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Interview: WALDGEFLÜSTER
Titel: Eine Stimme für die Bäume

Also, wenn einer seine Band Waldgeflüster und sich selbst mit Pseudonym auch noch Winterherz benennt, ist ja stilistisch eigentlich ohnehin schon alles klar, noch bevor groß weiter drüber spekuliert wird.

So schickte sich besagter Gitarrist und Sänger Jan van Berlekom, ansonsten auch noch bei den bayerischen Death Black Metal-Zockern Scarcross am Werken, schon bald an, seiner musikalischen Vision hierfür immer individuelleren Ausdruck zu verleihen. Nach und nach entstand so eine stets stark melancholisch und teils überaus sehnsüchtig geprägte Form von entsprechend waldig klingendem Schwarzmetall, welches gar nicht mal so selten auch ästhetische Dark Metal-Legierungen in sich birgt. Im dämmerungsreichen 2005er Herbst von ihm also als Soloprojekt ins Dasein gehoben, fanden sich für Waldgeflüster nachfolgend auch tapfere Live-Mitstreiter an seiner Seite ein.

Für diesen eigenwilligen Charakter beziehungsweise sein kreatives Wirken spricht primär, dass er laut eigener Aussage herzlich wenig auf die Meinung anderer Zeitgenossen gibt, was man den Kompositionen auf dem neuen Studioalbum „Herbstklagen“ auch vollauf anhören kann.

Die Philosophie ist zudem das Pläsier von Winterherz, welcher aktuell bei Waldgeflüster lediglich noch seine Stimmbänder malträtiert.

Für den Rest engagierte der bajuwarische Naturfreund Gastmusiker.

Für mich gilt: Wenn ich schreibe, bin ich in mir. Und ganz ähnlich ergeht es eindeutig auch unserem tiefgründig empfindenden gebürtigen Rosenheimer Helden beim Musizieren, welcher auf dem aktuellen Langspieler zweifellos emotionale Grenzerfahrungen macht.

„Das Waldgeflüster ist das Rufen meines innersten Selbst, die Wälder stellen sozusagen meine Seele dar, und ihr Rufen ist das Kommunikationsmittel zwischen ihr und mir. Es äußert sich in meinen Liedern, dort verarbeite ich alle meine Gefühle, die mir oftmals erst dadurch wirklich bewusst werden. Das ist, grob angerissen, das Gedankenkonstrukt auf dem dieser Bandname basiert. Natürlich drückt er aber auch meine Verehrung für die Natur, insbesondere auch den Frieden den ich in den Wäldern finde, aus. Somit kann das Waldgeflüster in meinen Texten also auch die Gestalt von heidnischen Gedanken annehmen. So in dem Stück „Wolfsgeheul“ in dem ich mir die Frage stelle, ob der moderne Mensch wirklich besser dran ist ohne die Mythen, Geschichten und Geister, die in der alten Zeit noch ein täglicher Bestandteil des Lebens waren. Ich hoffe das erklärt einigermaßen was mir dieser Name bedeutet. Ich kann jetzt aber kein spezielles Erlebnis oder ähnliches nennen, mit dem der Name entstanden ist. Das war eher ein langer Prozess, mit dem der Name und das Konzept dahinter in mir entstanden sind“, legt mir Gevatter Winterherz eingangs seine Beweggründe dar.

Wie er weiter bekennt, ist der Mann somit natürlich sehr gerne im Wald unterwegs. Wir erfahren: „Sogar mit Leidenschaft. Leider komme ich nicht so oft dazu wie ich mir das selbst wünschen würde, aber ich versuche den Wald so häufig wie es mir möglich ist zu betreten. Irgendwelche bevorzugten Plätze habe ich nicht, ich kann jedem Wald etwas abgewinnen. Wobei ich mal ein längeres Gespräch darüber hatte, dass Laub- und Nadelwälder eigentlich eine vollkommen unterschiedliche Wirkung auf ihren Besucher haben. Aber mir sind alle Wirkungen recht, sei es die düstere Schwere die man oft unter Nadelbäumen empfindet, oder der beruhigende Frieden den Laubbäume vor allem im Sommer verbreiten können. Aber natürlich muss ich an dieser Stelle die Alpen erwähnen, die direkt vor meinem Elternhaus in Rosenheim liegen. Dort gibt es sehr schöne Plätzchen, die ich jedem empfehlen kann.“

Meiner anschließenden Bitte, sich einmal selbst als Mensch beziehungsweise als Charakter darzustellen, kann Winterherz nur mit Mühe entsprechen.

„Das ist eine äußerst schwierige Frage. Ich finde es nie leicht mich selbst zu beurteilen, aber ich werde es versuchen. Ich würde mich als höflichen und ruhigeren Menschen bezeichnen, der trotzdem am Wochenende gerne Zeit mit seinen Freunden verbringt und anständig einen draufmacht. Ich liebe meine Freundin, meinen Bruder, Eltern und Freunde, kann dies aber oftmals nicht so richtig zeigen. Deshalb bin ich wohl auch Musiker geworden beziehungsweise kann der Umgang mit mir teilweise schwierig sein. Ich rege mich gerne wegen vermeintlichen Kleinigkeiten auf und kann dann äußerst stur sein. Und so ziemlich das wichtigste in meinem Leben, außer den oben genannten Personen, ist mir meine Musik. In nichts stecke ich sonst so viel Kraft und Herzblut, und ich kann mir ein Leben ohne Musik nicht vorstellen. Ansonsten würde ich mich als satanischen (im modernen Sinne) Heiden bezeichnen, auch wenn dies auf den ersten Blick wohl etwas bescheuert klingt. Ich meine damit, dass ich keinen Gott über mir akzeptiere und nur die Kraft der Natur als höher anerkenne. Heide deshalb, weil ich an die symbolischen Bedeutungen des germanischen Götterhimmels glaube. Also an die Sinnbilder, die diese Mythen und Geschichten darstellen, und nicht an personifizierte Gottheiten, die Hörner schwingend in Walhall auf die Einkehr der großen Krieger der so genannten Pagan-Szene warten. Ich glaube, mehr würde jetzt den Rahmen sprengen – aber ich bin immer offen dafür, mit Leuten, die mehr wissen wollen, einen trinken zu gehen.“

Wie der schöpferisch so hoch ambitionierte Waldkerl noch im Weiteren informiert, hat er Waldgeflüster nicht zuletzt genau deswegen gegründet, um ganz speziellen Gefühlsempfindungen künstlerisch Rechnung zu tragen.

„Gewisse Emotionen werden hier eben am allerbesten widergespiegelt. Aber ich mache ja auch noch andere Musik, eben um andere Gefühle zu beschreiben. Es hängt halt immer auch ein bisschen davon ab, was „aus einem heraus möchte“. Und im Augenblick ist das halt vor allem die Musik, die ich bei Waldgeflüster mache. Sollte diese Quelle irgendwann versiegen, vielleicht weil ich eines Morgens aufwache und feststelle, dass ich über Nacht glücklich geworden bin, werde ich wohl hauptsächlich eine andere Art von Musik machen. Ich habe diese Form der Entwicklung ja schön öfters durchgemacht, von meinen grauenhaften Rock-Anfängen mit 14 Jahren über den Death Metal bin ich halt irgendwann beim Black Metal gelandet – und im Moment ist das genau die Art von Musik, die ich am meisten brauche. Aber ich habe ja auch noch andere Projekte am Laufen, die nicht ganz so eingeschränkt sind, und dort wird halt anderes verarbeitet.“

Ich hake dazu gleich mal nach, welche Emotionen Winterherz beim Spielen seiner Lieder verspürt. „Beim Proben eigentlich ziemlich wenig. Zum einen ist das richtige Arbeit für mich, zum anderen ist der Sound bei uns im Raum einfach grauenhaft. Aber in den Live-Umsetzungen der Stücke kann ich vollkommen aufgehen. Ich fühle dann nochmals die Emotionen, welche ich beim Schreiben der Songs empfunden habe, ebenso wie die Schwere der Melodien, dieses Strebende und Verzehrende, das sie in mir auslösen.“

Mich interessiert in diesem Kontext, wie sich ein Individuum wie dieser Düsterkopf wohl unter unsäglichen Durchschnittsmenschen fühlt. Der offenbart unverblümt:

„Vielleicht wäre „Überheblich“ hier das richtige Wort. Die Dummheit der Masse und ihre kleinen bedeutungslosen Leben, in denen sie nichts Sinnvolles anfangen sondern einfach dem üblichen Plan folgen, lässt in mir eben oftmals das Gefühl aufkommen etwas Besseres zu sein. Obwohl das natürlich ja nicht stimmt – aber du hast mich gefragt, wie ich mich unter ihnen fühle. Und ich muss sagen, dass ich durch mein Studium viel vorsichtiger mit schnellen Urteilen über „Durchschnittsmenschen“ geworden bin. Ganz einfach weil ich viele nette und intelligente Leute kennen gelernt habe, mit denen ich sonst kein Wort gesprochen hätte. Deshalb versuche ich inzwischen etwas vorsichtiger mit meinen oftmals viel zu schnellen Urteilen zu sein, und den Menschen wenigstens eine kleine Chance einzuräumen, mich vom Gegenteil zu überzeugen. Sagen wir es mal so, ich bin wahrscheinlich nicht mehr so militant, wie ich es noch vor ein paar Jahren war.“

So bevorzugt er persönlich laut eigenem Bekunden generell interessante Leute. „Also Menschen, mit denen ich ein interessantes Gespräch führen kann und die nicht irgendwelches 0815-Geschwafel nachbrabbeln. Und wenn man dann mit denen noch gut saufen kann, ist es perfekt. Natürlich sollten die Leute auch einigermaßen intelligent und an Musik interessiert sein, denn mit solchen kann man die besten Abende verbringen. Wobei ich schon lang davon abgekommen bin, dass man unbedingt Metal hören muss. Hauptsache sie sind nicht nur einfach Musikkonsumenten, denen es egal ist, was für einen Mist sie sich anhören. Irgendwelche Prolls oder Obertrue-Black Metaller können mir ebenfalls gestohlen bleiben.“

Das eigentlich Interessante an der Entstehungsgeschichte zum aktuellen Album „Herbstklagen“ ist, so Winterherz, vielleicht der äußerst lange Weg von den ersten Aufnahmen bis zur Fertigstellung.

„Mit dem Aufnehmen und Schreiben der CD habe ich relativ bald nach der Veröffentlichung des Demos „Stimmen im Wind“ begonnen, und zwar im September 2006. Das erste Stück der CD, „Herbst befiel das Land“, war zu dem Zeitpunkt schon fertig. Ich hatte dann die Lieder bis ungefähr August 2007 komplett geschrieben und aufgenommen, und mich dann auf Label -Suche begeben. Aber trotz mehrerer Rückmeldungen dass das Album ein gutes Demo wäre, konnte sich kein Label dazu entschließen die CD zu veröffentlichen. Daraufhin hatte ich Rücksprache mit einigen Bekannten gehalten, die mich darauf hingewiesen haben, dass der Sound den ich damals produziert hatte einfach viel zu schlecht war. Zum einen weil ich die Gitarren zu schlecht aufgenommen hatte und zu dem Zeitpunkt das ganze noch ein Drumcomputer schmückte. Damals war ich eigentlich noch zufrieden damit: Zum einen weil ich mir keinen besseren Klang zutraute, zum anderen weil sich das Ganze in meinen Ohren gut und „undergroundig“ anhörte. Durch die vielen Gespräche die ich dann mit meinen Bekannten führte, wurden mir dann die „Augen“ geöffnet, und ich erkannte wie mistig der Sound doch eigentlich war. Ich bin diesen Leuten noch heute dankbar dafür, denn ohne ihre konstruktive Kritik wäre „Herbstklagen“ sicher nicht das geworden was es heute ist. Manchmal braucht man so etwas halt. Wie dem auch sei, ich habe daraufhin im Winter 2008 alle Gitarren nochmals neu eingespielt, und einen Bekannten von mir, der seinen Lebensunterhalt damit verdient, gefragt ob er mir ein Lied für Testzwecke mischen könnte. Dies hat er dann gemacht, und das hat mir dann den Vertrag mit Karge Welten eingebracht, unter der Prämisse dass ich noch ein echtes Schlagzeug verwende, was ich aber eh vorhatte. Kurzum, im Juni 2008 konnte ich endlich mit dem Drumrecording beginnen, für das ich mir Andi von Helfahrt angeln konnte. Bei ihm und auch Basti, dem Gitarristen von Helfahrt, muss ich mich an dieser Stelle noch aufs Herzlichste bedanken. Die haben beide ein Wochenende geopfert, der eine um das Album in insgesamt 13 Stunden einzuprügeln, ohne die Songs davor genau zu kennen, der andere, um mir beratend zur Seite zu stehen. Und sie haben meiner Meinung nach einen perfekten Job gemacht. Das Ganze habe ich dann von meinem Bekannten in seinem Golden King Gear Music Studio mischen lassen. Auch er hat dabei meine Vorstellungen perfekt umsetzen können, so dass ich auch ihm zu großem Dank verpflichtet bin. Leider, oder glücklicherweise, je nachdem wie man es sieht, ist daraufhin der Vertrag mit Karge Welten aus finanziellen Gründen auf seiner Seite geplatzt, wobei wir uns im absolut Guten getrennt haben. Und dann hieß es wieder auf Label-Suche gehen. Das alles erklärt vielleicht warum das aktuelle Album so lange gebraucht hat.“

In welchen speziellen Stimmungen die aktuellen Songs entstanden sind, will ich wissen.

„Wie zuvor schon geschildert, sind diese Stücke für mich leider nicht mehr wirklich aktuell. Der älteste Track „Wotan sang“ ist immerhin schon fast drei Jahre alt, der jüngste immerhin wie erwähnt eineinhalb. Deshalb kann ich leider nicht mehr so ganz genau sagen welche Stimmungen ich beim Schreiben innehatte. Generell kann man allerdings annehmen, dass es die Stimmungen waren, die der jeweilige Song vermittelt. Bei „Wotan sang“ hatte ich mich gerade wieder tiefer mit dem Thema Heidentum beschäftigt und dies in dem Stück verarbeitet. „Herbst befiel das Land“ entstand zu einer Zeit in der ich mich in meiner neueren Umgebung in Österreich nicht besonders wohl gefühlt habe und mich sehr nach meiner Heimat in Bayern sehnte. Und „Erster Schnee“, um ein letztes Beispiel zu nennen, entstand so um den Winteranfang, als ich mich mal wieder mit meinen verdammten Zukunftsängsten auseinander gesetzt habe.“

Die Gitarren für die jetzige Version der Kompositionen hat der Gitarrist in „einer bis zwei Wochen“ aufgenommen, wobei er zu Hause aufgenommen hat, und somit auch mal einen oder auch mehrere Tage Pause gemacht hat.

„So genau kann ich das leider nicht mehr sagen, ist jetzt auch schon wieder ein Jahr her. Den Gesang hatte ich damals für die Demo-Version, wie ich sie jetzt nenne, schon aufgenommen. An dem hat also nichts gefehlt, weswegen ich den einfach übernehmen konnte. Ich glaube pro Song hatte ich damals maximal einen Tag gebraucht, das ging immer recht fix. Und das Schlagzeug hatte Andi wie erwähnt an einem Wochenende in 13 Stunden eingespielt, obwohl er am zweiten Tag durch Krankheit bedingt wirklich hart mit seinem Magen kämpfen musste. Das lässt seine Leistung noch ein Stück besser wirken, wie ich finde.“

Grundsätzlich empfindet mein Gesprächspartner Studioarbeit immer als ziemlich anstrengend, wie er preisgibt.

„Es gibt kaum Situationen die mich noch fertiger machen. Wobei ich mich aber immer darauf freue, und diese Anstrengung auch nicht unbedingt im negativen Sinne gemeint ist. Da ich zum Teil Audiotechnik studiere, und durch mein jahrelanges eigenes Musizieren, konnte ich jetzt schon einige Erfahrung mit Aufnehmen machen, sei es zu Hause oder im Studio, als Musiker oder auch als „Produzent“. Ich empfand diese Arbeit immer als etwas sehr schönes, aber auch unheimlich ermüdend. Nach zehn Stunden Aufnehmen kann ich einfach nicht mehr, dann muss ich raus da. Bei diesen Aufnahmen speziell war es natürlich auch eine Freude, aber da ich die Gitarren und den Gesang ja alleine bei mir zu Hause aufgenommen habe, und das auch noch in Etappen, kam so eine richtige Studiostimmung gar nicht erst auf beziehungsweise hätte ich auch niemanden gehabt zum Saufen. Wobei ich das eh immer erst abends, nach getaner Arbeit zelebriert hätte. Als Andi und Basti bei mir waren, haben wir Samstagabend dann schon einige Bierchen gekippt, Basti und ich mal wieder mehr als wir hätten sollen, aber egal. Wenn wir mal angefangen haben ist die Vernunft schnell über Bord geworfen. Andi hatte sich sehr zurückgehalten da er ja am nächsten Tag nochmals ran musste. Aber der zweite Tag war dann im Gegensatz zum ersten wirklich sehr viel anstrengender. Am ersten Tag hatten wir allerdings schon viel Spaß, obwohl wir wirklich konzentriert gearbeitet haben.“

Winterherz resümiert zum aktuellen Plattenvertrag mit Black Blood Records. „Ich hatte mich damals mit Max von Helfahrt beratschlagt an welche Labels ich mich noch wenden könnte, weil meine bisherigen Bemühungen nicht gerade von Erfolg gekrönt waren. Er nannte mir dann Black Blood. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass mir dieses Label bis dato kein Begriff war, also musste ich mich erstmal darüber informieren. Als ich das Label dann für gut befunden hatte, schickte ich die Promo sofort los. Nach kurzer Zeit meldete sich Inhaber Björn dann, und meinte dass ihm mein Material gefallen würde. Nachdem wir dann einige Zeitlang noch ein paar Sachen klären mussten, bot er mir schließlich den Vertrag an. Ich hab dann nach einer kurzen Bedenkzeit unterschrieben. Und ich muss sagen, dass ich mit seiner bisherigen Arbeit wirklich äußerst zufrieden bin, und möchte mich an dieser Stelle auch nochmals bei ihm und auch Olaf von Einheit für die Arbeit und das Vertrauen bedanken, welches sie in mich stecken. Man merkt, dass die beiden hinter ihren Bands stehen, und so was ist mir bei einem Label äußerst wichtig. Ich hoffe ja, dass ich die beiden bald mal persönlich kennen lerne und ein paar Bierchen mit ihnen zischen kann, was uns aufgrund der großen Entfernung leider noch nicht möglich war. Aber nochmals, auf euch Jungs, und habt Dank!“

Welche Musik ihn glücklich macht, darüber sprechen wir anschließend.

„Ich weiß nicht ob glücklich das richtige Wort ist. Die Musik die ich höre ist meist eher trauriger Natur, und ich höre Musik auch eher um meine negativen Emotionen zu verarbeiten. Deshalb macht mich keine Musik im eigentlichen Sinne „glücklich“. Wenn damit gemeint ist was mich aufheitert, dann wären das zum Beispiel jeweils die letzten beiden Alben von Nevermore und Katatonia, zu denen ich dann im Auto aus vollem Hals mitsinge. Dann heitert mich die Musik manchmal auf. Wobei das bei beiden Bands auch von meiner Tagesform abhängig ist, die können mich genauso noch tiefer in ein Loch ziehen. Wenn du mit deiner Frage gemeint hast, welche Musik mich berührt, dann muss ich sagen: Viel. Mein Musikgeschmack reicht von den beiden genannten Bands, über ein paar Melodic Death Metal-Sachen und akustischen Sachen bis hin zu Black Metal. Wobei der Black Metal wohl den größten Teil ausmacht. Allerdings stehe ich mehr auf den langsameren, getrageneren Black Metal, der auf Trauer und Melodie setzt. Mit Raserei á la Marduk und Konsorten kann ich meistens nicht viel anfangen. Um nur mal ein Beispiel zu nennen, hab ich letztens Austere für mich entdeckt, was eine unheimlich gefühlvolle Musik ist. Ich liebe aber auch Sachen wie Nocte Obducta sehr und aus alten Tagen ist immer noch Tool übrig geblieben. Aber solange mich Musik berührt höre ich fast alles. Ich würde mir, glaube ich, auch Techno anhören, wenn mich an diesem stupiden Mist etwas berühren würde. Aber das ist ja glücklicherweise nicht der Fall.“

Wir schwenken im Anschluss daran dann sogleich zum Gegenteil über, nämlich dazu, welche Musik ihn krank macht. „Ich will hier jetzt nicht irgendwelche Genres oder Künstler aufzählen. Grundsätzlich ist es so, dass ich jede inspirierte Musik respektiere, in die ein Künstler sein Herzblut steckt, und hinter der etwas steht. Und da ist es egal welches Genre das ist. Selbst im HipHop-Bereich gibt es meiner Meinung nach Leute die wirklich etwas sagen wollen. Und das respektiere ich. Mir muss die Musik nicht gefallen, aber immerhin kann ich das als Musik akzeptieren. Was mich wirklich krank macht sind Menschen die sich als „Künstler“ bezeichnen, und dabei eigentlich wirklich nichts anderes machen als schlechte Lieder, die nur zum Zweck der Geldmacherei geschrieben worden sind, vortragen oder mehr oder weniger schlecht nachsingen. Und dann werden die Künstler genannt! Ein Künstler ist für mich jemand der aus eigener Kraft etwas schafft und darin sein Innerstes widerspiegelt. Alle anderen sind nur billige Interpreten. Und solche Musik macht mich krank. Ach ja, das, und NSBM, den verabscheue ich auch. Wobei mich daran weniger die Musik als die extreme Ideologie dahinter stört.“

Unser Gespräch dreht sich im Weiteren um ruhigere Klänge.

„Ich muss ehrlich zugeben, dass ich mich mit Neofolk noch nicht groß auseinander gesetzt habe. Aber was ich davon gehört habe, war eindeutig nicht mein Fall. Außerdem ist mir der leichte braune Anstrich, den manche dieser Bands wohl haben, oder, vielleicht besser ausgedrückt, mit dem einige Bands spielen, eindeutig unsympathisch. An ruhiger Musik höre ich mir sehr unterschiedliche Sachen an. Wie schon gesagt Katatonia zum Beispiel. Oder die „Weiland“ von Empyrium, die „Kveldsanger“ beziehungsweise das ruhige Zeug von Nocte Obducta oder Opeth. Nachtreich und Bosse haben es mir auch sehr angetan. Allerdings bin ich immer auf der Suche nach neuem ruhigen Material, dass in diese Richtungen geht; leider habe ich meiner Meinung nach noch viel zu wenig davon, also wenn jemand Tipps hat was ich mir mal anhören sollte, immer her damit!“

Sein Geschmack ist über die Jahre hinweg sowieso immer mehr zu der technisch anspruchsvolleren und auch härteren Musik gewandert.

„Bis sich das Ganze sozusagen überschlagen hat und ich zum „primitiveren“ Black Metal gekommen bin. Heutzutage bin ich glaube ich wieder etwas offener für andere Sachen geworden, eben vor allem auch ruhige Sachen laufen bei mir wieder vermehrt, obwohl das immer ein Teil meiner Musiksammlung war.“

Im Pagan Metal ist das Reenactment-Ding ja nach wie vor ganz groß. Und wie steht Winterherz selbst dazu? „Zwei Freunde von mir waren, beziehungsweise der eine ist noch stark in dieser Szene involviert und ich habe mich lange Stunden mit ihnen über dieses Thema unterhalten. Mich fasziniert das Ganze immer noch. Ich finde es unheimlich interessant und bewundernswert wie viel Zeit, Liebe und Geld manche Leute in dieses Hobby stecken. Und gerade auch, dass manche Reenactement-Sachen auch für die geschichtliche Forschung hilfreich sind, macht das noch besser. Und die Klopperei scheint wohl auch Bock zu machen. Allerdings ist Reenactement nichts für mich. Ich könnte nie die nötige Zeit und Energie, die dafür notwendig ist, aufbringen. Außerdem interessiere ich mich zwar sehr für Geschichte, dieses Interesse ist aber noch lange nicht so ausgeprägt wie bei manch anderem, und wie es für die realistische Nachstellung nötig wäre. Außerdem scheinen in dieser Szene wohl sehr viele Leute herumzurennen die noch elitärer als die schlimmsten Black Metaller sind, und davon reicht es mir insgesamt schon lange.“

Es gab viele schöne Situationen in seinem Leben, so Winterherz. Deshalb kann er daraus keine eindeutig schönste nennen. „Dazu gehört aber sicherlich der Zeitpunkt als ich damals eine Mail bekam, in der mir ein Label angeboten hatte meine Demo zu veröffentlichen, obwohl ich damals nur einen Song aufgenommen hatte, und den einfach mal online gestellt hatte. Das kam so aus heiterem Himmel, dass ich voll von den Socken war. Auch jetzt die Zeit kurz vor, und wahrscheinlich auch nach der Veröffentlichung von „Herbstklagen“ ist sehr aufregend und birgt viel Spannendes in sich. Dann noch einige Konzerte und die Fahrten dort hin, die ich mit meinen Musikern und auch mit Scarcross tätigen durfte. Und wahrscheinlich noch der Schweden/Norwegen Urlaub, den ich letztes Jahr mit meiner Familie verbringen konnte. Diese zwei Wochen trugen einfach unheimlich viele schöne Momente in sich.“

Die Frage nach der für ihn eindeutig schlimmsten Situation in seinem bisherigen Dasein ist für den Musikus noch schwieriger zu beantworten.

„Ich hatte in meinem Leben nie irgendwelche Schicksalsschläge zu verkraften, hatte nie größere Probleme, wurde nicht gemobbt, hatte eine schöne Kindheit. Ich musste nie wirklich schlimme Situationen bewältigen. Vielleicht kann ich da die paar Wochen nennen, in der meine Freundin und ich uns getrennt hatten, was sich im Nachhinein als nicht die ganz so gute Idee herausstellte, als sie zuerst schien. Oder der Nachmittag an dem sich meine erste Band trennte. Zu dem Zeitpunkt war ich noch sehr jung, und es brach für mich eine Welt zusammen. Das lustige ist, dass ich ein paar Stunden später wieder ein viel besseres Line-Up zusammen hatte. Deshalb zählt das wohl wahrscheinlich nicht als schlimme Situation. Wie gesagt an etwas wirklich Schlimmes kann ich mich nicht erinnern. Eigentlich müsste ich ein Sonnenkind sein und auf Techno-Partys gehen. Keine Ahnung, warum das nicht der Fall ist.“

Wir zwei philosophieren nachfolgend über vergangene beziehungsweise eventuell noch kommende Live-Aktivitäten von Waldgeflüster. „Über vergangene kann ich wohl berichten, dass sie alle sehr intensiv für mich waren. Für mich ist live spielen einer der schönsten Sachen am Musikmachen. Ich liebe die Abende davor, an denen ich vor lauter Gedanken die mir durch den Kopf gehen nicht schlafen kann, die Morgen davor, an denen ich total übermüdet und doch zittrig aufstehe, die manchmal stundenlangen Fahrten mit meinen Kollegen, auf denen wir uns über allen möglichen Mist unterhalten, die immer viel zu lang eingeplante Zeit, die wir vor den Konzerten beim Venue mit Herumsitzen und Nervöswerden verbringen – und schließlich die Energie die auf der Bühne aufkommt, wenn man sich ganz in der Musik fallen lassen kann. Und gerade wenn die Musik die Leute nicht interessiert kann man nur noch umso mehr darin aufgehen. Ganz besonders froh bin ich natürlich, dass ich endlich nicht mehr live Gitarre spielen muss, darin war ich eh noch nie so überragend. Der größte Vorteil ist aber, dass ich mich endlich schon vor und während des Konzerts betrinken kann, dann fällt es einem nachher nicht so schwer, weil die Nebelmaschine und das Geschrei einem einfach mal wieder jede Lust auf ein Bier verdorben haben. An kommenden Konzerten kann ich im Augenblick leider nur die „Herbstklagen“-Release Party ankündigen, die am 28.Februar 2009 im Underground (Josefstr.1) in St. Pölten stattfinden wird. Wir hoffen dort einige von euch antreffen zu können, um dieses für mich so äußerst wichtige Ereignis gebührend zu feiern. Dann muss ich noch bekannt geben, dass wir uns auf der Suche nach einem neuen Schlagzeuger befinden, da unser jetziger die Band leider aus zeitlichen Gründen verlassen muss. Deshalb möchte ich alle Interessierten aufrufen, sich bei mir zu melden! Unter: winterherz@gmx.at Wir proben derzeit in Herzogenburg, das sich circa zehn Kilometer von der niederösterreichischen Landeshauptstadt St. Pölten entfernt befindet.“

Seine persönlichen künstlerischen Ziele für das Jahr 2009 hat Winterherz nicht besonders hoch gesteckt, wie er freimütig zugibt.

„Ich möchte einfach nur weiterhin die Musik machen, die ich für richtig halte und die mir gefällt. Und das fällt mir eigentlich ziemlich leicht. Was ich aber auf alle Fälle angehe möchte, ist das Scarcross-Album, dessen Musik wir bis auf die Drums seit genau einem Jahr aufgenommen haben und das immer noch herum liegt. Ich hoffe, dass wir im Frühjahr 2009 endlich die Drums dafür aufnehmen können und dann vielleicht ein passendes Label finden, dass dieses in unseren Augen sehr gelungene Werk veröffentlichen möchte. Im Weiteren haben der Bassist von Scarcross und ich gerade ein neues Projekt namens In Natura gegründet, mit dem wir uns komplett der akustischen und ruhigen Musik verschrieben haben. Vielleicht kann man sie am Besten als eine Art Ambient Folk bezeichnen. Auf jeden Fall haben wir schon ein erstes Stück komponiert und aufgenommen und wir sind beide sehr angetan davon. Die nächsten Monate werden wir dann wohl weiter am ersten Album von In Natura feilen. Und schlussendlich werde ich weiter am Nachfolger zu „Herbstklagen“ feilen. Die Ideen und Konzepte zu zwei Stücken stehen schon und ich denke in der letzten Dezemberwoche werde ich mit den ersten Demo-Aufnahmen beginnen. Ich werde dann einfach immer weiter an den Liedern schreiben und wenn genügend Material für ein Album zusammen ist hoffe ich, es dann auch veröffentlichen zu können. Allerdings lege ich mich da nicht auf einen Zeitpunkt fest. Da ich eigentlich sehr langsam schreibe und ich auch immer mal wieder Monate habe, in denen ich einfach keine Inspiration zum Schreiben habe, kann das Album 2009 fertig sein. Es kann aber auch noch bis 2020 dauern. Mal sehen, welche Überraschungen und Qualen mein Innerstes da noch für mich bereithält.“

© Markus Eck, 11.12.2008

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