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Interview: VISIONS OF ATLANTIS
Titel: Auf Gemeinsamkeit bauend

In Sachen Besetzungswechsel in den letzten Jahren doch arg gebeutelt, gaben die Österreicher bis heute jedoch niemals auf. Ganz im Gegenteil! Die Fans dankten es der beständigen Symphonic Metal-Formation vollauf, wovon vor allem der letzte Neuzugang, Sängerin Maxi Nil, nachhaltig profitieren konnte. Dementsprechend ge- und bestärkt, machten sich die Musiker vor einiger Zeit daran, Lieder für ein weiteres Album zu schreiben, den Nachfolger zur 2011er Veröffentlichung „Delta“.

Letzteres mündet nun umfangreich im neuesten Langspielwerk „Ethera“, welches den melodischen Sound der Band in ebenso schwärmerischer wie sehnsüchtiger Manier betont gefühlvoll repräsentieren kann.

„Wir haben das Album selbst ja schon vor exakt einem Jahr aufgenommen. Danach mussten und wollten wir aber noch einiges verbessern. So haben wir die Drums komplett neu arrangiert und aufgenommen sowie mehrere verschiedene Mixes von verschiedenen Studios machen lassen, um das Album letztlich in die Hände von Mika Jussila zu legen, der ,Ethera‘ in den Finnvox Studios schließlich gemastert hat“, lässt Keyboarder und Maincomposer Martin Harb rückblickend verlauten.

„Die Umsetzung des Albums war allerdings nicht aufwändiger als frühere Recordings. Ich hatte ja schon bereits kurz nach dem Release von ,Delta‘ Anfang 2011 einige neue Tracks geschrieben und im Sommer/Frühherbst 2011 war das Songwriting für ,Ethera‘ großteils auch schon abgeschlossen und wir konnten mit den Vorproduktionen beginnen. Durch den Fleiß und Einsatz der Sänger und vor allem unseres Gitarristen Cris Tian waren wir Anfang Januar 2011 bereit um ins Studio zu gehen, er und Maxi Nil haben dieses Mal auch ihre ersten Visions Of Atlantis-Songs komponiert. Somit liegt gesamt wieder ein zweijähriger Schaffensprozess hinter uns. Ich bin echt froh, das gute Stück nun unter die Leute zu bringen und die Reaktionen auch von Seiten der Presse zu lesen beziehungsweise zu hören“, verkündet der Tastenmann genüsslich schmunzelnd.

Was geht in Martin nun so alles vor, wenn er jetzt den vorangegangenen Arbeitsprozess Resümee vor seinem geistigen Auge passieren lässt? Er offenbart:

„Eigentlich ist dieser Arbeitsprozess für mich im Speziellen nun doch schon wieder eine Weile her. Ich arbeite schon seit einigen Monaten wieder an völlig neuem Material und bin auch hier schon wieder sehr weit. Deshalb fühlt sich alles in Bezug auf ,Ethera‘ momentan einfach nur entspannt und sehr gut an. Die Arbeit ist längst getan, wir sind alle letztlich sehr zufrieden mit dem Endprodukt. Napalm Records ist ebenso glücklich und das wichtigste, die Fans, bekommen in wenigen Wochen endlich wieder neues Visions Of Atlantis-Material auf die Ohren. Als wir Anfang 2011 mit ,Delta‘ zurückkamen, hatte uns selbst diese Rückkehr fast niemand mehr zugetraut. Umso schöner ist es für uns nun zu sehen, dass wir exakt zwei Jahre danach bereits drei Releases auf die Beine stellen konnten - inklusive der Maria Magdalena EP vom November 2011 -, und ebenso top vorbereitet in eine mögliche Zukunft blicken und hinarbeiten können. Aber jetzt mal alle Augen auf ,Ethera‘, es ist einfach wunderbar, bald ist es soweit, um all diese Emotionen mit den Leuten zu teilen!“

Über die aktuelle Besetzung der Band ist der Keyboarder immens froh, wie er im Weiteren entsprechend schwungvoll zu eröffnen weiß.

„Diese Besetzung war und ist genau das, was Visions Of Atlantis braucht, eine ohne Druck und Zwang funktionierende kleine Familie. Wir sind mit der Band nun an einem Punkt, der vor einigen Jahren undenkbar gewesen wäre: Alle innerhalb der Band, und sogar der engste Kreis aus ,Nicht-Bandmembers‘, die ebenso dazugehören, sind sehr gute und enge Freunde. Und wir teilen weit mehr als ,nur‘ Visions Of Atlantis miteinander. Gemeinsame Hobbys, gemeinsame Freizeit, gemeinsame Reisen innerhalb und außerhalb von Visions Of Atlantis. Und es herrscht vor allem auch immer ein offenes Ohr für jeden in der Band vor, vor allem auch wenn es mal nicht um Visions Of Atlantis geht! Das hört man, das sieht man, so etwas kann man nicht inszenieren! Wenn es diese Band nämlich morgen nicht mehr gäbe, dann wäre das alles was bleibt: Eine Handvoll Freunde, die bereits tausende gemeinsame Erinnerungen teilen!“

Bedenkt man all die in der Band vollzogenen Line-Up-Wechsel sowie diverse weitere Hürden, scheint die diesbezügliche Frage vollauf berechtigt, was die Beteiligten als Musiker bis heute primär ideell am Leben gehalten hat. Martin:


„Ich denke es ist einfach die Liebe zur Musik, sonst nichts! Wenn es Visions Of Atlantis nicht gäbe, ich würde trotzdem Songs schreiben. Und wenn die Lieder nur für mich und meinen Homerecording-PC wären, es wäre mir völlig egal. Ich nehme ja nur zum Spaß immer wieder diverse Tracks nur für mich selbst auf! Somit ist Visions Of Atlantis nichts, für das man sich extra motivieren müsste, und somit auch nichts was man zwanghaft am Leben erhalten müsste. Es passiert einfach. Und wenn man die Chance und das Privileg hat, dieses herrliche Hobby innerhalb eines wirklich professionellen Rahmens mit tollen Musikern und einer bärenstarken Plattenfirma im Rücken ausüben zu dürfen, sollte man einfach leise Danke sagen und solange weitermachen bis irgendwann jemand den Stecker zieht! Musiker bleibt man ohnehin immer. Das Business ermöglicht uns aber noch viel mehr als nur die Selbsterfahrung als Musiker. Man kann seine Visionen mit einer ganzen Menge an Leuten weltweit teilen. Man kann Inhalte vermitteln und eventuell sogar andere Menschen dazu inspirieren, um selbst auch mal ein Instrument in die Hand zu nehmen und vielleicht sogar dazu bringen, ihrerseits wieder andere Menschen zu inspirieren. Sollte mir das gelungen sein, darf ich mich wohl als sehr reichen Menschen bezeichnen“, gibt der Österreicher Musikus herzlich lachend zu Protokoll.

Das Vorgängeralbum „Delta war wie ein Paukenschlag für die Gruppe, so Martin im Weiteren.

„Aber wohl auch für unsere Kritiker, von denen es eine ganze Menge gibt! [grinst] Ich denke, uns hätte damals niemals so eine Rückkehr zugetraut und die Reaktionen waren äußerst positiv. Im Nachhinein hätte man selbst zwar wieder sehr viel anders gemacht in Bezug auf Produktion und Arrangement der Songs, aber im Moment des Erarbeitens ist ein Album immer genauso perfekt wie man es in dem Moment aufnimmt, sonst würde man es ja nicht genauso machen. Ich denke so geht es den meisten Musikern.“

Sängerin Maxi Nil hatte mit „Delta“ und der EP „Maria Magdalena“ den perfekten Visions Of Atlantis-Einstand, erörtert der Keyboarder und Maincomposer. 



„Die Songs waren, obwohl bei ihrem Bandeinstieg bereits fix und fertig vorbereitet, dennoch wie für sie gemacht, und das hört man. Und das hörten wohl auch die Fans und bescherten ihr bisher fast ausschließlich positive Rückmeldungen. Bei mehreren verschiedenen Sängerinnen quer durch die Visions Of Atlantis-History werden natürlich immer Vergleiche gezogen. Manche mochten beispielsweise den sehr ausgeprägten Sopran von Melissa Ferlaak sehr, andere bevorzugten den etwas tieferen Gesang unserer leider verstorbenen ersten Frontfrau Nicole Bogner. Aber ich denke die meisten sind mit Maxi Nil als Sängerin mehr als glücklich, da sie nicht nur die alten Tracks super singt, sondern auch vor allem für mich als Songwriter ein wahrer Segen ist. Und letzteres deshalb, weil man mit ihrer Stimme die Möglichkeit besitzt in viele Richtungen zu arbeiten, was man auf ,Ethera‘ nur zu deutlich hören kann! Hier ist alles dabei, von Rockröhre, bis hin zu verträumtem Gesang, mal aggressiv, mal zart, mal voluminös und mal zerbrechlich. Ach, ich liebe die Stimme von Maxi einfach“, platzt es unter erneutem Lachen impulsiv aus ihm heraus.

Das nachfolgende Gespräch widmet sich den künstlerischen Zielen, welche sich Visions Of Atlantis für das neue Album „Ethera“ gesteckt haben. Martin wird nun ernst:

„Künstlerische Ziele sind immer sehr subjektiv, wie ich denke. Das Ideal des Songwriters ist es doch immer, die beste Vokallinie, die stärkste Hookline und das mitreißendste Arrangement aus dem Hut zu zaubern. Wenn man aber Wochen und Monate an einem Track sitzt, wird der Abstand zum Song immer geringer und der Grad an Subjektivität immer größer. Am Ende ist man dann einfach glücklich, wenn alle in der Band mit sämtlichen Songs, die es letztlich auf das Album schaffen, einfach zufrieden sind. Das ist schon was und keineswegs selbstverständlich! Für mich persönlich zählt aber auch immer das, was ich mir als Fan der Band selbst erwarten würde, sowie der Wunsch niemanden zu enttäuschen. Doch das klappt natürlich nicht immer! Ich bin ein Freund von Weiterentwicklung und Experimenten. Ich bin aber kein Freund von totalen Stilbrüchen, mit denen Fans der früheren Alben dann womöglich nichts mehr anfangen können. Viele Bands konnten dadurch ihren Status zwar massiv verbessern, Fans der ersten Stunde aber hatten ursprünglich diesen Status doch erst ermöglicht. Deshalb gilt der Vorrang beim Komponieren noch immer den Fans und so wird es auch bleiben! Visions Of Atlantis gehen jetzt zwar wieder in eine bestimmte Richtung, wir bleiben aber Visions Of Atlantis!“

Und eigentlich, so Martin nachfolgend, gibt es auf „Ethera“ nun überhaupt keine Fantasy-Lyrik mehr.

„Die neuen Texte handeln entweder direkt oder indirekt von Aufstieg und vor allem Fall verschiedenster Kulturen und auch Individuen quer durch die Epochen, Kulturkreise und Welten. Ob der Wahnsinn der zwei Weltkriege, die Selbstzerstörung und der Opferkult der Azteken oder düstere Zukunftsvisionen, inspiriert von Filmen wie ,Equilibrium‘ oder ,Terminator‘, auf Ethera findet sich all das, was den Menschen seit jeher auszeichnet: Ein unnachahmliches Talent zur Dekadenz, zur Selbstzerstörung und zum unendlichen Streben nach Macht! Aber innerhalb all dieser chaotischen Zustände gibt es immer wieder einen Funken Hoffnung, manchmal sogar eine Art ,Happy End‘ oder zumindest Selbsterkenntnis. Die Message bleibt: Die menschliche Zivilisation versagt zwar meist auf ganzer Linie, wenn aber nur ein Mensch etwas ändern möchte, ändert er damit auch die ganze Welt! Der Dämon, der uns im Nacken sitzen bleibt, ist aber trotzdem stets vorhanden! Und um diese Bipolarität geht es auf ,Ethera‘. Auch unser neues Albumcover zielt genau in diese Richtung ab mit der Medusa, ihren zwei Seiten und der ,schönen Gefährlichkeit‘, die sie vermittelt. Ich könnte eigentlich genau genommen zu jedem Song eine ganze Geschichte erzählen.“ [lacht]

Als wir anschließend über spezielle Tracks der neuen Scheibe zum Reden kommen, welche ihm textlich ganz besonders nahe gehen, zeigt sich der Mann einmal mehr erfreulich offen.

„Um ganz ehrlich zu sein, wäre textlich wohl die Ballade ,Bestiality vs. Integrity“ der Kandidat, der mir ganz besonders nahe am Herzen liegt. Die Inspiration für den Song habe ich aus einem Feldpostbrief, den ein sehr junger Frontsoldat seinen Eltern aus dem Chaos der Westfront des ersten Weltkriegs geschickt hat. Diesen Brief - unter mehreren - habe ich an der Universität im Zuge meines Geschichte-Studiums entdeckt und war von einigen Worten sehr berührt … diese Angst der Verfasser, ihr Unverständnis, immer so niedergeschrieben, dass es an der Zensur vorbei zu schmuggeln war. Beschäftigt hat mich dabei aber auch vor allem der Glaubensverlust dieser damaligen Menschen und ihre Frage, was ein gütiger Gott sagen oder tun würde, wenn es ihn gäbe, wenn er wüsste, was hier passiert. Und eben diese Resignation habe ich versucht in einen ebenso berührenden Text zu packen und deshalb ist der Track textlich für mich persönlich das Wertvollste, dass mir ,Ethera‘ gibt. Rein Song-bezogen habe ich persönlich aber andere Favoriten, um erneut vollauf ehrlich zu sein“, wie er verlauten lässt, „und zwar sind dies mehrere Kandidaten. Beispielsweise ,The Ark‘ wegen den Bildern, die der Song in meinem Kopf weckt, sowie ,Machinage‘, wegen dem tollen Chorus dank unserer Sänger. Und der letzte Track am Album, ,Clerics Emotion‘, wegen einfach allem, er ist mein persönlicher Favorit auf ,Ethera‘ und stellt auf textlicher Ebene etwas für mich dar, dass ich immer schon machen wollte. Das Stück ist direkt inspiriert vom Film ,Equilibrium‘. Aber eigentlich mag ich sie alle sehr gerne, wenn ich genauer darüber nachdenke.“ [lacht]

Die Interessen der Band sind laut Martin bis heute immer gleich geblieben. „Für uns zählt: Spaß zu haben, regelmäßig Musik zu veröffentlichen, genug davon zu verkaufen um auch das Label zufrieden zu stellen, um wieder Musik veröffentlichen zu dürfen und die Fans glücklich zu machen. Viel mehr gibt es da nicht. Alles dazwischen ist ,nur‘ die Ausübung des schönsten Hobbys der Welt!“

Und wie viel hängt für die Musiker von Visions Of Atlantis persönlich vom Erfolg oder Misserfolg der neuen Veröffentlichung ab, Martin?

„Genau das oben genannte: Floppt ein Album, ist eine Band sofort weg von der Bildfläche und braucht gar nicht mehr daran zu denken, für weitere Alben weitere Budgets und Promo-Unterstützung von einer Plattenfirma zu erhalten. Der Markt ist heiß umkämpft. Zweite oder dritte Chancen bekommt heute niemand mehr. Wir sind in der glücklichen Lage eine weltweit treue Fanbase zu haben, die es uns seit nunmehr zehn Jahren ermöglicht, in mittlerweile sehr regelmäßigen Abständen unsere Musik und die Visionen von Visions zu veröffentlichen. Das Ganze ist gepaart mit der Unterstützung eines der größten Labels des Metal-Universums, was also will man mehr?! Und floppt ,Ethera‘ wird auch dieser Spaß für uns sein Ende finden. Hierbei geht es uns also auch nicht anders wie so vielen anderen Bands!“

Apropos, wie sehr sind Visions Of Atlantis eigentlich mittlerweile weltweit erfolgreich?

„Ich denke, dass Visions Of Atlantis stolz auf das sein kann, was bisher erreicht wurde. Die Frage ist doch diejenige, ab welchen Zahlen ,Erfolg‘ beginnt und bis wann man sich als nicht erfolgreich bezeichne müsste. Ich denke für eine Band aus Österreich dürfen wir ganz stolz darauf sein, eine weltweite Fanbase zu haben und auf vier verschiedenen Kontinenten unsere Musik bereits live präsentiert zu haben. Genaue Zahlen weiß ich aber selbst nicht. Ich würde aber sagen, dass wir im Vergleich mit den Szenegrößen nicht als besonders erfolgreich einzustufen sind. Aber wir sind doch erfolgreich genug, um solange überlebt zu haben, was bei der Marktsituation heutzutage dann wohl doch wieder ein Zeichen von weltweitem Erfolg sein muss, oder?“ [grinst]

Martin freut sich schon sehr auf die gemeinsame Zeit mit seinen Bandkollegen auf Tour und auf das Zusammentreffen mit alten und neuen Fans sowie auf Meinungen und Reaktionen aus erster Hand, wie er abschließend informiert.

„Und ich freue mich ganz besonders darauf, nach 2011 wieder einmal in der Stadt Graz, in der ich lebe, ein Konzert mit Visions Of Atlantis zu spielen - nämlich am 15. März 2013. Es ist doch etwas ganz besonderes, da man die meisten Leute vor der Bühne kennt. Das macht einen dann aber doch auch ziemlich nervös … auf Tour oder bei Festivals verspüre ich diese Nervosität eigentlich nie. Klingt komisch, ist aber so. Deshalb freue ich mich auf ein Konzert ,zu Hause‘.“

© Markus Eck, 06.03.2013

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