedreht haben und `Last Shut Of Your Eyes` flippen meistens alle Konzertbesucher mit. `Lost` ist sehr eingängig und hat damit einen hohen Erinnerungseffekt. `Last Shut` hingegen besticht dadurch, dass es von einer Ballade in einen harten Beat umgewandelt wird und somit zu einer echten Kopfschüttelnummer wird.“

Die Aufnahmen zum Video für „Lost“ gestalteten sich recht aufwändig.

„Eine sehr interessante Erfahrung, da es ja für uns alle der erste Dreh dieser Art war. Wir waren erstaunt, wie professionell alles ablief. Es war unerwartet anstrengend. Wir drehten in einem alten, verlassenen Hotel in Laibach, wo die Filmcrew diverse Zimmer extra tapezierte und aufwändig präparierte. Der Drehtag streckte sich insgesamt über 13 Stunden Nonstop-Shooting hin, und das bei Temperaturen von circa vier bis fünf Grad über Null. Auch hatten wir insgesamt 40 Tauben am Set, was zu einigen komischen Szenen führte. Ich denke, dieses Video kann sich mehr als nur sehen lassen.“

Und sowohl mit Epica als auch der begleitenden Tourcrew verstehen sich Visions Of Atlantis hervorragend, wie zu erfahren war. „Obwohl wir uns vorher noch nie gesehen hatten halten wir bei jeglichen Problemen zusammen, sei es auf der Bühne oder im Tourbus. Leider ist aber bereits am zweiten Tag der Tour schon eine Erkältungs- und Grippewelle bei uns ausgebrochen. Was dazu führte, dass unsere Show in Köln abgesagt werden musste, da es Epica-Sängerin Simone Simons zu schlecht ging. Es blieb auch keiner von uns verschont. Jetzt ist der Allgemeinzustand aber deutlich besser.“

Dass Visions Of Atlantis nach ihrem 2002er Debütalbum „Eternal Endless Infinity“ so lange von der Bildfläche verschwunden waren, resultiert aus hinderlichen Line-Up-Wechseln. Nicole hierzu:

„Wir haben uns von Sänger Christian Stani und Keyboarder Chris Kamper getrennt. Also brauchten wir erst einmal die Zeit um geeigneten Ersatz zu finden, was uns mit Sänger Mario Plank und Tastenmann Miro Holly, die übrigens noch dazu aus unserem Freundeskreis stammen, hervorragend gelang. Danach brauchten die beiden natürlich etwas Einschulungszeit, bevor es ans Komponieren ging. Auch haben wir eine neue Plattenfirma, da unser alter Vertrag nach einem Jahr auslief. Seit Anfang 2004 sind wir nun stolzer Besitzer eines neuen Plattenvertrages.“

Visions Of Atlantis, ein Name also, welcher derzeit überwiegend geradezu frenetisch abgefeiert wird.

Wie schätzt das Sextett seine Qualitäten auf der neuen Scheibe denn selbst ein?

„Zum einen sind wir in der Zeit nach dem ersten Album erwachsener geworden, was man `Cast Away` natürlich anhört. Auch musikalisch haben wir uns alle weitergebildet. In diesem neuen Album steckt unser aller Herzblut. Wir haben allesamt mehr als 100 % gegeben und sind somit über unsere Grenzen gesprungen. Natürlich ist jeder mit irgendetwas unzufrieden und wir beurteilen unsere Fehler hart. Aber wenn man mit dem zweiten Album vollkommen zufrieden wäre, könnten wir uns ja auch nicht weiterentwickeln. Musikalische Weiterentwicklung ist jedoch oberstes Ziel von uns allen.“

Primär kritischen Hörern, die nun behaupten, Visions Of Atlantis würden sich tatkräftig am Nightwish-Boom beteiligen, um davon ordentlich zu profitieren, hält Fräulein Bogner entschieden entgegen: „Jede junge Band braucht ein musikalisches Vorbild und wir werden sicher nicht abstreiten, dass auch Nightwish bei uns im Spiel war. Aber unsere Einflüsse reichen von Bands wie Rhapsody, Helloween und Sonata Arctica bis hin zu Opern, Operetten, Musicals, Klassik und Pop.“

Und es gab laut ihrer nachfolgenden Aussage auch schon vor Nightwish vergleichbare Bands mit ähnlicher Musik, die eben nur nicht die Größe von Nightwish erreicht haben. „Auf unserem Debütalbum `Eternal Endless Infinity` hört man die Einflüsse bestimmter Bands natürlich noch heraus, aber jeder lernt zuerst von den Großen, bis sich der eigene Stil herauskristallisiert. Mit `Cast Away` haben wir diesen Schritt geschafft.“

Für die Produktion von „Cast Away“ konnte der österreichische Gothic Metal-Damenrevolver auf Hilfe von erfahrener Hand zählen. „Glücklicherweise nahm sich ein routinierter Pop- und Rock-Produzent unserer neuen Stücke an. Er konnte die Songs vom Ablauf her etwas schneller auf den Punkt bringen, ohne sie dabei an Härte verlieren zu lassen.“

Wie Nicole dann völlig unumwunden zugibt, brachten die Visions Of Atlantis-Musiker auf ganz natürliche Art und Weise diverse Einflüsse sämtlicher ihrer Lieblingsbands in „Cast Away“ ein.

Auch ließen sie sich von diversen klassischen Musikstücken oder von Sounds und Musik der 1980er Jahre beeinflussen, gibt sie hierzu zu Protokoll. Und von welchen genau?

„Das ist bei uns allen komplett unterschiedlich und wenn ich jetzt jedes Bandmitglied nach seinen unterschiedlichen Favoriten fragen würde, wäre das sicher eine viel zu lange Liste. Einig sind wir uns jedoch alle bei Bands wie Rhapsody, Nightwish und Europe. Und bei mir stehen natürlich Klassik, Opern und Musicals ganz oben auf der Liste.“

Die neuen Lyrics auf „Cast Away“ setzen sich zum Teil aus persönlich gehaltenen Texten zusammen, die metaphorisch in Fiktionen gepackt wurden, erzählt Nicole. „Aber sie sind so aufgebaut, dass sich jeder mit mindestens ein bis zwei Songs identifizieren kann und wir somit auch einen Teil der Lebensgeschichte des Zuhörers miterzählen.“

Zukunftspläne? „Wir warten gespannt weitere Reaktionen zu `Cast Away` ab. Richtig geplant ist bis jetzt noch nicht sehr viel. Wir komponieren an neuen Songs, es wird über eine Südamerikatour mit Edenbridge verhandelt und sonst arbeiten wir weiter emsig an unserem musikalischen Können und hoffen, dass wir so viele Menschen als möglich mit unserer Musik berühren können.“ Guter Vorsatz.

© Markus Eck, 21.11.2004

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