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Interview: VISIONS OF ATLANTIS
Titel: Gemeinsam nach vorne

Ihrem 2007er Album „Trinity“ folgten bekanntlich zwei sehr konträre Gegebenheiten nach: Zum einen großer Erfolg bei immer mehr Fans und unzählige Features in den einschlägigen Musikmedien, leider aber auch der schmerzliche Verlust von Sopranvokalistin und Aushängeschild Melissa Ferlaak. Letztere ehelichte kurz nach ihrem damaligen Ausstieg gleich auch noch den ehemaligen Gitarristen der Band, Wolfgang Koch, mit dem sie heute in den USA lebt. Das galt es für die restlichen Beteiligten erstmal zu verkraften.

Nachfolgerin Joanna Nieniewska schied ebenfalls wieder aus, aus gesundheitlichen Gründen, wie es offiziell heißt. Doch die aus der Steiermark stammenden Österreicher Visions Of Atlantis rappelten sich wieder auf und folgten weiter der gemeinsamen Vision: Nämlich weiterhin zusammen ihren Bombastic Epic Melodic Metal mit massiver symphonischer Konturierung zu kreieren. Mit hinzugenommen Saiten-Mitstreitern und der neuen griechischen Sängerin Maxi Nil nahm die Band in Sextettformation kürzlich das Album „Delta“ auf. Nach all den Wirren der letzten Monate waren die Beteiligten froh, mich am Freitag, den zehnten Dezember 2010 in den Münchner Dreamsound Studios für einen Studioreport endlich mit fertigen Songs begrüßen zu dürfen.

Am späten Nachmittag versammelten sich einige Schreiber also nach herzlicher Begrüßung und traditioneller bajuwarischer Verköstigung durch den neuen Bassisten Mario Lochert, welcher gleichzeitig auch einer der Dreamsound-Studiomanager ist, vor den Lautsprechern, um den neuen Kompositionen teilhaftig zu werden.

Los ging es mit dem Opener, der stimmungsvollen Introduktion „Sonar“, sehr dramatisch, sehr düster gehalten und epochal anmutend, wie ein Soundtrack aus einer aufwändigen Hollywood-Produktion.

Dann erschallte „Gravitate Towards Fatality“, ein Song, der mit druckvoll pumpender Rhythmik einhergeht und der im männlichen Gesangsbereich noch diverse Defizite aufweist. Einen sehr qualitativen Gegensatz kann Maxi hier erstmals überzeugend aufzeigen, welche sich herrlich natürlich artikuliert.

Weiter ging es mit dem Track „Elegy Of Existence“, welcher um einiges dynamischer als sein Vorgänger in der abzuhörenden Liederliste daherkam. Auf männlicher Ebene viel tiefer besungen, kann dieser Song dazu auch viel besser überzeugen.

Den Anschluss machte mit einem leider ziemlich uninspiriert wirkenden Anfang die Nummer „Black River Delta“, welche sich jedoch bei weiterem Hinhören als bislang flüssigstes Stück erweisen sollte. Leider kann auch hierin der männliche Gesang nicht für sich stimmen, während Maxi ihre Sache gut meistert. Überhaupt ist „Black River Delta“ eine Art Rockopern-Angelegenheit, in deren Mittelteil ein famoses Gitarrensolo punkten kann.

„New Dawn“ beginnt pompös, opulent erhaben und hat Schmiss und Power in einem, was hauptsächlich durch so manche Uptempo-Attacke herbeigeführt wird. Laut Auskunft der Band soll dieses Lied der Track für den kommenden Videoclip sein, den die Beteiligten am darauffolgenden Tag abzudrehen vorhatten.

Dann krachte „Where Daylight Fails“ ins Studiozimmer, eine verspielt anmutige und sehr sehnsüchtig inszenierte Ballade voller Emotionen. Erstmals zeigt Maxi hier ihre wahren Fähigkeiten, welche ganz klar am besten zur Geltung kommen, wenn sie sich so natürlich als möglich zu artikulieren weiß. Ihre Oktaven perlen hier so angenehm wie eisgekühlter Champagner in eine durstige Partykehle, was sehr gut zum griffigen Refrain passt. Leider bewegt sich der männliche Gesang erneut in nicht einmal mittelmäßigen Regionen.

Darauf folgte „Reflection“: Beginnt mit einem nachdenklich stimmenden Kriegs-Intro, dem eine wirklich sehr gute Gitarrenarbeit folgt, die hier wahre Glanzlichter setzen kann. Im Laufe der Spieldauer entfaltet der Track doch noch eingängige Facetten. An sich ein eigentlich recht aufwühlendes Stück von heftig ergreifender Anmut, dem jedoch der letzte Schliff zu fehlen scheint. Als Uptempo-Stück überrascht „Conquest Of Others“, dessen knackige und starke Rhythmik neben aufwändiger Orchestrierung und guter Melodieführung nachhaltige Akzente setzt.

Abgeschlossen wurde die neue Scheibe an diesem Tag von den Songs „Twist Of Fate“ und „Memento“, wobei besonders „Memento“ die beste Gesangsleistung von Maxi überhaupt offenbaren konnte. Ein majestätisch-operettenhafter Epik-Track, welcher mit treibender Eingängigkeit Wonnen erzeugen kann.

Direkt im Anschluss daran gewährte die liebenswerte Maxi mir noch ein kleines Interview. „Ich war ja bereits mit meiner alten Band Elysion als Sängerin aktiv, von der ich mich 2008 trennte. Als dann im Juni 2009 nach vorhergehenden Verhandlungen das Label von Visions Of Atlantis bei mir anrief und mich fragte, ob ich der Band beitreten wollte, sagte ich sofort zu. Auch bejahte ich, bereits drei Tage später zur Band zu reisen, um einige Shows mit ihnen zu spielen. Und seither habe ich eine großartige Zeit mit den Jungs“, freut sich die quirlige Maxi voller Schwung im Stimmfall.

Und rasch fährt sie fort: „Mittlerweile sind wir alle in der Band so harmonisch und fest verschweißt, dass es sich für mich anfühlt, als wäre ich in einer neuen Familie aufgenommen worden.“

Anfänglich konnte sie sich jedoch einer gewissen Nervosität verständlicherweise nicht erwehren, wie sie völlig ohne Umschweife direkt bekennt.

„Ich kannte ja niemanden persönlich von den Jungs, sie waren mir lediglich von den Fotos her bekannt! Als ich das erste Mal nach Österreich kam, um die Gruppe zu treffen, trug ich eine Unmenge Aufregung im Herzen mit mir dorthin. Doch nach einer Woche hatten wir uns schon soweit miteinander vertraut gemacht, dass ich mich sehr wohl innerhalb der Band fühlte. Wenn ich im Nachhinein tiefer drüber nachdenke, hat es sich nach dieser Woche sogar so gut angefühlt, als würde ich sie schon seit Jahren gekannt haben. Darüber bin ich unendlich froh. Mittlerweile bin ich in den lezten eineinhalb Jahren auch wohl schon das zwölfte Mal nach Österreich geflogen, es fühlt sich schon fast wie Routine an. [lacht] Für mich als Sängerin und Frontfrau stellt dieser erfreuliche Umstand letztlich auch das allerwichtigste Element bei meiner künstlerischen Tätigkeit in Visions Of Atlantis dar. Dass mich hier zuhause fühle, angenommen fühle, gemocht fühle. Wie ein gutes Zuhause eben. Perfekt.“

Denn, wie die Griechin im Weiteren zu explizieren weiß, braucht sie schon ein sehr gutes und sehr angenehmes inneres Gefühl, damit ihre Stimme sich natürlich äußern kann. „Kurz gesagt: Fühle ich mich gut in einer Band, klingt auch mein Gesang gut. Umgekehrt ist es genauso. Ich denke, dass es anderen Vokalisten auf dieser Ebene ganz ähnlich geht.“

© Markus Eck, 13.12.2010

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